Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 6, St. 3. Berlin, 1788.
Die Grade seiner traurigen Verirrung verlohren sich, wie mir einer seiner Lehrer und theilnehmendsten Freunde schrieb, ganz unmerklich in einander. Mählig wurde der Gedanke an sein Thema in seiner Seele herrschend. Bald wuchs er, gleich einer Eiche über all seine übrige Jdeen, und Vorstellungen empor, und entzog ihnen, mit Shakspear zu reden, die Lebenssäfte zur Entwiklung, daß sie wie Blumen welkten, und vergingen. -- Alles bezog er nun auf die Offenbahrung, wollte alles, am Ende sogar Dinge des gemeinen Lebens daraus erklären, darauf zurükführen, -- darin finden,
Die Grade seiner traurigen Verirrung verlohren sich, wie mir einer seiner Lehrer und theilnehmendsten Freunde schrieb, ganz unmerklich in einander. Maͤhlig wurde der Gedanke an sein Thema in seiner Seele herrschend. Bald wuchs er, gleich einer Eiche uͤber all seine uͤbrige Jdeen, und Vorstellungen empor, und entzog ihnen, mit Shakspear zu reden, die Lebenssaͤfte zur Entwiklung, daß sie wie Blumen welkten, und vergingen. — Alles bezog er nun auf die Offenbahrung, wollte alles, am Ende sogar Dinge des gemeinen Lebens daraus erklaͤren, darauf zuruͤkfuͤhren, — darin finden, <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <div n="3"> <p><pb facs="#f0098" n="98"/><lb/> zeugten Buches verbunden ist, — zogen ihn an, der Auslegung und Deutung desselben alle seine Seelenkraͤfte zu widmen. Damals hatten wir die treflichen philosophischen Wegweiser zu Erklaͤrung dieser Theosophischen Visionen noch nicht. Das meiste, was daruͤber geschrieben war, schien mehr gemacht zu seyn, den Forscher in noch dunklere Gewinde des Mysticismus zu verwickeln, als ihn herauszuleiten. Franz las alles, was er uͤber sein Lieblingsthema <choice><corr>auftreiben</corr><sic>anftreiben</sic></choice> konnte, vernuͤnftelte, sann, hing aller Warnungen seiner Freunde ungeachtet Naͤchte lang uͤber Folianten, die von Aberwitz und Scholastischen Traͤumen strozten, und in nicht gar einem Jahre ward der trefliche, vielversprechende Juͤngling erst <hi rendition="#b">verruͤkt,</hi>— dann <hi rendition="#b">toll;</hi>— dann <hi rendition="#b">rasend,</hi> und <choice><corr>an</corr><sic>am</sic></choice> Ketten gelegt.</p> <p>Die Grade seiner traurigen Verirrung verlohren sich, wie mir einer seiner Lehrer und theilnehmendsten Freunde schrieb, ganz unmerklich in einander. Maͤhlig wurde der Gedanke an sein Thema in seiner Seele <hi rendition="#b">herrschend.</hi> Bald wuchs er, gleich einer Eiche uͤber all seine uͤbrige Jdeen, und Vorstellungen empor, und entzog <choice><corr>ihnen</corr><sic>lhnen</sic></choice>, mit Shakspear zu reden, die Lebenssaͤfte zur Entwiklung, daß sie wie Blumen welkten, und vergingen. — Alles bezog er nun auf die Offenbahrung, wollte alles, am Ende sogar Dinge des gemeinen Lebens daraus erklaͤren, darauf zuruͤkfuͤhren, — darin finden,<lb/></p> </div> </div> </div> </body> </text> </TEI> [98/0098]
zeugten Buches verbunden ist, — zogen ihn an, der Auslegung und Deutung desselben alle seine Seelenkraͤfte zu widmen. Damals hatten wir die treflichen philosophischen Wegweiser zu Erklaͤrung dieser Theosophischen Visionen noch nicht. Das meiste, was daruͤber geschrieben war, schien mehr gemacht zu seyn, den Forscher in noch dunklere Gewinde des Mysticismus zu verwickeln, als ihn herauszuleiten. Franz las alles, was er uͤber sein Lieblingsthema auftreiben konnte, vernuͤnftelte, sann, hing aller Warnungen seiner Freunde ungeachtet Naͤchte lang uͤber Folianten, die von Aberwitz und Scholastischen Traͤumen strozten, und in nicht gar einem Jahre ward der trefliche, vielversprechende Juͤngling erst verruͤkt,— dann toll;— dann rasend, und an Ketten gelegt.
Die Grade seiner traurigen Verirrung verlohren sich, wie mir einer seiner Lehrer und theilnehmendsten Freunde schrieb, ganz unmerklich in einander. Maͤhlig wurde der Gedanke an sein Thema in seiner Seele herrschend. Bald wuchs er, gleich einer Eiche uͤber all seine uͤbrige Jdeen, und Vorstellungen empor, und entzog ihnen, mit Shakspear zu reden, die Lebenssaͤfte zur Entwiklung, daß sie wie Blumen welkten, und vergingen. — Alles bezog er nun auf die Offenbahrung, wollte alles, am Ende sogar Dinge des gemeinen Lebens daraus erklaͤren, darauf zuruͤkfuͤhren, — darin finden,
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| Zitationshilfe: | Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 6, St. 3. Berlin, 1788, S. 98. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0603_1788/98>, abgerufen am 11.09.2024. |


