Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Müller, Karl Otfried: Die Dorier. Vier Bücher. Bd. 1. Breslau, 1824.

Bild:
<< vorherige Seite

Der Schlachtpäonismus war bei den Griechen nach
den Stämmen verschieden; alle Dorier, Spartiaten,
Argeier, Korinther, Syrakuser hatten denselben 1. --
So leuchtet ein, wie auch der Begriff des Päan sich
nach zwei verschiedenen Seiten kehrt, und eben so den
schlagenden Gott (nach der Etymologie von paio) als
den schützenden und heilenden anzeigt, der von jeder
Sorge und allem Leid löset 2: so daß die Tragiker
durch eine sentimentale Anwendung des Begriffs auch
den Tod, von dem beides gilt, Päan nannten 3. Und
gerade dieses doppelte Wesen des Gottes, vermöge
dessen er gleich furchtbar als Feind und heilbringend
als Kampfgenoß ist 4, sollte der Name mit erwünsch-
ter Ambiguität ausdrücken.

5.

Von einfacher Bedeutung dagegen ist der Name
des Agyieus, Agyiates (Thuraios) 5. Diese Gestalt
des Gottes ist den Doriern eigenthümlich 6, und daher
in Delphi uralt 7, von wo sie indeß frühzeitig, zum Theil
durch bestimmte Orakelgebote, nach Athen übergetra-
gen wurde 8. Er steht in Vorhöfen und an Thüren,

davon, nach der Analogie von Euios, Ieios (vom Gehen der Sonne
Apollodor bei Macr. Sat. 1, 17., nach Aa. vom Heilen oder Sen-
den,) wovon eios (Il. 15, 365. 20, 152. Hymn. 1, 120.) vielleicht
nuv eine Synekphonesis ist, da auch ie beim Kallim. und Theokr.
einsilbig vorkommt. Vgl. übrigens Ilgen ad Hymn. Hom. p. 230.
1 Thuk. 7, 44. vgl. 4, 43. eleleu kam im Päonismus und
bei der Sponde vor, Plut. Thes. 22. wo spendontes zu schr.
2 Aeschyl. Agam. 99.
3 Eurip. Hippol. 1373. Aesch. bei
Stob. Serm. 121. vgl. Hermann über das Wesen d. M. S. 108.
4 Aesch. Agam. 518.
5 Tzetz. Lyk. 352.
6 Dieuchi-
das Megarika bei Schol. Arist. Wesp. 810. Harpokr. In Tegea
von Sparta aus, Paus. 8, 53, 1. 2.
7 S. oben S. 268.
8 S. Demosth. g. Mid. 15. Spald. vgl. Varro bei Porphyr. zu
Hor. Carm. 4, 6, 28. ex responso sui (Pythii) oraculi in viis
publicis urbis suae Athenienses statutis altaribus sacrificare

Der Schlachtpaͤonismus war bei den Griechen nach
den Staͤmmen verſchieden; alle Dorier, Spartiaten,
Argeier, Korinther, Syrakuſer hatten denſelben 1. —
So leuchtet ein, wie auch der Begriff des Paͤan ſich
nach zwei verſchiedenen Seiten kehrt, und eben ſo den
ſchlagenden Gott (nach der Etymologie von παίω) als
den ſchuͤtzenden und heilenden anzeigt, der von jeder
Sorge und allem Leid loͤſet 2: ſo daß die Tragiker
durch eine ſentimentale Anwendung des Begriffs auch
den Tod, von dem beides gilt, Paͤan nannten 3. Und
gerade dieſes doppelte Weſen des Gottes, vermoͤge
deſſen er gleich furchtbar als Feind und heilbringend
als Kampfgenoß iſt 4, ſollte der Name mit erwuͤnſch-
ter Ambiguitaͤt ausdruͤcken.

5.

Von einfacher Bedeutung dagegen iſt der Name
des Agyieus, Agyiates (Θυραῖος) 5. Dieſe Geſtalt
des Gottes iſt den Doriern eigenthuͤmlich 6, und daher
in Delphi uralt 7, von wo ſie indeß fruͤhzeitig, zum Theil
durch beſtimmte Orakelgebote, nach Athen uͤbergetra-
gen wurde 8. Er ſteht in Vorhoͤfen und an Thuͤren,

