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Allgemeine Zeitung, Nr. 33, 15. August 1914.

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15. August 1914. Allgemeine Zeitung
[Spaltenumbruch] 2. Deutschland verpflichtet sich unter obiger Voraussetzung,
das Gebiet des Königreichs wieder zu räumen, sobald der
Friede geschlossen ist.
3. Bei einer freundschaftlichen Haltung Belgiens ist
Deutschland bereit, im Einvernehmen mit den belgischen Be-
hörden alle Bedürfnisse seiner Truppen gegen Barzahlung
anzukaufen und jeden Schaden zu ersetzen, der etwa durch die
deutschen Truppen verursacht werden könnte.
Sollte Belgien den deutschen Truppen feindlich entgegen-
treten, insbesondere ihrem Vorgehen durch einen Widerstand
der Maasbefestigungen oder durch Zerstören von Eisenbahnen,
Straßen, Tunnels oder sonstigen Kunstbauten Schwierigkeiten
bereiten, so wird Deutschland zu seinem Bedauern gezwungen
sein, das Königreich als Feind zu betrachten.
In diesem Fall würde Deutschland dem Königreich gegen-
über keine Verpflichtungen übernehmen können, sondern
müßte die spätere Regelung der Verhältnisse beider Staaten
zueinander der Entscheidung der Waffen überlassen.
Die kaiserliche Regierung gibt sich der bestimmten Hoff-
nung hin, daß diese Eventualität nicht eintreten und die belgi-
sche Regierung die geeigneten Maßnahmen zu treffen wissen
wird, um zu verhindern, daß Vorkommnisse, wie die vor-
stehend erwähnten, sich ereignen. In diesem Falle würden
die freundschaftlichen Bande, die beide Nachbarstaaten ver-
binden, eine weitere dauernde Festigung erfahren.

Euer Hochwohlgeboren wollen heute abend um 8 Uhr der
belgischen Regierung hiervon streng vertraulich Mitteilung
machen und sie um die Erteilung einer unzweideutigen Ant-
wort binnen zwölf Stunden, also bis morgen früh 8 Uhr er-
suchen. Von der Aufnahme, welche Ihre Eröffnungen dort
finden werden, und der definitiven Antwort der belgischen
Regierung wollen Euer Hochwohlgeboren mir umgehend tele-
graphische Meldung zugehen lassen.



Wie sehr Deutschland bestrebt gewesen ist Belgien zu schonen,
beweist nachstehendes Dokument:

Der Oberbefehlshaber der deutschen Truppen, die in Bel-
gien eingerückt sind, hat eine Bekanntmachung erlassen, die in
der Uebersetzung aus dem Französischen lautet:
"Zu meinem großen Bedauern haben sich die deutschen
Truppen genötigt gesehen, die belgische Grenze zu überschrei-
ten. Sie handeln unter dem Zwang einer unabweisbaren
Notwendigkeit, da die belgische Neutralität durch französische
Offiziere verletzt worden ist, die verkleidet das belgische Gebiet
in Automobilen betreten haben, um nach Deutschland zu ge-
langen.
Belgier! Es ist mein höchster Wunsch, daß es noch mög-
lich sei, einen Kampf zwischen zwei Völkern zu vermeiden, die
bis jetzt gute Freunde, früher sogar Bundesgenossen waren.
Erinnert Euch des glorreichen Tages von Belle Alliance, wo
die deutschen Waffen dazu beitrugen, die Unabhängigkeit und
das Aufblühen Eueres Vaterlandes zu begründen. Aber wir
müssen jetzt freien Weg haben. Die Zerstörung von Brücken,
Tunnels, Eisenbahnschienen muß als eine feindliche Hand-
lung angesehen werden.
Belgier! Ihr habt zu wählen! Die deutsche Armee beab-
sichtigt nicht, gegen Euch zu kämpfen. Freier Weg gegen den
Feind, der uns angreifen wollte! Das ist alles, was wir ver-
langen.
Ich gebe dem belgischen Volke die amtliche Bürgschaft
dafür, daß es nicht unter dem Schrecken des Krieges zu leiden
haben wird, daß wir in barem Gelde die Lebensmittel be-
zahlen werden, die wir dem Lande entnehmen müssen, daß
unsere Soldaten sich als beste Freunde eines Volkes zeigen
werden, für das wir die größte Hochachtung, die lebhafteste
Zuneigung empfinden. Es hängt von Eurer Klugheit, von
Eurem wohlverstandenen Patriotismus ab, Eurem Lande die
Schrecken des Krieges zu ersparen."


