Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 4, St. 2. Berlin, 1786.
Eine Reihe erleuchteter Wohnzimmer in einem fremden ihm unbekannten Hause, wo er sich eine Anzahl Familien dachte, von deren Leben und Schicksale er eben so wenig, als sie von dem seinigen, wußte, hat nachher beständig sonderbare Empfindungen in ihm erweckt. -- Die Eingeschränktheit des einzelnen Menschen ward ihm anschaulich. Er fühlte die Wahrheit: man ist unter so vielen Tausenden, die sind und gewesen sind, nur einer. Sich in das ganze Seyn und Wesen eines andern hineindenken zu können, war oft sein Wunsch -- wenn er so auf der Straße zuweilen dicht neben einem ganz fremden Menschen herging -- so wurde ihm der Gedanke der Jchheit dieses Menschen, der gänzlichen Unbewußtheit des einen von den Nahmen und Schicksale des andern, so lebhaft, daß er sich oft, so dicht es der Wohlstand erlaubte, an einen solchen Menschen andrängte, um auf einen Augenblick in seine Atmosphäre zu kom-
Eine Reihe erleuchteter Wohnzimmer in einem fremden ihm unbekannten Hause, wo er sich eine Anzahl Familien dachte, von deren Leben und Schicksale er eben so wenig, als sie von dem seinigen, wußte, hat nachher bestaͤndig sonderbare Empfindungen in ihm erweckt. — Die Eingeschraͤnktheit des einzelnen Menschen ward ihm anschaulich. Er fuͤhlte die Wahrheit: man ist unter so vielen Tausenden, die sind und gewesen sind, nur einer. Sich in das ganze Seyn und Wesen eines andern hineindenken zu koͤnnen, war oft sein Wunsch — wenn er so auf der Straße zuweilen dicht neben einem ganz fremden Menschen herging — so wurde ihm der Gedanke der Jchheit dieses Menschen, der gaͤnzlichen Unbewußtheit des einen von den Nahmen und Schicksale des andern, so lebhaft, daß er sich oft, so dicht es der Wohlstand erlaubte, an einen solchen Menschen andraͤngte, um auf einen Augenblick in seine Atmosphaͤre zu kom- <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <div n="3"> <p><pb facs="#f0075" n="75"/><lb/> eignen kleinen einengenden Sphaͤre, wodurch er sich unter allen diesen im Leben unbemerkten und unausgezeichneten Bewohnern der Erde mit verlohr, herausdachte, und sich ein besonders ausgezeichnetes Schicksal prohezeite, wovon die suͤße Vorstellung, indem er dann mit <hi rendition="#b">schnellen</hi> Schritten vorwaͤrts ging, ihn aufs neue mit Hoffnung und Muth belebte. </p> <p>Eine Reihe erleuchteter Wohnzimmer in einem <hi rendition="#b">fremden</hi> ihm unbekannten Hause, wo er sich eine Anzahl Familien dachte, von deren Leben und Schicksale er eben so wenig, als sie von dem seinigen, wußte, hat nachher bestaͤndig sonderbare Empfindungen in ihm erweckt. — <hi rendition="#b">Die Eingeschraͤnktheit des einzelnen Menschen ward ihm anschaulich.</hi></p> <p>Er fuͤhlte die Wahrheit: man ist unter so vielen Tausenden, die sind und gewesen sind, nur <hi rendition="#b">einer.</hi> </p> <p>Sich in das ganze Seyn und Wesen eines andern hineindenken zu koͤnnen, war oft sein Wunsch — wenn er so auf der Straße zuweilen dicht neben einem ganz fremden Menschen herging — so wurde ihm der Gedanke der <hi rendition="#b">Jchheit</hi> dieses Menschen, der gaͤnzlichen <hi rendition="#b">Unbewußtheit</hi> des einen von den Nahmen und Schicksale des andern, so lebhaft, daß er sich oft, so dicht es der Wohlstand erlaubte, an einen solchen Menschen andraͤngte, um auf einen Augenblick in seine Atmosphaͤre zu kom-<lb/></p> </div> </div> </div> </body> </text> </TEI> [75/0075]
eignen kleinen einengenden Sphaͤre, wodurch er sich unter allen diesen im Leben unbemerkten und unausgezeichneten Bewohnern der Erde mit verlohr, herausdachte, und sich ein besonders ausgezeichnetes Schicksal prohezeite, wovon die suͤße Vorstellung, indem er dann mit schnellen Schritten vorwaͤrts ging, ihn aufs neue mit Hoffnung und Muth belebte.
Eine Reihe erleuchteter Wohnzimmer in einem fremden ihm unbekannten Hause, wo er sich eine Anzahl Familien dachte, von deren Leben und Schicksale er eben so wenig, als sie von dem seinigen, wußte, hat nachher bestaͤndig sonderbare Empfindungen in ihm erweckt. — Die Eingeschraͤnktheit des einzelnen Menschen ward ihm anschaulich.
Er fuͤhlte die Wahrheit: man ist unter so vielen Tausenden, die sind und gewesen sind, nur einer.
Sich in das ganze Seyn und Wesen eines andern hineindenken zu koͤnnen, war oft sein Wunsch — wenn er so auf der Straße zuweilen dicht neben einem ganz fremden Menschen herging — so wurde ihm der Gedanke der Jchheit dieses Menschen, der gaͤnzlichen Unbewußtheit des einen von den Nahmen und Schicksale des andern, so lebhaft, daß er sich oft, so dicht es der Wohlstand erlaubte, an einen solchen Menschen andraͤngte, um auf einen Augenblick in seine Atmosphaͤre zu kom-
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| Zitationshilfe: | Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 4, St. 2. Berlin, 1786, S. 75. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0402_1786/75>, abgerufen am 11.09.2024. |


