Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 4, St. 2. Berlin, 1786.
Denke ich, wie froh wir in des Vaters Hause, an des Vaters Tische so noch ungetheilt beisammen waren; wie Familienfreuden uns von des Vaters, von der Mutter Hand zuströmten; als noch Bruder und Schwester und Aeltern so auf einem Häufchen sich einander gut wollten; Liebe einander in den Busen hauchten; jedes sich so seelig im Zirkel seiner Familie fühlte; da, da wird die künftige Scene ein Trauerspiel, und Zähren, denen nie wiederkommenden Freuden geweinet, benetzen sie. Wir waren unserer neun, denen allen die Verdienste ihres guten alten geplagten Vaters, und die Sorgen und die Liebe der zärtlichen kummervollen Mutter nicht unbekannt waren. Wir sahen die Noth unsers Hauses, und die unermüdete Thätigkeit unserer Aeltern; wir waren zu schwach, um ihrem und unserm Elende Linderung zu verschaffen. Nur der Gedanke konnte unser Antheil seyn: Gott! was gute, redliche Aeltern! was sie da alles für uns thun! und was sie alles in der Stille in ihrer Brust für uns leiden! und doch auch, Bruder! wie oft verlohren sich diese gute Gedanken, just da, wo sie hätten wirksam seyn sollen; setzten das Köpfchen auf, und machten ihnen so manchen kummer-
Denke ich, wie froh wir in des Vaters Hause, an des Vaters Tische so noch ungetheilt beisammen waren; wie Familienfreuden uns von des Vaters, von der Mutter Hand zustroͤmten; als noch Bruder und Schwester und Aeltern so auf einem Haͤufchen sich einander gut wollten; Liebe einander in den Busen hauchten; jedes sich so seelig im Zirkel seiner Familie fuͤhlte; da, da wird die kuͤnftige Scene ein Trauerspiel, und Zaͤhren, denen nie wiederkommenden Freuden geweinet, benetzen sie. Wir waren unserer neun, denen allen die Verdienste ihres guten alten geplagten Vaters, und die Sorgen und die Liebe der zaͤrtlichen kummervollen Mutter nicht unbekannt waren. Wir sahen die Noth unsers Hauses, und die unermuͤdete Thaͤtigkeit unserer Aeltern; wir waren zu schwach, um ihrem und unserm Elende Linderung zu verschaffen. Nur der Gedanke konnte unser Antheil seyn: Gott! was gute, redliche Aeltern! was sie da alles fuͤr uns thun! und was sie alles in der Stille in ihrer Brust fuͤr uns leiden! und doch auch, Bruder! wie oft verlohren sich diese gute Gedanken, just da, wo sie haͤtten wirksam seyn sollen; setzten das Koͤpfchen auf, und machten ihnen so manchen kummer- <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <div n="3"> <div n="4"> <p><pb facs="#f0067" n="67"/><lb/> zont, liebten wir einander, und dachten ewig beisammen zu bleiben, ewig dieselben Freuden, dieselbe jugendliche Wonne beisammen Hand in Hand zu theilen. </p> <p>Denke ich, wie froh wir in des Vaters Hause, an des Vaters Tische so noch ungetheilt beisammen waren; wie Familienfreuden uns von des Vaters, von der Mutter Hand zustroͤmten; als noch Bruder und Schwester und Aeltern so auf einem Haͤufchen sich einander gut wollten; Liebe einander in den Busen hauchten; jedes sich so seelig im Zirkel seiner Familie fuͤhlte; da, da wird die kuͤnftige Scene ein Trauerspiel, und Zaͤhren, denen nie wiederkommenden Freuden geweinet, benetzen sie. </p> <p>Wir waren unserer neun, denen allen die Verdienste ihres guten alten geplagten Vaters, und die Sorgen und die Liebe der zaͤrtlichen kummervollen Mutter nicht unbekannt waren. Wir sahen die Noth unsers Hauses, und die unermuͤdete Thaͤtigkeit unserer Aeltern; wir waren zu schwach, um ihrem und unserm Elende Linderung zu verschaffen. Nur der Gedanke konnte unser Antheil seyn: Gott! was gute, redliche Aeltern! was sie da alles fuͤr uns thun! und was sie alles in der Stille in ihrer Brust fuͤr uns leiden! und doch auch, Bruder! wie oft verlohren sich diese gute Gedanken, just da, wo sie haͤtten wirksam seyn sollen; setzten das Koͤpfchen auf, und machten ihnen so manchen kummer-<lb/></p> </div> </div> </div> </div> </body> </text> </TEI> [67/0067]
zont, liebten wir einander, und dachten ewig beisammen zu bleiben, ewig dieselben Freuden, dieselbe jugendliche Wonne beisammen Hand in Hand zu theilen.
Denke ich, wie froh wir in des Vaters Hause, an des Vaters Tische so noch ungetheilt beisammen waren; wie Familienfreuden uns von des Vaters, von der Mutter Hand zustroͤmten; als noch Bruder und Schwester und Aeltern so auf einem Haͤufchen sich einander gut wollten; Liebe einander in den Busen hauchten; jedes sich so seelig im Zirkel seiner Familie fuͤhlte; da, da wird die kuͤnftige Scene ein Trauerspiel, und Zaͤhren, denen nie wiederkommenden Freuden geweinet, benetzen sie.
Wir waren unserer neun, denen allen die Verdienste ihres guten alten geplagten Vaters, und die Sorgen und die Liebe der zaͤrtlichen kummervollen Mutter nicht unbekannt waren. Wir sahen die Noth unsers Hauses, und die unermuͤdete Thaͤtigkeit unserer Aeltern; wir waren zu schwach, um ihrem und unserm Elende Linderung zu verschaffen. Nur der Gedanke konnte unser Antheil seyn: Gott! was gute, redliche Aeltern! was sie da alles fuͤr uns thun! und was sie alles in der Stille in ihrer Brust fuͤr uns leiden! und doch auch, Bruder! wie oft verlohren sich diese gute Gedanken, just da, wo sie haͤtten wirksam seyn sollen; setzten das Koͤpfchen auf, und machten ihnen so manchen kummer-
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| Zitationshilfe: | Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 4, St. 2. Berlin, 1786, S. 67. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0402_1786/67>, abgerufen am 11.09.2024. |