Inzwischen ist Lüttich unser geworden. Ein kühner Hand-
streich, der zuerst nicht glückte, der aber sofortige Verstärkung fand,
hat die Aktion eingeleitet. Damit ist den Franzosen der Weg nach
Belgien verlegt. Das Wolffsche Telegraphenbureau, als die einzige
[Spaltenumbruch] offizielle Vermittlerstelle aller Kriegsnachrichten, meldet über dieses
größte und erfreulichste Kriegsereignis bis jetzt unterm 10. ds.:

Eine Depesche des Generalquartiermeisters besagt u. a.:

Nach französischen Nachrichten sollen 20,000 Deutsche vor Lüt-
tich gefallen und der Platz überhaupt noch nicht in unserem Besitz
sein. Durch die theatralische Verleihung des Kreuzes der Ehrea-
legion an Lüttich sollte dies bekräftigt werden. Wir müssen mit
Nachrichten zurückhalten, solange wir unsere Pläne verraten kön-
nen. Jetzt können wir ohne Nachteil berichten: Wir hatten bei
Lüttich überhaupt nur schwache Kräfte. Die Schwierigkeiten lagen
in dem überaus ungünstigen Berg- und Waldgelände und der
heimtückischen Teilnahme der Bevölkerung, selbst der Frauen, am
Kampfe. Aus dem Hinterhalt, aus Ortschaften und Wäldern,
feuerten sie auch auf Aerzte und Verwundete. Ganze Ortschaften
mußten zerstört werden, bis die tapferen Truppen durch den Fort-
gürtel gedrungen und im Besitz der Stadt waren. Ein Teil der
Forts hielt sich noch, aber sie feuerten nicht mehr. Seine Majestät
wollte keinen Tropfen Blutes durch die Erstürmung unnütz ver-
schwenden. (!) Man konnte das Herankommen der schweren Artille-
rie abwarten und die Forts zusammenschießen, ohne einen Mann
zu opfern. (!) Ueber alles dieses durfte eine gewissenhafte Heeres-
verwaltung nicht ein Wort veröffentlichen, bis so starke Kräfte auf
Lüttich nachgezogen waren, daß es uns kein Teufel wieder entreißen
konnte. In dieser Lage befinden wir uns jetzt. Die Belgier haben
zur Behauptung der Festung mehr Truppen gehabt, als von uns
zum Sturm antraten. Jeder Kundige kann die Größe der Leistung
ermessen, die einzig dasteht.
Bei Lüttich ist auch ein deutsches Luftschiff zum erstenmal in
Aktion getreten: der "Z VI": Nach einer Meldung der Kölnischen
Volkszeitung ist "Z VI" am Donnerstag früh 3 Uhr 30 Minuten
von einer Kreuzfahrt aus Belgien zurückgekehrt. Das Luftschiff
hat sich an dem bei Lüttich entsponnenen Kampf in hervorragender
Weise beteiligt und sehr wirksam eingegriffen. Aus einer Höhe von
600 Metern wurde die erste Bombe geworfen. Es war ein Ver-
sager. Darauf ging das Luftschiff bis auf 300 Meter herunter und
schleuderte weitere 12 Bomben, die sämtlich sofort explodierten. In-
folgedessen geriet die Stadt Lüttich an mehreren Stellen in Flam-
men. Die sämtlichen Bomben hat ein Unteroffizier der Besatzung
aus der hinteren Gondel geworfen.
Leider treibt ein fast unerklärlicher Deutschenhaß traurige
Blüten selbst in Belgien: Der Brüsseler Vertreter von Wolffs Tele-
graph.-Bureau telegraphiert aus Goch folgendes: Ueber Belgien
wurde gestern der Belagerungszustand verhängt. Alle Deutschen
wurden in der letzten Nacht aufgefordert, das Land baldigst zu ver-
lassen. Was sich in den letzten Tagen in Brüssel ereignete, über-
trifft alles, was sich nur die glühendste Phantasie ausmalen kann.
Seit der Kriegserklärung am Dienstag demolierte der Pöbel alle
Geschäfte, die Deutschen gehören oder deutsche Produkte anboten,
jedes Schild mit deutscher Aufschrift wurde zerstört und jeder, der
ein deutsches Aussehen hatte, tätlich auf der Straße angegriffen
oder der Spionage verdächtigt. Die unwahrscheinlichsten Dinge
wurden kolportiert und von der Presse verbreitet, u. a., daß von
deutschen Soldaten der Versuch gemacht worden sei, den Komman-
danten der Festung Lüttich, General Leman, der sich wacker ge-
schlagen, zu ermorden. Auch verbreiteten einzelne Blätter die
Nachricht, unsere Soldaten seien mangelhaft verpflegt und ergingen
sich in den heftigsten Angriffen auf Kaiser Wilhelm. Kurz, der
Deutschenhaß wird in fanatischer Weise gepredigt. Fast jede Nacht
verlassen Tausende von Deutschen unter dem Schutze des ameri-
kanischen Generalkonsuls seit Donnerstag Belgien über Holland, in
ritterlicher Weise von Offizieren und der Bürgergarde beschützt, die
seit Freitag abend beginnt, in Gemeinschaft mit den Stadtbehörden
dem Spionagefieber entgegen zu arbeiten.
Belgiens Verhalten im gegenwärtigen Kriege hat eine gewisse
Aehnlichkeit mit jener im Jahre 1870. In der Nummer vom 12.
Oktober 1870 der Allgemeinen Zeitung finden wir eine
vom 9. Oktober aus Berlin datierte Korrespondenz, die sich auf
einen längeren Bericht des Berliner Staatsanzeigers über die Lage
der Dinge um und in Metz stützt und dann nachstehende Betrachtung
enthält, die so ganz auch auf die gegenwärtige Lage paßt: "Ange-
sichts so zerrütteter Verhältnisse erscheint der Unwille allerdings
doppelt gerechtfertigt, den man in unseren Regierungskreisen dar-
über empfindet, daß ein großer Teil der belgischen Presse fortfährt,
den Größenwahnsinn der Pariser zu nähren, und sie in ihrem
Widerstand gegen unsere Armeen zu ermuntern, während doch

