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Allgemeine Zeitung, Nr. 43, 24. Oktober 1914.

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Allgemeine Zeitung 24. Oktober 1914.
[Spaltenumbruch]
Feuilleton
Unseren Toten
widmet der Schriftsteller Walter Bloem, der als hauptmann ins
Feld zog und verwundet wurde, das folgende Gedicht:
Euch, die ich fallen sah auf Belgiens Auen,
Euch, die ihr sankt in Frankreichs Saatgetreid'!
In Euren Augen noch des Todes Grauen,
Um Eure Stirnen schon Unsterblichkeit --
Euch, Kameraden, Gruß! Die Waffe rostet
In Eurer starren Faust, die nie gebebt --
Gruß Euch von einem, der das Blei gekostet,
Doch lebt, und fast sich schämt, daß er noch lebt.
Ihr, die ich half ins kühle Dunkel betten,
Ihr, die Ihr modert einsam, unentdeckt,
Ihr, die Ihr welktet in den Lazaretten,
Ihr, die das tück'sche Mörderblei gestreckt,
Ihr, die des Schrapnells Bluterguß zerwettert,
Daß Ihr des Kampfes heiße Lust gebüßt,
Und Ihr, die der Granate Sprung zerschmettert --
Ihr heil'gen Toten, seid gegrüßt -- gegrüßt!
Nun ist um Euch daheim ein jähes Klagen,
Und schwarze Trauer deckt, die Euch geliebt,
Doch Eure Seelen sind hinaufgetragen,
Dorthin, wo's nicht mehr Krieg noch Wunden gibt.
Oh, Ihr könnt ruh'n! Um unsre Stirnen hangen
Der Sorge Schleier und der herben Not,
Und auch des Kühnsten Seele faßt ein Bangen:
O Herr, wann dämmert uns Dein Morgenrot?
Doch -- Friede? Nein! Es schauen unsere Toten
Von droben ernst herab auf unsern Kampf --
Sturm! Sturm! Dem Feind aufs neu die Brust geboten!
Granaten! Schrapnells! Eisen! Pulverdampf!
Noch lange Züge müssen todwärts wallen!
Die Schar da droben ist noch viel zu klein!
Auf! In den Feind! Was fallen soll, mag fallen!
Erst muß das Vaterland erhöhet sein!


Der Tiroler Kuhhirt.

Im "Pester Lloyd" erzählt sein Kriegsberichterstatter Ludwig
Biro folgendes Stückchen vom nördlichen Kriegsschauplatz:

.... Die Tiroler Landesschützen waren irgendwo auf Vor-
posten. Die Truppen besitzt eine Kuh. Ich weiß nicht, wie sie
sich sie verschafft hat. Ein kostbares Gut; es wird einem alten
Reservisten anvertraut, der daheim in den Tiroler Bergen Kuh-
hirt war.

Einmal suchen sie die Kuh und ihren Hüter und finden sie
nicht. Die Kuh hat sich verlaufen, der Hirt ist ihr nach, um sie
zurückzubringen. Wohin sind die beiden gegangen? Auf die
russischen Vorposten zu. Auf die russischen Vorposten zu macht sich
gerade eine Husarenabteilung auf den Patrouillenritt. Der Leut-
nant der Tiroler bittet den Husarenleutnant, den Kuhhirten, falls
er ihn erblickt, zurückzubefördern: mit der Kuh, wenn möglich, ohne
Kuh, wenn es anders nicht geht.

Die Husaren reiten fort und entdecken nach einer Viertelstunde
am Rande eines Waldes tatsächlich die Kuh. Wo aber steckt der
Hirt? Der Feldstecher verrät, daß auch er dabei ist. Er hat die
durchgebrannte Kuh eingeholt und rastet nun ein wenig. Er setzt
sich nieder und raucht seine Pfeife. Kaum steigen die ersten Rauch-
wolken aus der Pfeife auf, als wenige hundert Schritte von dem
rauchenden Manne -- man kann es von hier aus ganz deutlich
[Spaltenumbruch] sehen -- sechs Reiter auftauchen: Kosaken. Trabend kommen sie
auf die Kuh und den Hirten zu. Die Husaren sehen die Sache,
sind aber ganz ohnmächtig. Felsen und Abgründe liegen zwischen
ihnen und dem Tiroler; es dauert eine gute halbe Stunde, auf die
andere Seite des Tales zu gelangen. Na, du armer Tiroler, was
wird jetzt mit dir? Die Kosaken traben auf den Tiroler zu. Der
Tiroler bemerkt sie. Er hebt seine Flinte aus dem Grase, kniet
nieder, legt an, pam! pam! pam! -- von den sechs Pferden brechen
zwei zusammen, die anderen machen Kehrt und galoppieren wie
rasend zurück. Der Tiroler streckt sich wieder ins Gras. Die Pfeife
hat er noch immer im Munde.

