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Allgemeine Zeitung, Nr. 44, 31. Oktober 1914.

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Allgemeine Zeitung 31. Oktober 1914.
[Spaltenumbruch] gem Preise und gewissenhaft gebaut. Dann kam der Zeitpunkt,
wo man darüber nachdenken mußte, wer das Institut beziehen sollte,
und jetzt trat die bessarabische Sorglosigkeit in ihrem ganzen Glanze
zutage: es gab gar keine Pensionäre für das Asyl, und die Adels-
versammlung hätte auch gar nicht die Mittel gehabt, es zu unter-
halten. Das Resultat ist, daß das Gebäude bis auf die Gegenwart
leersteht.

Seltsame Typen lernte Fürst Urussow in Kischinew unter dem
dortigen Militär kennen; wir wollen ihn von einem Original erzäh-
len lassen: Leutnant K., ein Kind der Stadt, diente zu meiner Zeit
im Lschen Dragonerregiment. Das schöne Aeußere des jungen
Offiziers prädestinierte ihn anscheinend zu einem Sieger über
Weiberherzen, und seine reckenhafte Gestalt ließ in ihm einen Freund
aller irdischen Genüsse, einen Ritter von Tafel und Flasche, ver-
muten. In Wirklichkeit war er von ganz anderer Art. K. bewohnte
zwei kleine Zimmer in einem bescheidenen Bürgerhause; eines von
diesen beiden Zimmern hatte er in eine Art Kapelle verwandelt. Ein
riesiges Muttergottesbild mit einer ewigen Lampe, Bibel und Kreuz
schmückten das Heiligtum, in dem der Leutnant inbrünstig betete
und sich für Heldentaten rüstete, die an jene Zeiten erinnerten, wo
die Ritter sich zur höheren Ehre Gottes dem Kampfe mit den Un-
gläubigen weihten zum Triumph des Christentums. Frühmorgens,
schon vor Tagesanbruch, sattelte K. die Pferde und ritt mit seinem
Burschen vor den städtischen Schlagbaum zum Kampf mit den
Juden, die draußen trotz der strengen Bestimmung der städtischen
Duma Korn von den Bauernwagen kauften, die aus den Dörfern
zum Markt wollten, wo der Getreidehandel unter städtische Aufsicht
gestellt war. Kühn stürzte sich der unerschrockene Paladin auf die
"ungesetzlichen" Aufkäufer, versetzte den Ueberraschten Hiebe und
trug stets den Sieg davon, jagte die ängstlichen Juden in die Flucht
und geleitete die Fuhre auf den Markt. Bisweilen kam er aber zu
spät: die Weizenladungen waren schon gekauft und von den Juden
nach ihren Höfen geschafft, aber auch in diesem Falle fand K. sich
mit dem Ausbeutungssystem nicht ab; er jagte hinter den Getreide-
fuhren her, suchte das Haus des Käufers auf, brach in das Tor ein
und nahm das gekaufte Gut weg, wobei er an Käufer und Ver-
käufer freigebig Schläge und Schimpfworte austeilte. Dann zwang
er den Verkäufer, seine Ware zurückzunehmen und sie auf den Markt
zu fahren.

Ueber die Soldaten der Garnison aber hat der Memoiren-
schreiber "fast nichts zu erzählen, als daß bei der Rückkehr der
Truppen aus dem Lager in die Stadt Diebstähle, Straßenschläge-
reien und Unfug in den Nachtkneipen merklich zunahmen."

Wie der Keim zu einem Judenmassaker gelegt wird und wie
ein solcher "Pogrom" bei gutem Willen der Behörde verhindert
werden kann, davon erzählt Urussow mehrere Beispiele. Wir teilen
hier ein besonders bezeichnendes mit: Ein Christenmädchen, das bei
einem in einer Apotheke angestellten Juden diente, wurde mit
Brandwunden am ganzen Körper im Krankenhause eingeliefert und
starb bald darauf, fast ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben.
Der Bräutigam der Verstorbenen drohte dem Apotheker und bezich-
tigte ihn der Schuld am Tode seiner Braut. Abends erzählte man
schon, der jüdische Wüstling hätte die tugendhafte Christin mit Petro-
leum übergossen und sie verbrannt, weil sie seinen Zärtlichkeiten
widerstrebt hatte. Das verbrannte Mädchen wurde die Heldin des
Tages. Die Polizei erklärte, sie könnte die entrüstete rechtgläubige
Bevölkerung nicht mehr im Zaume halten, und man erwartete jeden
Augenblick den Ausbruch von Unruhen.