15. Auguſt 1914. Allgemeine Zeitung
[Spaltenumbruch] 2. Deutſchland verpflichtet ſich unter obiger Vorausſetzung,
das Gebiet des Königreichs wieder zu räumen, ſobald der
Friede geſchloſſen iſt.
3. Bei einer freundſchaftlichen Haltung Belgiens iſt
Deutſchland bereit, im Einvernehmen mit den belgiſchen Be-
hörden alle Bedürfniſſe ſeiner Truppen gegen Barzahlung
anzukaufen und jeden Schaden zu erſetzen, der etwa durch die
deutſchen Truppen verurſacht werden könnte.
Sollte Belgien den deutſchen Truppen feindlich entgegen-
treten, insbeſondere ihrem Vorgehen durch einen Widerſtand
der Maasbefeſtigungen oder durch Zerſtören von Eiſenbahnen,
Straßen, Tunnels oder ſonſtigen Kunſtbauten Schwierigkeiten
bereiten, ſo wird Deutſchland zu ſeinem Bedauern gezwungen
ſein, das Königreich als Feind zu betrachten.
In dieſem Fall würde Deutſchland dem Königreich gegen-
über keine Verpflichtungen übernehmen können, ſondern
müßte die ſpätere Regelung der Verhältniſſe beider Staaten
zueinander der Entſcheidung der Waffen überlaſſen.
Die kaiſerliche Regierung gibt ſich der beſtimmten Hoff-
nung hin, daß dieſe Eventualität nicht eintreten und die belgi-
ſche Regierung die geeigneten Maßnahmen zu treffen wiſſen
wird, um zu verhindern, daß Vorkommniſſe, wie die vor-
ſtehend erwähnten, ſich ereignen. In dieſem Falle würden
die freundſchaftlichen Bande, die beide Nachbarſtaaten ver-
binden, eine weitere dauernde Feſtigung erfahren.