davon, nach der Analogie von Εὔἵος, Ἰήἵος (vom Gehen der Sonne
Apollodor bei Macr. Sat. 1, 17., nach Aa. vom Heilen oder Sen-
den,) wovon ἤϊος (Il. 15, 365. 20, 152. Hymn. 1, 120.) vielleicht
nuv eine Synekphoneſis iſt, da auch ἰή beim Kallim. und Theokr.
einſilbig vorkommt. Vgl. uͤbrigens Ilgen ad Hymn. Hom. p. 230.
1 Thuk. 7, 44. vgl. 4, 43. ἐλελεῦ kam im Paͤonismus und
bei der Sponde vor, Plut. Theſ. 22. wo σπένδοντες zu ſchr.
2 Aeſchyl. Agam. 99.
3 Eurip. Hippol. 1373. Aeſch. bei
Stob. Serm. 121. vgl. Hermann uͤber das Weſen d. M. S. 108.
4 Aeſch. Agam. 518.
5 Tzetz. Lyk. 352.
6 Dieuchi-
das Megarika bei Schol. Ariſt. Wesp. 810. Harpokr. In Tegea
von Sparta aus, Pauſ. 8, 53, 1. 2.
7 S. oben S. 268.
8 S. Demoſth. g. Mid. 15. Spald. vgl. Varro bei Porphyr. zu
Hor. Carm. 4, 6, 28. ex responso sui (Pythii) oraculi in viis
publicis urbis suae Athenienses statutis altaribus sacrificare
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <div n="4">
              <p><pb facs="#f0329" n="299"/>
Der Schlachtpa&#x0364;onismus war bei den Griechen nach<lb/>
den Sta&#x0364;mmen ver&#x017F;chieden; alle Dorier, Spartiaten,<lb/>
Argeier, Korinther, Syraku&#x017F;er hatten den&#x017F;elben <note place="foot" n="1">Thuk. 7, 44. vgl. 4, 43. &#x1F10;&#x03BB;&#x03B5;&#x03BB;&#x03B5;&#x1FE6; kam im Pa&#x0364;onismus und<lb/>
bei der Sponde vor, Plut. The&#x017F;. 22. wo <hi rendition="#g">&#x03C3;&#x03C0;&#x03AD;&#x03BD;</hi>&#x03B4;&#x03BF;&#x03BD;&#x03C4;&#x03B5;&#x03C2; zu &#x017F;chr.</note>. &#x2014;<lb/>
So leuchtet ein, wie auch der Begriff des Pa&#x0364;an &#x017F;ich<lb/>
nach zwei ver&#x017F;chiedenen Seiten kehrt, und eben &#x017F;o den<lb/>
&#x017F;chlagenden Gott (nach der Etymologie von &#x03C0;&#x03B1;&#x03AF;&#x03C9;) als<lb/>
den &#x017F;chu&#x0364;tzenden und heilenden anzeigt, der von jeder<lb/>
Sorge und allem Leid lo&#x0364;&#x017F;et <note place="foot" n="2">Ae&#x017F;chyl. Agam. 99.</note>: &#x017F;o daß die Tragiker<lb/>
durch eine &#x017F;entimentale Anwendung des Begriffs auch<lb/>
den Tod, von dem beides gilt, Pa&#x0364;an nannten <note place="foot" n="3">Eurip. Hippol. 1373. Ae&#x017F;ch. bei<lb/>
Stob. Serm. 121. vgl. Hermann u&#x0364;ber das We&#x017F;en d. M. S. 108.</note>. Und<lb/>
gerade die&#x017F;es doppelte We&#x017F;en des Gottes, vermo&#x0364;ge<lb/>
de&#x017F;&#x017F;en er gleich furchtbar als Feind und heilbringend<lb/>
als Kampfgenoß i&#x017F;t <note place="foot" n="4">Ae&#x017F;ch. Agam. 518.</note>, &#x017F;ollte der Name mit erwu&#x0364;n&#x017F;ch-<lb/>
ter Ambiguita&#x0364;t ausdru&#x0364;cken.</p>
            </div><lb/>
            <div n="4">
              <head>5.</head><lb/>
              <p>Von einfacher Bedeutung dagegen i&#x017F;t der Name<lb/>
des <hi rendition="#g">Agyieus</hi>, Agyiates (&#x0398;&#x03C5;&#x03C1;&#x03B1;&#x1FD6;&#x03BF;&#x03C2;) <note place="foot" n="5">Tzetz. Lyk. 352.</note>. Die&#x017F;e Ge&#x017F;talt<lb/>
des Gottes i&#x017F;t den Doriern eigenthu&#x0364;mlich <note place="foot" n="6">Dieuchi-<lb/>
das Megarika bei Schol. Ari&#x017F;t. Wesp. 810. Harpokr. In Tegea<lb/>
von Sparta aus, Pau&#x017F;. 8, 53, 1. 2.</note>, und daher<lb/>
in Delphi uralt <note place="foot" n="7">S. oben S. 268.</note>, von wo &#x017F;ie indeß fru&#x0364;hzeitig, zum Theil<lb/>
durch be&#x017F;timmte Orakelgebote, nach Athen u&#x0364;bergetra-<lb/>
