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Allgemeine Zeitung, Nr. 43, 24. Oktober 1914.

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24. Oktober 1914. Allgemeine Zeitung Seite 625.


[Spaltenumbruch] Da ich fortwährend die Idee hatte, einen Teil der Besatzung in
Sicherheit zu bringen, sagte ich zu meinen Begleitern, ich wolle mich
in die Kontereskarpe begeben. Man ließ mich also durch den
Zwischenraum hindurch und dann in den Graben gleiten, den ich
durchschritt. Aber wie groß war mein Erstaunen, als ich sah, daß
das Fort eingestürzt war, daß seine Trümmer den Graben der
Kehle anfüllten und einen Damm bildeten, der von der Eskarpe
bis zur Kontereskarpe reichte.
Soldaten liefen auf diesem Damm hin und her. Ich hielt
sie für belgische Gendarmen und rief sie an: "Gendarmes!", aber
ein Erstickungsanfall befiel mich, Schwindel ergriff mich. Ich fiel
zu Boden.
Als ich wieder zu mir kam, sah ich mich inmitten meiner Be-
gleiter, die versuchten, mir zu helfen; aber im Kreise der Meinen
befand sich ein deutscher Hauptmann, der mir einen Becher Wasser
zu trinken gab.
Da war es ungefähr 61/2 Uhr abends (was ich später erfahren
habe); ich wurde in einen Krankenwagen gelegt und nach Lüttich
gebracht.
Ich war Gefangener ohne mich ergeben zu
haben.

Ich habe später erfahren, daß das Fort Loucin etwa um 4 Uhr
20 Minuten nachmittags in die Luft geflogen war, gerade in dem
Augenblick, als ich durch die Rauchwolke in der Galerie zu Boden
geworfen wurde, daß die Leute, die ich für belgische Gendarmen
gehalten hatte, deutsche Soldaten waren, die auf dem Damm her-
aufgesprungen waren, als sie den von mir erwähnten Graben
durchquerten.
Daß deutsche Pioniere kommandiert worden waren, um die
von den Verteidigern des Forts zu retten, die man noch am Leben
antreffen könnte, erfuhr ich gleichfalls.
Nach Lüttich zurückgekommen, wurde ich im Schloß des
Provinz-Gouverneurs interniert zusammen mit dem Hauptmann
und Kompagniechef Collard und meinem Burschen.
Der deutsche Generalleutnant Kolewe, Militärgouverneur
dieser Stadt, überreichte mir in Gegenwart des Hauptmanns
Collard und des deutschen Majors B., der als Platzkommandant
funktionierte, einen Säbel als Zeichen der Achtung.
Ich habe diese Waffe hier in meinem Zimmer auf der Magde-
burger Zitadelle.
Nichtsdestoweniger waren die moralischen Leiden, die ich aus-
zustehen hatte, entsetzlich; sie ließen mich meine körperlichen Schmer-
zen vergessen.
Ich mußte mich indessen damit beschäftigen, denn alle Augen-
blicke ergriffen mich Uebelkeit und Schwindelanfälle, die mich
schwanken machten. Der Aufenthalt in der erstickenden Luft von
Loucin hatte mich vollständig krank gemacht.
Mit Hauptmann Collard und meinem Burschen, die mich nicht
verlassen hatten, wurde ich zuerst nach Köln gebracht unter Führung
des deutschen Majors, dessen höfliches und herzliches Wesen ich nie-
mals vergessen werde.
In Köln angekommen, wurden wir in einem Hotel unterge-
bracht und warteten auf einen anderen Bestimmungsort. Das Hotel
war recht gut. Wir wurden dort von einem Militärposten ständig
im Auge behalten.
Am 23. August brachte man uns nach der Zitadelle von
Magdeburg."


Zur Vorgeschichte des Krieges.

Angesichts der bei unseren Gegnern hervortretenden Bestrebun-
gen, der deutschen "Militärpartei" und dem deutschen Militarismus
die Schuld an dem gegenwärtigen Kriege zuzuschieben, veröffent-
licht die Norddeutsche Allgemeine Zeitung nachstehend eine Reihe
von Berichten der deutschen diplomatischen Vertreter im Auslande,
die die politischen und militärischen Beziehungen der Ententemächte
vor dem Kriegsausbruch zum Gegenstande haben. Von einer
Bezeichnung der berichtenden Stellen und des genaueren Datums
ist aus naheliegenden Gründen abgesehen worden. Diese Schrift-
stücke sprechen für sich selbst.

