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Allgemeine Zeitung, Nr. 33, 15. August 1914.

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15. August 1914. Allgemeine Zeitung
[Spaltenumbruch] ganzen Grenze Ost- und Mittelgaliziens erneuten die Russen ihre
Versuche, in österreichisches Gebiet einzufallen. Außer Kavallerie
traten auch Infanterie-Abteilungen mit Geschützen in Tätigkeit.
Trotzdem vermochte der österreichische Grenzschutz alle Angriffe ab-
zuwehren. Die von den Oesterreichern hiebei erlittenen Verluste
sind noch nicht genau bekannt, sind aber geringfügig. Ein besonders
heftiger Kampf entspann sich mit zwei Sotnien Kosaken. Der an-
gegriffene Grenzposten hielt den Feind auf und nahm ihm neun
Pferde, die von einigen im Reiten geübten Soldaten des Postens
sofort benutzt wurden, um eine Attacke zu reiten. Dies veranlaßte
die durch das Feuer schon arg mitgenommenen Kosaken zur eiligen
Räumung des Gefechtsfeldes, auf dem sie 90 Tote und Verwundete
zurückließen. Die Oesterreicher hatten keine Verluste. Eine öster-
reichische Grenzabteilung, die von Oesterreichisch-Nowosielitza über
die Mohilewhöhe bis zum gleichnamigen russischen Grenzort vorge-
drungen war, wehrte eine Reihe überlegener Angriffe ab. Da mit
dem Vorstoß der beabsichtigte Zweck inzwischen erfüllt war, erhielt
die Abteilung den Befehl, die frühere Stellung wieder einzunehmen,
die weiter behauptet wird. Im Verlauf der mehrtägigen Kämpfe
von Beginn des Vorstoßes an bis zum Einrücken in die frühere
Stellung büßte die Abteilung vier Tote und fünf Verwundete ein.
Die von den österreichischen Grenztruppen zur Lösung besonderer
Aufgaben unternommenen kleineren Vorstöße wurden erfolgreich
durchgeführt.

Das Blatt Gazette Poraanna meldet aus Krakau vom 8. Aug.,
daß 800 galizische Jungschützen unter Hauptmann Frank in der
Nacht etwa tausend meist schlafende Kosaken überfielen. Der Kampf
dauerte einige Stunden und endete mit dem vollständigen Rückzug
der Kosaken, die etwa 400 Tote und Verwundete hatten. Haupt-
mann Frank hatte 140 Verwundete und besetzte Mieschow. Die
Jungschützen haben ihren Marsch nordwärts nach Ksiaz fortgesetzt,
das nach kurzem Scharmützel besetzt wurde. Die Russen ließen hier
Tote, Verwundete und bedeutende Proviantvorräte zurück. Es
heißt, daß auch Pilitza und Kielce von den Russen geräumt worden
sind. Unter den polnischen Jungschützen herrscht große Begeisterung.



Auf dem südlichen Kriegsschauplatz zeigten die Montenegriner
große Angriffslust gegen die österreichisch-ungarische Grenze.
Am 8. August brachen sie in einer Stärke von 4000
Mann gegen die Grenzposten östlich der Festung Trebinje vor,
Der Verlust der Oesterreicher betrug einen Offizier und 21 Mann,
während 200 Montenegriner getötet wurden. Ferner sah man sie
zahlreiche Schwerverwundete mit zurückschleppen. Am 9 August
in der Frühe versuchte eine andere montenegrinische Kolonne den
Posten Gad bei Autovac zu überfallen, die Besatzung wies jedoch
den Anschlag zurück.

