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Allgemeine Zeitung, Nr. 43, 24. Oktober 1914.

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Seite 622. Allgemeine Zeitung 24. Oktober 1914.


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Für die Beurteilung des Burenaufstandes in Süd-
afrika
ist es bezeichnend, was das Reutersche Bureau aus Kap-
stadt vom 16. d. M. zu melden weiß:

Die Antwort des Generals Hertzog auf die Aufforderung,
in der Krisis die Führung zu ergreifen, ist unbefriedigend. Er
telegraphierte an das Presbyterium der holländischen Kirche in
Swellendam und machte tatsächlich die Regierung der Union
für die Rebellion des Obersten Maritz verantwortlich. Er fügte
hinzu, daß er seine Dienste anbot, um den Bürgerkrieg zu ver-
hindern. Das Anerbieten und die begleitenden Bedingungen setzten
die Holländer in Erstaunen, die erwartet hatten, General Hertzog
werde Maritz direkt als Verräter brandmarken, der die holländische
Rasse entehrte.

Churchill scheint zum Sündenbock für den Fall Antwerpens
ausersehen zu sein. Die Morningpost setzt die Angriffe auf
Churchill fort und sagt: Die Behörden von Antwerpen betrachteten
die Uebergabe als unvermeidlich, aber Churchills Besuch veranlaßte
die Aenderung des Planes, da er versprach, britische Truppen zur
Verteidigung Antwerpens zu senden. Er sandte dann aber nur
eine kleine Abteilung, darunter Freiwillige mit nur einigen Wochen
Ausbildung. Die Morningpost betont, Churchill habe die Haupt-
verantwortung, denn er sei die Seele der britischen Expedition nach
Antwerpen gewesen. Das Blatt lobt zwar Churchills mutige
Haltung bei Kriegsbeginn, erklärt aber, nachdem was geschehen
sei, müsse man sagen, daß seine Eigenschaften in seiner jetzigen
Stellung ihn zu einer Quelle von Gefahren und Sorgen für die
britische Nation machen.

Die "Morningpost" schreibt zu der Botschaft Churchills an die
Royal Naval Division: Wir wünschen Churchill besonders klar
zu machen, daß diese harte Lektion ihn lehren sollte, daß er kein
Napoleon ist, sondern ein Minister der Krone, der keine Zeit hat.
Armeen zu organisieren, oder ins Feld zu führen. Die Nation
würde weitaus mehr Vertrauen in die Leitung der Geschäfte haben,
wenn ein Seemann oder ein wirklicher Fachmann im Seekrieg an
die Spitze der Admiralität gestellt würde. Wir glauben, daß, wenn
dies nicht geschieht, das Empfinden der Unsicherheit in der Nation
mit dem Fortschreiten des Krieges eher wachsen als abnehmen
wird, da sie vielleicht besser wie die Regierung die Einsicht hat, daß
dieser Krieg eine Lebensfrage ist, wobei ein Mißerfolg die absolute
Vernichtung bedeutet.


Unter dem Titel "Englische Verlogenheit" veröffent-
licht der bekannte in England lebende deutsche Afrikaner Dr. Carl
Peters
einen Artikel im "Tag", die der wenigstens früher allge-
meinen Meinung, daß im Grunde der gegenwärtige Krieg bei der
Bevölkerung Englands unpopulär und die Mache einzelner Per-
sönlichkeiten sei, bestimmt entgegentritt. Peters nennt den Krieg
einen wirklich nationalen für England. Der Haß gegen die Deut-
schen sei ganz allgemein, sagt er, und alles jubelt Sir Edward Grey
zu, als er ihn erklärte. Inzwischen sei allerdings dem einen oder
dem anderen die Erkenntnis aufgedämmert, "that we have basked
the wrong horse
", zu Deutsch, daß man sich auf das falsche Roß
gesetzt habe. Im allgemeinen, so fährt Dr. Peters fort, glaube aber
auch heute noch die große Mehrheit der englischen Nation, daß sie
im vollen Siegen sind und "um Weihnachten" siegreich in
Berlin einziehen würden. (!) Man braucht sich auch in Deutsch-
land nicht einzubilden, daß irgend eine militärische Rücksichtnahme
auf englische Gefühle oder Interessen das allergeringste an dieser
Grundstimmung ändern würde. Man würde es nur als Schwäche
auslegen. Dagegen würde ich jeden englischen Besitz, dessen wir
habhaft werden können, von Grund und Boden beseitigen, gar
keine Rücksicht auf irgend ein englisches Interesse oder Empfinden
nehmen. Das wird immerhin einen gewissen Eindruck machen.
Sollte es der deutschen Armeeleitung gelingen, nach London hin-
überzukommen, so genügt meiner Ansicht nach die Besetzung Kents
mit London. Das Entscheidende bleibt immer die Schonungslosig-
keit der Kriegführung gegen Engländer. Denn Großbritannien
allein hat diesen Weltkrieg entzündet, in dem das Sein und Nicht-
sein Deutschlands auf dem Spiel steht, und es ist nur billig, daß
die Engländer dafür bezahlen, soweit es in unserer Macht steht.