Die Husaren reiten auf ihn zu. Sie haben noch kein Viertel
des Weges zurückgelegt, als drüben, jenseits des Tales, ein neuer
Reitertrupp auftaucht. Diesmal ist es eine ganze Sotnie Kosaken;
die vorigen sechs Reiter waren nur deren vorgeschickte Patrouille.
Die ganze Sotnie reitet auf den Tiroler zu. Die Husaren sehen
es; aber sie können noch immer nichts tun. Na, du Tiroler Schütze,
jetzt wissen wir wirklich nicht, wie es dir armen Kerl ergehen wird!
Der Tiroler Schütze sieht die Kosaken, betrachtet sie mißbilligend,
dann steht er auf und zieht sich langsam in den Wald zurück. Die
Bäume verbergen ihn. Die Kosaken traben auf den Wald zu.
Plötzlich dröhnt es aus dem Walde. Pam-pam-pam-pam-pam --
fünf Schüsse in raschem Nacheinander. Fünf Pferde stürzen. Kurze
Pause. Dann wieder: pam-pam-pam-pam-pam. Wieder ein paar
Pferde. Kurze Pause. Dann tritt das Mannlicher-Gewehr des
Tiroler Landesschützen wieder in Tätigkeit, das aber warten die
Kosaken nicht mehr ab. Die ganze Sotnie macht Kehrt und sprengt
mit verhängtem Zügel davon. (Die werden nun im Lager melden,
daß ein ganzes Infanterieregiment im Walde versteckt sei!)

Darauf beginnen die Husaren rasch zu traben und erreichen
bald den Tiroler. Der hat noch immer die Pfeife im Munde.
"Na, Gevatter", sagt der Husarenleutnant, "jetzt schau aber, daß
du weiterkommst, denn die dort kommen gleich mit einer Kanone
gegen dich!"

Der Tiroler aber will nicht. Er schüttelt den Kopf; er nimmt
die Pfeife aus dem Mund; er ist wütend.

"Bei der blöden Schießerei", sagte er, "ist mir die
Kuh ausgekommen. Die muß ich erst einfangen.
"
Von unseren Hochschulen
München.

Theodor Lipps, der bekannte Münchener
Philosophieprofessor, ist am 17. d. M. im Alter von 63 Jahren
gestorben. Theodor Lipps wurde geboren am 28. Juli 1851 in
Wallhalben in der Pfalz. Er studierte in Erlangen, Tübingen,
Utrecht und Bonn, 1877 habilitierte er sich in Bonn für Philosophie,
1884 wurde er dort zum außerordentlichen Professor ernannt, 1890
kam er als ordentlicher Professor nach Breslau und wurde von
dort 1894 nach München berufen. Vor drei Jahren hat Prof.
Lipps infolge eines schweren Nervenleidens seine Lehrtätigkeit an
der Münchener Universität aufgeben müssen. Von den Werken
Prof. Lipps seien genannt: "Grundtatsachen des Seelenlebens"
(1883); "Psychologische Studien" (2. Aufl., 1905); "Der Streit um
die Tragödie" (1891); "Aesthetische Faktoren der Raumanschauung"
(1891); "Grundzüge der Logik" (1893); "Raumästhetik und geome-
trisch-optische Täuschungen", "Komik und Humor" (1898); "Die
ethischen Grundfragen" (2. Aufl., 1905); "Selbstbewußtsein, Emp-
findung und Gefühl" (1901); "Vom Fühlen, Wollen und Denken"
(2. Aufl., 1905); "Einheiten und Relation" (1902); "Leitfaden der
Psychologie" (2. Aufl., 1906); "Aesthetik, Psychologie des Schönen
und der Kunst" (1903); "Herausgabe von Humes Traktat über die
menschliche Natur, in deutscher Uebersetzung mit Anmerkungen"
(3. Aufl., 1906); "Psychologische Untersuchungen" (1905) und
andere Abhandlungen mehr.

Frankfurt a. M.