Die Wiener "Neue Freie Presse" erhält nachstehenden kleinen
Stimmungsbericht, den die "Albanesische Korrespondenz" aus Salo-
niki vermittelt: Alle Nachrichten, die aus dem serbischen Teil Maze-
doniens hier eintreffen, berichten von einer wachsenden Erregung
der Bevölkerung gegen die Serben. Der allgemeine Aufruf zu den
Waffen, der von serbischer Seite an die Bevölkerung der neuerober-
ten Gebiete ergangen ist, hat einen sehr mangelhaften Erfolg ge-
habt. Sowohl die albanesische als auch die bulgarische Bevölkerung
hat es abgelehnt, ihm Folge zu leisten. In diesem Teil der Bevöl-
kerung sieht man vielmehr den Augenblick für gekommen, um die
verhaßte serbische Herrschaft abzuschütteln. Die umfassende und
mit den brutalsten Mitteln durchgeführte Requisition von Vieh und
Lebensmitteln für das serbische Heer hat in ganz Mazedonien die
Erregung vergrößert und in einigen Gegenden sogar zu offener
Auflehnung geführt. Angesichts der drohenden Haltung der bul-
garischen Bevölkerung Mazedoniens liefern die serbischen Behörden
der mohammedanischen Bevölkerung Waffen aus und suchen diese
gegen die Bulgaren aufzureizen. In vielen Orten sind Verhaf-
tungen vorgenommen worden. In der Umgebung von Monastir
flüchtete die Bevölkerung mit ihrem Vieh ins Gebirge.



Eine Mahnung.

Wir veröffentlichen nachstehendes, uns zur Verfügung gestellte
Schreiben, weil es für unsern Leserkreis und weit darüber hinaus
als ein Zeitdokument von Interesse sein wird. Der Verfasser des
Briefes ist mit dem englischen Adressaten in jahrelanger Freund-
schaft verbunden gewesen. Es ist anzunehmen daß sein mahnendes
Wort auch den Weg nach England finden wird.

[Spaltenumbruch]

Herrn
Rev. Cowling
Kaplan der engl. Kirche
München, Karlsplatz 5.

Mein hochwürdiger und hochverehrter Freund!

Inmitten alles dessen, was dieser ruchlos heraufgeführte Krieg
über uns bringt, kann ich nicht aufhören, Ihrer zu gedenken. Dabei
kehren aber meine Gedanken immer wieder zu einer Frage zurück,
die mich nicht zur Ruhe kommen läßt.
In der Handlungsweise der englischen Regierung, auch in den
Worten, mit welchen Sir Ed. Grey versucht hat, diese Handlungs-
weise zu begründen, ist nichts, aber auch nicht das allergeringste von
dem zu erkennen, was man Gefühl für Recht und Unrecht, für
Ehre und Schande nennen kann, und vor allem nicht die leiseste
Spur von dem Bewußtsein einer sittlichen Verantwortlichkeit, ge-
schweige von einem christlichen Gewissen. Wäre von alledem auch
nur ein bescheidenes Maß vorhanden gewesen, so hätte die englische
Regierung von vorneherein mit unzweideutiger Entschiedenheit von
sich weisen müssen, in einem Krieg wie diesem an die Seite Rußlands
zu treten: und sie hätte damit aller Wahrscheinlichkeit nach die Lokali-
sierung des Krieges auf Oesterreich und Serbien, unzweifelhaft aber
die Isolierung Rußlands erreicht und die Ausbreitung des Krieges
auf Westeuropa verhindert.
Wenn dies nicht geschehen ist, und wenn es nun wirklich dazu
kommt, daß in einem Meer von Blut und Tränen alles untergeht,
was man westeuropäische Kultur zu nennen gewohnt war, so
trägt England daran die Schuld: und nicht nur an all dem undenk-
baren Jammer und Herzeleid, nicht nur an einem wirtschaftlichen
Zusammenbruch ohnegleichen, sondern, was vielleicht noch furcht-
barer ist, an dem tödlichen Haß, der insbesondere die eigentlichen
Träger der abendländischen Kultur, die Deutschen und die Engländer,
auf Menschenalter hinaus in unversöhnlicher Feindschaft voneinan-
der reißen wird: ein Aergernis schwerster Art für jedes aufrichtige
christliche Gemüt, ein Anstoß für den Glauben, eine starke Ver-
suchung zum Unglauben, ein Triumph für den Teufel.
Meine Frage aber ist die: was werden die englischen Christen
innerhalb und außerhalb der Staatskirche tun, um sich von der Mit-
schuld für dieses ungeheure Verbrechen an der Menschheit im allge-
meinen und an der Christenheit im besonderen frei zu machen?
Was werden insbesondere diejenigen unter ihnen tun, welche, wie
Sie selbst, mein hochwürdiger und hochverehrter Freund, genau
wissen, wie unermeßlich viel aufrichtige, treue, tatkräftige Liebe für
England in deutschen Herzen gewohnt hat: in Herzen, die sich nun
mit Grauen und Abscheu, und, es kann nicht anders sein, mit Er-
bitterung, ja mit unauslöschlichem Haß von einem Staatswesen ab-
wenden, das sich christlich nennt, und das sich doch nicht scheut, seine
gewaltige Macht in die Schale des Krieges (und was für eines
Krieges!) gegen den Frieden zu werfen, in die Schale des Unrechts
und der Lüge gegen Wahrheit und sonnenklares Recht: gemeinsame
Sache zu machen mit den Meuchelmördern in Serajevo, ihren ser-
bischen Hintermännern und deren russischen Beschützern! Was wer-
den, so frage ich, die englischen Christen tun? Und diese Frage richte
ich auch an Sie.
Sie haben gestern davon gesprochen, daß Sie am liebsten nie
mehr nach England zurückkehren würden. Ist es aber nicht vielmehr
Ihre heilige Pflicht und die Pflicht aller derer, welche uns Deutsche
kennen gelernt haben, wie Sie uns kennen, daß sie je eher je lieber
nach England zurückkehren und dort Zeugnis ablegen gegen einen
Krieg, der England schändet, wie noch nie ein hochstehendes Volk
sich selbst geschändet hat, der die westeuropäische Kulturgemeinschaft
in Fetzen reißt, und aus dem England, mag nun der Ausgang sein
wie immer, mit einer Last von Haß und Verachtung hervorgehen
wird, an der auch die verhärtetsten englischen Gemüter (und neben-
bei auch die englischen Geschäftsinteressen) überaus schwer zu tragen
haben werden.
Es gibt noch eine andere Frage, die ich immer wieder mir selbst
vorlege: die Frage, ob es angesichts der englischen Kriegserklärung
für unsereinen noch möglich ist, zu irgend einem Engländer in irgend
etwas wie freundschaftlichen Beziehungen zu bleiben, auch zu einem
Engländer wie Sie, der Sie das ganze Unrecht Ihrer Regierung
erkennen und anerkennen. Ich kann nicht sagen, wie namenlos
schmerzlich diese Frage für mich ist; Sie wissen es ja, daß ich in
unsere Freundschaft mein ganzes, volles Herz gelegt habe. Aber

