Europa. Wochenschrift für Kultur und Politik. Jahrgang 1, Heft 10. Berlin-Charlottenburg, 23. März 1905.E. Pernerstorfer: Die Krise des Dualismus. und sodann als eine innere Krise Ungarns aufgefaßt habe, wird nunmehr da-durch gesteigert, daß auch der dualistische Staatsvertrag zwischen Westösterreich und Ungarn, der noch immer wenn auch recht künstlich, aufrecht erhalten wurde, durch den Sieg der Unabhängigkeitspartei stark ins Wanken gerät. Seit die Ausgleichsgesetze bestehen, murren die Westösterreicher über sie. Aber ihre Regierungen und ihre Parteien haben entgegen den materiellen Jnteressen der Königreiche und Länder stets getan, was die Ungarn und die Krone wollten. Die Erbitterung über diese Dinge ist in den Wählermassen von Jahr zu Jahr gestiegen. Die Westösterreicher fühlten, daß sie in einer Art Tributverhältnis zu Ungarn standen. Auch die Wiener liberale Presse diente immer und dient besonders auch jetzt den Ungarn. Tag für Tag kann man in diesen Zeitungen seitenlange Berichte aus Budapest lesen. Ein Jnterview jagt das andere. Die ungarischen Staatsmänner wachsen in der Phantasie dieser Blätter zu giganti- scher Höhe empor, und wenn man ihnen glauben dürfte, so müßte man das magyarische Volk beneiden um die überragende Größe seiner leitenden Staats- männer. Das alles liest man in diesen in jedem Sinne des Wortes schwindel- haften Berichten. Die ohnehin zu jeder Art von Ueberhebung geneigten Magyaren werden dadurch in ihrem Uebermute noch bestärkt. Die Schreiber dieser Berichte kann man nicht tadeln -- das sind in Pest oder Preßburg lebende Magyaren oder Magyaronen, ungarische Patrioten chauvinistischer magyarischer Färbung. Aber daß diese Berichte in Wiener Blättern Aufnahme finden, das ist in höchstem Grade beschämend für uns. So sind die West- österreicher von ihren Abgeordneten, von der Regierung und von ihrer haupt- städtischen Presse seit mehr als dreißig Jahren verraten worden. Und nun in einem entscheidenden Augenblicke soll dieser Verrat potenziert werden. Wir hören täglich von Verhandlungen der Krone mit ungarischen Politikern, wir wissen, daß in diesen Verhandlungen die Grundlagen des Dualismus erörtert werden. Uns fragt niemand. Wenn die Krone mit der Mehrheit des ungari- schen Parlaments im reinen ist, werden wir's schon erfahren. Wir haben dann den getroffenen Abmachungen bloß gehorsam zuzustimmen. Und doch stehen jetzt wichtigste Dinge in Frage. Der volle oder vorläufige Sieg der Unabhängigkeitspartei bedeutet die magyarische Armee. Das kann uns kalt lassen. Darüber regen sich bloß einige noch lebende Altösterreicher auf. Aber daß diese ungarische Armee zu einem großen Teil aus unseren Taschen bezahlt werden soll, das beunruhigt uns. Daß die Magyaren den selbständigen Staat mit Zollgrenzen gegen Oesterreich und mit der Durchführung der Personal- Union haben wollen, das kann man für dumm halten, aber man kann zu- stimmen. Daß wir Oesterreicher aber selbst unsere Hilfe dazu leihen, daß ein Uebergangsstadium geschaffen werde, während dessen sich die Ungarn ge- mütlich vorbereiten auf die Trennung, das müssen wir sowohl für dumm er- klären, als auch für einen Verrat an allen Bewohnern der Königreiche und Länder. Das hieße so viel, als seinem Feinde helfen, Waffen zu schmieden und Kugeln zu gießen. Daher muß die Parole für uns lauten: Los von Ungarn, und zwar E. Pernerstorfer: Die Krise des Dualismus. und sodann als eine innere Krise Ungarns aufgefaßt habe, wird nunmehr da-durch gesteigert, daß auch der dualistische Staatsvertrag zwischen Westösterreich und Ungarn, der noch immer wenn auch recht künstlich, aufrecht erhalten wurde, durch den Sieg der Unabhängigkeitspartei stark ins Wanken gerät. Seit die Ausgleichsgesetze bestehen, murren die Westösterreicher über sie. Aber ihre Regierungen und ihre Parteien haben entgegen den materiellen Jnteressen der Königreiche und Länder stets getan, was die Ungarn und die Krone wollten. Die Erbitterung über diese Dinge ist in den Wählermassen von Jahr zu Jahr gestiegen. Die Westösterreicher fühlten, daß sie in einer Art Tributverhältnis zu Ungarn standen. Auch die Wiener liberale Presse diente immer und dient besonders auch jetzt den Ungarn. Tag für Tag kann man in diesen Zeitungen seitenlange Berichte aus Budapest lesen. Ein Jnterview jagt das andere. Die ungarischen Staatsmänner wachsen in der Phantasie dieser Blätter zu giganti- scher Höhe empor, und wenn man ihnen glauben dürfte, so müßte man das magyarische Volk beneiden um die überragende Größe seiner leitenden Staats- männer. Das alles liest man in diesen in jedem Sinne des Wortes schwindel- haften Berichten. Die ohnehin zu jeder Art von Ueberhebung geneigten Magyaren werden dadurch in ihrem Uebermute noch bestärkt. Die Schreiber dieser Berichte kann man nicht tadeln — das sind in Pest oder Preßburg lebende Magyaren oder Magyaronen, ungarische Patrioten chauvinistischer magyarischer Färbung. Aber daß diese Berichte in Wiener