[Spaltenumbruch] I.
... März 1913.
Immer enger werden die Maschen des Netzes, in die es der
französischen Diplomatie gelingt, England zu verstricken. Schon
in den ersten Phasen des Marokkokonfliktes hat bekanntlich Eng-
land an Frankreich Zusagen militärischer Natur gemacht, die sich
inzwischen zu konkreten Vereinbarungen der beiderseitigen General-
stäbe verdichtet haben. Bezüglich der Abmachungen wegen einer
Kooperation zur See erfahre ich von gewöhnlich gut unterrichteter
Seite das Folgende:
Die englische Flotte übernimmt den Schutz der Nordsee, des
Kanals und des Atlantischen Ozeans, um Frankreich die Möglichkeit
zu geben, seine Seestreitkräfte im westlichen Bassin des Mittel-
ländischen Meeres zu konzentrieren, wobei ihm als Stützpunkt für
die Flotte Malta zur Verfügung gestellt wird. Die Details be-
ziehen sich auf die Verwendung von französischen Torpedoflottillen
und Unterseebooten im Kanal und des englischen Mittelmeer-
geschwaders, das bei Ausbruch des Krieges dem französischen
Admiral unterstellt wird.
Inzwischen hat die Haltung der englischen Regierung während
der marokkanischen Krisis im Jahre 1911, in der sie sich als ein
ebenso kritikloses wie gefügiges Werkzeug der französischen Politik
erwiesen und durch die Lloyd Georgesche Rede den französischen
Chauvinismus zu neuen Hoffnungen ermutigt hat, der französischen
Regierung eine Handhabe geboten, um einen weiteren Nagel in
den Sarg zu treiben, in den die Ententepolitik die politische Ent-
schließungsfreiheit Englands bereits gebettet hat.
Von besonderer Seite erhalte ich Kenntnis von einem Noten-
wechsel, der im Herbst des vergangenen Jahres zwischen Sir
Edward Grey und dem Botschafter Cambon stattgefunden hat, und
den ich mit der Bitte um streng vertrauliche Behandlung hier vor-
zulegen die Ehre habe. In dem Notenwechsel vereinbaren die
englische und französische Regierung für den Fall eines drohenden
Angriffs von seiten einer dritten Macht sofort in einen Meinungs-
austausch darüber einzutreten, ob gemeinsames Handeln zur Ab-
wehrung des Angriffes geboten sei und gegebenenfalls, ob und
inwieweit die bestehenden militärischen Vereinbarungen zur An-
wendung zu bringen sein würden.
Die Fassung der Vereinbarungen trägt mit feiner Berechnung
der englischen Mentalität Rechnung. England übernimmt formell
keinerlei Verpflichtung zu militärischer Hilfeleistuna. Es behält
dem Wortlaut nach die Hand frei. stets nur seinen Interessen ent-
sprechend handeln zu können. Daß sich aber durch diese Ver-
einbarungen in Verbindung mit den getroffenen militärischen Ab-
machungen England de facto dem französischen Revanchegedanken
bereits rettungslos verschrieben hat, bedarf kaum einer besonderen
Ausführung.
Die englische Regierung spielt ein gefährliches Spiel. Sie hat
durch ihre Politik in der bosnischen und in der marokkanischen
Frage Krisen hervorgerufen, die Europa zweimal an den Rand
eines Krieges brachten. Die Ermutigung, die sie direkt wie indirekt
andauernd dem französischen Chauvinismus zuteil werden läßt,
kann eines Tages zu einer Katastrophe führen, bei der englische
wie französische Soldaten auf französischen Schlachtfeldern englische
Einkreisungspolitik mit ihrem Blute bezahlen werden.
Die Saat, die König Eduard gesät hat, geht auf.
Der hier erwähnte Notenwechsel wird zur Genüge charakteri-
siert durch folgendes Schreiben Sir E. Greys an den französischen
Botschafter Paul Cambon vom 22. November 1912:
Mein lieber Botschafter!
Von Zeit zu Zeit haben in neueren Jahren die französischen
und britischen Marine- und militärischen Sachverständigen mit-
einander Beratungen abgehalten. Es ist dabei immer verstanden
worden, daß diese Beratungen die Freiheit keiner der beiden
Regierungen, künfttghin zu entscheiden, ob sie der anderen mit
Waffengewalt zu Hilfe kommen wolle oder nicht, beeinträchtigen
sollen. Wir sind übereingekommen, daß eine Beratung unter
den Fachleuten nicht ist und nicht angesehen werden soll als eine
Verabredung, die eine der beiden Regierungen in einem mög-
lichen Falle, der nicht eingetreten ist und vielleicht nie eintreten
wird, zum Handeln verpflichten würde (that commits to action).
Beispielsweise ist die augenblickliche Verteilung der französischen
und britischen Flotten nicht die Folge eines Einverständnisses
über deren Zusammenwirken im Kriege.
Sie haben indessen darauf hingewiesen, daß, wenn eine der
beiden Regierungen schwerwiegende Gründe haben sollte, einen
unprovozierten Angriff seitens einer dritten Macht zu erwarten,
es wichtig werden könnte, zu wissen, ob sie sich in diesem Falle
auf den bewaffneten Beistand der anderen Macht verlassen könne.
Ich stimme mit Ihnen darin überein, daß, wenn einer der
beiden Regierungen schwerwiegende Gründe hat, einen un-
provozierten Angriff seitens einer dritten Macht oder eine Be-
drohung des allgemeinen Friedens zu erwarten, sie unverzüglich
mit der andern in Verhandlungen darüber eintreten soll, ob beide
Regierungen zur Verhütung des Angriffs und zur Wahrung des
Friedens zusammengehen wollen und welche Maßregeln sie in
diesem Falle gemeinschaftlich zu ergreifen bereit sind. Wenn
diese Maßregeln auf eine Aktion hinauskommen (involved
action
), so sollen die Pläne der Generalstäbe sofort in Erwägung
gezogen werden und die Regierungen werden dann entscheiden,
welche Wirkung ihnen gegeben werden soll.
Ihr usw.
E. Grey.