Die Erklärung des Krieges durch Sir Edward Grey wurde
bekanntlich im Parlament mit dem Bruch der belgischen Neutralität
durch Deutschland motiviert. Nichtsdestoweniger ist heute jung und
alt in England überzeugt, daß Deutschland den Krieg
[Spaltenumbruch] erklärt habe.
(!) Uebrigens ist es jetzt erwiesen, daß die
Neutralität Belgiens schon vorher durch England und Frankreich
mit Zustimmung des Königs der Belgier gebrochen war. Als dann
der Krieg seinen Anfang nahm, wurden fortbauernd deutsche
Niederlagen in den Londoner Zeitungen gemeldet; alles war in
einem großen Siegesjubel, voran die "Times" und die "Daily
Mail". Man meinte, in drei Wochen sei der "Spaziergang nach
Berlin" zu Ende. Dies geht bis zum heutigen Tage und wird
auch noch lange so weitergehen. Jetzt meint man, um Weihnachten
werde Deutschland am Boden liegen. Die Zeitungen sind voll
von britischen Bravourstücken.

Dr. Peters bestätigt auch, daß die Deutschen in England, be-
sonders in London, schlecht behandelt wurden. Sämtliche militär-
pflichtigen Deutschen und Oesterreicher wurden von Lord Kitchener
in sogenannte "Concentration Camps" gesperrt, wesentlich in die
Olympia oder nach Adlershot oder auch nach Horsham und schließ-
lich auf die Isle of Man. Dort erhielten sie eine Wolldecke, in der
sie auf bloßer Erde ohne Matratze schlafen müssen, und Käse und
Brot als tägliche Nahrung. Ihr bares Geld wurde ihnen bis auf
zwei Pfund Sterling weggenommen. Ein Bekannter von uns,
ein Herr in den besten Verhältnissen, wurde direkt von der Straße
nach Olympia geholt. Die sanitären Einrichtungen in diesen Con-
centration Camps sind direkt miserabel, und es ist kein Wunder,
daß Infektionskrankheiten dort sofort ausgebrochen und über 300
unserer Landsleute auf diese Weise gemordet sind. Die Leute liegen
direkt auf der Erde in offenen Schuppen.

Auf dem Status quo ante, sagt der Verfasser ferner, soll
Deutschland keinen Frieden schließen. Dazu seien die Opfer an
Gut und Blut schon zu schwer.


Es muß schon weit gekommen sein, wenn nun sogar englische
Blätter die Ausschreitungen, die in London gegen
Deutsche vorgekommen sind, energisch brandmarken. Wie das
Wolffsche Telegraphen-Bureau nichtamtlich mitteilt, schreibt "Daily
News" in einem "Progrommacher" betitelten Leitartikel:

Der Schaden, den die Opfer der abscheulichen Ausschreitungen
erlitten haben, ist groß, aber er ist sehr klein, verglichen mit dem
Schaden, den die Ehre und der gute Name Englands in den Augen
der Außenwelt erlitt. Es besteht kein Zweifel darüber, auf wem
die Verantwortung für diese der Nation angetane Schmach ruht,
nicht auf der unwissenden Menge, sondern auf dem Teil der Presse,
der unaufhörlich geschäftig war, alle rohen Leidenschaften gegen
die unglücklichen Ausländer aufzustacheln. Wir wissen nicht, wie
lange das Staatssekretariat des Innern dulden wird, daß dieses
System brutaler Aufhetzung der Menge fortdauert. Die Folgen
dieser Bewegung sind jetzt klar. Niemand kann damit einverstanden
sein, daß die mißleiteten Opfer für das unverantwortliche Auftreten
der Anstifter sich zu verantworten haben.
San Giuliano +.

