Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 4, St. 2. Berlin, 1786.
Nach Endigung dieser sogenannten gottesdienstlichen Uebung nahm der eigentliche Schulunterricht seinen Anfang. Der Schulmeister schlug alsdann gemeiniglich mit seinem Bakel heftig auf den Tisch, und gab dadurch ein allgemeines Zeichen, daß nun jedes Kind aufmerksam zu werden anfangen sollte. Die größern Kinder griffen nach ihren Bibeln, die kleinern nach dem Catechismus oder dem Abcbuch. Jene wurde auch hier, wie in den meisten Schulen -- freilich wider allen gesunden Menschenverstand, vom ersten Buch Moses bis zur Offenbarung Johannis ganz durchgelesen, und täglich wurde daraus von dem Schulmeister ein Kapitel erklärt. P** glaubte hierin sehr stark zu seyn, und er ließ sichs oft deutlich merken, daß der Pastor diese und jene biblische Stelle nicht recht, wenigstens nicht so gut wie er, zu erklären wisse. -- Seine große Bibel in der linken Hand, die Feder hinterm Ohr, und den Bakel in der rechten, ging der Schulmonarch während des Erklärens mit einer hochweisen Miene zwischen den Reihen der Kinder einher, fragte bald diesen und jenen mit einem lauten Ausruf seines Namens: ob er ihn verstanden hätte? Machte bald einen andern durch einen unvermutheten Stockschlag aufmerksam; bald ließ er
Nach Endigung dieser sogenannten gottesdienstlichen Uebung nahm der eigentliche Schulunterricht seinen Anfang. Der Schulmeister schlug alsdann gemeiniglich mit seinem Bakel heftig auf den Tisch, und gab dadurch ein allgemeines Zeichen, daß nun jedes Kind aufmerksam zu werden anfangen sollte. Die groͤßern Kinder griffen nach ihren Bibeln, die kleinern nach dem Catechismus oder dem Abcbuch. Jene wurde auch hier, wie in den meisten Schulen — freilich wider allen gesunden Menschenverstand, vom ersten Buch Moses bis zur Offenbarung Johannis ganz durchgelesen, und taͤglich wurde daraus von dem Schulmeister ein Kapitel erklaͤrt. P** glaubte hierin sehr stark zu seyn, und er ließ sichs oft deutlich merken, daß der Pastor diese und jene biblische Stelle nicht recht, wenigstens nicht so gut wie er, zu erklaͤren wisse. — Seine große Bibel in der linken Hand, die Feder hinterm Ohr, und den Bakel in der rechten, ging der Schulmonarch waͤhrend des Erklaͤrens mit einer hochweisen Miene zwischen den Reihen der Kinder einher, fragte bald diesen und jenen mit einem lauten Ausruf seines Namens: ob er ihn verstanden haͤtte? Machte bald einen andern durch einen unvermutheten Stockschlag aufmerksam; bald ließ er <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <div n="3"> <div n="4"> <p><pb facs="#f0122" n="122"/><lb/> zu hoͤren glaubte. Dieses Gebet war so wie das Morgenlied voll von unverstaͤndigen Ausdruͤcken und mystischem Unsinn, und nichts weniger als nach den Begriffen junger Leute eingerichtet. — </p> <p>Nach Endigung dieser sogenannten gottesdienstlichen Uebung nahm der eigentliche Schulunterricht seinen Anfang. Der Schulmeister schlug alsdann gemeiniglich mit seinem Bakel heftig auf den Tisch, und gab dadurch ein allgemeines Zeichen, daß nun jedes Kind aufmerksam zu werden anfangen sollte. Die groͤßern Kinder griffen nach ihren Bibeln, die kleinern nach dem Catechismus oder dem Abcbuch. Jene wurde auch hier, wie in den meisten Schulen — freilich wider allen gesunden Menschenverstand, vom ersten Buch Moses bis zur Offenbarung Johannis ganz durchgelesen, und taͤglich wurde daraus von dem Schulmeister ein Kapitel erklaͤrt. <hi rendition="#b">P**</hi> glaubte hierin sehr stark zu seyn, und er ließ sichs oft deutlich merken, daß der Pastor diese und jene biblische Stelle nicht recht, wenigstens nicht so gut wie er, zu erklaͤren wisse. — </p> <p>Seine große Bibel in der linken Hand, die Feder hinterm Ohr, und den Bakel in der rechten, ging der Schulmonarch waͤhrend des Erklaͤrens mit einer hochweisen Miene zwischen den Reihen der Kinder einher, fragte bald diesen und jenen mit einem lauten Ausruf seines Namens: ob er ihn verstanden haͤtte? Machte bald einen andern durch einen unvermutheten Stockschlag aufmerksam; bald ließ er<lb/></p> </div> </div> </div> </div> </body> </text> </TEI> [122/0122]
zu hoͤren glaubte. Dieses Gebet war so wie das Morgenlied voll von unverstaͤndigen Ausdruͤcken und mystischem Unsinn, und nichts weniger als nach den Begriffen junger Leute eingerichtet. —
Nach Endigung dieser sogenannten gottesdienstlichen Uebung nahm der eigentliche Schulunterricht seinen Anfang. Der Schulmeister schlug alsdann gemeiniglich mit seinem Bakel heftig auf den Tisch, und gab dadurch ein allgemeines Zeichen, daß nun jedes Kind aufmerksam zu werden anfangen sollte. Die groͤßern Kinder griffen nach ihren Bibeln, die kleinern nach dem Catechismus oder dem Abcbuch. Jene wurde auch hier, wie in den meisten Schulen — freilich wider allen gesunden Menschenverstand, vom ersten Buch Moses bis zur Offenbarung Johannis ganz durchgelesen, und taͤglich wurde daraus von dem Schulmeister ein Kapitel erklaͤrt. P** glaubte hierin sehr stark zu seyn, und er ließ sichs oft deutlich merken, daß der Pastor diese und jene biblische Stelle nicht recht, wenigstens nicht so gut wie er, zu erklaͤren wisse. —
Seine große Bibel in der linken Hand, die Feder hinterm Ohr, und den Bakel in der rechten, ging der Schulmonarch waͤhrend des Erklaͤrens mit einer hochweisen Miene zwischen den Reihen der Kinder einher, fragte bald diesen und jenen mit einem lauten Ausruf seines Namens: ob er ihn verstanden haͤtte? Machte bald einen andern durch einen unvermutheten Stockschlag aufmerksam; bald ließ er
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| Zitationshilfe: | Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 4, St. 2. Berlin, 1786, S. 122. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0402_1786/122>, abgerufen am 11.09.2024. |