Die Untersuchung über den Vorfall wurde, nachdem durch Aus-
weisung des Haupthetzers Ruhe geschaffen war, sorgfältig geführt
und mit allen Einzelheiten veröffentlicht. Es stellte sich heraus, daß
der Apotheker den ganzen Tag außerhalb des Hauses in seiner
Apotheke beschäftigt gewesen war, während sein Dienstmädchen beim
Aufsetzen des Samowars die brennenden Kohlen aus einem Ballon
mit Petroleum begossen hatte; das Petroleum flammte auf, das
Feuer schoß in breitem Strom in das Gefäß, der Ballon explodierte,
und das Mädchen verbrannte natürlich.

Endlich noch eine Anekdote, die einen Abgrund naiver Barbarei
aufdeckt. Urussow erzählt: "Einer meiner nächsten Mitarbeiter in
Bessarabien, der älteste Rat der Gouvernementsverwaltung, von
R--n, ein Mann von sehr gutmütigem Charakter, war vor zwanzig
Jahren aus einem Dragonerregiment zu dem Posten eines Polizei-
meisters in Ismail übergegangen und mußte eines Tages als Exe-
kutivbeamter der Hinrichtung eines jüdischen Verbrechers beiwohnen.
Der Verurteilte hing die bestimmte Zahl von Minuten und wurde
[Spaltenumbruch] dann vom Galgen heruntergenommen, worauf der Arzt seinen Tod
konstatieren sollte. Aber da zeigte sich, daß man vergessen hatte,
den langen dichten Bart des Juden abzuschneiden, und dank diesem
Umstande hatte die zugezogene Schlinge ihm wohl das Bewußtsein
geraubt, aber nicht den Tod herbeigeführt. "Stellen Sie sich meine
Lage vor," erzählte R--n, "der Doktor sagte mir, der Jude würde
in fünf Minuten wieder zu sich kommen. Was war zu tun? Ihn
eine zweites Mal aufzuhängen, ging nicht gut an, und ich mußte
doch das Todesurteil vollstrecken." -- "Was haben Sie denn getan?"
fragte ich und erhielt die denkwürdige Antwort: "Ich habe ihn
schnell begraben lassen, bevor er wieder zu sich kam." -- R--n gab
zu, er würde einen lebenden Christen niemals eingegraben haben;
der Fall mit dem eingegrabenen Juden beunruhigte ihn aber gar
nicht. Er war überzeugt, er habe scharfsinnig und findig gehandelt."

Wenn das Wort, daß Gerechtigkeit das Fundament der Staaten
sei, heute noch gilt, dann darf man wahrlich Rußland als den Koloß
auf tönernen Füßen bezeichnen. Erst muß dieser Koloß zerschlagen
werden, dann kann aus seinen Trümmern ein Reich erstehen, das
nicht mehr als ein Alpdruck von Mittelalter und Asiatentum auf
Europa lastet, sondern das seinen Untertanen die Segnungen der
Menschlichkeit bietet und mit seinen Nachbarn in ehrlichem Frieden
an den gemeinsamen Aufgaben der weißen Rasse arbeitet.



Amerikaner über uns.

Unter diesem Titel bespricht Professor Hofmiller im Oktoberheft
der Süddeutschen Monatshefte, welches sich "Das neue Deutsch-
land" nennt und wieder eine Reihe hervorragender Historiker sich
über nationale Themata aussprechen läßt, zwei amerikanische
Bücher, die sich mit Deutschland beschäftigen. Aus dem einen von
Price Collier: "Deutschland und die Deutschen vom amerikanischen
Gesichtspunkt aus betrachtet" (Braunschweig, George Westermann)
zitiert Professor Hofmiller eine Stelle, die für den Verfasser zu
charakteristisch ist und zu viele, nicht genug zu betonende Wahr-
heiten enthält, als daß wir der Versuchung widerstehen könnten,
sie hieher zu setzen:

"Wann werden wir wohl alle von der internationalen Kränk-
lichkeit genesen, die uns alle im Fieber erhält? Das ewige Gerede
oder Geschreibsel über internationale Freundschaften, über gleiche
Abstammung und Rasse, mit einem Wort: die ganze Vetternpropa-
ganda reizt nur noch mehr, statt zu helfen. Ich reise nicht nach
Deutschland, um zu entdecken wie amerikanisch Deutschland ist, noch
nach England, um zu entdecken, wie amerikanisch England ist, son-
dern nach Deutschland und England, um zu sehen, wie deutsch und
wie englisch die Länder sind.... Wir sind mit Friedensgesprächen
überfüttert worden, bis wir alle gereizt geworden sind. Ein Hun-
dertstel von einer Unze von der Sorte von Friedenspulver, die wir
international verwenden, würde Zwist, Ungehorsam, häusliches Unheil
und Ehescheidungen hervorrufen, würde es einer glücklichen Familie
in diesem oder einem anderen Land verschrieben. ... Wenn deut-
sche Staatsmänner rund heraus erklären, daß sie die Abrüstungs-
frage nicht erörtern wollen, so sagen sie nichts weiter, als daß sie
nicht zu Verrätern an ihrem Vaterland werden wollen. ... Wäh-
rend dieser ganzen Zeit haben Staatsmänner hartnäckig behauptet,
es liege kein genügender Grund vor, weshalb Deutschland und
England nicht gute Freunde sein könnten. Männer verschiedener
Berufe und Branchen aus beiden Ländern, die je nachdem gebrochen
Deutsch oder mangelhaft Englisch sprechen, überschreiten die beider-
seitigen Grenzen und überessen sich bei schwerfälligen Versuchen
herzlich und anerkennend zu sein. Mayors und Bürgermeister
tauschen bei Schildkröte und Sherry oder Sauerkraut und Johannis-
berger Geschichten aus, Scharen von Studenten besuchen Oxford
oder Heidelberg, und alle ergehen sich darin, einerseits Goethe,
andrerseits Shakespeare zu preisen. ... Dieses gezwungene und
ungeschickte Hofieren durch Festmähler, Deputationen und Kon-
serenzen sollten wir bleiben lassen. ... Kann es etwas Rühr-
seligeres geben, als zu glauben, internationale Empfindlichkeit,
Handelskonkurrenz, Tarifdifferenzen, territoriale Meinungsver-
schiedenheiten könnten dadurch beschwichtigt und ausgeglichen wer-
den, daß wir des langen und breiten erörtern, wie viel wir einan-
der in bezug auf Kulturfragen zu verdanken hätten? ... Das
sind lauter Vorspiegelungen, und wir wissen im Grunde unseres
Herzens alle miteinander ganz genau, daß wir beim ersten Fallen
eines Schnupftuches mit ihnen kämpfen würden, wenn sie unsere

Allgemeine Zeitung 31. Oktober 1914.
[Spaltenumbruch] gem Preiſe und gewiſſenhaft gebaut. Dann kam der Zeitpunkt,
wo man darüber nachdenken mußte, wer das Inſtitut beziehen ſollte,
und jetzt trat die beſſarabiſche Sorgloſigkeit in ihrem ganzen Glanze
zutage: es gab gar keine Penſionäre für das Aſyl, und die Adels-
verſammlung hätte auch gar nicht die Mittel gehabt, es zu unter-
halten. Das Reſultat iſt, daß das Gebäude bis auf die Gegenwart
leerſteht.

Seltſame Typen lernte Fürſt Uruſſow in Kiſchinew unter dem
dortigen Militär kennen; wir wollen ihn von einem Original erzäh-
len laſſen: Leutnant K., ein Kind der Stadt, diente zu meiner Zeit
im Lſchen Dragonerregiment. Das ſchöne Aeußere des jungen
Offiziers prädeſtinierte ihn anſcheinend zu einem Sieger über
Weiberherzen, und ſeine reckenhafte Geſtalt ließ in ihm einen Freund
aller irdiſchen Genüſſe, einen Ritter von Tafel und Flaſche, ver-
muten. In Wirklichkeit war er von ganz anderer Art. K. bewohnte
zwei kleine Zimmer in einem beſcheidenen Bürgerhauſe; eines von
dieſen beiden Zimmern hatte er in eine Art Kapelle verwandelt. Ein
rieſiges Muttergottesbild mit einer ewigen Lampe, Bibel und Kreuz
ſchmückten das Heiligtum, in dem der Leutnant inbrünſtig betete
und ſich für Heldentaten rüſtete, die an jene Zeiten erinnerten, wo
die Ritter ſich zur höheren Ehre Gottes dem Kampfe mit den Un-
gläubigen weihten zum Triumph des Chriſtentums. Frühmorgens,
ſchon vor Tagesanbruch, ſattelte K. die Pferde und ritt mit ſeinem
Burſchen vor den ſtädtiſchen Schlagbaum zum Kampf mit den
Juden, die draußen trotz der ſtrengen Beſtimmung der ſtädtiſchen
Duma Korn von den Bauernwagen kauften, die aus den Dörfern
zum Markt wollten, wo der Getreidehandel unter ſtädtiſche Aufſicht
geſtellt war. Kühn ſtürzte ſich der unerſchrockene Paladin auf die
„ungeſetzlichen“ Aufkäufer, verſetzte den Ueberraſchten Hiebe und
trug ſtets den Sieg davon, jagte die ängſtlichen Juden in die Flucht
und geleitete die Fuhre auf den Markt. Bisweilen kam er aber zu
ſpät: die Weizenladungen waren ſchon gekauft und von den Juden
nach ihren Höfen geſchafft, aber auch in dieſem Falle fand K. ſich
mit dem Ausbeutungsſyſtem nicht ab; er jagte hinter den Getreide-
fuhren her, ſuchte das Haus des Käufers auf, brach in das Tor ein
und nahm das gekaufte Gut weg, wobei er an Käufer und Ver-
käufer freigebig Schläge und Schimpfworte austeilte. Dann zwang
er den Verkäufer, ſeine Ware zurückzunehmen und ſie auf den Markt
zu fahren.