Der Minister des Aeußern Marquis di San Giuliano
ist am 16. Oktober nachmittags gegen 1/23 Uhr gestorben.

Marchese Antonio di San Giuliano wurde im Jahre 1852 in
Catania geboren. Sein Vater war der Senator di San Giuliano.
Nach Absolvierung des Gymnasiums schlug er zunächst die juristische
Laufbahn ein. Schon 1879, mit 27 Jahren, wurde er Bürger-
meister von Catania. Dieses Amt behielt er indes nur 3 Jahre.
1882 wurde er in die Kammer der Abgeordneten gewählt, in der
er dem linken Zentrum angehörte. Als am 15. Mai 1892 Giolitti
mit der Bildung eines Ministeriums beauftragt wurde, übertrug
er das Unterstaatssekretariat des Ackerbaus an San Giuliano.
Dieses Amt behielt er bis zum Sturz des Kabinetts Giolitti am
24. November 1893. Am 14. Mai 1899 trat er als Postminister in
das Ministerium Pelloux. Doch auch in dieser Stellung verblieb
er kaum ein Jahr. Am 18. Juni 1900 trat er mit seinen Kollegen
von der Regierung zurück.

Das Ministerium des Aeußern übernahm di San Giuliano
zum erstenmal Ende des Jahres 1905 im Kabinett Fortis. Dieses
wurde aber schon am 1. Februar 1906 gestürzt, da sein soziales
Programm der Kammer nicht genügte, und wurde durch das
Ministerium Sonnino ersetzt, in dem Graf Guicciardini das Porte-
feuille des Aeußern innehatte.

San Giuliano ging im August des gleichen Jahres als Bot-
schafter nach London. Als das neue Ministerium im Jahre 1910
zurücktrat, übernahm di San Giuliano abermals das Ministerium

Seite 622. Allgemeine Zeitung 24. Oktober 1914.


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Für die Beurteilung des Burenaufſtandes in Süd-
afrika
iſt es bezeichnend, was das Reuterſche Bureau aus Kap-
ſtadt vom 16. d. M. zu melden weiß:

Die Antwort des Generals Hertzog auf die Aufforderung,
in der Kriſis die Führung zu ergreifen, iſt unbefriedigend. Er
telegraphierte an das Presbyterium der holländiſchen Kirche in
Swellendam und machte tatſächlich die Regierung der Union
für die Rebellion des Oberſten Maritz verantwortlich. Er fügte
hinzu, daß er ſeine Dienſte anbot, um den Bürgerkrieg zu ver-
hindern. Das Anerbieten und die begleitenden Bedingungen ſetzten
die Holländer in Erſtaunen, die erwartet hatten, General Hertzog
werde Maritz direkt als Verräter brandmarken, der die holländiſche
Raſſe entehrte.

Churchill ſcheint zum Sündenbock für den Fall Antwerpens
auserſehen zu ſein. Die Morningpoſt ſetzt die Angriffe auf
Churchill fort und ſagt: Die Behörden von Antwerpen betrachteten
die Uebergabe als unvermeidlich, aber Churchills Beſuch veranlaßte
die Aenderung des Planes, da er verſprach, britiſche Truppen zur
Verteidigung Antwerpens zu ſenden. Er ſandte dann aber nur
eine kleine Abteilung, darunter Freiwillige mit nur einigen Wochen
Ausbildung. Die Morningpoſt betont, Churchill habe die Haupt-
verantwortung, denn er ſei die Seele der britiſchen Expedition nach
Antwerpen geweſen. Das Blatt lobt zwar Churchills mutige
Haltung bei Kriegsbeginn, erklärt aber, nachdem was geſchehen
ſei, müſſe man ſagen, daß ſeine Eigenſchaften in ſeiner jetzigen
Stellung ihn zu einer Quelle von Gefahren und Sorgen für die
britiſche Nation machen.