24. Oktober 1914. Allgemeine Zeitung Seite 625.


[Spaltenumbruch] Da ich fortwährend die Idee hatte, einen Teil der Beſatzung in
Sicherheit zu bringen, ſagte ich zu meinen Begleitern, ich wolle mich
in die Kontereskarpe begeben. Man ließ mich alſo durch den
Zwiſchenraum hindurch und dann in den Graben gleiten, den ich
durchſchritt. Aber wie groß war mein Erſtaunen, als ich ſah, daß
das Fort eingeſtürzt war, daß ſeine Trümmer den Graben der
Kehle anfüllten und einen Damm bildeten, der von der Eskarpe
bis zur Kontereskarpe reichte.
Soldaten liefen auf dieſem Damm hin und her. Ich hielt
ſie für belgiſche Gendarmen und rief ſie an: „Gendarmes!“, aber
ein Erſtickungsanfall befiel mich, Schwindel ergriff mich. Ich fiel
zu Boden.
Als ich wieder zu mir kam, ſah ich mich inmitten meiner Be-
gleiter, die verſuchten, mir zu helfen; aber im Kreiſe der Meinen
befand ſich ein deutſcher Hauptmann, der mir einen Becher Waſſer
zu trinken gab.
Da war es ungefähr 6½ Uhr abends (was ich ſpäter erfahren
habe); ich wurde in einen Krankenwagen gelegt und nach Lüttich
gebracht.
Ich war Gefangener ohne mich ergeben zu
haben.

