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Nicolai, Friedrich: Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker. Bd. 2. Berlin u. a., 1775.

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Capwein aus kleinen Gläsern zu schlürfen. Die
schönen Damen bürgerliches Standes, waren eben
im Begriffe zu Kaffeevisiten zu fahren, und ordneten
die Geschichte des Tages, so wie sie sie erzählen woll-
ten, in ihrem Kopfe zusammen, und die französische
Kolonie war noch in der Vesperpredigt.

Kurz, es war halb vier Uhr, und es war also von
der schönen Welt noch wenig zu sehen; hingegen
wimmelte der Platz von den glücklichen Söhnen der
Erde,
die alle Sorgen der Woche am Sonntage
völlig vergessen, und sich und ihr Leben, bey einem
Spaziergange, und bey einem geringen Labetrunke,
herzlich genießen. Arbeiter auf Weberstühlen und in
Schmiedeessen, füllten die Zelter an, und ließen ihren
Groschen unter lautem Gelächter aufgehen, oder steck-
ten ernsthaftiglich über das gemeine Beste ihre Köpfe
zusammen, weißagten neue Auflagen, und fällten
Urtheile über Gerüchte von bevorstehenden Kriegen.

Der Zirkel, der nach drey Stunden der Schau-
platz der Schönen, vornehmen Standes, seyn sollte,
war itzt vom gemeinen Manne, im besten Anputze und
voll fröhliches Muthes, angefüllt. Da war mancher
gesunder Jüngling, im neugewendeten Rocke und mit
goldner Troddel am Hute köstlich geputzt, neben ihm
in silberbebrämter Mütze, seine rothbäckige Liebste,

die



Capwein aus kleinen Glaͤſern zu ſchluͤrfen. Die
ſchoͤnen Damen buͤrgerliches Standes, waren eben
im Begriffe zu Kaffeeviſiten zu fahren, und ordneten
die Geſchichte des Tages, ſo wie ſie ſie erzaͤhlen woll-
ten, in ihrem Kopfe zuſammen, und die franzoͤſiſche
Kolonie war noch in der Veſperpredigt.

Kurz, es war halb vier Uhr, und es war alſo von
der ſchoͤnen Welt noch wenig zu ſehen; hingegen
wimmelte der Platz von den gluͤcklichen Soͤhnen der
Erde,
die alle Sorgen der Woche am Sonntage
voͤllig vergeſſen, und ſich und ihr Leben, bey einem
Spaziergange, und bey einem geringen Labetrunke,
herzlich genießen. Arbeiter auf Weberſtuͤhlen und in
Schmiedeeſſen, fuͤllten die Zelter an, und ließen ihren
Groſchen unter lautem Gelaͤchter aufgehen, oder ſteck-
ten ernſthaftiglich uͤber das gemeine Beſte ihre Koͤpfe
zuſammen, weißagten neue Auflagen, und faͤllten
Urtheile uͤber Geruͤchte von bevorſtehenden Kriegen.

Der Zirkel, der nach drey Stunden der Schau-
platz der Schoͤnen, vornehmen Standes, ſeyn ſollte,
war itzt vom gemeinen Manne, im beſten Anputze und
voll froͤhliches Muthes, angefuͤllt. Da war mancher
geſunder Juͤngling, im neugewendeten Rocke und mit
goldner Troddel am Hute koͤſtlich geputzt, neben ihm
in ſilberbebraͤmter Muͤtze, ſeine rothbaͤckige Liebſte,

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[25/0029] Capwein aus kleinen Glaͤſern zu ſchluͤrfen. Die ſchoͤnen Damen buͤrgerliches Standes, waren eben im Begriffe zu Kaffeeviſiten zu fahren, und ordneten die Geſchichte des Tages, ſo wie ſie ſie erzaͤhlen woll- ten, in ihrem Kopfe zuſammen, und die franzoͤſiſche Kolonie war noch in der Veſperpredigt. Kurz, es war halb vier Uhr, und es war alſo von der ſchoͤnen Welt noch wenig zu ſehen; hingegen wimmelte der Platz von den gluͤcklichen Soͤhnen der Erde, die alle Sorgen der Woche am Sonntage voͤllig vergeſſen, und ſich und ihr Leben, bey einem Spaziergange, und bey einem geringen Labetrunke, herzlich genießen. Arbeiter auf Weberſtuͤhlen und in Schmiedeeſſen, fuͤllten die Zelter an, und ließen ihren Groſchen unter lautem Gelaͤchter aufgehen, oder ſteck- ten ernſthaftiglich uͤber das gemeine Beſte ihre Koͤpfe zuſammen, weißagten neue Auflagen, und faͤllten Urtheile uͤber Geruͤchte von bevorſtehenden Kriegen. Der Zirkel, der nach drey Stunden der Schau- platz der Schoͤnen, vornehmen Standes, ſeyn ſollte, war itzt vom gemeinen Manne, im beſten Anputze und voll froͤhliches Muthes, angefuͤllt. Da war mancher geſunder Juͤngling, im neugewendeten Rocke und mit goldner Troddel am Hute koͤſtlich geputzt, neben ihm in ſilberbebraͤmter Muͤtze, ſeine rothbaͤckige Liebſte, die

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Zitationshilfe: Nicolai, Friedrich: Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker. Bd. 2. Berlin u. a., 1775, S. 25. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/nicolai_nothanker02_1775/29>, abgerufen am 02.07.2022.