Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 6, St. 2. Berlin, 1788."Als ich zu Pavia studirte, hört' ich einst des Morgens, eh' ich ganz aufgewacht war, an der Wand einen Stoß; das angränzende Zimmer war ganz leer, -- als ich ganz aufwachte, hört' ich den Stoß nochmals, als wenn er mit einem Hammer geschähe. Jch erfuhr darauf, daß um die nämliche Stunde des Abends Galeazius, mein vertrauter Freund, gestorben sey. Doch kann die ganze Sache natürlich zugegangen seyn. Erstlich kann das ganze Phänomen seinen Grund in einem Traume gehabt haben. Zweitens konnte das Schlagen an der Wand von einer natürlichen Ursache herrühren. Endlich drittens konnten meine Bekannten, da sie mich wegen jenes Phänomens niedergeschlagen sahn, und ich aus Furcht den ganzen Tag zu Hause blieb, den Tod meines Freundes fingirt und auf die angezeigte Stunde verlegt haben, ob er gleich viel eher gestorben seyn konnte. Daher ich die Sache auch nicht weiter wunderbar nennen will." Ganz anders urtheilt "Es war das 1536ste Jahr, als ich einst, ich glaube, es war im Julius, aus dem Speisezimmer herausging. Jch roch sogleich einen heftigen Gestank, als wenn eben eine Menge Wachskerzen ausgelöscht wären. Jch rief meinem Knaben, und fragte ihn: ob er einen Geruch empfände? O welch ein Wachsgeruch! antwortete er -- ich hieß ihn »Als ich zu Pavia studirte, hoͤrt' ich einst des Morgens, eh' ich ganz aufgewacht war, an der Wand einen Stoß; das angraͤnzende Zimmer war ganz leer, — als ich ganz aufwachte, hoͤrt' ich den Stoß nochmals, als wenn er mit einem Hammer geschaͤhe. Jch erfuhr darauf, daß um die naͤmliche Stunde des Abends Galeazius, mein vertrauter Freund, gestorben sey. Doch kann die ganze Sache natuͤrlich zugegangen seyn. Erstlich kann das ganze Phaͤnomen seinen Grund in einem Traume gehabt haben. Zweitens konnte das Schlagen an der Wand von einer natuͤrlichen Ursache herruͤhren. Endlich drittens konnten meine Bekannten, da sie mich wegen jenes Phaͤnomens niedergeschlagen sahn, und ich aus Furcht den ganzen Tag zu Hause blieb, den Tod meines Freundes fingirt und auf die angezeigte Stunde verlegt haben, ob er gleich viel eher gestorben seyn konnte. Daher ich die Sache auch nicht weiter wunderbar nennen will.« Ganz anders urtheilt »Es war das 1536ste Jahr, als ich einst, ich glaube, es war im Julius, aus dem Speisezimmer herausging. Jch roch sogleich einen heftigen Gestank, als wenn eben eine Menge Wachskerzen ausgeloͤscht waͤren. Jch rief meinem Knaben, und fragte ihn: ob er einen Geruch empfaͤnde? O welch ein Wachsgeruch! antwortete er — ich hieß ihn <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <div n="3"> <pb facs="#f0096" n="96"/><lb/> <p>»Als ich zu Pavia studirte, hoͤrt' ich einst des Morgens, eh' ich ganz aufgewacht war, an der Wand einen Stoß; das angraͤnzende Zimmer war ganz leer, — als ich ganz aufwachte, hoͤrt' ich den Stoß nochmals, als wenn er mit einem Hammer geschaͤhe. Jch erfuhr darauf, daß um die naͤmliche Stunde des Abends <hi rendition="#b">Galeazius,</hi> mein vertrauter Freund, gestorben sey. Doch kann die ganze Sache <hi rendition="#b">natuͤrlich</hi> zugegangen seyn. Erstlich kann das ganze Phaͤnomen seinen Grund in einem Traume gehabt haben. Zweitens konnte das Schlagen an der Wand von einer natuͤrlichen Ursache herruͤhren. Endlich drittens konnten meine Bekannten, da sie mich wegen jenes Phaͤnomens niedergeschlagen sahn, und ich aus Furcht den ganzen Tag zu Hause blieb, den Tod meines Freundes fingirt und auf die angezeigte Stunde verlegt haben, ob er gleich viel eher gestorben seyn konnte. Daher ich die Sache auch nicht weiter wunderbar nennen will.« Ganz anders urtheilt <persName ref="#ref0040"><note type="editorial">Cardano, Girolamo</note>Cardan</persName> von folgenden Erscheinungen.</p> <p>»Es war das 1536ste Jahr, als ich einst, ich glaube, es war im Julius, aus dem Speisezimmer herausging. Jch roch sogleich einen heftigen Gestank, als wenn eben eine Menge Wachskerzen ausgeloͤscht waͤren. Jch rief meinem Knaben, und fragte ihn: ob er einen Geruch empfaͤnde? O welch ein Wachsgeruch! antwortete er — ich hieß ihn<lb/></p> </div> </div> </div> </body> </text> </TEI> [96/0096]
»Als ich zu Pavia studirte, hoͤrt' ich einst des Morgens, eh' ich ganz aufgewacht war, an der Wand einen Stoß; das angraͤnzende Zimmer war ganz leer, — als ich ganz aufwachte, hoͤrt' ich den Stoß nochmals, als wenn er mit einem Hammer geschaͤhe. Jch erfuhr darauf, daß um die naͤmliche Stunde des Abends Galeazius, mein vertrauter Freund, gestorben sey. Doch kann die ganze Sache natuͤrlich zugegangen seyn. Erstlich kann das ganze Phaͤnomen seinen Grund in einem Traume gehabt haben. Zweitens konnte das Schlagen an der Wand von einer natuͤrlichen Ursache herruͤhren. Endlich drittens konnten meine Bekannten, da sie mich wegen jenes Phaͤnomens niedergeschlagen sahn, und ich aus Furcht den ganzen Tag zu Hause blieb, den Tod meines Freundes fingirt und auf die angezeigte Stunde verlegt haben, ob er gleich viel eher gestorben seyn konnte. Daher ich die Sache auch nicht weiter wunderbar nennen will.« Ganz anders urtheilt Cardan von folgenden Erscheinungen.
»Es war das 1536ste Jahr, als ich einst, ich glaube, es war im Julius, aus dem Speisezimmer herausging. Jch roch sogleich einen heftigen Gestank, als wenn eben eine Menge Wachskerzen ausgeloͤscht waͤren. Jch rief meinem Knaben, und fragte ihn: ob er einen Geruch empfaͤnde? O welch ein Wachsgeruch! antwortete er — ich hieß ihn
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| Zitationshilfe: | Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 6, St. 2. Berlin, 1788, S. 96. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0602_1788/96>, abgerufen am 11.09.2024. |


