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Müller, Karl Otfried: Die Dorier. Vier Bücher. Bd. 1. Breslau, 1824.

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der Orthischen Artemis verglichen und über deren Ver-
wandtschaft wir bald reden werden.

7.

Bis hieher habe ich die Erzählungen der Al-
ten fast nur zusammengestellt, und nur die sich von
selbst ergebende Verbindung derselben angezeigt. Zu
einem etwas peremtorischen Verfahren genöthigt ziehn
wir nun kurz die Resultate. Erstens für den Sinn
und Charakter des sicher sehr mystischen 1 Dienstes.
Wir haben eine mit Orgiasmus, Geistesverwirrung,
Wuth angebetete Göttin; Erscheinungen, die auf einer
gewissen Stufe des Naturdienstes fast regelmäßig her-
vortreten, wo der Mensch vom sinnlichen Leben der
Natur ergriffen sich seines Bewußtseins an dieselbe zu
entäußern sucht. Dazu kommen blutige Opfer, die der
hellenische Sinn nur zu mäßigen und veredlen suchte:
welche ebenfalls dieser Stufe eigen zu sein pflegen.
Jenes berauschenden Wahnsinns wegen kann man den
Dienst mit dem des Dionysos zusammen stellen; wie
dieser Orthos hieß, so jene Orthia; es ist nicht un-
wahrscheinlich, daß beides auf phallischen Dienst sich
bezieht 2. Die orthia ubris der Esel bei Pindar er-
klärt 3, warum Astrabakos, der Eselmann, der auch
in der Herodotischen Erzählung als zeugungskräftig
vorgestellt wird, das Bild der Göttin gefunden haben
soll. Es ist sicher, daß diese Eigenschaften auch sonst
am Monddienste bemerkt werden, und auf den Mond
beziehn sich auch die Namen Aithopia und Khruse.
Nur ist wohl der Mond selbst nur Symbol dieser Na-
turgottheit. Wie in Asien die Mädchen ihre Jung-
frauschaft ähnlichen Gottheiten opferten: so dienten

1 Aeschylos hatte in der Iphigeneia einiges Mystische ver-
breitet. Eustrat. ad Aristot. Ethic. Nic. 3, 1. vgl. S. 378.
2 S. oben von den lombai.
3 P. 10, 32. Vgl. den Sinn von
orthos, Lakon. orsos, bei Aristoph. Lysistr. 944.

der Orthiſchen Artemis verglichen und uͤber deren Ver-
wandtſchaft wir bald reden werden.

7.

Bis hieher habe ich die Erzaͤhlungen der Al-
ten faſt nur zuſammengeſtellt, und nur die ſich von
ſelbſt ergebende Verbindung derſelben angezeigt. Zu
einem etwas peremtoriſchen Verfahren genoͤthigt ziehn
wir nun kurz die Reſultate. Erſtens fuͤr den Sinn
und Charakter des ſicher ſehr myſtiſchen 1 Dienſtes.
Wir haben eine mit Orgiasmus, Geiſtesverwirrung,
Wuth angebetete Goͤttin; Erſcheinungen, die auf einer
gewiſſen Stufe des Naturdienſtes faſt regelmaͤßig her-
vortreten, wo der Menſch vom ſinnlichen Leben der
Natur ergriffen ſich ſeines Bewußtſeins an dieſelbe zu
entaͤußern ſucht. Dazu kommen blutige Opfer, die der
helleniſche Sinn nur zu maͤßigen und veredlen ſuchte:
welche ebenfalls dieſer Stufe eigen zu ſein pflegen.
Jenes berauſchenden Wahnſinns wegen kann man den
Dienſt mit dem des Dionyſos zuſammen ſtellen; wie
dieſer Orthos hieß, ſo jene Orthia; es iſt nicht un-
wahrſcheinlich, daß beides auf phalliſchen Dienſt ſich
bezieht 2. Die ὀρϑία ὕβρις der Eſel bei Pindar er-
klaͤrt 3, warum Aſtrabakos, der Eſelmann, der auch
in der Herodotiſchen Erzaͤhlung als zeugungskraͤftig
vorgeſtellt wird, das Bild der Goͤttin gefunden haben
ſoll. Es iſt ſicher, daß dieſe Eigenſchaften auch ſonſt
am Monddienſte bemerkt werden, und auf den Mond
beziehn ſich auch die Namen Αἰϑοπία und Χρύση.
Nur iſt wohl der Mond ſelbſt nur Symbol dieſer Na-
turgottheit. Wie in Aſien die Maͤdchen ihre Jung-
frauſchaft aͤhnlichen Gottheiten opferten: ſo dienten