Ueber die Soldaten der Garniſon aber hat der Memoiren-
ſchreiber „faſt nichts zu erzählen, als daß bei der Rückkehr der
Truppen aus dem Lager in die Stadt Diebſtähle, Straßenſchläge-
reien und Unfug in den Nachtkneipen merklich zunahmen.“

Wie der Keim zu einem Judenmaſſaker gelegt wird und wie
ein ſolcher „Pogrom“ bei gutem Willen der Behörde verhindert
werden kann, davon erzählt Uruſſow mehrere Beiſpiele. Wir teilen
hier ein beſonders bezeichnendes mit: Ein Chriſtenmädchen, das bei
einem in einer Apotheke angeſtellten Juden diente, wurde mit
Brandwunden am ganzen Körper im Krankenhauſe eingeliefert und
ſtarb bald darauf, faſt ohne das Bewußtſein wiedererlangt zu haben.
Der Bräutigam der Verſtorbenen drohte dem Apotheker und bezich-
tigte ihn der Schuld am Tode ſeiner Braut. Abends erzählte man
ſchon, der jüdiſche Wüſtling hätte die tugendhafte Chriſtin mit Petro-
leum übergoſſen und ſie verbrannt, weil ſie ſeinen Zärtlichkeiten
widerſtrebt hatte. Das verbrannte Mädchen wurde die Heldin des
Tages. Die Polizei erklärte, ſie könnte die entrüſtete rechtgläubige
Bevölkerung nicht mehr im Zaume halten, und man erwartete jeden
Augenblick den Ausbruch von Unruhen.

Die Unterſuchung über den Vorfall wurde, nachdem durch Aus-
weiſung des Haupthetzers Ruhe geſchaffen war, ſorgfältig geführt
und mit allen Einzelheiten veröffentlicht. Es ſtellte ſich heraus, daß
der Apotheker den ganzen Tag außerhalb des Hauſes in ſeiner
Apotheke beſchäftigt geweſen war, während ſein Dienſtmädchen beim
Aufſetzen des Samowars die brennenden Kohlen aus einem Ballon
mit Petroleum begoſſen hatte; das Petroleum flammte auf, das
Feuer ſchoß in breitem Strom in das Gefäß, der Ballon explodierte,
und das Mädchen verbrannte natürlich.

Endlich noch eine Anekdote, die einen Abgrund naiver Barbarei
aufdeckt. Uruſſow erzählt: „Einer meiner nächſten Mitarbeiter in
Beſſarabien, der älteſte Rat der Gouvernementsverwaltung, von
R—n, ein Mann von ſehr gutmütigem Charakter, war vor zwanzig
Jahren aus einem Dragonerregiment zu dem Poſten eines Polizei-
meiſters in Ismail übergegangen und mußte eines Tages als Exe-
kutivbeamter der Hinrichtung eines jüdiſchen Verbrechers beiwohnen.
Der Verurteilte hing die beſtimmte Zahl von Minuten und wurde
[Spaltenumbruch] dann vom Galgen heruntergenommen, worauf der Arzt ſeinen Tod
konſtatieren ſollte. Aber da zeigte ſich, daß man vergeſſen hatte,
den langen dichten Bart des Juden abzuſchneiden, und dank dieſem
Umſtande hatte die zugezogene Schlinge ihm wohl das Bewußtſein
geraubt, aber nicht den Tod herbeigeführt. „Stellen Sie ſich meine
Lage vor,“ erzählte R—n, „der Doktor ſagte mir, der Jude würde
in fünf Minuten wieder zu ſich kommen. Was war zu tun? Ihn
eine zweites Mal aufzuhängen, ging nicht gut an, und ich mußte
doch das Todesurteil vollſtrecken.“ — „Was haben Sie denn getan?“
fragte ich und erhielt die denkwürdige Antwort: „Ich habe ihn
ſchnell begraben laſſen, bevor er wieder zu ſich kam.“ — R—n gab
zu, er würde einen lebenden Chriſten niemals eingegraben haben;
der Fall mit dem eingegrabenen Juden beunruhigte ihn aber gar
nicht. Er war überzeugt, er habe ſcharfſinnig und findig gehandelt.“