Euer Hochwohlgeboren wollen heute abend um 8 Uhr der
belgiſchen Regierung hiervon ſtreng vertraulich Mitteilung
machen und ſie um die Erteilung einer unzweideutigen Ant-
wort binnen zwölf Stunden, alſo bis morgen früh 8 Uhr er-
ſuchen. Von der Aufnahme, welche Ihre Eröffnungen dort
finden werden, und der definitiven Antwort der belgiſchen
Regierung wollen Euer Hochwohlgeboren mir umgehend tele-
graphiſche Meldung zugehen laſſen.



Wie ſehr Deutſchland beſtrebt geweſen iſt Belgien zu ſchonen,
beweiſt nachſtehendes Dokument:

Der Oberbefehlshaber der deutſchen Truppen, die in Bel-
gien eingerückt ſind, hat eine Bekanntmachung erlaſſen, die in
der Ueberſetzung aus dem Franzöſiſchen lautet:
„Zu meinem großen Bedauern haben ſich die deutſchen
Truppen genötigt geſehen, die belgiſche Grenze zu überſchrei-
ten. Sie handeln unter dem Zwang einer unabweisbaren
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Offiziere verletzt worden iſt, die verkleidet das belgiſche Gebiet
in Automobilen betreten haben, um nach Deutſchland zu ge-
langen.
Belgier! Es iſt mein höchſter Wunſch, daß es noch mög-
lich ſei, einen Kampf zwiſchen zwei Völkern zu vermeiden, die
bis jetzt gute Freunde, früher ſogar Bundesgenoſſen waren.
Erinnert Euch des glorreichen Tages von Belle Alliance, wo
die deutſchen Waffen dazu beitrugen, die Unabhängigkeit und
das Aufblühen Eueres Vaterlandes zu begründen. Aber wir
müſſen jetzt freien Weg haben. Die Zerſtörung von Brücken,
Tunnels, Eiſenbahnſchienen muß als eine feindliche Hand-
lung angeſehen werden.
Belgier! Ihr habt zu wählen! Die deutſche Armee beab-
ſichtigt nicht, gegen Euch zu kämpfen. Freier Weg gegen den
Feind, der uns angreifen wollte! Das iſt alles, was wir ver-
langen.
Ich gebe dem belgiſchen Volke die amtliche Bürgſchaft
dafür, daß es nicht unter dem Schrecken des Krieges zu leiden
haben wird, daß wir in barem Gelde die Lebensmittel be-
zahlen werden, die wir dem Lande entnehmen müſſen, daß
unſere Soldaten ſich als beſte Freunde eines Volkes zeigen
werden, für das wir die größte Hochachtung, die lebhafteſte
Zuneigung empfinden. Es hängt von Eurer Klugheit, von
Eurem wohlverſtandenen Patriotismus ab, Eurem Lande die
Schrecken des Krieges zu erſparen.“


Inzwiſchen iſt Lüttich unſer geworden. Ein kühner Hand-
ſtreich, der zuerſt nicht glückte, der aber ſofortige Verſtärkung fand,
hat die Aktion eingeleitet. Damit iſt den Franzoſen der Weg nach
Belgien verlegt. Das Wolffſche Telegraphenbureau, als die einzige
[Spaltenumbruch] offizielle Vermittlerſtelle aller Kriegsnachrichten, meldet über dieſes
größte und erfreulichſte Kriegsereignis bis jetzt unterm 10. ds.:

Eine Depeſche des Generalquartiermeiſters beſagt u. a.:

Nach franzöſiſchen Nachrichten ſollen 20,000 Deutſche vor Lüt-
tich gefallen und der Platz überhaupt noch nicht in unſerem Beſitz
ſein. Durch die theatraliſche Verleihung des Kreuzes der Ehrea-
legion an Lüttich ſollte dies bekräftigt werden. Wir müſſen mit
Nachrichten zurückhalten, ſolange wir unſere Pläne verraten kön-
nen. Jetzt können wir ohne Nachteil berichten: Wir hatten bei
Lüttich überhaupt nur ſchwache Kräfte. Die Schwierigkeiten lagen
in dem überaus ungünſtigen Berg- und Waldgelände und der
heimtückiſchen Teilnahme der Bevölkerung, ſelbſt der Frauen, am
Kampfe. Aus dem Hinterhalt, aus Ortſchaften und Wäldern,
feuerten ſie auch auf Aerzte und Verwundete. Ganze Ortſchaften
mußten zerſtört werden, bis die tapferen Truppen durch den Fort-
gürtel gedrungen und im Beſitz der Stadt waren. Ein Teil der
Forts hielt ſich noch, aber ſie feuerten nicht mehr. Seine Majeſtät
wollte keinen Tropfen Blutes durch die Erſtürmung unnütz ver-
ſchwenden. (!) Man konnte das Herankommen der ſchweren Artille-
rie abwarten und die Forts zuſammenſchießen, ohne einen Mann
zu opfern. (!) Ueber alles dieſes durfte eine gewiſſenhafte Heeres-
verwaltung nicht ein Wort veröffentlichen, bis ſo ſtarke Kräfte auf
Lüttich nachgezogen waren, daß es uns kein Teufel wieder entreißen
konnte. In dieſer Lage befinden wir uns jetzt. Die Belgier haben
zur Behauptung der Feſtung mehr Truppen gehabt, als von uns
zum Sturm antraten. Jeder Kundige kann die Größe der Leiſtung
ermeſſen, die einzig daſteht.
Bei Lüttich iſt auch ein deutſches Luftſchiff zum erſtenmal in
Aktion getreten: der „Z VI“: Nach einer Meldung der Kölniſchen
Volkszeitung iſt „Z VI“ am Donnerstag früh 3 Uhr 30 Minuten
von einer Kreuzfahrt aus Belgien zurückgekehrt. Das Luftſchiff
hat ſich an dem bei Lüttich entſponnenen Kampf in hervorragender
Weiſe beteiligt und ſehr wirkſam eingegriffen. Aus einer Höhe von
600 Metern wurde die erſte Bombe geworfen. Es war ein Ver-
ſager. Darauf ging das Luftſchiff bis auf 300 Meter herunter und
ſchleuderte weitere 12 Bomben, die ſämtlich ſofort explodierten. In-
folgedeſſen geriet die Stadt Lüttich an mehreren Stellen in Flam-
men. Die ſämtlichen Bomben hat ein Unteroffizier der Beſatzung
aus der hinteren Gondel geworfen.
Leider treibt ein faſt unerklärlicher Deutſchenhaß traurige
Blüten ſelbſt in Belgien: Der Brüſſeler Vertreter von Wolffs Tele-
graph.-Bureau telegraphiert aus Goch folgendes: Ueber Belgien
wurde geſtern der Belagerungszuſtand verhängt. Alle Deutſchen
wurden in der letzten Nacht aufgefordert, das Land baldigſt zu ver-
laſſen. Was ſich in den letzten Tagen in Brüſſel ereignete, über-
trifft alles, was ſich nur die glühendſte Phantaſie ausmalen kann.
Seit der Kriegserklärung am Dienstag demolierte der Pöbel alle
Geſchäfte, die Deutſchen gehören oder deutſche Produkte anboten,
jedes Schild mit deutſcher Aufſchrift wurde zerſtört und jeder, der
ein deutſches Ausſehen hatte, tätlich auf der Straße angegriffen
oder der Spionage verdächtigt. Die unwahrſcheinlichſten Dinge
wurden kolportiert und von der Preſſe verbreitet, u. a., daß von
deutſchen Soldaten der Verſuch gemacht worden ſei, den Komman-
danten der Feſtung Lüttich, General Leman, der ſich wacker ge-