15. Auguſt 1914. Allgemeine Zeitung
[Spaltenumbruch] ganzen Grenze Oſt- und Mittelgaliziens erneuten die Ruſſen ihre
Verſuche, in öſterreichiſches Gebiet einzufallen. Außer Kavallerie
traten auch Infanterie-Abteilungen mit Geſchützen in Tätigkeit.
Trotzdem vermochte der öſterreichiſche Grenzſchutz alle Angriffe ab-
zuwehren. Die von den Oeſterreichern hiebei erlittenen Verluſte
ſind noch nicht genau bekannt, ſind aber geringfügig. Ein beſonders
heftiger Kampf entſpann ſich mit zwei Sotnien Koſaken. Der an-
gegriffene Grenzpoſten hielt den Feind auf und nahm ihm neun
Pferde, die von einigen im Reiten geübten Soldaten des Poſtens
ſofort benutzt wurden, um eine Attacke zu reiten. Dies veranlaßte
die durch das Feuer ſchon arg mitgenommenen Koſaken zur eiligen
Räumung des Gefechtsfeldes, auf dem ſie 90 Tote und Verwundete
zurückließen. Die Oeſterreicher hatten keine Verluſte. Eine öſter-
reichiſche Grenzabteilung, die von Oeſterreichiſch-Nowoſielitza über
die Mohilewhöhe bis zum gleichnamigen ruſſiſchen Grenzort vorge-
drungen war, wehrte eine Reihe überlegener Angriffe ab. Da mit
dem Vorſtoß der beabſichtigte Zweck inzwiſchen erfüllt war, erhielt
die Abteilung den Befehl, die frühere Stellung wieder einzunehmen,
die weiter behauptet wird. Im Verlauf der mehrtägigen Kämpfe
von Beginn des Vorſtoßes an bis zum Einrücken in die frühere
Stellung büßte die Abteilung vier Tote und fünf Verwundete ein.
Die von den öſterreichiſchen Grenztruppen zur Löſung beſonderer
Aufgaben unternommenen kleineren Vorſtöße wurden erfolgreich
durchgeführt.