Die „Morningpoſt“ ſchreibt zu der Botſchaft Churchills an die
Royal Naval Diviſion: Wir wünſchen Churchill beſonders klar
zu machen, daß dieſe harte Lektion ihn lehren ſollte, daß er kein
Napoleon iſt, ſondern ein Miniſter der Krone, der keine Zeit hat.
Armeen zu organiſieren, oder ins Feld zu führen. Die Nation
würde weitaus mehr Vertrauen in die Leitung der Geſchäfte haben,
wenn ein Seemann oder ein wirklicher Fachmann im Seekrieg an
die Spitze der Admiralität geſtellt würde. Wir glauben, daß, wenn
dies nicht geſchieht, das Empfinden der Unſicherheit in der Nation
mit dem Fortſchreiten des Krieges eher wachſen als abnehmen
wird, da ſie vielleicht beſſer wie die Regierung die Einſicht hat, daß
dieſer Krieg eine Lebensfrage iſt, wobei ein Mißerfolg die abſolute
Vernichtung bedeutet.


Unter dem Titel „Engliſche Verlogenheit“ veröffent-
licht der bekannte in England lebende deutſche Afrikaner Dr. Carl
Peters
einen Artikel im „Tag“, die der wenigſtens früher allge-
meinen Meinung, daß im Grunde der gegenwärtige Krieg bei der
Bevölkerung Englands unpopulär und die Mache einzelner Per-
ſönlichkeiten ſei, beſtimmt entgegentritt. Peters nennt den Krieg
einen wirklich nationalen für England. Der Haß gegen die Deut-
ſchen ſei ganz allgemein, ſagt er, und alles jubelt Sir Edward Grey
zu, als er ihn erklärte. Inzwiſchen ſei allerdings dem einen oder
dem anderen die Erkenntnis aufgedämmert, „that we have basked
the wrong horse
“, zu Deutſch, daß man ſich auf das falſche Roß
geſetzt habe. Im allgemeinen, ſo fährt Dr. Peters fort, glaube aber
auch heute noch die große Mehrheit der engliſchen Nation, daß ſie
im vollen Siegen ſind und „um Weihnachten“ ſiegreich in
Berlin einziehen würden. (!) Man braucht ſich auch in Deutſch-
land nicht einzubilden, daß irgend eine militäriſche Rückſichtnahme
auf engliſche Gefühle oder Intereſſen das allergeringſte an dieſer
Grundſtimmung ändern würde. Man würde es nur als Schwäche
auslegen. Dagegen würde ich jeden engliſchen Beſitz, deſſen wir
habhaft werden können, von Grund und Boden beſeitigen, gar
keine Rückſicht auf irgend ein engliſches Intereſſe oder Empfinden
nehmen. Das wird immerhin einen gewiſſen Eindruck machen.
Sollte es der deutſchen Armeeleitung gelingen, nach London hin-
überzukommen, ſo genügt meiner Anſicht nach die Beſetzung Kents
mit London. Das Entſcheidende bleibt immer die Schonungsloſig-
keit der Kriegführung gegen Engländer. Denn Großbritannien
allein hat dieſen Weltkrieg entzündet, in dem das Sein und Nicht-
ſein Deutſchlands auf dem Spiel ſteht, und es iſt nur billig, daß
die Engländer dafür bezahlen, ſoweit es in unſerer Macht ſteht.

Die Erklärung des Krieges durch Sir Edward Grey wurde
bekanntlich im Parlament mit dem Bruch der belgiſchen Neutralität
durch Deutſchland motiviert. Nichtsdeſtoweniger iſt heute jung und
alt in England überzeugt, daß Deutſchland den Krieg
[Spaltenumbruch] erklärt habe.
(!) Uebrigens iſt es jetzt erwieſen, daß die
Neutralität Belgiens ſchon vorher durch England und Frankreich
mit Zuſtimmung des Königs der Belgier gebrochen war. Als dann
der Krieg ſeinen Anfang nahm, wurden fortbauernd deutſche
Niederlagen in den Londoner Zeitungen gemeldet; alles war in
einem großen Siegesjubel, voran die „Times“ und die „Daily
Mail“. Man meinte, in drei Wochen ſei der „Spaziergang nach
Berlin“ zu Ende. Dies geht bis zum heutigen Tage und wird
auch noch lange ſo weitergehen. Jetzt meint man, um Weihnachten
werde Deutſchland am Boden liegen. Die Zeitungen ſind voll
von britiſchen Bravourſtücken.