ſchlagen, zu ermorden. Auch verbreiteten einzelne Blätter die
Nachricht, unſere Soldaten ſeien mangelhaft verpflegt und ergingen
ſich in den heftigſten Angriffen auf Kaiſer Wilhelm. Kurz, der
Deutſchenhaß wird in fanatiſcher Weiſe gepredigt. Faſt jede Nacht
verlaſſen Tauſende von Deutſchen unter dem Schutze des ameri-
kaniſchen Generalkonſuls ſeit Donnerstag Belgien über Holland, in
ritterlicher Weiſe von Offizieren und der Bürgergarde beſchützt, die
ſeit Freitag abend beginnt, in Gemeinſchaft mit den Stadtbehörden
dem Spionagefieber entgegen zu arbeiten.
Belgiens Verhalten im gegenwärtigen Kriege hat eine gewiſſe
Aehnlichkeit mit jener im Jahre 1870. In der Nummer vom 12.
Oktober 1870 der Allgemeinen Zeitung finden wir eine
vom 9. Oktober aus Berlin datierte Korreſpondenz, die ſich auf
einen längeren Bericht des Berliner Staatsanzeigers über die Lage
der Dinge um und in Metz ſtützt und dann nachſtehende Betrachtung
enthält, die ſo ganz auch auf die gegenwärtige Lage paßt: „Ange-
ſichts ſo zerrütteter Verhältniſſe erſcheint der Unwille allerdings
doppelt gerechtfertigt, den man in unſeren Regierungskreiſen dar-
über empfindet, daß ein großer Teil der belgiſchen Preſſe fortfährt,
den Größenwahnſinn der Pariſer zu nähren, und ſie in ihrem
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[509/0003] 15. Auguſt 1914. Allgemeine Zeitung 2. Deutſchland verpflichtet ſich unter obiger Vorausſetzung, das Gebiet des Königreichs wieder zu räumen, ſobald der Friede geſchloſſen iſt. 3. Bei einer freundſchaftlichen Haltung Belgiens iſt Deutſchland bereit, im Einvernehmen mit den belgiſchen Be- hörden alle Bedürfniſſe ſeiner Truppen gegen Barzahlung anzukaufen und jeden Schaden zu erſetzen, der etwa durch die deutſchen Truppen verurſacht werden könnte. Sollte Belgien den deutſchen Truppen feindlich entgegen- treten, insbeſondere ihrem Vorgehen durch einen Widerſtand der Maasbefeſtigungen oder durch Zerſtören von Eiſenbahnen, Straßen, Tunnels oder ſonſtigen Kunſtbauten Schwierigkeiten bereiten, ſo wird Deutſchland zu ſeinem Bedauern gezwungen ſein, das Königreich als Feind zu betrachten. 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Von der Aufnahme, welche Ihre Eröffnungen dort finden werden, und der definitiven Antwort der belgiſchen Regierung wollen Euer Hochwohlgeboren mir umgehend tele- graphiſche Meldung zugehen laſſen. gez. Jagow. Wie ſehr Deutſchland beſtrebt geweſen iſt Belgien zu ſchonen, beweiſt nachſtehendes Dokument: Der Oberbefehlshaber der deutſchen Truppen, die in Bel- gien eingerückt ſind, hat eine Bekanntmachung erlaſſen, die in der Ueberſetzung aus dem Franzöſiſchen lautet: „Zu meinem großen Bedauern haben ſich die deutſchen Truppen genötigt geſehen, die belgiſche Grenze zu überſchrei- ten. Sie handeln unter dem Zwang einer unabweisbaren Notwendigkeit, da die belgiſche Neutralität durch franzöſiſche Offiziere verletzt worden iſt, die verkleidet das belgiſche Gebiet in Automobilen betreten haben, um nach Deutſchland zu ge- langen. Belgier! Es iſt mein höchſter Wunſch, daß es noch mög- lich ſei, einen Kampf zwiſchen zwei Völkern zu vermeiden, die bis jetzt gute Freunde, früher ſogar Bundesgenoſſen waren. Erinnert Euch des glorreichen Tages von Belle Alliance, wo die