Das Blatt Gazette Poraanna meldet aus Krakau vom 8. Aug.,
daß 800 galiziſche Jungſchützen unter Hauptmann Frank in der
Nacht etwa tauſend meiſt ſchlafende Koſaken überfielen. Der Kampf
dauerte einige Stunden und endete mit dem vollſtändigen Rückzug
der Koſaken, die etwa 400 Tote und Verwundete hatten. Haupt-
mann Frank hatte 140 Verwundete und beſetzte Mieſchow. Die
Jungſchützen haben ihren Marſch nordwärts nach Kſiaz fortgeſetzt,
das nach kurzem Scharmützel beſetzt wurde. Die Ruſſen ließen hier
Tote, Verwundete und bedeutende Proviantvorräte zurück. Es
heißt, daß auch Pilitza und Kielce von den Ruſſen geräumt worden
ſind. Unter den polniſchen Jungſchützen herrſcht große Begeiſterung.



Auf dem ſüdlichen Kriegsſchauplatz zeigten die Montenegriner
große Angriffsluſt gegen die öſterreichiſch-ungariſche Grenze.
Am 8. Auguſt brachen ſie in einer Stärke von 4000
Mann gegen die Grenzpoſten öſtlich der Feſtung Trebinje vor,
Der Verluſt der Oeſterreicher betrug einen Offizier und 21 Mann,
während 200 Montenegriner getötet wurden. Ferner ſah man ſie
zahlreiche Schwerverwundete mit zurückſchleppen. Am 9 Auguſt
in der Frühe verſuchte eine andere montenegriniſche Kolonne den
Poſten Gad bei Autovac zu überfallen, die Beſatzung wies jedoch
den Anſchlag zurück.

Die Wiener „Neue Freie Preſſe“ erhält nachſtehenden kleinen
Stimmungsbericht, den die „Albaneſiſche Korreſpondenz“ aus Salo-
niki vermittelt: Alle Nachrichten, die aus dem ſerbiſchen Teil Maze-
doniens hier eintreffen, berichten von einer wachſenden Erregung
der Bevölkerung gegen die Serben. Der allgemeine Aufruf zu den
Waffen, der von ſerbiſcher Seite an die Bevölkerung der neuerober-
ten Gebiete ergangen iſt, hat einen ſehr mangelhaften Erfolg ge-
habt. Sowohl die albaneſiſche als auch die bulgariſche Bevölkerung
hat es abgelehnt, ihm Folge zu leiſten. In dieſem Teil der Bevöl-
kerung ſieht man vielmehr den Augenblick für gekommen, um die
verhaßte ſerbiſche Herrſchaft abzuſchütteln. Die umfaſſende und
mit den brutalſten Mitteln durchgeführte Requiſition von Vieh und
Lebensmitteln für das ſerbiſche Heer hat in ganz Mazedonien die
Erregung vergrößert und in einigen Gegenden ſogar zu offener
Auflehnung geführt. Angeſichts der drohenden Haltung der bul-
gariſchen Bevölkerung Mazedoniens liefern die ſerbiſchen Behörden
der mohammedaniſchen Bevölkerung Waffen aus und ſuchen dieſe
gegen die Bulgaren aufzureizen. In vielen Orten ſind Verhaf-
tungen vorgenommen worden. In der Umgebung von Monaſtir
flüchtete die Bevölkerung mit ihrem Vieh ins Gebirge.



Eine Mahnung.

Wir veröffentlichen nachſtehendes, uns zur Verfügung geſtellte
Schreiben, weil es für unſern Leſerkreis und weit darüber hinaus
als ein Zeitdokument von Intereſſe ſein wird. Der Verfaſſer des
Briefes iſt mit dem engliſchen Adreſſaten in jahrelanger Freund-
ſchaft verbunden geweſen. Es iſt anzunehmen daß ſein mahnendes
Wort auch den Weg nach England finden wird.

[Spaltenumbruch]

Herrn
Rev. Cowling
Kaplan der engl. Kirche
München, Karlsplatz 5.

Mein hochwürdiger und hochverehrter Freund!