Die Universität Frankfurt a. M.
ist am 18. d. M. ohne besondere Feier still eröffnet worden. Auf
eine Meldung, die die Vertreter der Universität an den Kaiser
gerichtet haben, erhielten Rektor und Senat folgendes Telegramm
aus dem Großen Hauptquartier:

"Ich danke herzlich für die Meldung, daß die Universität
ihre Arbeit jetzt beginnen wird. Gern hätte Ich am heutigen
bedeutungsvollen Gedenktag die hochherzige Stiftung Frankfurts
und seiner opferwilligen Bürgerschaft persönlich eingeweiht. Die
notwendig gewordene Verteidigung des Vaterlandes gegen ruch-
lose Angriffe unserer Feinde hat Mir dringendere Pflichten auf-
erlegt. Meine wärmsten Wünsche geleiten die neue Pflanzstätte
deutscher Bildung und Wissenschaft. Möge sie aus der ernsten
Zeit ihrer Begründung heraus sich zu kräftiger Blüte in glück-
licheren Tagen entwickeln; möge die treue Arbeit der Lehrer
Allgemeine Zeitung 24. Oktober 1914.
[Spaltenumbruch]
Feuilleton
Unſeren Toten
widmet der Schriftſteller Walter Bloem, der als hauptmann ins
Feld zog und verwundet wurde, das folgende Gedicht:
Euch, die ich fallen ſah auf Belgiens Auen,
Euch, die ihr ſankt in Frankreichs Saatgetreid’!
In Euren Augen noch des Todes Grauen,
Um Eure Stirnen ſchon Unſterblichkeit —
Euch, Kameraden, Gruß! Die Waffe roſtet
In Eurer ſtarren Fauſt, die nie gebebt —
Gruß Euch von einem, der das Blei gekoſtet,
Doch lebt, und faſt ſich ſchämt, daß er noch lebt.
Ihr, die ich half ins kühle Dunkel betten,
Ihr, die Ihr modert einſam, unentdeckt,
Ihr, die Ihr welktet in den Lazaretten,
Ihr, die das tück’ſche Mörderblei geſtreckt,
Ihr, die des Schrapnells Bluterguß zerwettert,
Daß Ihr des Kampfes heiße Luſt gebüßt,
Und Ihr, die der Granate Sprung zerſchmettert —
Ihr heil’gen Toten, ſeid gegrüßt — gegrüßt!
Nun iſt um Euch daheim ein jähes Klagen,
Und ſchwarze Trauer deckt, die Euch geliebt,
Doch Eure Seelen ſind hinaufgetragen,
Dorthin, wo’s nicht mehr Krieg noch Wunden gibt.
Oh, Ihr könnt ruh’n! Um unſre Stirnen hangen
Der Sorge Schleier und der herben Not,
Und auch des Kühnſten Seele faßt ein Bangen:
O Herr, wann dämmert uns Dein Morgenrot?
Doch — Friede? Nein! Es ſchauen unſere Toten
Von droben ernſt herab auf unſern Kampf —
Sturm! Sturm! Dem Feind aufs neu die Bruſt geboten!
Granaten! Schrapnells! Eiſen! Pulverdampf!
Noch lange Züge müſſen todwärts wallen!
Die Schar da droben iſt noch viel zu klein!
Auf! In den Feind! Was fallen ſoll, mag fallen!
Erſt muß das Vaterland erhöhet ſein!


Der Tiroler Kuhhirt.

Im „Peſter Lloyd“ erzählt ſein Kriegsberichterſtatter Ludwig
Biro folgendes Stückchen vom nördlichen Kriegsſchauplatz:

.... Die Tiroler Landesſchützen waren irgendwo auf Vor-
poſten. Die Truppen beſitzt eine Kuh. Ich weiß nicht, wie ſie
ſich ſie verſchafft hat. Ein koſtbares Gut; es wird einem alten
Reſerviſten anvertraut, der daheim in den Tiroler Bergen Kuh-
hirt war.

Einmal ſuchen ſie die Kuh und ihren Hüter und finden ſie
nicht. Die Kuh hat ſich verlaufen, der Hirt iſt ihr nach, um ſie
zurückzubringen. Wohin ſind die beiden gegangen? Auf die
ruſſiſchen Vorpoſten zu. Auf die ruſſiſchen Vorpoſten zu macht ſich
gerade eine Huſarenabteilung auf den Patrouillenritt. Der Leut-
nant der Tiroler bittet den Huſarenleutnant, den Kuhhirten, falls
er ihn erblickt, zurückzubefördern: mit der Kuh, wenn möglich, ohne
Kuh, wenn es anders nicht geht.