1 Aeſchylos hatte in der Iphigeneia einiges Myſtiſche ver-
breitet. Euſtrat. ad Aristot. Ethic. Nic. 3, 1. vgl. S. 378.
2 S. oben von den λόμβαι.
3 P. 10, 32. Vgl. den Sinn von
ὀϱϑὸς, Lakon. ὀϱσός, bei Ariſtoph. Lyſiſtr. 944.
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[386/0416] der Orthiſchen Artemis verglichen und uͤber deren Ver- wandtſchaft wir bald reden werden. 7. Bis hieher habe ich die Erzaͤhlungen der Al- ten faſt nur zuſammengeſtellt, und nur die ſich von ſelbſt ergebende Verbindung derſelben angezeigt. Zu einem etwas peremtoriſchen Verfahren genoͤthigt ziehn wir nun kurz die Reſultate. Erſtens fuͤr den Sinn und Charakter des ſicher ſehr myſtiſchen 1 Dienſtes. Wir haben eine mit Orgiasmus, Geiſtesverwirrung, Wuth angebetete Goͤttin; Erſcheinungen, die auf einer gewiſſen Stufe des Naturdienſtes faſt regelmaͤßig her- vortreten, wo der Menſch vom ſinnlichen Leben der Natur ergriffen ſich ſeines Bewußtſeins an dieſelbe zu entaͤußern ſucht. Dazu kommen blutige Opfer, die der helleniſche Sinn nur zu maͤßigen und veredlen ſuchte: welche ebenfalls dieſer Stufe eigen zu ſein pflegen. Jenes berauſchenden Wahnſinns wegen kann man den Dienſt mit dem des Dionyſos zuſammen ſtellen; wie dieſer Orthos hieß, ſo jene Orthia; es iſt nicht un- wahrſcheinlich, daß beides auf phalliſchen Dienſt ſich bezieht 2. Die ὀρϑία ὕβρις der Eſel bei Pindar er- klaͤrt 3, warum Aſtrabakos, der Eſelmann, der auch in der Herodotiſchen Erzaͤhlung als zeugungskraͤftig vorgeſtellt wird, das Bild der Goͤttin gefunden haben ſoll. Es iſt ſicher, daß dieſe Eigenſchaften auch ſonſt am Monddienſte bemerkt werden, und auf den Mond beziehn ſich auch die Namen Αἰϑοπία und Χρύση. Nur iſt wohl der Mond ſelbſt nur Symbol dieſer Na- turgottheit. Wie in Aſien die Maͤdchen ihre Jung- frauſchaft aͤhnlichen Gottheiten opferten: ſo dienten 1 Aeſchylos hatte in der Iphigeneia einiges Myſtiſche ver- breitet. Euſtrat. ad Aristot. Ethic. Nic. 3, 1. vgl. S. 378. 2 S. oben von den λόμβαι. 3 P. 10, 32. Vgl. den Sinn von ὀϱϑὸς, Lakon. ὀϱσός, bei Ariſtoph. Lyſiſtr. 944.

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Zitationshilfe: Müller, Karl Otfried: Die Dorier. Vier Bücher. Bd. 1. Breslau, 1824, S. 386. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/mueller_hellenische02_1824/416>, abgerufen am 13.07.2024.