Inmitten alles deſſen, was dieſer ruchlos heraufgeführte Krieg
über uns bringt, kann ich nicht aufhören, Ihrer zu gedenken. Dabei
kehren aber meine Gedanken immer wieder zu einer Frage zurück,
die mich nicht zur Ruhe kommen läßt.
In der Handlungsweiſe der engliſchen Regierung, auch in den
Worten, mit welchen Sir Ed. Grey verſucht hat, dieſe Handlungs-
weiſe zu begründen, iſt nichts, aber auch nicht das allergeringſte von
dem zu erkennen, was man Gefühl für Recht und Unrecht, für
Ehre und Schande nennen kann, und vor allem nicht die leiſeſte
Spur von dem Bewußtſein einer ſittlichen Verantwortlichkeit, ge-
ſchweige von einem chriſtlichen Gewiſſen. Wäre von alledem auch
nur ein beſcheidenes Maß vorhanden geweſen, ſo hätte die engliſche
Regierung von vorneherein mit unzweideutiger Entſchiedenheit von
ſich weiſen müſſen, in einem Krieg wie dieſem an die Seite Rußlands
zu treten: und ſie hätte damit aller Wahrſcheinlichkeit nach die Lokali-
ſierung des Krieges auf Oeſterreich und Serbien, unzweifelhaft aber
die Iſolierung Rußlands erreicht und die Ausbreitung des Krieges
auf Weſteuropa verhindert.
Wenn dies nicht geſchehen iſt, und wenn es nun wirklich dazu
kommt, daß in einem Meer von Blut und Tränen alles untergeht,
was man weſteuropäiſche Kultur zu nennen gewohnt war, ſo
trägt England daran die Schuld: und nicht nur an all dem undenk-
baren Jammer und Herzeleid, nicht nur an einem wirtſchaftlichen
Zuſammenbruch ohnegleichen, ſondern, was vielleicht noch furcht-
barer iſt, an dem tödlichen Haß, der insbeſondere die eigentlichen
Träger der abendländiſchen Kultur, die Deutſchen und die Engländer,
auf Menſchenalter hinaus in unverſöhnlicher Feindſchaft voneinan-
der reißen wird: ein Aergernis ſchwerſter Art für jedes aufrichtige
chriſtliche Gemüt, ein Anſtoß für den Glauben, eine ſtarke Ver-
ſuchung zum Unglauben, ein Triumph für den Teufel.
Meine Frage aber iſt die: was werden die engliſchen Chriſten
innerhalb und außerhalb der Staatskirche tun, um ſich von der Mit-
ſchuld für dieſes ungeheure Verbrechen an der Menſchheit im allge-
meinen und an der Chriſtenheit im beſonderen frei zu machen?
Was werden insbeſondere diejenigen unter ihnen tun, welche, wie
Sie ſelbſt, mein hochwürdiger und hochverehrter Freund, genau
wiſſen, wie unermeßlich viel aufrichtige, treue, tatkräftige Liebe für
England in deutſchen Herzen gewohnt hat: in Herzen, die ſich nun
mit Grauen und Abſcheu, und, es kann nicht anders ſein, mit Er-
bitterung, ja mit unauslöſchlichem Haß von einem Staatsweſen ab-
wenden, das ſich chriſtlich nennt, und das ſich doch nicht ſcheut, ſeine
gewaltige Macht in die Schale des Krieges (und was für eines
Krieges!) gegen den Frieden zu werfen, in die Schale des Unrechts
und der Lüge gegen Wahrheit und ſonnenklares Recht: gemeinſame
Sache zu machen mit den Meuchelmördern in Serajevo, ihren ſer-
biſchen Hintermännern und deren ruſſiſchen Beſchützern! Was wer-
den, ſo frage ich, die engliſchen Chriſten tun? Und dieſe Frage richte
ich auch an Sie.
Sie haben geſtern davon geſprochen, daß Sie am liebſten nie
mehr nach England zurückkehren würden. Iſt es aber nicht vielmehr
Ihre heilige Pflicht und die Pflicht aller derer, welche uns Deutſche
kennen gelernt haben, wie Sie uns kennen, daß ſie je eher je lieber
nach England zurückkehren und dort Zeugnis ablegen gegen einen
Krieg, der England ſchändet, wie noch nie ein hochſtehendes Volk
ſich ſelbſt geſchändet hat, der die weſteuropäiſche Kulturgemeinſchaft
in Fetzen reißt, und aus dem England, mag nun der Ausgang ſein
wie immer, mit einer Laſt von Haß und Verachtung hervorgehen
wird, an der auch die verhärtetſten engliſchen Gemüter (und neben-
bei auch die engliſchen Geſchäftsintereſſen) überaus ſchwer zu tragen
haben werden.
Es gibt noch eine andere Frage, die ich immer wieder mir ſelbſt
vorlege: die Frage, ob es angeſichts der engliſchen Kriegserklärung
für unſereinen noch möglich iſt, zu irgend einem Engländer in irgend
etwas wie freundſchaftlichen Beziehungen zu bleiben, auch zu einem
Engländer wie Sie, der Sie das ganze Unrecht Ihrer Regierung
erkennen und anerkennen. Ich kann nicht ſagen, wie namenlos
ſchmerzlich dieſe Frage für mich iſt; Sie wiſſen es ja, daß ich in
unſere Freundſchaft mein ganzes, volles Herz gelegt habe. Aber