gen wurde <note xml:id="seg2pn_33_1" next="#seg2pn_33_2" place="foot" n="8">S. Demo&#x017F;th. g. Mid. 15. Spald. vgl. Varro bei Porphyr. zu<lb/>
Hor. <hi rendition="#aq">Carm. 4, 6, 28. ex responso sui (Pythii) oraculi in viis<lb/>
publicis urbis suae Athenienses statutis altaribus sacrificare</hi></note>. Er &#x017F;teht in Vorho&#x0364;fen und an Thu&#x0364;ren,<lb/><note xml:id="seg2pn_32_2" prev="#seg2pn_32_1" place="foot" n="8">davon, nach der Analogie von &#x0395;&#x1F54;&#x1F35;&#x03BF;&#x03C2;, &#x1F38;&#x03AE;&#x1F35;&#x03BF;&#x03C2; (vom Gehen der Sonne<lb/>
Apollodor bei Macr. Sat. 1, 17., nach Aa. vom Heilen oder Sen-<lb/>
den,) wovon &#x1F24;&#x03CA;&#x03BF;&#x03C2; (Il. 15, 365. 20, 152. Hymn. 1, 120.) vielleicht<lb/>
nuv eine Synekphone&#x017F;is i&#x017F;t, da auch &#x1F30;&#x03AE; beim Kallim. und Theokr.<lb/>
ein&#x017F;ilbig vorkommt. Vgl. u&#x0364;brigens Ilgen <hi rendition="#aq">ad Hymn. Hom. p.</hi> 230.</note><lb/></p>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[299/0329] Der Schlachtpaͤonismus war bei den Griechen nach den Staͤmmen verſchieden; alle Dorier, Spartiaten, Argeier, Korinther, Syrakuſer hatten denſelben 1. — So leuchtet ein, wie auch der Begriff des Paͤan ſich nach zwei verſchiedenen Seiten kehrt, und eben ſo den ſchlagenden Gott (nach der Etymologie von παίω) als den ſchuͤtzenden und heilenden anzeigt, der von jeder Sorge und allem Leid loͤſet 2: ſo daß die Tragiker durch eine ſentimentale Anwendung des Begriffs auch den Tod, von dem beides gilt, Paͤan nannten 3. Und gerade dieſes doppelte Weſen des Gottes, vermoͤge deſſen er gleich furchtbar als Feind und heilbringend als Kampfgenoß iſt 4, ſollte der Name mit erwuͤnſch- ter Ambiguitaͤt ausdruͤcken. 5. Von einfacher Bedeutung dagegen iſt der Name des Agyieus, Agyiates (Θυραῖος) 5. Dieſe Geſtalt des Gottes iſt den Doriern eigenthuͤmlich 6, und daher in Delphi uralt 7, von wo ſie indeß fruͤhzeitig, zum Theil durch beſtimmte Orakelgebote, nach Athen uͤbergetra- gen wurde 8. Er ſteht in Vorhoͤfen und an Thuͤren, 8 1 Thuk. 7, 44. vgl. 4, 43. ἐλελεῦ kam im Paͤonismus und bei der Sponde vor, Plut. Theſ. 22. wo σπένδοντες zu ſchr. 2 Aeſchyl. Agam. 99. 3 Eurip. Hippol. 1373. Aeſch. bei Stob. Serm. 121. vgl. Hermann uͤber das Weſen d. M. S. 108. 4 Aeſch. Agam. 518. 5 Tzetz. Lyk. 352. 6 Dieuchi- das Megarika bei Schol. Ariſt. Wesp. 810. Harpokr. In Tegea von Sparta aus, Pauſ. 8, 53, 1. 2. 7 S. oben S. 268. 8 S. Demoſth. g. Mid. 15. Spald. vgl. Varro bei Porphyr. zu Hor. Carm. 4, 6, 28. ex responso sui (Pythii) oraculi in viis publicis urbis suae Athenienses statutis altaribus sacrificare 8 davon, nach der Analogie von Εὔἵος, Ἰήἵος (vom Gehen der Sonne Apollodor bei Macr. Sat. 1, 17., nach Aa. vom Heilen oder Sen- den,) wovon ἤϊος (Il. 15, 365. 20, 152. Hymn. 1, 120.) vielleicht nuv eine Synekphoneſis iſt, da auch ἰή beim Kallim. und Theokr. einſilbig vorkommt. Vgl. uͤbrigens Ilgen ad Hymn. Hom. p. 230.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/mueller_hellenische02_1824
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/mueller_hellenische02_1824/329
Zitationshilfe: Müller, Karl Otfried: Die Dorier. Vier Bücher. Bd. 1. Breslau, 1824, S. 299. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/mueller_hellenische02_1824/329>, abgerufen am 18.07.2024.