Die Huſaren reiten fort und entdecken nach einer Viertelſtunde
am Rande eines Waldes tatſächlich die Kuh. Wo aber ſteckt der
Hirt? Der Feldſtecher verrät, daß auch er dabei iſt. Er hat die
durchgebrannte Kuh eingeholt und raſtet nun ein wenig. Er ſetzt
ſich nieder und raucht ſeine Pfeife. Kaum ſteigen die erſten Rauch-
wolken aus der Pfeife auf, als wenige hundert Schritte von dem
rauchenden Manne — man kann es von hier aus ganz deutlich
[Spaltenumbruch] ſehen — ſechs Reiter auftauchen: Koſaken. Trabend kommen ſie
auf die Kuh und den Hirten zu. Die Huſaren ſehen die Sache,
ſind aber ganz ohnmächtig. Felſen und Abgründe liegen zwiſchen
ihnen und dem Tiroler; es dauert eine gute halbe Stunde, auf die
andere Seite des Tales zu gelangen. Na, du armer Tiroler, was
wird jetzt mit dir? Die Koſaken traben auf den Tiroler zu. Der
Tiroler bemerkt ſie. Er hebt ſeine Flinte aus dem Graſe, kniet
nieder, legt an, pam! pam! pam! — von den ſechs Pferden brechen
zwei zuſammen, die anderen machen Kehrt und galoppieren wie
raſend zurück. Der Tiroler ſtreckt ſich wieder ins Gras. Die Pfeife
hat er noch immer im Munde.

Die Huſaren reiten auf ihn zu. Sie haben noch kein Viertel
des Weges zurückgelegt, als drüben, jenſeits des Tales, ein neuer
Reitertrupp auftaucht. Diesmal iſt es eine ganze Sotnie Koſaken;
die vorigen ſechs Reiter waren nur deren vorgeſchickte Patrouille.
Die ganze Sotnie reitet auf den Tiroler zu. Die Huſaren ſehen
es; aber ſie können noch immer nichts tun. Na, du Tiroler Schütze,
jetzt wiſſen wir wirklich nicht, wie es dir armen Kerl ergehen wird!
Der Tiroler Schütze ſieht die Koſaken, betrachtet ſie mißbilligend,
dann ſteht er auf und zieht ſich langſam in den Wald zurück. Die
Bäume verbergen ihn. Die Koſaken traben auf den Wald zu.
Plötzlich dröhnt es aus dem Walde. Pam-pam-pam-pam-pam —
fünf Schüſſe in raſchem Nacheinander. Fünf Pferde ſtürzen. Kurze
Pauſe. Dann wieder: pam-pam-pam-pam-pam. Wieder ein paar
Pferde. Kurze Pauſe. Dann tritt das Mannlicher-Gewehr des
Tiroler Landesſchützen wieder in Tätigkeit, das aber warten die
Koſaken nicht mehr ab. Die ganze Sotnie macht Kehrt und ſprengt
mit verhängtem Zügel davon. (Die werden nun im Lager melden,
daß ein ganzes Infanterieregiment im Walde verſteckt ſei!)

Darauf beginnen die Huſaren raſch zu traben und erreichen
bald den Tiroler. Der hat noch immer die Pfeife im Munde.
„Na, Gevatter“, ſagt der Huſarenleutnant, „jetzt ſchau aber, daß
du weiterkommſt, denn die dort kommen gleich mit einer Kanone
gegen dich!“

Der Tiroler aber will nicht. Er ſchüttelt den Kopf; er nimmt
die Pfeife aus dem Mund; er iſt wütend.

Bei der blöden Schießerei“, ſagte er, „iſt mir die
Kuh ausgekommen. Die muß ich erſt einfangen.
Von unſeren Hochſchulen
München.

