Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 6, St. 3. Berlin, 1788.
Mein Freund H*. erzählte uns, als er uns an den verschiedenen Gemächern herumführte, manche intereßante, psychologisch wichtige Geschichte von den Unglüklichen, die wir sahen. -- Wir stiessen ein paarmal auf so barokkische Hanswurstfiguren, daß mich mitten unter den traurigsten Vorstellungen ein unwiderstehlicher Kitzel zum Lachen anwandelte. Der eine hatte ein paar Beinkleider auf seine Pritsche gelegt, und zerdrosch den Großsultan, den er unterm Hammer zu haben wähnte, so unbarmherzig, daß Se. Türkische Majestät wie mürber Zunder aus einander fuhren; -- der andere las einem bemüzten Haubenstok, den er für Gott den Vater hielt, wegen einer zerbrochenen Flasche, den Leviten so kräftig, daß ihm die Mütze vom Kopf flog; -- dort massakrirte einer als
Mein Freund H*. erzaͤhlte uns, als er uns an den verschiedenen Gemaͤchern herumfuͤhrte, manche intereßante, psychologisch wichtige Geschichte von den Ungluͤklichen, die wir sahen. — Wir stiessen ein paarmal auf so barokkische Hanswurstfiguren, daß mich mitten unter den traurigsten Vorstellungen ein unwiderstehlicher Kitzel zum Lachen anwandelte. Der eine hatte ein paar Beinkleider auf seine Pritsche gelegt, und zerdrosch den Großsultan, den er unterm Hammer zu haben waͤhnte, so unbarmherzig, daß Se. Tuͤrkische Majestaͤt wie muͤrber Zunder aus einander fuhren; — der andere las einem bemuͤzten Haubenstok, den er fuͤr Gott den Vater hielt, wegen einer zerbrochenen Flasche, den Leviten so kraͤftig, daß ihm die Muͤtze vom Kopf flog; — dort massakrirte einer als <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <div n="3"> <p><pb facs="#f0092" n="92"/><lb/> Personen uͤberhaupt immer nur philosophischen Aerzten anvertraut wuͤrde. So aber fand ich selbst in den groͤßten beruͤhmtesten Staͤdten Teutschlands Tollhaͤuser, wo oft ein Dutzend und mehrere Seelenkranke in <hi rendition="#b">ein</hi> niedriges, schmuziges Zimmer hineingepreßt waren, wo der Rasende, der Tolle, der Wahnsinnige, Aberwitzige, der Halbkranke, der Genesene in ekelhafter Verworrenheit neben einander lagen, und die widerkehrende Natur gewaltsamer Weise von der unheilbaren Wuth des Nachbars angestekt, und in den Abgrund eines fuͤrchterlichen lebendigen Todes hinabgerissen wurde! —</p> <p>Mein Freund H*. erzaͤhlte uns, als er uns an den verschiedenen Gemaͤchern herumfuͤhrte, manche intereßante, psychologisch wichtige Geschichte von den Ungluͤklichen, die wir sahen. — Wir stiessen ein paarmal auf so barokkische Hanswurstfiguren, daß mich mitten unter den traurigsten Vorstellungen ein unwiderstehlicher Kitzel zum Lachen anwandelte. Der eine hatte ein paar Beinkleider auf seine Pritsche gelegt, und zerdrosch den Großsultan, den er unterm Hammer zu haben waͤhnte, so unbarmherzig, daß Se. Tuͤrkische Majestaͤt wie muͤrber Zunder aus einander fuhren; — <choice><corr>der</corr><sic>Der</sic></choice> andere las einem bemuͤzten Haubenstok, den er fuͤr Gott den Vater hielt, wegen einer zerbrochenen Flasche, den Leviten so kraͤftig, daß ihm die Muͤtze vom Kopf flog; — dort massakrirte einer als<lb/></p> </div> </div> </div> </body> </text> </TEI> [92/0092]
Personen uͤberhaupt immer nur philosophischen Aerzten anvertraut wuͤrde. So aber fand ich selbst in den groͤßten beruͤhmtesten Staͤdten Teutschlands Tollhaͤuser, wo oft ein Dutzend und mehrere Seelenkranke in ein niedriges, schmuziges Zimmer hineingepreßt waren, wo der Rasende, der Tolle, der Wahnsinnige, Aberwitzige, der Halbkranke, der Genesene in ekelhafter Verworrenheit neben einander lagen, und die widerkehrende Natur gewaltsamer Weise von der unheilbaren Wuth des Nachbars angestekt, und in den Abgrund eines fuͤrchterlichen lebendigen Todes hinabgerissen wurde! —
Mein Freund H*. erzaͤhlte uns, als er uns an den verschiedenen Gemaͤchern herumfuͤhrte, manche intereßante, psychologisch wichtige Geschichte von den Ungluͤklichen, die wir sahen. — Wir stiessen ein paarmal auf so barokkische Hanswurstfiguren, daß mich mitten unter den traurigsten Vorstellungen ein unwiderstehlicher Kitzel zum Lachen anwandelte. Der eine hatte ein paar Beinkleider auf seine Pritsche gelegt, und zerdrosch den Großsultan, den er unterm Hammer zu haben waͤhnte, so unbarmherzig, daß Se. Tuͤrkische Majestaͤt wie muͤrber Zunder aus einander fuhren; — der andere las einem bemuͤzten Haubenstok, den er fuͤr Gott den Vater hielt, wegen einer zerbrochenen Flasche, den Leviten so kraͤftig, daß ihm die Muͤtze vom Kopf flog; — dort massakrirte einer als
Suche im WerkInformationen zum Werk
Download dieses Werks
XML (TEI P5) ·
HTML ·
Text Metadaten zum WerkTEI-Header · CMDI · Dublin Core Ansichten dieser Seite
Voyant Tools
|
| URL zu diesem Werk: | https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0603_1788 |
| URL zu dieser Seite: | https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0603_1788/92 |
| Zitationshilfe: | Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 6, St. 3. Berlin, 1788, S. 92. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0603_1788/92>, abgerufen am 11.09.2024. |