Ich habe ſpäter erfahren, daß das Fort Loucin etwa um 4 Uhr
20 Minuten nachmittags in die Luft geflogen war, gerade in dem
Augenblick, als ich durch die Rauchwolke in der Galerie zu Boden
geworfen wurde, daß die Leute, die ich für belgiſche Gendarmen
gehalten hatte, deutſche Soldaten waren, die auf dem Damm her-
aufgeſprungen waren, als ſie den von mir erwähnten Graben
durchquerten.
Daß deutſche Pioniere kommandiert worden waren, um die
von den Verteidigern des Forts zu retten, die man noch am Leben
antreffen könnte, erfuhr ich gleichfalls.
Nach Lüttich zurückgekommen, wurde ich im Schloß des
Provinz-Gouverneurs interniert zuſammen mit dem Hauptmann
und Kompagniechef Collard und meinem Burſchen.
Der deutſche Generalleutnant Kolewe, Militärgouverneur
dieſer Stadt, überreichte mir in Gegenwart des Hauptmanns
Collard und des deutſchen Majors B., der als Platzkommandant
funktionierte, einen Säbel als Zeichen der Achtung.
Ich habe dieſe Waffe hier in meinem Zimmer auf der Magde-
burger Zitadelle.
Nichtsdeſtoweniger waren die moraliſchen Leiden, die ich aus-
zuſtehen hatte, entſetzlich; ſie ließen mich meine körperlichen Schmer-
zen vergeſſen.
Ich mußte mich indeſſen damit beſchäftigen, denn alle Augen-
blicke ergriffen mich Uebelkeit und Schwindelanfälle, die mich
ſchwanken machten. Der Aufenthalt in der erſtickenden Luft von
Loucin hatte mich vollſtändig krank gemacht.
Mit Hauptmann Collard und meinem Burſchen, die mich nicht
verlaſſen hatten, wurde ich zuerſt nach Köln gebracht unter Führung
des deutſchen Majors, deſſen höfliches und herzliches Weſen ich nie-
mals vergeſſen werde.
In Köln angekommen, wurden wir in einem Hotel unterge-
bracht und warteten auf einen anderen Beſtimmungsort. Das Hotel
war recht gut. Wir wurden dort von einem Militärpoſten ſtändig
im Auge behalten.
Am 23. Auguſt brachte man uns nach der Zitadelle von
Magdeburg.“


Zur Vorgeſchichte des Krieges.

Angeſichts der bei unſeren Gegnern hervortretenden Beſtrebun-
gen, der deutſchen „Militärpartei“ und dem deutſchen Militarismus
die Schuld an dem gegenwärtigen Kriege zuzuſchieben, veröffent-
licht die Norddeutſche Allgemeine Zeitung nachſtehend eine Reihe
von Berichten der deutſchen diplomatiſchen Vertreter im Auslande,
die die politiſchen und militäriſchen Beziehungen der Ententemächte
vor dem Kriegsausbruch zum Gegenſtande haben. Von einer
Bezeichnung der berichtenden Stellen und des genaueren Datums
iſt aus naheliegenden Gründen abgeſehen worden. Dieſe Schrift-
ſtücke ſprechen für ſich ſelbſt.