Dr. Peters beſtätigt auch, daß die Deutſchen in England, be-
ſonders in London, ſchlecht behandelt wurden. Sämtliche militär-
pflichtigen Deutſchen und Oeſterreicher wurden von Lord Kitchener
in ſogenannte „Concentration Camps“ geſperrt, weſentlich in die
Olympia oder nach Adlerſhot oder auch nach Horſham und ſchließ-
lich auf die Isle of Man. Dort erhielten ſie eine Wolldecke, in der
ſie auf bloßer Erde ohne Matratze ſchlafen müſſen, und Käſe und
Brot als tägliche Nahrung. Ihr bares Geld wurde ihnen bis auf
zwei Pfund Sterling weggenommen. Ein Bekannter von uns,
ein Herr in den beſten Verhältniſſen, wurde direkt von der Straße
nach Olympia geholt. Die ſanitären Einrichtungen in dieſen Con-
centration Camps ſind direkt miſerabel, und es iſt kein Wunder,
daß Infektionskrankheiten dort ſofort ausgebrochen und über 300
unſerer Landsleute auf dieſe Weiſe gemordet ſind. Die Leute liegen
direkt auf der Erde in offenen Schuppen.

Auf dem Status quo ante, ſagt der Verfaſſer ferner, ſoll
Deutſchland keinen Frieden ſchließen. Dazu ſeien die Opfer an
Gut und Blut ſchon zu ſchwer.


Es muß ſchon weit gekommen ſein, wenn nun ſogar engliſche
Blätter die Ausſchreitungen, die in London gegen
Deutſche vorgekommen ſind, energiſch brandmarken. Wie das
Wolffſche Telegraphen-Bureau nichtamtlich mitteilt, ſchreibt „Daily
News“ in einem „Progrommacher“ betitelten Leitartikel:

Der Schaden, den die Opfer der abſcheulichen Ausſchreitungen
erlitten haben, iſt groß, aber er iſt ſehr klein, verglichen mit dem
Schaden, den die Ehre und der gute Name Englands in den Augen
der Außenwelt erlitt. Es beſteht kein Zweifel darüber, auf wem
die Verantwortung für dieſe der Nation angetane Schmach ruht,
nicht auf der unwiſſenden Menge, ſondern auf dem Teil der Preſſe,
der unaufhörlich geſchäftig war, alle rohen Leidenſchaften gegen
die unglücklichen Ausländer aufzuſtacheln. Wir wiſſen nicht, wie
lange das Staatsſekretariat des Innern dulden wird, daß dieſes
Syſtem brutaler Aufhetzung der Menge fortdauert. Die Folgen
dieſer Bewegung ſind jetzt klar. Niemand kann damit einverſtanden
ſein, daß die mißleiteten Opfer für das unverantwortliche Auftreten
der Anſtifter ſich zu verantworten haben.
San Giuliano †.

Der Miniſter des Aeußern Marquis di San Giuliano
iſt am 16. Oktober nachmittags gegen ½3 Uhr geſtorben.

Marcheſe Antonio di San Giuliano wurde im Jahre 1852 in
Catania geboren. Sein Vater war der Senator di San Giuliano.
Nach Abſolvierung des Gymnaſiums ſchlug er zunächſt die juriſtiſche
Laufbahn ein. Schon 1879, mit 27 Jahren, wurde er Bürger-
meiſter von Catania. Dieſes Amt behielt er indes nur 3 Jahre.
1882 wurde er in die Kammer der Abgeordneten gewählt, in der
er dem linken Zentrum angehörte. Als am 15. Mai 1892 Giolitti
mit der Bildung eines Miniſteriums beauftragt wurde, übertrug
er das Unterſtaatsſekretariat des Ackerbaus an San Giuliano.
Dieſes Amt behielt er bis zum Sturz des Kabinetts Giolitti am
24. November 1893. Am 14. Mai 1899 trat er als Poſtminiſter in
das Miniſterium Pelloux. Doch auch in dieſer Stellung verblieb
er kaum ein Jahr. Am 18. Juni 1900 trat er mit ſeinen Kollegen
von der Regierung zurück.