deutſchen Waffen dazu beitrugen, die Unabhängigkeit und das Aufblühen Eueres Vaterlandes zu begründen. Aber wir müſſen jetzt freien Weg haben. Die Zerſtörung von Brücken, Tunnels, Eiſenbahnſchienen muß als eine feindliche Hand- lung angeſehen werden. Belgier! Ihr habt zu wählen! Die deutſche Armee beab- ſichtigt nicht, gegen Euch zu kämpfen. Freier Weg gegen den Feind, der uns angreifen wollte! Das iſt alles, was wir ver- langen. Ich gebe dem belgiſchen Volke die amtliche Bürgſchaft dafür, daß es nicht unter dem Schrecken des Krieges zu leiden haben wird, daß wir in barem Gelde die Lebensmittel be- zahlen werden, die wir dem Lande entnehmen müſſen, daß unſere Soldaten ſich als beſte Freunde eines Volkes zeigen werden, für das wir die größte Hochachtung, die lebhafteſte Zuneigung empfinden. Es hängt von Eurer Klugheit, von Eurem wohlverſtandenen Patriotismus ab, Eurem Lande die Schrecken des Krieges zu erſparen.“ Inzwiſchen iſt Lüttich unſer geworden. Ein kühner Hand- ſtreich, der zuerſt nicht glückte, der aber ſofortige Verſtärkung fand, hat die Aktion eingeleitet. Damit iſt den Franzoſen der Weg nach Belgien verlegt. Das Wolffſche Telegraphenbureau, als die einzige offizielle Vermittlerſtelle aller Kriegsnachrichten, meldet über dieſes größte und erfreulichſte Kriegsereignis bis jetzt unterm 10. ds.: Eine Depeſche des Generalquartiermeiſters beſagt u. a.: Nach franzöſiſchen Nachrichten ſollen 20,000 Deutſche vor Lüt- tich gefallen und der Platz überhaupt noch nicht in unſerem Beſitz ſein. Durch die theatraliſche Verleihung des Kreuzes der Ehrea- legion an Lüttich ſollte dies bekräftigt werden. Wir müſſen mit Nachrichten zurückhalten, ſolange wir unſere Pläne verraten kön- nen. Jetzt können wir ohne Nachteil berichten: Wir hatten bei Lüttich überhaupt nur ſchwache Kräfte. Die Schwierigkeiten lagen in dem überaus ungünſtigen Berg- und Waldgelände und der heimtückiſchen Teilnahme der Bevölkerung, ſelbſt der Frauen, am Kampfe. Aus dem Hinterhalt, aus Ortſchaften und Wäldern, feuerten ſie auch auf Aerzte und Verwundete. Ganze Ortſchaften mußten zerſtört werden, bis die tapferen Truppen durch den Fort- gürtel gedrungen und im Beſitz der Stadt waren. Ein Teil der Forts hielt ſich noch, aber ſie feuerten nicht mehr. Seine Majeſtät wollte keinen Tropfen Blutes durch die Erſtürmung unnütz ver- ſchwenden. (!) Man konnte das Herankommen der ſchweren Artille- rie abwarten und die Forts zuſammenſchießen, ohne einen Mann zu opfern. (!) Ueber alles dieſes durfte eine gewiſſenhafte Heeres- verwaltung nicht ein Wort veröffentlichen, bis ſo ſtarke Kräfte auf Lüttich nachgezogen waren, daß es uns kein Teufel wieder entreißen konnte. In dieſer Lage befinden wir uns jetzt. Die Belgier haben zur Behauptung der Feſtung mehr Truppen gehabt, als von uns zum Sturm antraten. Jeder Kundige kann die Größe der Leiſtung ermeſſen, die einzig daſteht. Bei Lüttich iſt auch ein deutſches Luftſchiff zum erſtenmal in Aktion getreten: der „Z VI“: Nach einer Meldung der Kölniſchen Volkszeitung iſt „Z VI“ am Donnerstag früh 3 Uhr 30 Minuten von einer Kreuzfahrt aus Belgien zurückgekehrt. Das Luftſchiff hat ſich an dem bei Lüttich entſponnenen Kampf in hervorragender Weiſe beteiligt und ſehr