[Spaltenumbruch] I.
... März 1913.
Immer enger werden die Maſchen des Netzes, in die es der
franzöſiſchen Diplomatie gelingt, England zu verſtricken. Schon
in den erſten Phaſen des Marokkokonfliktes hat bekanntlich Eng-
land an Frankreich Zuſagen militäriſcher Natur gemacht, die ſich
inzwiſchen zu konkreten Vereinbarungen der beiderſeitigen General-
ſtäbe verdichtet haben. Bezüglich der Abmachungen wegen einer
Kooperation zur See erfahre ich von gewöhnlich gut unterrichteter
Seite das Folgende:
Die engliſche Flotte übernimmt den Schutz der Nordſee, des
Kanals und des Atlantiſchen Ozeans, um Frankreich die Möglichkeit
zu geben, ſeine Seeſtreitkräfte im weſtlichen Baſſin des Mittel-
ländiſchen Meeres zu konzentrieren, wobei ihm als Stützpunkt für
die Flotte Malta zur Verfügung geſtellt wird. Die Details be-
ziehen ſich auf die Verwendung von franzöſiſchen Torpedoflottillen
und Unterſeebooten im Kanal und des engliſchen Mittelmeer-
geſchwaders, das bei Ausbruch des Krieges dem franzöſiſchen
Admiral unterſtellt wird.
Inzwiſchen hat die Haltung der engliſchen Regierung während
der marokkaniſchen Kriſis im Jahre 1911, in der ſie ſich als ein
ebenſo kritikloſes wie gefügiges Werkzeug der franzöſiſchen Politik
erwieſen und durch die Lloyd Georgeſche Rede den franzöſiſchen
Chauvinismus zu neuen Hoffnungen ermutigt hat, der franzöſiſchen
Regierung eine Handhabe geboten, um einen weiteren Nagel in
den Sarg zu treiben, in den die Ententepolitik die politiſche Ent-
ſchließungsfreiheit Englands bereits gebettet hat.
Von beſonderer Seite erhalte ich Kenntnis von einem Noten-
wechſel, der im Herbſt des vergangenen Jahres zwiſchen Sir
Edward Grey und dem Botſchafter Cambon ſtattgefunden hat, und
den ich mit der Bitte um ſtreng vertrauliche Behandlung hier vor-
zulegen die Ehre habe. In dem Notenwechſel vereinbaren die
engliſche und franzöſiſche Regierung für den Fall eines drohenden
Angriffs von ſeiten einer dritten Macht ſofort in einen Meinungs-
austauſch darüber einzutreten, ob gemeinſames Handeln zur Ab-
wehrung des Angriffes geboten ſei und gegebenenfalls, ob und
inwieweit die beſtehenden militäriſchen Vereinbarungen zur An-
wendung zu bringen ſein würden.
Die Faſſung der Vereinbarungen trägt mit feiner Berechnung
der engliſchen Mentalität Rechnung. England übernimmt formell
keinerlei Verpflichtung zu militäriſcher Hilfeleiſtuna. Es behält
dem Wortlaut nach die Hand frei. ſtets nur ſeinen Intereſſen ent-
ſprechend handeln zu können. Daß ſich aber durch dieſe Ver-
einbarungen in Verbindung mit den getroffenen militäriſchen Ab-
machungen England de facto dem franzöſiſchen Revanchegedanken
bereits rettungslos verſchrieben hat, bedarf kaum einer beſonderen
Ausführung.
Die engliſche Regierung ſpielt ein gefährliches Spiel. Sie hat
durch ihre Politik in der bosniſchen und in der marokkaniſchen
Frage Kriſen hervorgerufen, die Europa zweimal an den Rand
eines Krieges brachten. Die Ermutigung, die ſie direkt wie indirekt
andauernd dem franzöſiſchen Chauvinismus zuteil werden läßt,
kann eines Tages zu einer Kataſtrophe führen, bei der engliſche
wie franzöſiſche Soldaten auf franzöſiſchen Schlachtfeldern engliſche
Einkreiſungspolitik mit ihrem Blute bezahlen werden.
Die Saat, die König Eduard geſät hat, geht auf.
Der hier erwähnte Notenwechſel wird zur Genüge charakteri-
ſiert durch folgendes Schreiben Sir E. Greys an den franzöſiſchen
Botſchafter Paul Cambon vom 22. November 1912:
Mein lieber Botſchafter!
Von Zeit zu Zeit haben in neueren Jahren die franzöſiſchen
und britiſchen Marine- und militäriſchen Sachverſtändigen mit-
einander Beratungen abgehalten. Es iſt dabei immer verſtanden
worden, daß dieſe Beratungen die Freiheit keiner der beiden
Regierungen, künfttghin zu entſcheiden, ob ſie der anderen mit
Waffengewalt zu Hilfe kommen wolle oder nicht, beeinträchtigen
ſollen. Wir ſind übereingekommen, daß eine Beratung unter
den Fachleuten nicht iſt und nicht angeſehen werden ſoll als eine
Verabredung, die eine der beiden Regierungen in einem mög-
lichen Falle, der nicht eingetreten iſt und vielleicht nie eintreten
wird, zum Handeln verpflichten würde (that commits to action).
Beiſpielsweiſe iſt die augenblickliche Verteilung der franzöſiſchen
und britiſchen Flotten nicht die Folge eines Einverſtändniſſes
über deren Zuſammenwirken im Kriege.
Sie haben indeſſen darauf hingewieſen, daß, wenn eine der
beiden Regierungen ſchwerwiegende Gründe haben ſollte, einen
unprovozierten Angriff ſeitens einer dritten Macht zu erwarten,
es wichtig werden könnte, zu wiſſen, ob ſie ſich in dieſem Falle
auf den bewaffneten Beiſtand der anderen Macht verlaſſen könne.
Ich ſtimme mit Ihnen darin überein, daß, wenn einer der
beiden Regierungen ſchwerwiegende Gründe hat, einen un-
provozierten Angriff ſeitens einer dritten Macht oder eine Be-
drohung des allgemeinen Friedens zu erwarten, ſie unverzüglich
mit der andern in Verhandlungen darüber eintreten ſoll, ob beide
Regierungen zur Verhütung des Angriffs und zur Wahrung des
Friedens zuſammengehen wollen und welche Maßregeln ſie in
dieſem Falle gemeinſchaftlich zu ergreifen bereit ſind. Wenn
dieſe Maßregeln auf eine Aktion hinauskommen (involved
action
), ſo ſollen die Pläne der Generalſtäbe ſofort in Erwägung
gezogen werden und die Regierungen werden dann entſcheiden,
welche Wirkung ihnen gegeben werden ſoll.
Ihr uſw.
E. Grey.