Das Miniſterium des Aeußern übernahm di San Giuliano
zum erſtenmal Ende des Jahres 1905 im Kabinett Fortis. Dieſes
wurde aber ſchon am 1. Februar 1906 geſtürzt, da ſein ſoziales
Programm der Kammer nicht genügte, und wurde durch das
Miniſterium Sonnino erſetzt, in dem Graf Guicciardini das Porte-
feuille des Aeußern innehatte.

San Giuliano ging im Auguſt des gleichen Jahres als Bot-
ſchafter nach London. Als das neue Miniſterium im Jahre 1910
zurücktrat, übernahm di San Giuliano abermals das Miniſterium

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[622/0006] Seite 622. Allgemeine Zeitung 24. Oktober 1914. Für die Beurteilung des Burenaufſtandes in Süd- afrika iſt es bezeichnend, was das Reuterſche Bureau aus Kap- ſtadt vom 16. d. M. zu melden weiß: Die Antwort des Generals Hertzog auf die Aufforderung, in der Kriſis die Führung zu ergreifen, iſt unbefriedigend. Er telegraphierte an das Presbyterium der holländiſchen Kirche in Swellendam und machte tatſächlich die Regierung der Union für die Rebellion des Oberſten Maritz verantwortlich. Er fügte hinzu, daß er ſeine Dienſte anbot, um den Bürgerkrieg zu ver- hindern. Das Anerbieten und die begleitenden Bedingungen ſetzten die Holländer in Erſtaunen, die erwartet hatten, General Hertzog werde Maritz direkt als Verräter brandmarken, der die holländiſche Raſſe entehrte. Churchill ſcheint zum Sündenbock für den Fall Antwerpens auserſehen zu ſein. Die Morningpoſt ſetzt die Angriffe auf Churchill fort und ſagt: Die Behörden von Antwerpen betrachteten die Uebergabe als unvermeidlich, aber Churchills Beſuch veranlaßte die Aenderung des Planes, da er verſprach, britiſche Truppen zur Verteidigung Antwerpens zu ſenden. Er ſandte dann aber nur eine kleine Abteilung, darunter Freiwillige mit nur einigen Wochen Ausbildung. Die Morningpoſt betont, Churchill habe die Haupt- verantwortung, denn er ſei die Seele der britiſchen Expedition nach Antwerpen geweſen. Das Blatt lobt zwar Churchills mutige Haltung bei Kriegsbeginn, erklärt aber, nachdem was geſchehen ſei, müſſe man ſagen, daß ſeine Eigenſchaften in ſeiner jetzigen Stellung ihn zu einer Quelle von Gefahren und Sorgen für die britiſche Nation machen. Die „Morningpoſt“ ſchreibt zu der Botſchaft Churchills an die Royal Naval Diviſion: Wir wünſchen Churchill beſonders klar zu machen, daß dieſe harte Lektion ihn lehren ſollte, daß er kein Napoleon iſt, ſondern ein Miniſter der Krone, der keine Zeit hat. Armeen zu organiſieren, oder ins Feld zu führen. Die Nation würde weitaus mehr Vertrauen in die Leitung der Geſchäfte haben, wenn ein Seemann oder ein wirklicher Fachmann im Seekrieg an die Spitze der Admiralität geſtellt würde. Wir glauben, daß, wenn dies nicht geſchieht, das Empfinden der Unſicherheit in der Nation mit dem Fortſchreiten des Krieges eher wachſen als abnehmen wird, da ſie vielleicht beſſer wie die Regierung die Einſicht hat, daß dieſer Krieg eine Lebensfrage iſt, wobei ein Mißerfolg die abſolute Vernichtung bedeutet. Unter dem Titel „Engliſche Verlogenheit“ veröffent- licht der bekannte in England lebende deutſche Afrikaner Dr. Carl Peters einen Artikel im „Tag“, die der wenigſtens früher allge- meinen Meinung, daß im Grunde der gegenwärtige Krieg bei der Bevölkerung Englands unpopulär und die Mache einzelner