Wenn das Wort, daß Gerechtigkeit das Fundament der Staaten
ſei, heute noch gilt, dann darf man wahrlich Rußland als den Koloß
auf tönernen Füßen bezeichnen. Erſt muß dieſer Koloß zerſchlagen
werden, dann kann aus ſeinen Trümmern ein Reich erſtehen, das
nicht mehr als ein Alpdruck von Mittelalter und Aſiatentum auf
Europa laſtet, ſondern das ſeinen Untertanen die Segnungen der
Menſchlichkeit bietet und mit ſeinen Nachbarn in ehrlichem Frieden
an den gemeinſamen Aufgaben der weißen Raſſe arbeitet.



Amerikaner über uns.

Unter dieſem Titel beſpricht Profeſſor Hofmiller im Oktoberheft
der Süddeutſchen Monatshefte, welches ſich „Das neue Deutſch-
land“ nennt und wieder eine Reihe hervorragender Hiſtoriker ſich
über nationale Themata ausſprechen läßt, zwei amerikaniſche
Bücher, die ſich mit Deutſchland beſchäftigen. Aus dem einen von
Price Collier: „Deutſchland und die Deutſchen vom amerikaniſchen
Geſichtspunkt aus betrachtet“ (Braunſchweig, George Weſtermann)
zitiert Profeſſor Hofmiller eine Stelle, die für den Verfaſſer zu
charakteriſtiſch iſt und zu viele, nicht genug zu betonende Wahr-
heiten enthält, als daß wir der Verſuchung widerſtehen könnten,
ſie hieher zu ſetzen:

„Wann werden wir wohl alle von der internationalen Kränk-
lichkeit geneſen, die uns alle im Fieber erhält? Das ewige Gerede
oder Geſchreibſel über internationale Freundſchaften, über gleiche
Abſtammung und Raſſe, mit einem Wort: die ganze Vetternpropa-
ganda reizt nur noch mehr, ſtatt zu helfen. Ich reiſe nicht nach
Deutſchland, um zu entdecken wie amerikaniſch Deutſchland iſt, noch
nach England, um zu entdecken, wie amerikaniſch England iſt, ſon-
dern nach Deutſchland und England, um zu ſehen, wie deutſch und
wie engliſch die Länder ſind.... Wir ſind mit Friedensgeſprächen
überfüttert worden, bis wir alle gereizt geworden ſind. Ein Hun-
dertſtel von einer Unze von der Sorte von Friedenspulver, die wir
international verwenden, würde Zwiſt, Ungehorſam, häusliches Unheil
und Eheſcheidungen hervorrufen, würde es einer glücklichen Familie
in dieſem oder einem anderen Land verſchrieben. ... Wenn deut-
ſche Staatsmänner rund heraus erklären, daß ſie die Abrüſtungs-
frage nicht erörtern wollen, ſo ſagen ſie nichts weiter, als daß ſie
nicht zu Verrätern an ihrem Vaterland werden wollen. ... Wäh-
rend dieſer ganzen Zeit haben Staatsmänner hartnäckig behauptet,
es liege kein genügender Grund vor, weshalb Deutſchland und
England nicht gute Freunde ſein könnten. Männer verſchiedener
Berufe und Branchen aus beiden Ländern, die je nachdem gebrochen
Deutſch oder mangelhaft Engliſch ſprechen, überſchreiten die beider-
ſeitigen Grenzen und übereſſen ſich bei ſchwerfälligen Verſuchen
herzlich und anerkennend zu ſein. Mayors und Bürgermeiſter
tauſchen bei Schildkröte und Sherry oder Sauerkraut und Johannis-
berger Geſchichten aus, Scharen von Studenten beſuchen Oxford
oder Heidelberg, und alle ergehen ſich darin, einerſeits Goethe,
andrerſeits Shakeſpeare zu preiſen. ... Dieſes gezwungene und
ungeſchickte Hofieren durch Feſtmähler, Deputationen und Kon-
ſerenzen ſollten wir bleiben laſſen. ... Kann es etwas Rühr-
ſeligeres geben, als zu glauben, internationale Empfindlichkeit,
Handelskonkurrenz, Tarifdifferenzen, territoriale Meinungsver-
ſchiedenheiten könnten dadurch beſchwichtigt und ausgeglichen wer-
den, daß wir des langen und breiten erörtern, wie viel wir einan-
der in bezug auf Kulturfragen zu verdanken hätten? ... Das
ſind lauter Vorſpiegelungen, und wir wiſſen im Grunde unſeres
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[638/0006] Allgemeine Zeitung 31. Oktober 1914. gem Preiſe und gewiſſenhaft gebaut. Dann kam der Zeitpunkt, wo man darüber nachdenken mußte, wer das Inſtitut beziehen ſollte, und jetzt trat die beſſarabiſche Sorgloſigkeit in ihrem ganzen Glanze zutage: es gab gar keine Penſionäre für das Aſyl, und die Adels- verſammlung hätte auch gar nicht die Mittel gehabt, es zu unter- halten. Das Reſultat iſt, daß das Gebäude bis auf die Gegenwart leerſteht. Seltſame Typen lernte Fürſt Uruſſow in Kiſchinew unter dem dortigen Militär kennen; wir wollen ihn von einem Original erzäh- len laſſen: Leutnant K., ein Kind der Stadt, diente zu meiner Zeit im Lſchen Dragonerregiment. Das ſchöne Aeußere des jungen Offiziers prädeſtinierte ihn anſcheinend zu einem Sieger über Weiberherzen, und ſeine reckenhafte Geſtalt ließ in ihm einen Freund aller irdiſchen Genüſſe, einen Ritter von Tafel und Flaſche, ver- muten. In Wirklichkeit war er von ganz anderer Art. K. bewohnte zwei kleine Zimmer in einem beſcheidenen Bürgerhauſe; eines von dieſen beiden Zimmern hatte er in eine Art Kapelle verwandelt. Ein rieſiges Muttergottesbild mit einer ewigen Lampe, Bibel und Kreuz ſchmückten das Heiligtum, in dem der Leutnant inbrünſtig betete und ſich für Heldentaten rüſtete, die an jene Zeiten erinnerten, wo die Ritter ſich zur höheren Ehre Gottes dem Kampfe mit den Un- gläubigen weihten zum Triumph des Chriſtentums. Frühmorgens, ſchon vor Tagesanbruch, ſattelte K. die Pferde und ritt mit ſeinem Burſchen vor den ſtädtiſchen Schlagbaum zum Kampf mit den Juden, die draußen trotz der ſtrengen Beſtimmung der ſtädtiſchen Duma Korn von den Bauernwagen kauften, die aus den Dörfern zum Markt wollten, wo der Getreidehandel unter ſtädtiſche Aufſicht geſtellt war. Kühn