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[625/0009] 24. Oktober 1914. Allgemeine Zeitung Seite 625. Da ich fortwährend die Idee hatte, einen Teil der Beſatzung in Sicherheit zu bringen, ſagte ich zu meinen Begleitern, ich wolle mich in die Kontereskarpe begeben. Man ließ mich alſo durch den Zwiſchenraum hindurch und dann in den Graben gleiten, den ich durchſchritt. Aber wie groß war mein Erſtaunen, als ich ſah, daß das Fort eingeſtürzt war, daß ſeine Trümmer den Graben der Kehle anfüllten und einen Damm bildeten, der von der Eskarpe bis zur Kontereskarpe reichte. Soldaten liefen auf dieſem Damm hin und her. Ich hielt ſie für belgiſche Gendarmen und rief ſie an: „Gendarmes!“, aber ein Erſtickungsanfall befiel mich, Schwindel ergriff mich. Ich fiel zu Boden. Als ich wieder zu mir kam, ſah ich mich inmitten meiner Be- gleiter, die verſuchten, mir zu helfen; aber im Kreiſe der Meinen befand ſich ein deutſcher Hauptmann, der mir einen Becher Waſſer zu trinken gab. Da war es ungefähr 6½ Uhr abends (was ich ſpäter erfahren habe); ich wurde in einen Krankenwagen gelegt und nach Lüttich gebracht. Ich war Gefangener ohne mich ergeben zu haben. Ich habe ſpäter erfahren, daß das Fort Loucin etwa um 4 Uhr 20 Minuten nachmittags in die Luft geflogen war, gerade in dem Augenblick, als ich durch die Rauchwolke in der Galerie zu Boden geworfen wurde, daß die Leute, die ich für belgiſche Gendarmen gehalten hatte, deutſche Soldaten waren, die auf dem Damm her- aufgeſprungen waren, als ſie den von mir erwähnten Graben durchquerten. Daß deutſche Pioniere kommandiert worden waren, um die von den Verteidigern des Forts zu retten, die man noch am Leben antreffen könnte, erfuhr ich gleichfalls. Nach Lüttich zurückgekommen, wurde ich im Schloß des Provinz-Gouverneurs interniert zuſammen mit dem Hauptmann und Kompagniechef Collard und meinem Burſchen. Der deutſche Generalleutnant Kolewe, Militärgouverneur dieſer Stadt, überreichte mir in Gegenwart des Hauptmanns Collard und des deutſchen Majors B., der als Platzkommandant funktionierte, einen Säbel als Zeichen der Achtung. Ich habe dieſe Waffe hier in meinem Zimmer auf der Magde- burger Zitadelle. Nichtsdeſtoweniger waren die moraliſchen Leiden, die ich aus- zuſtehen hatte, entſetzlich; ſie ließen mich meine körperlichen Schmer- zen vergeſſen. Ich mußte mich indeſſen damit beſchäftigen, denn alle Augen- blicke ergriffen mich Uebelkeit und Schwindelanfälle, die mich ſchwanken machten. Der Aufenthalt in der erſtickenden Luft von Loucin hatte mich vollſtändig krank gemacht. Mit Hauptmann Collard und meinem Burſchen, die mich nicht verlaſſen hatten, wurde ich zuerſt nach Köln gebracht unter Führung des deutſchen Majors, deſſen höfliches und herzliches Weſen ich nie- mals vergeſſen werde. In Köln angekommen, wurden wir in einem Hotel unterge- bracht und warteten auf einen anderen Beſtimmungsort. Das Hotel war recht gut. Wir wurden dort von einem Militärpoſten ſtändig im Auge behalten. Am 23. Auguſt brachte man uns nach der Zitadelle von Magdeburg.