Per- ſönlichkeiten ſei, beſtimmt entgegentritt. Peters nennt den Krieg einen wirklich nationalen für England. Der Haß gegen die Deut- ſchen ſei ganz allgemein, ſagt er, und alles jubelt Sir Edward Grey zu, als er ihn erklärte. Inzwiſchen ſei allerdings dem einen oder dem anderen die Erkenntnis aufgedämmert, „that we have basked the wrong horse“, zu Deutſch, daß man ſich auf das falſche Roß geſetzt habe. Im allgemeinen, ſo fährt Dr. Peters fort, glaube aber auch heute noch die große Mehrheit der engliſchen Nation, daß ſie im vollen Siegen ſind und „um Weihnachten“ ſiegreich in Berlin einziehen würden. (!) Man braucht ſich auch in Deutſch- land nicht einzubilden, daß irgend eine militäriſche Rückſichtnahme auf engliſche Gefühle oder Intereſſen das allergeringſte an dieſer Grundſtimmung ändern würde. Man würde es nur als Schwäche auslegen. Dagegen würde ich jeden engliſchen Beſitz, deſſen wir habhaft werden können, von Grund und Boden beſeitigen, gar keine Rückſicht auf irgend ein engliſches Intereſſe oder Empfinden nehmen. Das wird immerhin einen gewiſſen Eindruck machen. Sollte es der deutſchen Armeeleitung gelingen, nach London hin- überzukommen, ſo genügt meiner Anſicht nach die Beſetzung Kents mit London. Das Entſcheidende bleibt immer die Schonungsloſig- keit der Kriegführung gegen Engländer. Denn Großbritannien allein hat dieſen Weltkrieg entzündet, in dem das Sein und Nicht- ſein Deutſchlands auf dem Spiel ſteht, und es iſt nur billig, daß die Engländer dafür bezahlen, ſoweit es in unſerer Macht ſteht. Die Erklärung des Krieges durch Sir Edward Grey wurde bekanntlich im Parlament mit dem Bruch der belgiſchen Neutralität durch Deutſchland motiviert. Nichtsdeſtoweniger iſt heute jung und alt in England überzeugt, daß Deutſchland den Krieg erklärt habe. (!) Uebrigens iſt es jetzt erwieſen, daß die Neutralität Belgiens ſchon vorher durch England und Frankreich mit Zuſtimmung des Königs der Belgier gebrochen war. Als dann der Krieg ſeinen Anfang nahm, wurden fortbauernd deutſche Niederlagen in den Londoner Zeitungen gemeldet; alles war in einem großen Siegesjubel, voran die „Times“ und die „Daily Mail“. Man meinte, in drei Wochen ſei der „Spaziergang nach Berlin“ zu Ende. Dies geht bis zum heutigen Tage und wird auch noch lange ſo weitergehen. Jetzt meint man, um Weihnachten werde Deutſchland am Boden liegen. Die Zeitungen ſind voll von britiſchen Bravourſtücken. Dr. Peters beſtätigt auch, daß die Deutſchen in England, be- ſonders in London, ſchlecht behandelt wurden. Sämtliche militär- pflichtigen Deutſchen und Oeſterreicher wurden von Lord Kitchener in ſogenannte „Concentration Camps“ geſperrt, weſentlich in die Olympia oder nach Adlerſhot oder auch nach Horſham und ſchließ- lich auf die Isle of Man. Dort erhielten ſie eine Wolldecke, in der ſie auf bloßer Erde ohne Matratze ſchlafen müſſen, und Käſe und Brot als tägliche Nahrung. Ihr bares Geld wurde ihnen bis auf zwei Pfund Sterling weggenommen. Ein Bekannter von uns, ein Herr in den beſten Verhältniſſen, wurde direkt von der Straße nach Olympia geholt. Die ſanitären Einrichtungen in dieſen Con- centration Camps ſind direkt miſerabel, und es iſt kein Wunder, daß Infektionskrankheiten dort ſofort ausgebrochen und über 300 unſerer Landsleute auf dieſe Weiſe gemordet ſind. Die