Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Musäus, Johann Karl August: Physiognomische Reisen. Bd. 1, 2. Aufl. Altenburg, 1779.

Bild:
<< vorherige Seite


Am Tage St. Donati.
Ueber den zeitigen Reichsfuß des Münz- und
Litteraturwesens.

Wenn's Wetter so bleibt, und's mit der
Fruchterndte so rasch von statten geht wie
mit der Heuerndte, gedenk ich meine Reise
vierzehn Tag' eher anzutreten, als ich mir
den Termin dazu gesezt hatte. Beynah
hätte die Sophie mich derselben ganz verges-
sen gemacht; aber das Ottergezücht, mei-
ne Nachbarn rings umher, die wie die
Blindschleichen aus dürrem Laub hervor mir
an die Bein fahren, und mich mit ihren
Schlangenzungen verletzen, ob ich gleich
dieser Nattern keine wissentlich auf den
Schwanz getreten hab, verleiden mir den
Aufenthalt in meiner Heimath also, daß
mich hier alles drückt, und ich nolens vo-
lens
fort muß, in der Fremd' frische Luft
zu schöpfen, und die eingeschluckten bösen
Dünst' wieder auszuhauchen. Nur bin ich

noch
K 5


Am Tage St. Donati.
Ueber den zeitigen Reichsfuß des Muͤnz- und
Litteraturweſens.

Wenn’s Wetter ſo bleibt, und’s mit der
Fruchterndte ſo raſch von ſtatten geht wie
mit der Heuerndte, gedenk ich meine Reiſe
vierzehn Tag’ eher anzutreten, als ich mir
den Termin dazu geſezt hatte. Beynah
haͤtte die Sophie mich derſelben ganz vergeſ-
ſen gemacht; aber das Ottergezuͤcht, mei-
ne Nachbarn rings umher, die wie die
Blindſchleichen aus duͤrrem Laub hervor mir
an die Bein fahren, und mich mit ihren
Schlangenzungen verletzen, ob ich gleich
dieſer Nattern keine wiſſentlich auf den
Schwanz getreten hab, verleiden mir den
Aufenthalt in meiner Heimath alſo, daß
mich hier alles druͤckt, und ich nolens vo-
lens
fort muß, in der Fremd’ friſche Luft
zu ſchoͤpfen, und die eingeſchluckten boͤſen
Duͤnſt’ wieder auszuhauchen. Nur bin ich

noch
K 5
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0159" n="153"/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
        <div n="2">
          <head> <hi rendition="#b">Am Tage St. Donati.<lb/>
Ueber den zeitigen Reichsfuß des Mu&#x0364;nz- und<lb/>
Litteraturwe&#x017F;ens.</hi> </head><lb/>
          <p><hi rendition="#in">W</hi>enn&#x2019;s Wetter &#x017F;o bleibt, und&#x2019;s mit der<lb/>
Fruchterndte &#x017F;o ra&#x017F;ch von &#x017F;tatten geht wie<lb/>
mit der Heuerndte, gedenk ich meine Rei&#x017F;e<lb/>
vierzehn Tag&#x2019; eher anzutreten, als ich mir<lb/>
den Termin dazu ge&#x017F;ezt hatte. Beynah<lb/>
ha&#x0364;tte die Sophie mich der&#x017F;elben ganz verge&#x017F;-<lb/>
&#x017F;en gemacht; aber das Ottergezu&#x0364;cht, mei-<lb/>
ne Nachbarn rings umher, die wie die<lb/>
Blind&#x017F;chleichen aus du&#x0364;rrem Laub hervor mir<lb/>
an die Bein fahren, und mich mit ihren<lb/>
Schlangenzungen verletzen, ob ich gleich<lb/>
die&#x017F;er Nattern keine wi&#x017F;&#x017F;entlich auf den<lb/>
Schwanz getreten hab, verleiden mir den<lb/>
Aufenthalt in meiner Heimath al&#x017F;o, daß<lb/>
mich hier alles dru&#x0364;ckt, und ich <hi rendition="#aq">nolens vo-<lb/>
lens</hi> fort muß, in der Fremd&#x2019; fri&#x017F;che Luft<lb/>
zu &#x017F;cho&#x0364;pfen, und die einge&#x017F;chluckten bo&#x0364;&#x017F;en<lb/>
Du&#x0364;n&#x017F;t&#x2019; wieder auszuhauchen. Nur bin ich<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">K 5</fw><fw place="bottom" type="catch">noch</fw><lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[153/0159] Am Tage St. Donati. Ueber den zeitigen Reichsfuß des Muͤnz- und Litteraturweſens. Wenn’s Wetter ſo bleibt, und’s mit der Fruchterndte ſo raſch von ſtatten geht wie mit der Heuerndte, gedenk ich meine Reiſe vierzehn Tag’ eher anzutreten, als ich mir den Termin dazu geſezt hatte. Beynah haͤtte die Sophie mich derſelben ganz vergeſ- ſen gemacht; aber das Ottergezuͤcht, mei- ne Nachbarn rings umher, die wie die Blindſchleichen aus duͤrrem Laub hervor mir an die Bein fahren, und mich mit ihren Schlangenzungen verletzen, ob ich gleich dieſer Nattern keine wiſſentlich auf den Schwanz getreten hab, verleiden mir den Aufenthalt in meiner Heimath alſo, daß mich hier alles druͤckt, und ich nolens vo- lens fort muß, in der Fremd’ friſche Luft zu ſchoͤpfen, und die eingeſchluckten boͤſen Duͤnſt’ wieder auszuhauchen. Nur bin ich noch K 5

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/musaeus_reisen01_1779
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/musaeus_reisen01_1779/159
Zitationshilfe: Musäus, Johann Karl August: Physiognomische Reisen. Bd. 1, 2. Aufl. Altenburg, 1779, S. 153. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/musaeus_reisen01_1779/159>, abgerufen am 23.09.2021.