“ Zur Vorgeſchichte des Krieges. Angeſichts der bei unſeren Gegnern hervortretenden Beſtrebun- gen, der deutſchen „Militärpartei“ und dem deutſchen Militarismus die Schuld an dem gegenwärtigen Kriege zuzuſchieben, veröffent- licht die Norddeutſche Allgemeine Zeitung nachſtehend eine Reihe von Berichten der deutſchen diplomatiſchen Vertreter im Auslande, die die politiſchen und militäriſchen Beziehungen der Ententemächte vor dem Kriegsausbruch zum Gegenſtande haben. Von einer Bezeichnung der berichtenden Stellen und des genaueren Datums iſt aus naheliegenden Gründen abgeſehen worden. Dieſe Schrift- ſtücke ſprechen für ſich ſelbſt. I. ... März 1913. Immer enger werden die Maſchen des Netzes, in die es der franzöſiſchen Diplomatie gelingt, England zu verſtricken. Schon in den erſten Phaſen des Marokkokonfliktes hat bekanntlich Eng- land an Frankreich Zuſagen militäriſcher Natur gemacht, die ſich inzwiſchen zu konkreten Vereinbarungen der beiderſeitigen General- ſtäbe verdichtet haben. Bezüglich der Abmachungen wegen einer Kooperation zur See erfahre ich von gewöhnlich gut unterrichteter Seite das Folgende: Die engliſche Flotte übernimmt den Schutz der Nordſee, des Kanals und des Atlantiſchen Ozeans, um Frankreich die Möglichkeit zu geben, ſeine Seeſtreitkräfte im weſtlichen Baſſin des Mittel- ländiſchen Meeres zu konzentrieren, wobei ihm als Stützpunkt für die Flotte Malta zur Verfügung geſtellt wird. Die Details be- ziehen ſich auf die Verwendung von franzöſiſchen Torpedoflottillen und Unterſeebooten im Kanal und des engliſchen Mittelmeer- geſchwaders, das bei Ausbruch des Krieges dem franzöſiſchen Admiral unterſtellt wird. Inzwiſchen hat die Haltung der engliſchen Regierung während der marokkaniſchen Kriſis im Jahre 1911, in der ſie ſich als ein ebenſo kritikloſes wie gefügiges Werkzeug der franzöſiſchen Politik erwieſen und durch die Lloyd Georgeſche Rede den franzöſiſchen Chauvinismus zu neuen Hoffnungen ermutigt hat, der franzöſiſchen Regierung eine Handhabe geboten, um einen weiteren Nagel in den Sarg zu treiben, in den die Ententepolitik die politiſche Ent- ſchließungsfreiheit Englands bereits gebettet hat. Von beſonderer Seite erhalte ich Kenntnis von einem Noten- wechſel, der im Herbſt des vergangenen Jahres zwiſchen Sir Edward Grey und dem Botſchafter Cambon ſtattgefunden hat, und den ich mit der Bitte um ſtreng vertrauliche Behandlung hier vor- zulegen die Ehre habe. In dem Notenwechſel vereinbaren die engliſche und franzöſiſche Regierung für den Fall eines drohenden Angriffs von ſeiten einer dritten Macht ſofort in einen Meinungs- austauſch darüber einzutreten, ob gemeinſames Handeln zur Ab- wehrung des Angriffes geboten ſei und gegebenenfalls, ob und inwieweit die beſtehenden militäriſchen Vereinbarungen zur An- wendung zu bringen ſein würden. Die Faſſung der Vereinbarungen trägt mit feiner Berechnung der engliſchen Mentalität Rechnung. England übernimmt formell keinerlei Verpflichtung zu militäriſcher Hilfeleiſtuna. Es behält dem Wortlaut nach die Hand frei. ſtets nur ſeinen Intereſſen ent- ſprechend handeln zu können. Daß ſich aber durch dieſe Ver- einbarungen in Verbindung mit den getroffenen militäriſchen Ab- machungen England de facto dem franzöſiſchen Revanchegedanken bereits rettungslos verſchrieben hat, bedarf kaum einer beſonderen