Leute liegen direkt auf der Erde in offenen Schuppen. Auf dem Status quo ante, ſagt der Verfaſſer ferner, ſoll Deutſchland keinen Frieden ſchließen. Dazu ſeien die Opfer an Gut und Blut ſchon zu ſchwer. Es muß ſchon weit gekommen ſein, wenn nun ſogar engliſche Blätter die Ausſchreitungen, die in London gegen Deutſche vorgekommen ſind, energiſch brandmarken. Wie das Wolffſche Telegraphen-Bureau nichtamtlich mitteilt, ſchreibt „Daily News“ in einem „Progrommacher“ betitelten Leitartikel: Der Schaden, den die Opfer der abſcheulichen Ausſchreitungen erlitten haben, iſt groß, aber er iſt ſehr klein, verglichen mit dem Schaden, den die Ehre und der gute Name Englands in den Augen der Außenwelt erlitt. Es beſteht kein Zweifel darüber, auf wem die Verantwortung für dieſe der Nation angetane Schmach ruht, nicht auf der unwiſſenden Menge, ſondern auf dem Teil der Preſſe, der unaufhörlich geſchäftig war, alle rohen Leidenſchaften gegen die unglücklichen Ausländer aufzuſtacheln. Wir wiſſen nicht, wie lange das Staatsſekretariat des Innern dulden wird, daß dieſes Syſtem brutaler Aufhetzung der Menge fortdauert. Die Folgen dieſer Bewegung ſind jetzt klar. Niemand kann damit einverſtanden ſein, daß die mißleiteten Opfer für das unverantwortliche Auftreten der Anſtifter ſich zu verantworten haben. San Giuliano †. Der Miniſter des Aeußern Marquis di San Giuliano iſt am 16. Oktober nachmittags gegen ½3 Uhr geſtorben. Marcheſe Antonio di San Giuliano wurde im Jahre 1852 in Catania geboren. Sein Vater war der Senator di San Giuliano. Nach Abſolvierung des Gymnaſiums ſchlug er zunächſt die juriſtiſche Laufbahn ein. Schon 1879, mit 27 Jahren, wurde er Bürger- meiſter von Catania. Dieſes Amt behielt er indes nur 3 Jahre. 1882 wurde er in die Kammer der Abgeordneten gewählt, in der er dem linken Zentrum angehörte. Als am 15. Mai 1892 Giolitti mit der Bildung eines Miniſteriums beauftragt wurde, übertrug er das Unterſtaatsſekretariat des Ackerbaus an San Giuliano. Dieſes Amt behielt er bis zum Sturz des Kabinetts Giolitti am 24. November 1893. Am 14. Mai 1899 trat er als Poſtminiſter in das Miniſterium Pelloux. Doch auch in dieſer Stellung verblieb er kaum ein Jahr. Am 18. Juni 1900 trat er mit ſeinen Kollegen von der Regierung zurück. Das Miniſterium des Aeußern übernahm di San Giuliano zum erſtenmal Ende des Jahres 1905 im Kabinett Fortis. Dieſes wurde aber ſchon am 1. Februar 1906 geſtürzt, da ſein ſoziales Programm der Kammer nicht genügte, und wurde durch das Miniſterium Sonnino erſetzt, in dem Graf Guicciardini das Porte- feuille des Aeußern innehatte. San Giuliano ging im Auguſt des gleichen Jahres als Bot- ſchafter nach London. Als das neue Miniſterium im Jahre 1910 zurücktrat, übernahm di San Giuliano abermals das Miniſterium

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Britt-Marie Schuster, Alexander Geyken, Susanne Haaf, Christopher Georgi, Frauke Thielert, t.evo: Die Evolution von komplexen Textmustern: Aufbau eines Korpus historischer Zeitungen zur Untersuchung der Mehrdimensionalität des Textmusterwandels

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Zitationshilfe: Allgemeine Zeitung, Nr. 43, 24. Oktober 1914, S. 622. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/nn_allgemeine43_1914/6>, abgerufen am 18.04.2024.