Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 6, St. 3. Berlin, 1788.
Die äußere und innere Einrichtung des hiesigen Tollhauses hat mir ungemein wohl gefallen. Das Gebäude liegt hoch, gesund, und öffnet eine der schönsten Aussichten ins N--thal. Es hat vier Stokwerke, wovon jedes aus einer Reihe kleiner reinlicher, und mit allen Nothwendigkeiten versehener Zimmer besteht, die armen Unglüklichen sind hier nicht wie Vieh aufeinander gedrängt, und die Einflüsse des Mondes müssen ungewöhnlich stark und Menschenfeindlich seyn, wenn man hier zwei und drei Hirnkranke in einem Zimmer beisammen findet. Jch selbst fand unter den eigentlich Tollen, die im untersten Stokwerk hausen, durchgehends in jedem Gemach nur einen. Jn den obern Stokwerken, wo sich solche befinden, die entweder auf dem Weg der Beßerung, oder nur periodisch krank, oder nur noch zur Prüfung da sind, fanden wir zwar bisweilen mehrere beisammen. Diese werden aber strenger als andere bewacht, und getrennt, so bald bey einem die Krisis ausbricht. H.-- sagte uns, er habe dies Beysammenseyn schon in verschiedenen Fällen als die beste Methode gebraucht, Scheinbargesunde zu prüfen, und so oft drey und mehrere zugleich gänzlich geheilt. Es wäre zu wünschen, daß diese Behandlungsart an andern Orten nachgeahmt und die Aufsicht über dergleichen
Die aͤußere und innere Einrichtung des hiesigen Tollhauses hat mir ungemein wohl gefallen. Das Gebaͤude liegt hoch, gesund, und oͤffnet eine der schoͤnsten Aussichten ins N—thal. Es hat vier Stokwerke, wovon jedes aus einer Reihe kleiner reinlicher, und mit allen Nothwendigkeiten versehener Zimmer besteht, die armen Ungluͤklichen sind hier nicht wie Vieh aufeinander gedraͤngt, und die Einfluͤsse des Mondes muͤssen ungewoͤhnlich stark und Menschenfeindlich seyn, wenn man hier zwei und drei Hirnkranke in einem Zimmer beisammen findet. Jch selbst fand unter den eigentlich Tollen, die im untersten Stokwerk hausen, durchgehends in jedem Gemach nur einen. Jn den obern Stokwerken, wo sich solche befinden, die entweder auf dem Weg der Beßerung, oder nur periodisch krank, oder nur noch zur Pruͤfung da sind, fanden wir zwar bisweilen mehrere beisammen. Diese werden aber strenger als andere bewacht, und getrennt, so bald bey einem die Krisis ausbricht. H.— sagte uns, er habe dies Beysammenseyn schon in verschiedenen Faͤllen als die beste Methode gebraucht, Scheinbargesunde zu pruͤfen, und so oft drey und mehrere zugleich gaͤnzlich geheilt. Es waͤre zu wuͤnschen, daß diese Behandlungsart an andern Orten nachgeahmt und die Aufsicht uͤber dergleichen <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <div n="3"> <p><pb facs="#f0091" n="91"/><lb/> gen gefunden, welche er zu seiner Zeit dem Publicum mittheilen werde.</p> <p>Die aͤußere und innere Einrichtung des hiesigen Tollhauses hat mir ungemein wohl gefallen. Das Gebaͤude liegt hoch, gesund, und oͤffnet eine der schoͤnsten Aussichten ins N—thal. Es hat vier Stokwerke, wovon jedes aus einer Reihe kleiner reinlicher, und mit allen Nothwendigkeiten versehener Zimmer besteht, die armen Ungluͤklichen sind hier nicht wie Vieh aufeinander gedraͤngt, und die Einfluͤsse des <choice><corr>Mondes</corr><sic>Mundes</sic></choice> muͤssen ungewoͤhnlich stark und Menschenfeindlich seyn, wenn man hier zwei und drei Hirnkranke in <hi rendition="#b">einem</hi> Zimmer beisammen findet. Jch selbst fand unter den eigentlich Tollen, die im untersten Stokwerk hausen, durchgehends in jedem Gemach nur <hi rendition="#b">einen.</hi> Jn den obern Stokwerken, wo sich solche befinden, die entweder auf dem Weg der Beßerung, oder nur periodisch krank, oder nur noch zur Pruͤfung da sind, fanden wir zwar bisweilen mehrere beisammen. Diese werden aber strenger als andere bewacht, und getrennt, so bald bey einem die Krisis ausbricht. H.— sagte uns, er habe dies Beysammenseyn schon in verschiedenen Faͤllen als die beste Methode gebraucht, Scheinbargesunde zu pruͤfen, und so oft drey und mehrere zugleich gaͤnzlich geheilt. Es waͤre zu wuͤnschen, daß diese Behandlungsart an andern Orten nachgeahmt und die Aufsicht uͤber dergleichen<lb/></p> </div> </div> </div> </body> </text> </TEI> [91/0091]
gen gefunden, welche er zu seiner Zeit dem Publicum mittheilen werde.
Die aͤußere und innere Einrichtung des hiesigen Tollhauses hat mir ungemein wohl gefallen. Das Gebaͤude liegt hoch, gesund, und oͤffnet eine der schoͤnsten Aussichten ins N—thal. Es hat vier Stokwerke, wovon jedes aus einer Reihe kleiner reinlicher, und mit allen Nothwendigkeiten versehener Zimmer besteht, die armen Ungluͤklichen sind hier nicht wie Vieh aufeinander gedraͤngt, und die Einfluͤsse des Mondes muͤssen ungewoͤhnlich stark und Menschenfeindlich seyn, wenn man hier zwei und drei Hirnkranke in einem Zimmer beisammen findet. Jch selbst fand unter den eigentlich Tollen, die im untersten Stokwerk hausen, durchgehends in jedem Gemach nur einen. Jn den obern Stokwerken, wo sich solche befinden, die entweder auf dem Weg der Beßerung, oder nur periodisch krank, oder nur noch zur Pruͤfung da sind, fanden wir zwar bisweilen mehrere beisammen. Diese werden aber strenger als andere bewacht, und getrennt, so bald bey einem die Krisis ausbricht. H.— sagte uns, er habe dies Beysammenseyn schon in verschiedenen Faͤllen als die beste Methode gebraucht, Scheinbargesunde zu pruͤfen, und so oft drey und mehrere zugleich gaͤnzlich geheilt. Es waͤre zu wuͤnschen, daß diese Behandlungsart an andern Orten nachgeahmt und die Aufsicht uͤber dergleichen
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| Zitationshilfe: | Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 6, St. 3. Berlin, 1788, S. 91. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0603_1788/91>, abgerufen am 11.09.2024. |