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[513/0007] 15. Auguſt 1914. Allgemeine Zeitung ganzen Grenze Oſt- und Mittelgaliziens erneuten die Ruſſen ihre Verſuche, in öſterreichiſches Gebiet einzufallen. Außer Kavallerie traten auch Infanterie-Abteilungen mit Geſchützen in Tätigkeit. Trotzdem vermochte der öſterreichiſche Grenzſchutz alle Angriffe ab- zuwehren. Die von den Oeſterreichern hiebei erlittenen Verluſte ſind noch nicht genau bekannt, ſind aber geringfügig. Ein beſonders heftiger Kampf entſpann ſich mit zwei Sotnien Koſaken. Der an- gegriffene Grenzpoſten hielt den Feind auf und nahm ihm neun Pferde, die von einigen im Reiten geübten Soldaten des Poſtens ſofort benutzt wurden, um eine Attacke zu reiten. Dies veranlaßte die durch das Feuer ſchon arg mitgenommenen Koſaken zur eiligen Räumung des Gefechtsfeldes, auf dem ſie 90 Tote und Verwundete zurückließen. Die Oeſterreicher hatten keine Verluſte. Eine öſter- reichiſche Grenzabteilung, die von Oeſterreichiſch-Nowoſielitza über die Mohilewhöhe bis zum gleichnamigen ruſſiſchen Grenzort vorge- drungen war, wehrte eine Reihe überlegener Angriffe ab. Da mit dem Vorſtoß der beabſichtigte Zweck inzwiſchen erfüllt war, erhielt die Abteilung den Befehl, die frühere Stellung wieder einzunehmen, die weiter behauptet wird. Im Verlauf der mehrtägigen Kämpfe von Beginn des Vorſtoßes an bis zum Einrücken in die frühere Stellung büßte die Abteilung vier Tote und fünf Verwundete ein. Die von den öſterreichiſchen Grenztruppen zur Löſung beſonderer Aufgaben unternommenen kleineren Vorſtöße wurden erfolgreich durchgeführt. Das Blatt Gazette Poraanna meldet aus Krakau vom 8. Aug., daß 800 galiziſche Jungſchützen unter Hauptmann Frank in der Nacht etwa tauſend meiſt ſchlafende Koſaken überfielen. Der Kampf dauerte einige Stunden und endete mit dem vollſtändigen Rückzug der Koſaken, die etwa 400 Tote und Verwundete hatten. Haupt- mann Frank hatte 140 Verwundete und beſetzte Mieſchow. Die Jungſchützen haben ihren Marſch nordwärts nach Kſiaz fortgeſetzt, das nach kurzem Scharmützel beſetzt wurde. Die Ruſſen ließen hier Tote, Verwundete und bedeutende Proviantvorräte zurück. Es heißt, daß auch Pilitza und Kielce von den Ruſſen geräumt worden ſind. Unter den polniſchen Jungſchützen herrſcht große Begeiſterung. Auf dem ſüdlichen Kriegsſchauplatz zeigten die Montenegriner große Angriffsluſt gegen die öſterreichiſch-ungariſche Grenze. Am 8. Auguſt brachen ſie in einer Stärke von 4000 Mann gegen die Grenzpoſten öſtlich der Feſtung Trebinje vor, Der Verluſt der Oeſterreicher betrug einen Offizier und 21 Mann, während 200 Montenegriner getötet wurden. Ferner ſah man ſie zahlreiche Schwerverwundete mit zurückſchleppen. Am 9 Auguſt in der Frühe verſuchte eine andere montenegriniſche Kolonne den Poſten Gad bei Autovac zu überfallen, die Beſatzung wies jedoch den Anſchlag zurück. Die Wiener „Neue Freie Preſſe“ erhält nachſtehenden kleinen Stimmungsbericht, den die „Albaneſiſche Korreſpondenz“ aus Salo- niki vermittelt: Alle Nachrichten, die aus dem ſerbiſchen Teil Maze- doniens hier eintreffen, berichten von einer wachſenden Erregung der Bevölkerung gegen