ſtürzte ſich der unerſchrockene Paladin auf die „ungeſetzlichen“ Aufkäufer, verſetzte den Ueberraſchten Hiebe und trug ſtets den Sieg davon, jagte die ängſtlichen Juden in die Flucht und geleitete die Fuhre auf den Markt. Bisweilen kam er aber zu ſpät: die Weizenladungen waren ſchon gekauft und von den Juden nach ihren Höfen geſchafft, aber auch in dieſem Falle fand K. ſich mit dem Ausbeutungsſyſtem nicht ab; er jagte hinter den Getreide- fuhren her, ſuchte das Haus des Käufers auf, brach in das Tor ein und nahm das gekaufte Gut weg, wobei er an Käufer und Ver- käufer freigebig Schläge und Schimpfworte austeilte. Dann zwang er den Verkäufer, ſeine Ware zurückzunehmen und ſie auf den Markt zu fahren. Ueber die Soldaten der Garniſon aber hat der Memoiren- ſchreiber „faſt nichts zu erzählen, als daß bei der Rückkehr der Truppen aus dem Lager in die Stadt Diebſtähle, Straßenſchläge- reien und Unfug in den Nachtkneipen merklich zunahmen.“ Wie der Keim zu einem Judenmaſſaker gelegt wird und wie ein ſolcher „Pogrom“ bei gutem Willen der Behörde verhindert werden kann, davon erzählt Uruſſow mehrere Beiſpiele. Wir teilen hier ein beſonders bezeichnendes mit: Ein Chriſtenmädchen, das bei einem in einer Apotheke angeſtellten Juden diente, wurde mit Brandwunden am ganzen Körper im Krankenhauſe eingeliefert und ſtarb bald darauf, faſt ohne das Bewußtſein wiedererlangt zu haben. Der Bräutigam der Verſtorbenen drohte dem Apotheker und bezich- tigte ihn der Schuld am Tode ſeiner Braut. Abends erzählte man ſchon, der jüdiſche Wüſtling hätte die tugendhafte Chriſtin mit Petro- leum übergoſſen und ſie verbrannt, weil ſie ſeinen Zärtlichkeiten widerſtrebt hatte. Das verbrannte Mädchen wurde die Heldin des Tages. Die Polizei erklärte, ſie könnte die entrüſtete rechtgläubige Bevölkerung nicht mehr im Zaume halten, und man erwartete jeden Augenblick den Ausbruch von Unruhen. Die Unterſuchung über den Vorfall wurde, nachdem durch Aus- weiſung des Haupthetzers Ruhe geſchaffen war, ſorgfältig geführt und mit allen Einzelheiten veröffentlicht. Es ſtellte ſich heraus, daß der Apotheker den ganzen Tag außerhalb des Hauſes in ſeiner Apotheke beſchäftigt geweſen war, während ſein Dienſtmädchen beim Aufſetzen des Samowars die brennenden Kohlen aus einem Ballon mit Petroleum begoſſen hatte; das Petroleum flammte auf, das Feuer ſchoß in breitem Strom in das Gefäß, der Ballon explodierte, und das Mädchen verbrannte natürlich. Endlich noch eine Anekdote, die einen Abgrund naiver Barbarei aufdeckt. Uruſſow erzählt: „Einer meiner nächſten Mitarbeiter in Beſſarabien, der älteſte Rat der Gouvernementsverwaltung, von R—n, ein Mann von ſehr gutmütigem Charakter, war vor zwanzig Jahren aus einem Dragonerregiment zu dem Poſten eines Polizei- meiſters in Ismail übergegangen und mußte eines Tages als Exe- kutivbeamter der Hinrichtung eines jüdiſchen Verbrechers beiwohnen. Der Verurteilte hing die beſtimmte Zahl von Minuten und wurde dann vom Galgen heruntergenommen, worauf der Arzt ſeinen Tod konſtatieren ſollte. Aber da zeigte ſich, daß man vergeſſen hatte, den langen dichten Bart des Juden abzuſchneiden, und dank dieſem Umſtande hatte die zugezogene Schlinge ihm wohl das Bewußtſein geraubt, aber nicht den Tod herbeigeführt. „Stellen Sie ſich meine Lage vor,“ erzählte R—n, „der Doktor ſagte mir, der Jude würde in fünf Minuten wieder zu ſich kommen. Was war zu tun? Ihn eine zweites Mal aufzuhängen, ging nicht gut an, und ich mußte doch das Todesurteil vollſtrecken.“ — „Was haben Sie denn getan?“ fragte ich und erhielt die denkwürdige Antwort: „Ich habe ihn ſchnell begraben laſſen, bevor er wieder zu ſich kam.“ — R—n gab zu, er würde einen lebenden Chriſten niemals eingegraben haben; der Fall mit dem eingegrabenen Juden beunruhigte ihn aber gar nicht. Er war überzeugt, er habe ſcharfſinnig und findig gehandelt.