er sich nie anders, als mit jenem feierlichen Herz¬ erschütternden Tone, zu dem versammelten Volke redend, gedacht hatte, zuerst platdeutsch, wie der simpelste Handwerksmann mit dem Kü¬ ster, über eine so feierliche Sache, als die Taufe war, sprechen zu hören; und das in einem Tone, der nichts weniger als feierlich war, und wo¬ mit man einem sagen würde, er solle ja nicht vergessen, das Waschbecken zu bringen.
Durch diesen einzigen Vorfall wurde Antons Abgötterei gegen den Pastor P. . . einigermaßen herabgestimmt. Er betete ihn etwas weniger an, und liebte ihn desto mehr.
Indes hatte er sich sein Ideal von Glück¬ seligkeit völlig von dem Pastor P. . . abstrahirt -- Er konnte sich nichts Erhabeners und Reizenderes denken, als wie der Pastor P. . ., öffentlich vor dem Volke reden zu dürfen, und alsdann, so wie er, manchmal gar die Stadt mit Nahmen anzureden -- Diß letzte hatte insbe¬ besondre für ihn etwas Großes Pathetisches -- so daß er sich oft ganze Tage über in seinen Ge¬ danken beständig mit dieser Anrede beschäftigte -- und sogar, wann er etwa, um Bier zu holen,
über
er ſich nie anders, als mit jenem feierlichen Herz¬ erſchuͤtternden Tone, zu dem verſammelten Volke redend, gedacht hatte, zuerſt platdeutſch, wie der ſimpelſte Handwerksmann mit dem Kuͤ¬ ſter, uͤber eine ſo feierliche Sache, als die Taufe war, ſprechen zu hoͤren; und das in einem Tone, der nichts weniger als feierlich war, und wo¬ mit man einem ſagen wuͤrde, er ſolle ja nicht vergeſſen, das Waſchbecken zu bringen.
Durch dieſen einzigen Vorfall wurde Antons Abgoͤtterei gegen den Paſtor P. . . einigermaßen herabgeſtimmt. Er betete ihn etwas weniger an, und liebte ihn deſto mehr.
Indes hatte er ſich ſein Ideal von Gluͤck¬ ſeligkeit voͤllig von dem Paſtor P. . . abſtrahirt — Er konnte ſich nichts Erhabeners und Reizenderes denken, als wie der Paſtor P. . ., oͤffentlich vor dem Volke reden zu duͤrfen, und alsdann, ſo wie er, manchmal gar die Stadt mit Nahmen anzureden — Diß letzte hatte insbe¬ beſondre fuͤr ihn etwas Großes Pathetiſches — ſo daß er ſich oft ganze Tage uͤber in ſeinen Ge¬ danken beſtaͤndig mit dieſer Anrede beſchaͤftigte — und ſogar, wann er etwa, um Bier zu holen‚
uͤber
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er ſich nie anders, als mit jenem feierlichen Herz¬
erſchuͤtternden Tone, zu dem verſammelten Volke
redend, gedacht hatte, zuerſt platdeutſch, wie
der ſimpelſte Handwerksmann mit dem Kuͤ¬
ſter, uͤber eine ſo feierliche Sache, als die Taufe
war, ſprechen zu hoͤren; und das in einem Tone,
der nichts weniger als feierlich war, und wo¬
mit man einem ſagen wuͤrde, er ſolle ja nicht
vergeſſen, das Waſchbecken zu bringen.
Durch dieſen einzigen Vorfall wurde Antons
Abgoͤtterei gegen den Paſtor P. . . einigermaßen
herabgeſtimmt. Er betete ihn etwas weniger
an, und liebte ihn deſto mehr.
Indes hatte er ſich ſein Ideal von Gluͤck¬
ſeligkeit voͤllig von dem Paſtor P. . . abſtrahirt —
Er konnte ſich nichts Erhabeners und Reizenderes
denken, als wie der Paſtor P. . ., oͤffentlich
vor dem Volke reden zu duͤrfen, und alsdann,
ſo wie er, manchmal gar die Stadt mit
Nahmen anzureden — Diß letzte hatte insbe¬
beſondre fuͤr ihn etwas Großes Pathetiſches —
ſo daß er ſich oft ganze Tage uͤber in ſeinen Ge¬
danken beſtaͤndig mit dieſer Anrede beſchaͤftigte —
und ſogar, wann er etwa, um Bier zu holen‚
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Moritz, Karl Philipp: Anton Reiser. Bd. 1. Berlin, 1785, S. 130. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_reiser01_1785/140>, abgerufen am 25.09.2024.
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