Ausführung. Die engliſche Regierung ſpielt ein gefährliches Spiel. Sie hat durch ihre Politik in der bosniſchen und in der marokkaniſchen Frage Kriſen hervorgerufen, die Europa zweimal an den Rand eines Krieges brachten. Die Ermutigung, die ſie direkt wie indirekt andauernd dem franzöſiſchen Chauvinismus zuteil werden läßt, kann eines Tages zu einer Kataſtrophe führen, bei der engliſche wie franzöſiſche Soldaten auf franzöſiſchen Schlachtfeldern engliſche Einkreiſungspolitik mit ihrem Blute bezahlen werden. Die Saat, die König Eduard geſät hat, geht auf. Der hier erwähnte Notenwechſel wird zur Genüge charakteri- ſiert durch folgendes Schreiben Sir E. Greys an den franzöſiſchen Botſchafter Paul Cambon vom 22. November 1912: Mein lieber Botſchafter! Von Zeit zu Zeit haben in neueren Jahren die franzöſiſchen und britiſchen Marine- und militäriſchen Sachverſtändigen mit- einander Beratungen abgehalten. Es iſt dabei immer verſtanden worden, daß dieſe Beratungen die Freiheit keiner der beiden Regierungen, künfttghin zu entſcheiden, ob ſie der anderen mit Waffengewalt zu Hilfe kommen wolle oder nicht, beeinträchtigen ſollen. Wir ſind übereingekommen, daß eine Beratung unter den Fachleuten nicht iſt und nicht angeſehen werden ſoll als eine Verabredung, die eine der beiden Regierungen in einem mög- lichen Falle, der nicht eingetreten iſt und vielleicht nie eintreten wird, zum Handeln verpflichten würde (that commits to action). Beiſpielsweiſe iſt die augenblickliche Verteilung der franzöſiſchen und britiſchen Flotten nicht die Folge eines Einverſtändniſſes über deren Zuſammenwirken im Kriege. Sie haben indeſſen darauf hingewieſen, daß, wenn eine der beiden Regierungen ſchwerwiegende Gründe haben ſollte, einen unprovozierten Angriff ſeitens einer dritten Macht zu erwarten, es wichtig werden könnte, zu wiſſen, ob ſie ſich in dieſem Falle auf den bewaffneten Beiſtand der anderen Macht verlaſſen könne. Ich ſtimme mit Ihnen darin überein, daß, wenn einer der beiden Regierungen ſchwerwiegende Gründe hat, einen un- provozierten Angriff ſeitens einer dritten Macht oder eine Be- drohung des allgemeinen Friedens zu erwarten, ſie unverzüglich mit der andern in Verhandlungen darüber eintreten ſoll, ob beide Regierungen zur Verhütung des Angriffs und zur Wahrung des Friedens zuſammengehen wollen und welche Maßregeln ſie in dieſem Falle gemeinſchaftlich zu ergreifen bereit ſind. Wenn dieſe Maßregeln auf eine Aktion hinauskommen (involved action), ſo ſollen die Pläne der Generalſtäbe ſofort in Erwägung gezogen werden und die Regierungen werden dann entſcheiden, welche Wirkung ihnen gegeben werden ſoll. Ihr uſw. E. Grey.

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Britt-Marie Schuster, Alexander Geyken, Susanne Haaf, Christopher Georgi, Frauke Thielert, t.evo: Die Evolution von komplexen Textmustern: Aufbau eines Korpus historischer Zeitungen zur Untersuchung der Mehrdimensionalität des Textmusterwandels

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Zitationshilfe: Allgemeine Zeitung, Nr. 43, 24. Oktober 1914, S. 625. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/nn_allgemeine43_1914/9>, abgerufen am 18.04.2024.