“ Wenn das Wort, daß Gerechtigkeit das Fundament der Staaten ſei, heute noch gilt, dann darf man wahrlich Rußland als den Koloß auf tönernen Füßen bezeichnen. Erſt muß dieſer Koloß zerſchlagen werden, dann kann aus ſeinen Trümmern ein Reich erſtehen, das nicht mehr als ein Alpdruck von Mittelalter und Aſiatentum auf Europa laſtet, ſondern das ſeinen Untertanen die Segnungen der Menſchlichkeit bietet und mit ſeinen Nachbarn in ehrlichem Frieden an den gemeinſamen Aufgaben der weißen Raſſe arbeitet. Amerikaner über uns. Unter dieſem Titel beſpricht Profeſſor Hofmiller im Oktoberheft der Süddeutſchen Monatshefte, welches ſich „Das neue Deutſch- land“ nennt und wieder eine Reihe hervorragender Hiſtoriker ſich über nationale Themata ausſprechen läßt, zwei amerikaniſche Bücher, die ſich mit Deutſchland beſchäftigen. Aus dem einen von Price Collier: „Deutſchland und die Deutſchen vom amerikaniſchen Geſichtspunkt aus betrachtet“ (Braunſchweig, George Weſtermann) zitiert Profeſſor Hofmiller eine Stelle, die für den Verfaſſer zu charakteriſtiſch iſt und zu viele, nicht genug zu betonende Wahr- heiten enthält, als daß wir der Verſuchung widerſtehen könnten, ſie hieher zu ſetzen: „Wann werden wir wohl alle von der internationalen Kränk- lichkeit geneſen, die uns alle im Fieber erhält? Das ewige Gerede oder Geſchreibſel über internationale Freundſchaften, über gleiche Abſtammung und Raſſe, mit einem Wort: die ganze Vetternpropa- ganda reizt nur noch mehr, ſtatt zu helfen. Ich reiſe nicht nach Deutſchland, um zu entdecken wie amerikaniſch Deutſchland iſt, noch nach England, um zu entdecken, wie amerikaniſch England iſt, ſon- dern nach Deutſchland und England, um zu ſehen, wie deutſch und wie engliſch die Länder ſind.... Wir ſind mit Friedensgeſprächen überfüttert worden, bis wir alle gereizt geworden ſind. Ein Hun- dertſtel von einer Unze von der Sorte von Friedenspulver, die wir international verwenden, würde Zwiſt, Ungehorſam, häusliches Unheil und Eheſcheidungen hervorrufen, würde es einer glücklichen Familie in dieſem oder einem anderen Land verſchrieben. ... Wenn deut- ſche Staatsmänner rund heraus erklären, daß ſie die Abrüſtungs- frage nicht erörtern wollen, ſo ſagen ſie nichts weiter, als daß ſie nicht zu Verrätern an ihrem Vaterland werden wollen. ... Wäh- rend dieſer ganzen Zeit haben Staatsmänner hartnäckig behauptet, es liege kein genügender Grund vor, weshalb Deutſchland und England nicht gute Freunde ſein könnten. Männer verſchiedener Berufe und Branchen aus beiden Ländern, die je nachdem gebrochen Deutſch oder mangelhaft Engliſch ſprechen, überſchreiten die beider- ſeitigen Grenzen und übereſſen ſich bei ſchwerfälligen Verſuchen herzlich und anerkennend zu ſein. Mayors und Bürgermeiſter tauſchen bei Schildkröte und Sherry oder Sauerkraut und Johannis- berger Geſchichten aus, Scharen von Studenten beſuchen Oxford oder Heidelberg, und alle ergehen ſich darin, einerſeits Goethe, andrerſeits Shakeſpeare zu preiſen. ... Dieſes gezwungene und ungeſchickte Hofieren durch Feſtmähler, Deputationen und Kon- ſerenzen ſollten wir bleiben laſſen. ... Kann es etwas Rühr- ſeligeres geben, als zu glauben, internationale Empfindlichkeit, Handelskonkurrenz, Tarifdifferenzen, territoriale Meinungsver- ſchiedenheiten könnten dadurch beſchwichtigt und ausgeglichen wer- den, daß wir des langen und breiten erörtern, wie viel wir einan- der in bezug auf Kulturfragen zu verdanken hätten? ... Das ſind lauter Vorſpiegelungen, und wir wiſſen im Grunde unſeres Herzens alle miteinander ganz genau, daß wir beim erſten Fallen eines Schnupftuches mit ihnen kämpfen würden, wenn ſie unſere

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Christopher Georgi, Manuel Wille, Jurek von Lingen: Bearbeitung und strukturelle Auszeichnung der durch die Grepect GmbH bereitgestellten Texttranskription. (2023-04-27T12:00:00Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Britt-Marie Schuster, Alexander Geyken, Susanne Haaf, Christopher Georgi, Frauke Thielert, t.evo: Die Evolution von komplexen Textmustern: Aufbau eines Korpus historischer Zeitungen zur Untersuchung der Mehrdimensionalität des Textmusterwandels

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Zitationshilfe: Allgemeine Zeitung, Nr. 44, 31. Oktober 1914, S. 638. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/nn_allgemeine44_1914/6>, abgerufen am 30.05.2024.