Es wird begreiflich, wie manche unter den schreck- lichsten Quaalen des Körpers gleichwohl nicht un- terliegen, vielleicht Stunden der Ruhe und wohl gar der Heiterkeit haben, sobald man weis, daß ihr Geist nichts hat, was ihn quält, und bey dem kleinsten Nachlaß sinnlich schmerzhafter Empfindun- gen dieser edlere und stärkere Theil ihres Wesens sich wieder über den schwächern erhebt. Daher ist es auch weniger zu verwundern, daß die Märtyrer mit so vielem Muthe litten und starben. Wie sehr man auch ihre Martern häufte -- in ihrem Geiste war kein beunruhigender Gedanke. Ihr Enthu- siasmus machte sie den Schmerz vergessen, und bey der sichern Erwartung ihrer Krone am Ziel fühlten sie die Dornen nicht, auf denen ihr Fuß in der oft freywillig gewählten schweren Laufbahn treten mußte. -- Nicht minder wird es begreiflich, wie die bittersten Leiden der Seele doch von manchen so lange ertragen werden können. Der Körper ist zu dauerhaft und fest, um so bald zu unterliegen, und so unterstützt die Kräfte desselben die Kraft des Gei- stes! Hingegen bey Jesu ist auch hier wieder das Gegentheil. Geist und Leib -- eins wie das an- dre gequält; ein steter Wechsel von traurigen Vor-
stellun-
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Es wird begreiflich, wie manche unter den ſchreck- lichſten Quaalen des Körpers gleichwohl nicht un- terliegen, vielleicht Stunden der Ruhe und wohl gar der Heiterkeit haben, ſobald man weis, daß ihr Geiſt nichts hat, was ihn quält, und bey dem kleinſten Nachlaß ſinnlich ſchmerzhafter Empfindun- gen dieſer edlere und ſtärkere Theil ihres Weſens ſich wieder über den ſchwächern erhebt. Daher iſt es auch weniger zu verwundern, daß die Märtyrer mit ſo vielem Muthe litten und ſtarben. Wie ſehr man auch ihre Martern häufte — in ihrem Geiſte war kein beunruhigender Gedanke. Ihr Enthu- ſiasmus machte ſie den Schmerz vergeſſen, und bey der ſichern Erwartung ihrer Krone am Ziel fühlten ſie die Dornen nicht, auf denen ihr Fuß in der oft freywillig gewählten ſchweren Laufbahn treten mußte. — Nicht minder wird es begreiflich, wie die bitterſten Leiden der Seele doch von manchen ſo lange ertragen werden können. Der Körper iſt zu dauerhaft und feſt, um ſo bald zu unterliegen, und ſo unterſtützt die Kräfte deſſelben die Kraft des Gei- ſtes! Hingegen bey Jeſu iſt auch hier wieder das Gegentheil. Geiſt und Leib — eins wie das an- dre gequält; ein ſteter Wechſel von traurigen Vor-
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Es wird begreiflich, wie manche unter den ſchreck-
lichſten Quaalen des Körpers gleichwohl nicht un-
terliegen, vielleicht Stunden der Ruhe und wohl
gar der Heiterkeit haben, ſobald man weis, daß
ihr Geiſt nichts hat, was ihn quält, und bey dem
kleinſten Nachlaß ſinnlich ſchmerzhafter Empfindun-
gen dieſer edlere und ſtärkere Theil ihres Weſens ſich
wieder über den ſchwächern erhebt. Daher iſt es
auch weniger zu verwundern, daß die Märtyrer
mit ſo vielem Muthe litten und ſtarben. Wie ſehr
man auch ihre Martern häufte — in ihrem Geiſte
war kein beunruhigender Gedanke. Ihr Enthu-
ſiasmus machte ſie den Schmerz vergeſſen, und bey
der ſichern Erwartung ihrer Krone am Ziel fühlten
ſie die Dornen nicht, auf denen ihr Fuß in der oft
freywillig gewählten ſchweren Laufbahn treten
mußte. — Nicht minder wird es begreiflich, wie
die bitterſten Leiden der Seele doch von manchen ſo
lange ertragen werden können. Der Körper iſt zu
dauerhaft und feſt, um ſo bald zu unterliegen, und
ſo unterſtützt die Kräfte deſſelben die Kraft des Gei-
ſtes! Hingegen bey Jeſu iſt auch hier wieder das
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Niemeyer, August Hermann: Timotheus. Bd. 1. 2. Aufl. Frankfurt (Main) u.a., 1790, S. 121[133]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/niemeyer_timotheus01_1790/137>, abgerufen am 23.09.2024.
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