Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 4, St. 2. Berlin, 1786.
Jch getraue mir nicht dieses sonderbare Phänomen zu erklären. Aus der Dauer der Abneigung, die das Frauenzimmer gegen den unschuldigen Liebhaber fühlte, sieht man, daß sie nicht bloß eine übele vorübergehende Laune gewesen sei, in welcher uns oft ein Mensch, dem wir sonst nicht abgeneigt sind, auf einige Augenblicke unausstehlich werden kann, ob wir gleich davon selbst keine Ursache angeben können. Ueberdem war unsere Schöne immer das lachendste und heiterste Mädchen, die gar nichts von dem bösen übellaunigen Wesen wußte, was unsere empfindelnden neumodigen Schönen, wie ich höre, so oft haben sollen. Jhr liebenswürdiges Herz war immer zur Freude offen. Die ungezwungene Erziehung, die sie von ihren vortreflichen Eltern erhalten hatte, die natürliche und unverstellte Güte ihres Herzens, und die unschuldige Neigung zur Geselligkeit, machten, daß sie die Menschen ohne Mistrauen liebte, und gegen Männer nicht gleichgültig war, die jene vortheilhaften Eigenschaften des jungen Theologen besassen. Der Grund ihrer Abneigung vor dem letztern kann also weder in innrer böser Laune, noch in der Kälte ihres Herzens gesucht werden. -- Vielleicht war die Art, mit welcher er seine Liebe erklärte, und wodurch die Gefühle eines weiblichen Herzens so leicht verstimmt werden können, nicht delikat und
Jch getraue mir nicht dieses sonderbare Phaͤnomen zu erklaͤren. Aus der Dauer der Abneigung, die das Frauenzimmer gegen den unschuldigen Liebhaber fuͤhlte, sieht man, daß sie nicht bloß eine uͤbele voruͤbergehende Laune gewesen sei, in welcher uns oft ein Mensch, dem wir sonst nicht abgeneigt sind, auf einige Augenblicke unausstehlich werden kann, ob wir gleich davon selbst keine Ursache angeben koͤnnen. Ueberdem war unsere Schoͤne immer das lachendste und heiterste Maͤdchen, die gar nichts von dem boͤsen uͤbellaunigen Wesen wußte, was unsere empfindelnden neumodigen Schoͤnen, wie ich hoͤre, so oft haben sollen. Jhr liebenswuͤrdiges Herz war immer zur Freude offen. Die ungezwungene Erziehung, die sie von ihren vortreflichen Eltern erhalten hatte, die natuͤrliche und unverstellte Guͤte ihres Herzens, und die unschuldige Neigung zur Geselligkeit, machten, daß sie die Menschen ohne Mistrauen liebte, und gegen Maͤnner nicht gleichguͤltig war, die jene vortheilhaften Eigenschaften des jungen Theologen besassen. Der Grund ihrer Abneigung vor dem letztern kann also weder in innrer boͤser Laune, noch in der Kaͤlte ihres Herzens gesucht werden. — Vielleicht war die Art, mit welcher er seine Liebe erklaͤrte, und wodurch die Gefuͤhle eines weiblichen Herzens so leicht verstimmt werden koͤnnen, nicht delikat und <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <div n="3"> <p><pb facs="#f0061" n="61"/><lb/> auf, bis er sich mit einem andern Maͤdchen verheirathet hatte. </p> <p>Jch getraue mir nicht dieses sonderbare <choice><corr>Phaͤnomen</corr><sic>Phoͤnomen</sic></choice> zu erklaͤren. Aus der Dauer der Abneigung, die das Frauenzimmer gegen den unschuldigen Liebhaber fuͤhlte, sieht man, daß sie nicht bloß eine uͤbele voruͤbergehende Laune gewesen sei, in welcher uns oft ein Mensch, dem wir sonst nicht abgeneigt sind, auf einige Augenblicke unausstehlich werden kann, ob wir gleich davon selbst keine Ursache angeben koͤnnen. Ueberdem war unsere Schoͤne immer das lachendste und heiterste Maͤdchen, die gar nichts von dem boͤsen uͤbellaunigen Wesen wußte, was unsere empfindelnden neumodigen Schoͤnen, wie ich hoͤre, so oft haben sollen. Jhr liebenswuͤrdiges Herz war immer zur Freude offen. Die ungezwungene Erziehung, die sie von ihren vortreflichen Eltern erhalten hatte, die natuͤrliche und unverstellte Guͤte ihres Herzens, und die unschuldige Neigung zur Geselligkeit, machten, daß sie die Menschen ohne Mistrauen liebte, und gegen Maͤnner nicht gleichguͤltig war, die jene vortheilhaften Eigenschaften des jungen Theologen besassen. Der Grund ihrer Abneigung vor dem letztern kann also weder in <choice><corr>innrer</corr><sic>innre</sic></choice> boͤser Laune, noch in der Kaͤlte ihres Herzens gesucht werden. — Vielleicht war die Art, mit welcher er seine Liebe erklaͤrte, und wodurch die Gefuͤhle eines weiblichen Herzens so leicht verstimmt werden koͤnnen, nicht delikat und<lb/></p> </div> </div> </div> </body> </text> </TEI> [61/0061]
auf, bis er sich mit einem andern Maͤdchen verheirathet hatte.
Jch getraue mir nicht dieses sonderbare Phaͤnomen zu erklaͤren. Aus der Dauer der Abneigung, die das Frauenzimmer gegen den unschuldigen Liebhaber fuͤhlte, sieht man, daß sie nicht bloß eine uͤbele voruͤbergehende Laune gewesen sei, in welcher uns oft ein Mensch, dem wir sonst nicht abgeneigt sind, auf einige Augenblicke unausstehlich werden kann, ob wir gleich davon selbst keine Ursache angeben koͤnnen. Ueberdem war unsere Schoͤne immer das lachendste und heiterste Maͤdchen, die gar nichts von dem boͤsen uͤbellaunigen Wesen wußte, was unsere empfindelnden neumodigen Schoͤnen, wie ich hoͤre, so oft haben sollen. Jhr liebenswuͤrdiges Herz war immer zur Freude offen. Die ungezwungene Erziehung, die sie von ihren vortreflichen Eltern erhalten hatte, die natuͤrliche und unverstellte Guͤte ihres Herzens, und die unschuldige Neigung zur Geselligkeit, machten, daß sie die Menschen ohne Mistrauen liebte, und gegen Maͤnner nicht gleichguͤltig war, die jene vortheilhaften Eigenschaften des jungen Theologen besassen. Der Grund ihrer Abneigung vor dem letztern kann also weder in innrer boͤser Laune, noch in der Kaͤlte ihres Herzens gesucht werden. — Vielleicht war die Art, mit welcher er seine Liebe erklaͤrte, und wodurch die Gefuͤhle eines weiblichen Herzens so leicht verstimmt werden koͤnnen, nicht delikat und
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| Zitationshilfe: | Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 4, St. 2. Berlin, 1786, S. 61. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0402_1786/61>, abgerufen am 11.09.2024. |