wirkſam eingegriffen. Aus einer Höhe von 600 Metern wurde die erſte Bombe geworfen. Es war ein Ver- ſager. Darauf ging das Luftſchiff bis auf 300 Meter herunter und ſchleuderte weitere 12 Bomben, die ſämtlich ſofort explodierten. In- folgedeſſen geriet die Stadt Lüttich an mehreren Stellen in Flam- men. Die ſämtlichen Bomben hat ein Unteroffizier der Beſatzung aus der hinteren Gondel geworfen. Leider treibt ein faſt unerklärlicher Deutſchenhaß traurige Blüten ſelbſt in Belgien: Der Brüſſeler Vertreter von Wolffs Tele- graph.-Bureau telegraphiert aus Goch folgendes: Ueber Belgien wurde geſtern der Belagerungszuſtand verhängt. Alle Deutſchen wurden in der letzten Nacht aufgefordert, das Land baldigſt zu ver- laſſen. Was ſich in den letzten Tagen in Brüſſel ereignete, über- trifft alles, was ſich nur die glühendſte Phantaſie ausmalen kann. Seit der Kriegserklärung am Dienstag demolierte der Pöbel alle Geſchäfte, die Deutſchen gehören oder deutſche Produkte anboten, jedes Schild mit deutſcher Aufſchrift wurde zerſtört und jeder, der ein deutſches Ausſehen hatte, tätlich auf der Straße angegriffen oder der Spionage verdächtigt. Die unwahrſcheinlichſten Dinge wurden kolportiert und von der Preſſe verbreitet, u. a., daß von deutſchen Soldaten der Verſuch gemacht worden ſei, den Komman- danten der Feſtung Lüttich, General Leman, der ſich wacker ge- ſchlagen, zu ermorden. Auch verbreiteten einzelne Blätter die Nachricht, unſere Soldaten ſeien mangelhaft verpflegt und ergingen ſich in den heftigſten Angriffen auf Kaiſer Wilhelm. Kurz, der Deutſchenhaß wird in fanatiſcher Weiſe gepredigt. Faſt jede Nacht verlaſſen Tauſende von Deutſchen unter dem Schutze des ameri- kaniſchen Generalkonſuls ſeit Donnerstag Belgien über Holland, in ritterlicher Weiſe von Offizieren und der Bürgergarde beſchützt, die ſeit Freitag abend beginnt, in Gemeinſchaft mit den Stadtbehörden dem Spionagefieber entgegen zu arbeiten. Belgiens Verhalten im gegenwärtigen Kriege hat eine gewiſſe Aehnlichkeit mit jener im Jahre 1870. In der Nummer vom 12. Oktober 1870 der Allgemeinen Zeitung finden wir eine vom 9. Oktober aus Berlin datierte Korreſpondenz, die ſich auf einen längeren Bericht des Berliner Staatsanzeigers über die Lage der Dinge um und in Metz ſtützt und dann nachſtehende Betrachtung enthält, die ſo ganz auch auf die gegenwärtige Lage paßt: „Ange- ſichts ſo zerrütteter Verhältniſſe erſcheint der Unwille allerdings doppelt gerechtfertigt, den man in unſeren Regierungskreiſen dar- über empfindet, daß ein großer Teil der belgiſchen Preſſe fortfährt, den Größenwahnſinn der Pariſer zu nähren, und ſie in ihrem Widerſtand gegen unſere Armeen zu ermuntern, während doch

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Britt-Marie Schuster, Alexander Geyken, Susanne Haaf, Christopher Georgi, Frauke Thielert, Linda Kirsten, t.evo: Die Evolution von komplexen Textmustern: Aufbau eines Korpus historischer Zeitungen zur Untersuchung der Mehrdimensionalität des Textmusterwandels

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Zitationshilfe: Allgemeine Zeitung, Nr. 33, 15. August 1914, S. 509. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/nn_allgemeine33_1914/3>, abgerufen am 16.04.2024.