Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra. Bd. 2. Chemnitz, 1883.

Bild:
<< vorherige Seite

Glaubst du nun, dass er hier die Wahrheit redete?
Warum glaubst du das?"

Der Jünger antwortete: "ich glaube an Zarathustra."
Aber Zarathustra schüttelte den Kopf und lächelte.

"Der Glaube macht mich nicht selig, sagte er,
zumal nicht der Glaube an mich.

Aber gesetzt, dass Jemand allen Ernstes sagte,
die Dichter lügen zuviel: so hat er Recht, -- wir
lügen zuviel.

Wir wissen auch zu wenig und sind schlechte
Lerner: so müssen wir schon lügen.

Und wer von uns Dichtern hätte nicht seinen Wein
verfälscht? Manch giftiger Mischmasch geschah in
unsern Kellern, manches Unbeschreibliche ward da
gethan.

Und weil wir wenig wissen, so gefallen uns von
Herzen die geistig Armen, sonderlich wenn es junge
Weibchen sind!

Und selbst nach den Dingen sind wir noch be¬
gehrlich, die sich die alten Weibchen Abends erzählen.
Das heissen wir selber an uns das Ewig-Weibliche.

Und als ob es einen besondren geheimen Zugang
zum Wissen gäbe, der sich Denen verschütte, welche
Etwas lernen: so glauben wir an das Volk und seine
"Weisheit."

Das aber glauben alle Dichter: dass wer im Grase
oder an einsamen Gehängen liegend die Ohren spitze,
Etwas von den Dingen erfahre, die zwischen Himmel
und Erde sind.

Und kommen ihnen zärtliche Regungen, so meinen
die Dichter immer, die Natur selber sei in sie verliebt:

Glaubst du nun, dass er hier die Wahrheit redete?
Warum glaubst du das?“

Der Jünger antwortete: „ich glaube an Zarathustra.“
Aber Zarathustra schüttelte den Kopf und lächelte.

„Der Glaube macht mich nicht selig, sagte er,
zumal nicht der Glaube an mich.

Aber gesetzt, dass Jemand allen Ernstes sagte,
die Dichter lügen zuviel: so hat er Recht, — wir
lügen zuviel.

Wir wissen auch zu wenig und sind schlechte
Lerner: so müssen wir schon lügen.

Und wer von uns Dichtern hätte nicht seinen Wein
verfälscht? Manch giftiger Mischmasch geschah in
unsern Kellern, manches Unbeschreibliche ward da
gethan.

Und weil wir wenig wissen, so gefallen uns von
Herzen die geistig Armen, sonderlich wenn es junge
Weibchen sind!

Und selbst nach den Dingen sind wir noch be¬
gehrlich, die sich die alten Weibchen Abends erzählen.
Das heissen wir selber an uns das Ewig-Weibliche.

Und als ob es einen besondren geheimen Zugang
zum Wissen gäbe, der sich Denen verschütte, welche
Etwas lernen: so glauben wir an das Volk und seine
„Weisheit.“

Das aber glauben alle Dichter: dass wer im Grase
oder an einsamen Gehängen liegend die Ohren spitze,
Etwas von den Dingen erfahre, die zwischen Himmel
und Erde sind.

Und kommen ihnen zärtliche Regungen, so meinen
die Dichter immer, die Natur selber sei in sie verliebt:

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0079" n="69"/>
        <p>Glaubst du nun, dass er hier die Wahrheit redete?<lb/>
Warum glaubst du das?&#x201C;</p><lb/>
        <p>Der Jünger antwortete: &#x201E;ich glaube an Zarathustra.&#x201C;<lb/>
Aber Zarathustra schüttelte den Kopf und lächelte.</p><lb/>
        <p>&#x201E;Der Glaube macht mich nicht selig, sagte er,<lb/>
zumal nicht der Glaube an mich.</p><lb/>
        <p>Aber gesetzt, dass Jemand allen Ernstes sagte,<lb/>
die Dichter lügen zuviel: so hat er Recht, &#x2014; <hi rendition="#g">wir</hi><lb/>
lügen zuviel.</p><lb/>
        <p>Wir wissen auch zu wenig und sind schlechte<lb/>
Lerner: so müssen wir schon lügen.</p><lb/>
        <p>Und wer von uns Dichtern hätte nicht seinen Wein<lb/>
verfälscht? Manch giftiger Mischmasch geschah in<lb/>
unsern Kellern, manches Unbeschreibliche ward da<lb/>
gethan.</p><lb/>
        <p>Und weil wir wenig wissen, so gefallen uns von<lb/>
Herzen die geistig Armen, sonderlich wenn es junge<lb/>
Weibchen sind!</p><lb/>
        <p>Und selbst nach den Dingen sind wir noch be¬<lb/>
gehrlich, die sich die alten Weibchen Abends erzählen.<lb/>
Das heissen wir selber an uns das Ewig-Weibliche.</p><lb/>
        <p>Und als ob es einen besondren geheimen Zugang<lb/>
zum Wissen gäbe, der sich Denen <hi rendition="#g">verschütte</hi>, welche<lb/>
Etwas lernen: so glauben wir an das Volk und seine<lb/>
&#x201E;Weisheit.&#x201C;</p><lb/>
        <p>Das aber glauben alle Dichter: dass wer im Grase<lb/>
oder an einsamen Gehängen liegend die Ohren spitze,<lb/>
Etwas von den Dingen erfahre, die zwischen Himmel<lb/>
und Erde sind.</p><lb/>
        <p>Und kommen ihnen zärtliche Regungen, so meinen<lb/>
die Dichter immer, die Natur selber sei in sie verliebt:<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[69/0079] Glaubst du nun, dass er hier die Wahrheit redete? Warum glaubst du das?“ Der Jünger antwortete: „ich glaube an Zarathustra.“ Aber Zarathustra schüttelte den Kopf und lächelte. „Der Glaube macht mich nicht selig, sagte er, zumal nicht der Glaube an mich. Aber gesetzt, dass Jemand allen Ernstes sagte, die Dichter lügen zuviel: so hat er Recht, — wir lügen zuviel. Wir wissen auch zu wenig und sind schlechte Lerner: so müssen wir schon lügen. Und wer von uns Dichtern hätte nicht seinen Wein verfälscht? Manch giftiger Mischmasch geschah in unsern Kellern, manches Unbeschreibliche ward da gethan. Und weil wir wenig wissen, so gefallen uns von Herzen die geistig Armen, sonderlich wenn es junge Weibchen sind! Und selbst nach den Dingen sind wir noch be¬ gehrlich, die sich die alten Weibchen Abends erzählen. Das heissen wir selber an uns das Ewig-Weibliche. Und als ob es einen besondren geheimen Zugang zum Wissen gäbe, der sich Denen verschütte, welche Etwas lernen: so glauben wir an das Volk und seine „Weisheit.“ Das aber glauben alle Dichter: dass wer im Grase oder an einsamen Gehängen liegend die Ohren spitze, Etwas von den Dingen erfahre, die zwischen Himmel und Erde sind. Und kommen ihnen zärtliche Regungen, so meinen die Dichter immer, die Natur selber sei in sie verliebt:

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/nietzsche_zarathustra02_1883
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/nietzsche_zarathustra02_1883/79
Zitationshilfe: Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra. Bd. 2. Chemnitz, 1883, S. 69. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/nietzsche_zarathustra02_1883/79>, abgerufen am 14.05.2021.