Theodor Lipps, der bekannte Münchener
Philoſophieprofeſſor, iſt am 17. d. M. im Alter von 63 Jahren
geſtorben. Theodor Lipps wurde geboren am 28. Juli 1851 in
Wallhalben in der Pfalz. Er ſtudierte in Erlangen, Tübingen,
Utrecht und Bonn, 1877 habilitierte er ſich in Bonn für Philoſophie,
1884 wurde er dort zum außerordentlichen Profeſſor ernannt, 1890
kam er als ordentlicher Profeſſor nach Breslau und wurde von
dort 1894 nach München berufen. Vor drei Jahren hat Prof.
Lipps infolge eines ſchweren Nervenleidens ſeine Lehrtätigkeit an
der Münchener Univerſität aufgeben müſſen. Von den Werken
Prof. Lipps ſeien genannt: „Grundtatſachen des Seelenlebens“
(1883); „Pſychologiſche Studien“ (2. Aufl., 1905); „Der Streit um
die Tragödie“ (1891); „Aeſthetiſche Faktoren der Raumanſchauung“
(1891); „Grundzüge der Logik“ (1893); „Raumäſthetik und geome-
triſch-optiſche Täuſchungen“, „Komik und Humor“ (1898); „Die
ethiſchen Grundfragen“ (2. Aufl., 1905); „Selbſtbewußtſein, Emp-
findung und Gefühl“ (1901); „Vom Fühlen, Wollen und Denken“
(2. Aufl., 1905); „Einheiten und Relation“ (1902); „Leitfaden der
Pſychologie“ (2. Aufl., 1906); „Aeſthetik, Pſychologie des Schönen
und der Kunſt“ (1903); „Herausgabe von Humes Traktat über die
menſchliche Natur, in deutſcher Ueberſetzung mit Anmerkungen“
(3. Aufl., 1906); „Pſychologiſche Unterſuchungen“ (1905) und
andere Abhandlungen mehr.

Frankfurt a. M.

Die Univerſität Frankfurt a. M.
iſt am 18. d. M. ohne beſondere Feier ſtill eröffnet worden. Auf
eine Meldung, die die Vertreter der Univerſität an den Kaiſer
gerichtet haben, erhielten Rektor und Senat folgendes Telegramm
aus dem Großen Hauptquartier:

„Ich danke herzlich für die Meldung, daß die Univerſität
ihre Arbeit jetzt beginnen wird. Gern hätte Ich am heutigen
bedeutungsvollen Gedenktag die hochherzige Stiftung Frankfurts
und ſeiner opferwilligen Bürgerſchaft perſönlich eingeweiht. Die
notwendig gewordene Verteidigung des Vaterlandes gegen ruch-
loſe Angriffe unſerer Feinde hat Mir dringendere Pflichten auf-
erlegt. Meine wärmſten Wünſche geleiten die neue Pflanzſtätte
deutſcher Bildung und Wiſſenſchaft. Möge ſie aus der ernſten
Zeit ihrer Begründung heraus ſich zu kräftiger Blüte in glück-
licheren Tagen entwickeln; möge die treue Arbeit der Lehrer
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[630/0014] Allgemeine Zeitung 24. Oktober 1914. Feuilleton Unſeren Toten widmet der Schriftſteller Walter Bloem, der als hauptmann ins Feld zog und verwundet wurde, das folgende Gedicht: Euch, die ich fallen ſah auf Belgiens Auen, Euch, die ihr ſankt in Frankreichs Saatgetreid’! In Euren Augen noch des Todes Grauen, Um Eure Stirnen ſchon Unſterblichkeit — Euch, Kameraden, Gruß! Die Waffe roſtet In Eurer ſtarren Fauſt, die nie gebebt — Gruß Euch von einem, der das Blei gekoſtet, Doch lebt, und faſt ſich ſchämt, daß er noch lebt. Ihr, die ich half ins kühle Dunkel betten, Ihr, die Ihr modert einſam, unentdeckt, Ihr, die Ihr welktet in den Lazaretten, Ihr, die das tück’ſche Mörderblei geſtreckt, Ihr, die des Schrapnells Bluterguß zerwettert, Daß Ihr des Kampfes heiße Luſt gebüßt, Und Ihr, die der Granate Sprung zerſchmettert — Ihr heil’gen Toten, ſeid gegrüßt — gegrüßt! Nun iſt um Euch daheim ein jähes Klagen, Und ſchwarze Trauer deckt, die Euch geliebt, Doch Eure Seelen ſind hinaufgetragen, Dorthin, wo’s nicht mehr Krieg noch Wunden gibt. Oh, Ihr könnt ruh’n! Um unſre Stirnen hangen Der Sorge Schleier und der herben Not, Und auch des Kühnſten Seele faßt ein Bangen: O Herr, wann dämmert uns Dein Morgenrot? Doch — Friede? Nein! Es ſchauen unſere Toten Von droben ernſt herab auf unſern Kampf — Sturm! Sturm! Dem Feind aufs neu die Bruſt geboten! Granaten! Schrapnells! Eiſen! Pulverdampf! Noch lange Züge müſſen todwärts wallen! Die Schar da droben iſt noch viel zu klein! Auf! In den Feind! Was fallen ſoll, mag fallen! Erſt muß das Vaterland erhöhet ſein! Der Tiroler Kuhhirt. Im „Peſter Lloyd“ erzählt ſein Kriegsberichterſtatter Ludwig Biro folgendes Stückchen vom nördlichen Kriegsſchauplatz: .... Die Tiroler Landesſchützen waren irgendwo auf Vor- poſten. Die Truppen beſitzt eine Kuh. Ich weiß nicht, wie ſie ſich ſie verſchafft hat. Ein koſtbares Gut; es wird einem alten Reſerviſten anvertraut, der daheim in den Tiroler Bergen Kuh- hirt war. Einmal ſuchen ſie die Kuh und ihren Hüter und finden ſie nicht. Die Kuh hat ſich verlaufen, der Hirt iſt ihr nach, um ſie zurückzubringen. Wohin ſind die beiden gegangen? Auf die ruſſiſchen Vorpoſten zu. Auf die ruſſiſchen Vorpoſten zu macht ſich gerade eine Huſarenabteilung auf den Patrouillenritt. Der Leut- nant der Tiroler bittet den Huſarenleutnant, den Kuhhirten, falls er ihn erblickt, zurückzubefördern: mit der Kuh, wenn möglich, ohne Kuh, wenn es anders nicht geht. Die Huſaren reiten fort und entdecken nach einer Viertelſtunde am Rande eines Waldes tatſächlich die Kuh. Wo aber ſteckt der Hirt? Der Feldſtecher verrät, daß auch er dabei iſt. Er hat die durchgebrannte Kuh eingeholt und raſtet nun ein wenig. Er ſetzt ſich nieder und raucht ſeine Pfeife. Kaum ſteigen die erſten Rauch- wolken aus der Pfeife auf, als wenige hundert Schritte von dem rauchenden Manne — man kann es von hier aus ganz deutlich ſehen — ſechs Reiter auftauchen: Koſaken. Trabend kommen ſie auf die Kuh und den Hirten zu. Die Huſaren ſehen die Sache, ſind aber ganz ohnmächtig. Felſen und Abgründe liegen zwiſchen ihnen und dem Tiroler; es dauert eine gute halbe Stunde, auf die andere Seite des Tales zu gelangen. Na, du armer Tiroler, was wird jetzt mit dir? Die Koſaken traben auf den Tiroler zu. Der Tiroler bemerkt ſie. Er hebt ſeine Flinte aus dem Graſe, kniet nieder, legt an, pam! pam! pam! — von den ſechs Pferden brechen zwei zuſammen, die anderen machen Kehrt und galoppieren wie raſend zurück. Der Tiroler ſtreckt ſich wieder ins Gras. Die Pfeife hat er noch immer im Munde. Die Huſaren reiten auf ihn zu. Sie haben noch kein Viertel des Weges zurückgelegt, als drüben, jenſeits