guter Wille mit der möglichsten Anwendung der von Gott verliehnen Kräfte vermag. Hat er nicht auch lernen müssen? Ist er nicht als Kind geboren, als Knabe herangewachsen, als Jüngling allen Gefahren dieser Jahre ausgesetzt gewesen, und hat auf eben den Stufen, die vor mir lagen, oder noch liegen, das reifere Alter erreicht? Wird es ihm immer leicht gewesen seyn, das, was Recht und Gut war, dem, was schmeichelte und gefiel, vorzuziehen? Wird er nie Ermüdung gesühlt, nie mit seiner Natur ge- kämpft haben? Hat er nicht an Leiden Gehorsam gelernt und ist so vollendet?
So wird es doch auch mir nicht unmöglich seyn, der ein solches Muster vor sich hat, -- dem Gott so viel Aufmunterung gab, -- dem er so viel Beystand verspricht. Was kann ich nicht werden, wenn seine memand versagte Kraft mich unterstützt, und ich allen meinen Fleiß daran thue, diesem grof- sen Vorbilde dessen, der die Menschheit so hoch geehrt hat, nachzustreben? Wie kann sich in mir Schwäche in Kraft, Ohnmacht in Stärke verwan- deln, wenn ich nicht vorsetzlich der kleine, unver- mögende, sinnliche, allen seinen Trieben nachge- bende Mensch bleiben, sondern, wie es meinem bessern edlern Theil zukömmt, mich selbst beherrschen
und
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guter Wille mit der möglichſten Anwendung der von Gott verliehnen Kräfte vermag. Hat er nicht auch lernen müſſen? Iſt er nicht als Kind geboren, als Knabe herangewachſen, als Jüngling allen Gefahren dieſer Jahre ausgeſetzt geweſen, und hat auf eben den Stufen, die vor mir lagen, oder noch liegen, das reifere Alter erreicht? Wird es ihm immer leicht geweſen ſeyn, das, was Recht und Gut war, dem, was ſchmeichelte und gefiel, vorzuziehen? Wird er nie Ermüdung geſühlt, nie mit ſeiner Natur ge- kämpft haben? Hat er nicht an Leiden Gehorſam gelernt und iſt ſo vollendet?
So wird es doch auch mir nicht unmöglich ſeyn, der ein ſolches Muſter vor ſich hat, — dem Gott ſo viel Aufmunterung gab, — dem er ſo viel Beyſtand verſpricht. Was kann ich nicht werden, wenn ſeine memand verſagte Kraft mich unterſtützt, und ich allen meinen Fleiß daran thue, dieſem grof- ſen Vorbilde deſſen, der die Menſchheit ſo hoch geehrt hat, nachzuſtreben? Wie kann ſich in mir Schwäche in Kraft, Ohnmacht in Stärke verwan- deln, wenn ich nicht vorſetzlich der kleine, unver- mögende, ſinnliche, allen ſeinen Trieben nachge- bende Menſch bleiben, ſondern, wie es meinem beſſern edlern Theil zukömmt, mich ſelbſt beherrſchen
und
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[89[101]/0105]
guter Wille mit der möglichſten Anwendung der von
Gott verliehnen Kräfte vermag. Hat er nicht auch
lernen müſſen? Iſt er nicht als Kind geboren, als
Knabe herangewachſen, als Jüngling allen Gefahren
dieſer Jahre ausgeſetzt geweſen, und hat auf eben
den Stufen, die vor mir lagen, oder noch liegen,
das reifere Alter erreicht? Wird es ihm immer leicht
geweſen ſeyn, das, was Recht und Gut war, dem,
was ſchmeichelte und gefiel, vorzuziehen? Wird er
nie Ermüdung geſühlt, nie mit ſeiner Natur ge-
kämpft haben? Hat er nicht an Leiden Gehorſam
gelernt und iſt ſo vollendet?
So wird es doch auch mir nicht unmöglich
ſeyn, der ein ſolches Muſter vor ſich hat, — dem
Gott ſo viel Aufmunterung gab, — dem er ſo viel
Beyſtand verſpricht. Was kann ich nicht werden,
wenn ſeine memand verſagte Kraft mich unterſtützt,
und ich allen meinen Fleiß daran thue, dieſem grof-
ſen Vorbilde deſſen, der die Menſchheit ſo hoch
geehrt hat, nachzuſtreben? Wie kann ſich in mir
Schwäche in Kraft, Ohnmacht in Stärke verwan-
deln, wenn ich nicht vorſetzlich der kleine, unver-
mögende, ſinnliche, allen ſeinen Trieben nachge-
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Niemeyer, August Hermann: Timotheus. Bd. 1. 2. Aufl. Frankfurt (Main) u.a., 1790, S. 89[101]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/niemeyer_timotheus01_1790/105>, abgerufen am 23.09.2024.
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