stellungen und von schmerzhaften Empfindungen. Kein Enthusiasmus in seiner Seele; sondern bloß Unterwerfung unter Gott, und eine gewiß nicht ohne große Arbeit und Anstrengung errungene Ue- berzeugung, daß es so seyn müsse, wie es war, und daß es gut sey; stiller Gehorsam, jeden Weg zu gehn, den ihn der Wille des Vaters gehn hieß, und so lange auszudauren, als seine Kraft hin- reichte. Keine Ruhe für seinen Körper; keine Ge- sundheit, die abgehärtet, und für den Schmerz weniger empfindlich gewesen wäre; dazu noch Miß- handlungen, die den stärksten Körper niedergewor- fen hätten; eine Reihe schlafloser Nächte; ein ungestümes Fortreißen von einem Theil der Stadt zu dem andern, von einem Richter zu dem andern, wobey gewiß keiner daran denkt, ihn auch nur einmal ausruhen zu lassen; die nicht zählbaren Wunden, die Geißeln und Dornen ihm schlagen; der saure Weg nach der Schädelstätte, wo er bey- nah schon erliegt, wenn man nicht das Kreuz ihm abnahm, um sein Leben für größere Schmerzen zu sparen; das Durchboren seiner Hände und Füße! -- Ich breche ab, meine Freunde, denn es ist zu traurig, sich länger hiebey zu verweilen, und es ist erlaubt, das Gefühl der Wehmuth
durch
ſtellungen und von ſchmerzhaften Empfindungen. Kein Enthuſiasmus in ſeiner Seele; ſondern bloß Unterwerfung unter Gott, und eine gewiß nicht ohne große Arbeit und Anſtrengung errungene Ue- berzeugung, daß es ſo ſeyn müſſe, wie es war, und daß es gut ſey; ſtiller Gehorſam, jeden Weg zu gehn, den ihn der Wille des Vaters gehn hieß, und ſo lange auszudauren, als ſeine Kraft hin- reichte. Keine Ruhe für ſeinen Körper; keine Ge- ſundheit, die abgehärtet, und für den Schmerz weniger empfindlich geweſen wäre; dazu noch Miß- handlungen, die den ſtärkſten Körper niedergewor- fen hätten; eine Reihe ſchlafloſer Nächte; ein ungeſtümes Fortreißen von einem Theil der Stadt zu dem andern, von einem Richter zu dem andern, wobey gewiß keiner daran denkt, ihn auch nur einmal ausruhen zu laſſen; die nicht zählbaren Wunden, die Geißeln und Dornen ihm ſchlagen; der ſaure Weg nach der Schädelſtätte, wo er bey- nah ſchon erliegt, wenn man nicht das Kreuz ihm abnahm, um ſein Leben für größere Schmerzen zu ſparen; das Durchboren ſeiner Hände und Füße! — Ich breche ab, meine Freunde, denn es iſt zu traurig, ſich länger hiebey zu verweilen, und es iſt erlaubt, das Gefühl der Wehmuth
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[122[134]/0138]
ſtellungen und von ſchmerzhaften Empfindungen.
Kein Enthuſiasmus in ſeiner Seele; ſondern bloß
Unterwerfung unter Gott, und eine gewiß nicht
ohne große Arbeit und Anſtrengung errungene Ue-
berzeugung, daß es ſo ſeyn müſſe, wie es war,
und daß es gut ſey; ſtiller Gehorſam, jeden Weg
zu gehn, den ihn der Wille des Vaters gehn hieß,
und ſo lange auszudauren, als ſeine Kraft hin-
reichte. Keine Ruhe für ſeinen Körper; keine Ge-
ſundheit, die abgehärtet, und für den Schmerz
weniger empfindlich geweſen wäre; dazu noch Miß-
handlungen, die den ſtärkſten Körper niedergewor-
fen hätten; eine Reihe ſchlafloſer Nächte; ein
ungeſtümes Fortreißen von einem Theil der Stadt
zu dem andern, von einem Richter zu dem andern,
wobey gewiß keiner daran denkt, ihn auch nur
einmal ausruhen zu laſſen; die nicht zählbaren
Wunden, die Geißeln und Dornen ihm ſchlagen;
der ſaure Weg nach der Schädelſtätte, wo er bey-
nah ſchon erliegt, wenn man nicht das Kreuz ihm
abnahm, um ſein Leben für größere Schmerzen
zu ſparen; das Durchboren ſeiner Hände und
Füße! — Ich breche ab, meine Freunde, denn
es iſt zu traurig, ſich länger hiebey zu verweilen,
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Niemeyer, August Hermann: Timotheus. Bd. 1. 2. Aufl. Frankfurt (Main) u.a., 1790, S. 122[134]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/niemeyer_timotheus01_1790/138>, abgerufen am 23.09.2024.
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