des Tales, ein neuer Reitertrupp auftaucht. Diesmal iſt es eine ganze Sotnie Koſaken; die vorigen ſechs Reiter waren nur deren vorgeſchickte Patrouille. Die ganze Sotnie reitet auf den Tiroler zu. Die Huſaren ſehen es; aber ſie können noch immer nichts tun. Na, du Tiroler Schütze, jetzt wiſſen wir wirklich nicht, wie es dir armen Kerl ergehen wird! Der Tiroler Schütze ſieht die Koſaken, betrachtet ſie mißbilligend, dann ſteht er auf und zieht ſich langſam in den Wald zurück. Die Bäume verbergen ihn. Die Koſaken traben auf den Wald zu. Plötzlich dröhnt es aus dem Walde. Pam-pam-pam-pam-pam — fünf Schüſſe in raſchem Nacheinander. Fünf Pferde ſtürzen. Kurze Pauſe. Dann wieder: pam-pam-pam-pam-pam. Wieder ein paar Pferde. Kurze Pauſe. Dann tritt das Mannlicher-Gewehr des Tiroler Landesſchützen wieder in Tätigkeit, das aber warten die Koſaken nicht mehr ab. Die ganze Sotnie macht Kehrt und ſprengt mit verhängtem Zügel davon. (Die werden nun im Lager melden, daß ein ganzes Infanterieregiment im Walde verſteckt ſei!) Darauf beginnen die Huſaren raſch zu traben und erreichen bald den Tiroler. Der hat noch immer die Pfeife im Munde. „Na, Gevatter“, ſagt der Huſarenleutnant, „jetzt ſchau aber, daß du weiterkommſt, denn die dort kommen gleich mit einer Kanone gegen dich!“ Der Tiroler aber will nicht. Er ſchüttelt den Kopf; er nimmt die Pfeife aus dem Mund; er iſt wütend. „Bei der blöden Schießerei“, ſagte er, „iſt mir die Kuh ausgekommen. Die muß ich erſt einfangen.“ Von unſeren Hochſchulen München. Theodor Lipps, der bekannte Münchener Philoſophieprofeſſor, iſt am 17. d. M. im Alter von 63 Jahren geſtorben. Theodor Lipps wurde geboren am 28. Juli 1851 in Wallhalben in der Pfalz. Er ſtudierte in Erlangen, Tübingen, Utrecht und Bonn, 1877 habilitierte er ſich in Bonn für Philoſophie, 1884 wurde er dort zum außerordentlichen Profeſſor ernannt, 1890 kam er als ordentlicher Profeſſor nach Breslau und wurde von dort 1894 nach München berufen. Vor drei Jahren hat Prof. Lipps infolge eines ſchweren Nervenleidens ſeine Lehrtätigkeit an der Münchener Univerſität aufgeben müſſen. Von den Werken Prof. Lipps ſeien genannt: „Grundtatſachen des Seelenlebens“ (1883); „Pſychologiſche Studien“ (2. Aufl., 1905); „Der Streit um die Tragödie“ (1891); „Aeſthetiſche Faktoren der Raumanſchauung“ (1891); „Grundzüge der Logik“ (1893); „Raumäſthetik und geome- triſch-optiſche Täuſchungen“, „Komik und Humor“ (1898); „Die ethiſchen Grundfragen“ (2. Aufl., 1905); „Selbſtbewußtſein, Emp- findung und Gefühl“ (1901); „Vom Fühlen, Wollen und Denken“ (2. Aufl., 1905); „Einheiten und Relation“ (1902); „Leitfaden der Pſychologie“ (2. Aufl., 1906); „Aeſthetik, Pſychologie des Schönen und der Kunſt“ (1903); „Herausgabe von Humes Traktat über die menſchliche Natur, in deutſcher Ueberſetzung mit Anmerkungen“ (3. Aufl., 1906); „Pſychologiſche Unterſuchungen“ (1905) und andere Abhandlungen mehr. Frankfurt a. M. Die Univerſität Frankfurt a. M. iſt am 18. d. M. ohne beſondere Feier ſtill eröffnet worden. Auf eine Meldung, die die Vertreter der Univerſität an den Kaiſer gerichtet haben, erhielten Rektor und Senat folgendes Telegramm aus dem Großen Hauptquartier: „Ich danke herzlich für die Meldung, daß die Univerſität ihre Arbeit jetzt beginnen wird. Gern hätte Ich am heutigen bedeutungsvollen Gedenktag die hochherzige Stiftung Frankfurts und ſeiner opferwilligen Bürgerſchaft perſönlich eingeweiht. Die notwendig gewordene Verteidigung des Vaterlandes gegen ruch- loſe Angriffe unſerer Feinde hat Mir dringendere Pflichten auf- erlegt. Meine wärmſten Wünſche geleiten die neue Pflanzſtätte deutſcher Bildung und Wiſſenſchaft. Möge ſie aus der ernſten Zeit ihrer Begründung heraus ſich zu kräftiger Blüte in glück- licheren Tagen entwickeln; möge die treue Arbeit der Lehrer

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Britt-Marie Schuster, Alexander Geyken, Susanne Haaf, Christopher Georgi, Frauke Thielert, t.evo: Die Evolution von komplexen Textmustern: Aufbau eines Korpus historischer Zeitungen zur Untersuchung der Mehrdimensionalität des Textmusterwandels

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Zitationshilfe: Allgemeine Zeitung, Nr. 43, 24. Oktober 1914, S. 630. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/nn_allgemeine43_1914/14>, abgerufen am 15.04.2024.