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Nicolai, Friedrich: Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker. Bd. 2. Berlin u. a., 1775.

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die, zur Feyer dieses ihm längst versprochenen Spazier-
ganges, ihre sämtlichen sechs Röcke übereinander gezo-
gen, und ihre neuen kalmankenen Schuhe nicht ver-
gessen hatte. Hinter ihnen, das Bild der ehelichen
Verträglichkeit, ein ehrlicher Handwerksmann, der
seinen jüngsten Knaben im langen Rocke auf dem
Arme trug, indeß seine Frau ihres Mannes Stock in
ihrer rechten Hand sührte, ihre funfzehnjährige Toch-
ter ihr zur Linken, in der Schönheit der Jugend,
mit niedergeschlagenen Augen, die unter der empor-
stehenden Haube sanft hervorblickten. Die große
Allee von der Stadt her, war von Spaziergängern
zu Fuß und zu Pferde bedeckt, und einige Wagen
brachten wohlbeleibte Tanten und bürgerlich erzogene
Nichten, bis aus Thor, die nur die Reize eines ange-
nehmen Spazierganges suchten, und auf wohlfrisirte
Köpfe, und Aufsätze nach der neusten Mode Acht zu
haben, nicht waren gewöhnt worden.

Sebaldus Stirn erheiterte sich bey dem Anblicke
so vieler vergnügten Leute. Des Pletisten Stirn aber
ward dadurch noch mehr gerunzelt. Er rief voll
geistliches Verdrusses aus: ,Siehe da die Kinder Be-
"lials, wie sie den Lüsten des Fleisches nachziehen!
"Wie sie den Weg der Sünden gehn, reiten und
"fahren! Jmmer gerade in den höllischen Schwefel-
"pfuhl hinein!'

,Behüte



die, zur Feyer dieſes ihm laͤngſt verſprochenen Spazier-
ganges, ihre ſaͤmtlichen ſechs Roͤcke uͤbereinander gezo-
gen, und ihre neuen kalmankenen Schuhe nicht ver-
geſſen hatte. Hinter ihnen, das Bild der ehelichen
Vertraͤglichkeit, ein ehrlicher Handwerksmann, der
ſeinen juͤngſten Knaben im langen Rocke auf dem
Arme trug, indeß ſeine Frau ihres Mannes Stock in
ihrer rechten Hand ſuͤhrte, ihre funfzehnjaͤhrige Toch-
ter ihr zur Linken, in der Schoͤnheit der Jugend,
mit niedergeſchlagenen Augen, die unter der empor-
ſtehenden Haube ſanft hervorblickten. Die große
Allee von der Stadt her, war von Spaziergaͤngern
zu Fuß und zu Pferde bedeckt, und einige Wagen
brachten wohlbeleibte Tanten und buͤrgerlich erzogene
Nichten, bis aus Thor, die nur die Reize eines ange-
nehmen Spazierganges ſuchten, und auf wohlfriſirte
Koͤpfe, und Aufſaͤtze nach der neuſten Mode Acht zu
haben, nicht waren gewoͤhnt worden.

Sebaldus Stirn erheiterte ſich bey dem Anblicke
ſo vieler vergnuͤgten Leute. Des Pletiſten Stirn aber
ward dadurch noch mehr gerunzelt. Er rief voll
geiſtliches Verdruſſes aus: ‚Siehe da die Kinder Be-
”lials, wie ſie den Luͤſten des Fleiſches nachziehen!
”Wie ſie den Weg der Suͤnden gehn, reiten und
”fahren! Jmmer gerade in den hoͤlliſchen Schwefel-
”pfuhl hinein!‛

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[26/0030] die, zur Feyer dieſes ihm laͤngſt verſprochenen Spazier- ganges, ihre ſaͤmtlichen ſechs Roͤcke uͤbereinander gezo- gen, und ihre neuen kalmankenen Schuhe nicht ver- geſſen hatte. Hinter ihnen, das Bild der ehelichen Vertraͤglichkeit, ein ehrlicher Handwerksmann, der ſeinen juͤngſten Knaben im langen Rocke auf dem Arme trug, indeß ſeine Frau ihres Mannes Stock in ihrer rechten Hand ſuͤhrte, ihre funfzehnjaͤhrige Toch- ter ihr zur Linken, in der Schoͤnheit der Jugend, mit niedergeſchlagenen Augen, die unter der empor- ſtehenden Haube ſanft hervorblickten. Die große Allee von der Stadt her, war von Spaziergaͤngern zu Fuß und zu Pferde bedeckt, und einige Wagen brachten wohlbeleibte Tanten und buͤrgerlich erzogene Nichten, bis aus Thor, die nur die Reize eines ange- nehmen Spazierganges ſuchten, und auf wohlfriſirte Koͤpfe, und Aufſaͤtze nach der neuſten Mode Acht zu haben, nicht waren gewoͤhnt worden. Sebaldus Stirn erheiterte ſich bey dem Anblicke ſo vieler vergnuͤgten Leute. Des Pletiſten Stirn aber ward dadurch noch mehr gerunzelt. Er rief voll geiſtliches Verdruſſes aus: ‚Siehe da die Kinder Be- ”lials, wie ſie den Luͤſten des Fleiſches nachziehen! ”Wie ſie den Weg der Suͤnden gehn, reiten und ”fahren! Jmmer gerade in den hoͤlliſchen Schwefel- ”pfuhl hinein!‛ ‚Behuͤte

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Zitationshilfe: Nicolai, Friedrich: Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker. Bd. 2. Berlin u. a., 1775, S. 26. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/nicolai_nothanker02_1775/30>, abgerufen am 10.08.2022.