ruhte er auf einer ähnlichen Pritsche, als jene, deren ich eben erwähnte, und in einem armseli- gen Gemach über dem Lauenburger Thore: aber jeden Augenblick bereit, mich oder Andre anzu- hören, wenn wir ihm etwas von Wichtigkeit zu melden hatten. Vater und Freund des Soldaten, wie des Bürgers, hielt er Beider Herzen durch den milden Ernst seines Wesens, wie durch theil- nehmende Freundlichkeit, gefesselt. Jeder seiner Anordnungen folgte das unbedingteste Zutrauen. Es schien unmöglich, daß sein geprüfter Wille und Befehl sich nicht stracks auch in den allge- meinen Willen verwandelte. Selbst die Unfälle, die uns trafen, konnten in diesem treuen Glau- ben an seine hohe Trefflichkeit nichts mindern: denn nur zu klar erkannten wir darinn die her- ben Früchte nicht seines, sondern eines früheren Versäumnisses.
Der Morgen des 2. Julius brach an: aber auch das feindliche Bombardement, sowenig es die Nacht geruht hatte, schien mit dem Morgen wieder neue Kräfte zu gewinnen. Noth und Elend, Jammergeschrei und Auftritte der blutig- sten Art, einstürzende Gebäude und prasselnde Flammen: -- das war fast das Einzige, was bei jedem Schritte den entsetzten Sinnen sich dar- stellte. Muth und besonnene Fassung waren mehr, als jemals, vonnöthen: aber nur Wenigen war es gegeben, sie in diesem entscheidenden Zeitpunkt zu behaupten; noch Wenigere vielleicht erhielten
ruhte er auf einer aͤhnlichen Pritſche, als jene, deren ich eben erwaͤhnte, und in einem armſeli- gen Gemach uͤber dem Lauenburger Thore: aber jeden Augenblick bereit, mich oder Andre anzu- hoͤren, wenn wir ihm etwas von Wichtigkeit zu melden hatten. Vater und Freund des Soldaten, wie des Buͤrgers, hielt er Beider Herzen durch den milden Ernſt ſeines Weſens, wie durch theil- nehmende Freundlichkeit, gefeſſelt. Jeder ſeiner Anordnungen folgte das unbedingteſte Zutrauen. Es ſchien unmoͤglich, daß ſein gepruͤfter Wille und Befehl ſich nicht ſtracks auch in den allge- meinen Willen verwandelte. Selbſt die Unfaͤlle, die uns trafen, konnten in dieſem treuen Glau- ben an ſeine hohe Trefflichkeit nichts mindern: denn nur zu klar erkannten wir darinn die her- ben Fruͤchte nicht ſeines, ſondern eines fruͤheren Verſaͤumniſſes.
Der Morgen des 2. Julius brach an: aber auch das feindliche Bombardement, ſowenig es die Nacht geruht hatte, ſchien mit dem Morgen wieder neue Kraͤfte zu gewinnen. Noth und Elend, Jammergeſchrei und Auftritte der blutig- ſten Art, einſtuͤrzende Gebaͤude und praſſelnde Flammen: — das war faſt das Einzige, was bei jedem Schritte den entſetzten Sinnen ſich dar- ſtellte. Muth und beſonnene Faſſung waren mehr, als jemals, vonnoͤthen: aber nur Wenigen war es gegeben, ſie in dieſem entſcheidenden Zeitpunkt zu behaupten; noch Wenigere vielleicht erhielten
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ruhte er auf einer aͤhnlichen Pritſche, als jene,
deren ich eben erwaͤhnte, und in einem armſeli-
gen Gemach uͤber dem Lauenburger Thore: aber
jeden Augenblick bereit, mich oder Andre anzu-
hoͤren, wenn wir ihm etwas von Wichtigkeit zu
melden hatten. Vater und Freund des Soldaten,
wie des Buͤrgers, hielt er Beider Herzen durch
den milden Ernſt ſeines Weſens, wie durch theil-
nehmende Freundlichkeit, gefeſſelt. Jeder ſeiner
Anordnungen folgte das unbedingteſte Zutrauen.
Es ſchien unmoͤglich, daß ſein gepruͤfter Wille
und Befehl ſich nicht ſtracks auch in den allge-
meinen Willen verwandelte. Selbſt die Unfaͤlle,
die uns trafen, konnten in dieſem treuen Glau-
ben an ſeine hohe Trefflichkeit nichts mindern:
denn nur zu klar erkannten wir darinn die her-
ben Fruͤchte nicht ſeines, ſondern eines fruͤheren
Verſaͤumniſſes.
Der Morgen des 2. Julius brach an: aber
auch das feindliche Bombardement, ſowenig es
die Nacht geruht hatte, ſchien mit dem Morgen
wieder neue Kraͤfte zu gewinnen. Noth und
Elend, Jammergeſchrei und Auftritte der blutig-
ſten Art, einſtuͤrzende Gebaͤude und praſſelnde
Flammen: — das war faſt das Einzige, was
bei jedem Schritte den entſetzten Sinnen ſich dar-
ſtellte. Muth und beſonnene Faſſung waren mehr,
als jemals, vonnoͤthen: aber nur Wenigen war
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Nettelbeck, Joachim: Joachim Nettelbeck, Bürger zu Colberg. Bd. 3. Hrsg. v. Johann Christian Ludwig Haken. Leipzig, 1823, S. 155. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/nettelbeck_lebensbeschreibung03_1823/171>, abgerufen am 25.09.2024.
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