die Serben. Der allgemeine Aufruf zu den Waffen, der von ſerbiſcher Seite an die Bevölkerung der neuerober- ten Gebiete ergangen iſt, hat einen ſehr mangelhaften Erfolg ge- habt. Sowohl die albaneſiſche als auch die bulgariſche Bevölkerung hat es abgelehnt, ihm Folge zu leiſten. In dieſem Teil der Bevöl- kerung ſieht man vielmehr den Augenblick für gekommen, um die verhaßte ſerbiſche Herrſchaft abzuſchütteln. Die umfaſſende und mit den brutalſten Mitteln durchgeführte Requiſition von Vieh und Lebensmitteln für das ſerbiſche Heer hat in ganz Mazedonien die Erregung vergrößert und in einigen Gegenden ſogar zu offener Auflehnung geführt. Angeſichts der drohenden Haltung der bul- gariſchen Bevölkerung Mazedoniens liefern die ſerbiſchen Behörden der mohammedaniſchen Bevölkerung Waffen aus und ſuchen dieſe gegen die Bulgaren aufzureizen. In vielen Orten ſind Verhaf- tungen vorgenommen worden. In der Umgebung von Monaſtir flüchtete die Bevölkerung mit ihrem Vieh ins Gebirge. Eine Mahnung. Wir veröffentlichen nachſtehendes, uns zur Verfügung geſtellte Schreiben, weil es für unſern Leſerkreis und weit darüber hinaus als ein Zeitdokument von Intereſſe ſein wird. Der Verfaſſer des Briefes iſt mit dem engliſchen Adreſſaten in jahrelanger Freund- ſchaft verbunden geweſen. Es iſt anzunehmen daß ſein mahnendes Wort auch den Weg nach England finden wird. München, 9. Auguſt 1914. Herrn Rev. Cowling Kaplan der engl. Kirche München, Karlsplatz 5. Mein hochwürdiger und hochverehrter Freund! Inmitten alles deſſen, was dieſer ruchlos heraufgeführte Krieg über uns bringt, kann ich nicht aufhören, Ihrer zu gedenken. Dabei kehren aber meine Gedanken immer wieder zu einer Frage zurück, die mich nicht zur Ruhe kommen läßt. In der Handlungsweiſe der engliſchen Regierung, auch in den Worten, mit welchen Sir Ed. Grey verſucht hat, dieſe Handlungs- weiſe zu begründen, iſt nichts, aber auch nicht das allergeringſte von dem zu erkennen, was man Gefühl für Recht und Unrecht, für Ehre und Schande nennen kann, und vor allem nicht die leiſeſte Spur von dem Bewußtſein einer ſittlichen Verantwortlichkeit, ge- ſchweige von einem chriſtlichen Gewiſſen. Wäre von alledem auch nur ein beſcheidenes Maß vorhanden geweſen, ſo hätte die engliſche Regierung von vorneherein mit unzweideutiger Entſchiedenheit von ſich weiſen müſſen, in einem Krieg wie dieſem an die Seite Rußlands zu treten: und ſie hätte damit aller Wahrſcheinlichkeit nach die Lokali- ſierung des Krieges auf Oeſterreich und Serbien, unzweifelhaft aber die Iſolierung Rußlands erreicht und die Ausbreitung des Krieges auf Weſteuropa verhindert. Wenn dies nicht geſchehen iſt, und wenn es nun wirklich dazu kommt, daß in einem Meer von Blut und Tränen alles untergeht, was man weſteuropäiſche Kultur zu nennen gewohnt war, ſo trägt England daran die Schuld: und nicht nur an all dem undenk- baren Jammer und Herzeleid, nicht nur an einem wirtſchaftlichen Zuſammenbruch ohnegleichen, ſondern, was vielleicht noch furcht- barer iſt, an dem tödlichen Haß, der insbeſondere die eigentlichen Träger der abendländiſchen Kultur, die Deutſchen und die Engländer, auf Menſchenalter hinaus in unverſöhnlicher Feindſchaft voneinan- der reißen wird: ein Aergernis ſchwerſter Art für jedes aufrichtige chriſtliche Gemüt, ein Anſtoß für den Glauben, eine ſtarke Ver- ſuchung zum Unglauben, ein Triumph für den Teufel. Meine Frage aber iſt die: was werden die engliſchen Chriſten innerhalb und außerhalb der Staatskirche tun, um ſich von der Mit- ſchuld für dieſes ungeheure Verbrechen an der Menſchheit im allge- meinen und an der Chriſtenheit im beſonderen frei zu machen? Was werden insbeſondere diejenigen unter ihnen tun, welche, wie Sie ſelbſt, mein hochwürdiger und hochverehrter Freund, genau wiſſen, wie unermeßlich viel aufrichtige, treue, tatkräftige Liebe für England in deutſchen Herzen gewohnt hat: in Herzen, die ſich nun mit Grauen und Abſcheu, und, es kann nicht anders ſein, mit Er- bitterung, ja mit unauslöſchlichem Haß von einem Staatsweſen ab- wenden, das ſich chriſtlich nennt, und das ſich doch nicht ſcheut, ſeine gewaltige Macht in die Schale des Krieges (und was für eines Krieges!) gegen den Frieden zu werfen, in die Schale des Unrechts und der Lüge gegen Wahrheit und ſonnenklares Recht: gemeinſame Sache zu machen mit den Meuchelmördern in Serajevo, ihren ſer- biſchen Hintermännern und deren ruſſiſchen Beſchützern! Was wer- den, ſo frage ich, die engliſchen Chriſten tun? Und dieſe Frage richte ich auch an Sie. Sie haben geſtern davon geſprochen, daß Sie am liebſten nie mehr nach England zurückkehren würden. Iſt es aber nicht vielmehr Ihre heilige Pflicht und die Pflicht aller derer, welche uns Deutſche kennen gelernt haben, wie Sie uns kennen, daß ſie je eher je lieber nach England zurückkehren und dort Zeugnis ablegen gegen einen Krieg, der England ſchändet, wie noch nie ein hochſtehendes Volk ſich ſelbſt geſchändet hat, der die weſteuropäiſche Kulturgemeinſchaft in Fetzen reißt, und aus dem England, mag nun der Ausgang ſein wie immer, mit einer Laſt von Haß und Verachtung hervorgehen wird, an der auch die verhärtetſten engliſchen Gemüter (und neben- bei auch die engliſchen Geſchäftsintereſſen) überaus ſchwer zu tragen haben werden. Es gibt noch eine andere Frage, die ich immer wieder mir ſelbſt vorlege: die Frage, ob es angeſichts der engliſchen Kriegserklärung für unſereinen noch möglich iſt, zu irgend einem Engländer in irgend etwas wie freundſchaftlichen Beziehungen zu bleiben, auch zu einem Engländer wie Sie, der Sie das ganze Unrecht Ihrer Regierung erkennen und anerkennen. Ich kann nicht ſagen, wie namenlos ſchmerzlich dieſe Frage für mich iſt; Sie wiſſen es ja, daß ich in unſere Freundſchaft mein ganzes, volles Herz gelegt habe. Aber

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Britt-Marie Schuster, Alexander Geyken, Susanne Haaf, Christopher Georgi, Frauke Thielert, Linda Kirsten, t.evo: Die Evolution von komplexen Textmustern: Aufbau eines Korpus historischer Zeitungen zur Untersuchung der Mehrdimensionalität des Textmusterwandels

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Zitationshilfe: Allgemeine Zeitung, Nr. 33, 15. August 1914, S. 513. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/nn_allgemeine33_1914/7>, abgerufen am 21.04.2024.