Blättern Aufnahme finden, das ist in höchstem Grade beschämend für uns. So sind die West- österreicher von ihren Abgeordneten, von der Regierung und von ihrer haupt- städtischen Presse seit mehr als dreißig Jahren verraten worden. Und nun in einem entscheidenden Augenblicke soll dieser Verrat potenziert werden. Wir hören täglich von Verhandlungen der Krone mit ungarischen Politikern, wir wissen, daß in diesen Verhandlungen die Grundlagen des Dualismus erörtert werden. Uns fragt niemand. Wenn die Krone mit der Mehrheit des ungari- schen Parlaments im reinen ist, werden wir's schon erfahren. Wir haben dann den getroffenen Abmachungen bloß gehorsam zuzustimmen. Und doch stehen jetzt wichtigste Dinge in Frage. Der volle oder vorläufige Sieg der Unabhängigkeitspartei bedeutet die magyarische Armee. Das kann uns kalt lassen. Darüber regen sich bloß einige noch lebende Altösterreicher auf. Aber daß diese ungarische Armee zu einem großen Teil aus unseren Taschen bezahlt werden soll, das beunruhigt uns. Daß die Magyaren den selbständigen Staat mit Zollgrenzen gegen Oesterreich und mit der Durchführung der Personal- Union haben wollen, das kann man für dumm halten, aber man kann zu- stimmen. Daß wir Oesterreicher aber selbst unsere Hilfe dazu leihen, daß ein Uebergangsstadium geschaffen werde, während dessen sich die Ungarn ge- mütlich vorbereiten auf die Trennung, das müssen wir sowohl für dumm er- klären, als auch für einen Verrat an allen Bewohnern der Königreiche und Länder. Das hieße so viel, als seinem Feinde helfen, Waffen zu schmieden und Kugeln zu gießen. 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E. Pernerstorfer: Die Krise des Dualismus.
und sodann als eine innere Krise Ungarns aufgefaßt habe, wird nunmehr da-
durch gesteigert, daß auch der dualistische Staatsvertrag zwischen Westösterreich
und Ungarn, der noch immer wenn auch recht künstlich, aufrecht erhalten wurde,
durch den Sieg der Unabhängigkeitspartei stark ins Wanken gerät. Seit die
Ausgleichsgesetze bestehen, murren die Westösterreicher über sie. Aber ihre
Regierungen und ihre Parteien haben entgegen den materiellen Jnteressen
der Königreiche und Länder stets getan, was die Ungarn und die Krone wollten.
Die Erbitterung über diese Dinge ist in den Wählermassen von Jahr zu Jahr
gestiegen. Die Westösterreicher fühlten, daß sie in einer Art Tributverhältnis
zu Ungarn standen. Auch die Wiener liberale Presse diente immer und dient
besonders auch jetzt den Ungarn. Tag für Tag kann man in diesen Zeitungen
seitenlange Berichte aus Budapest lesen. Ein Jnterview jagt das andere. Die
ungarischen Staatsmänner wachsen in der Phantasie dieser Blätter zu giganti-
scher Höhe empor, und wenn man ihnen glauben dürfte, so müßte man das
magyarische Volk beneiden um die überragende Größe seiner leitenden Staats-
männer. Das alles liest man in diesen in jedem Sinne des Wortes schwindel-
haften Berichten. Die ohnehin zu jeder Art von Ueberhebung geneigten
Magyaren werden dadurch in ihrem Uebermute noch bestärkt. Die Schreiber
dieser Berichte kann man nicht tadeln — das sind in Pest oder Preßburg
lebende Magyaren oder Magyaronen, ungarische Patrioten chauvinistischer
magyarischer Färbung. Aber daß diese Berichte in Wiener Blättern Aufnahme
finden, das ist in höchstem Grade beschämend für uns. So sind die West-
österreicher von ihren Abgeordneten, von der Regierung und von ihrer haupt-
städtischen Presse seit mehr als dreißig Jahren verraten worden. Und nun
in einem entscheidenden Augenblicke soll dieser Verrat potenziert werden. Wir
hören täglich von Verhandlungen der Krone mit ungarischen Politikern, wir
wissen, daß in diesen Verhandlungen die Grundlagen des Dualismus erörtert
werden. Uns fragt niemand. Wenn die Krone mit der Mehrheit des ungari-
schen Parlaments im reinen ist, werden wir's schon erfahren. Wir haben
dann den getroffenen Abmachungen bloß gehorsam zuzustimmen. Und doch
stehen jetzt wichtigste Dinge in Frage. Der volle oder vorläufige Sieg der
Unabhängigkeitspartei bedeutet die magyarische Armee. Das kann uns kalt
lassen. Darüber regen sich bloß einige noch lebende Altösterreicher auf. Aber
daß diese ungarische Armee zu einem großen Teil aus unseren Taschen bezahlt
werden soll, das beunruhigt uns. Daß die Magyaren den selbständigen Staat
mit Zollgrenzen gegen Oesterreich und mit der Durchführung der Personal-
Union haben wollen, das kann man für dumm halten, aber man kann zu-
stimmen. Daß wir Oesterreicher aber selbst unsere Hilfe dazu leihen, daß
ein Uebergangsstadium geschaffen werde, während dessen sich die Ungarn ge-
mütlich vorbereiten auf die Trennung, das müssen wir sowohl für dumm er-
klären, als auch für einen Verrat an allen Bewohnern der Königreiche und
Länder. Das hieße so viel, als seinem Feinde helfen, Waffen zu schmieden und
Kugeln zu gießen.
Daher muß die Parole für uns lauten: Los von Ungarn, und zwar
so schnell als möglich. Erklären wir unser Einverständnis mit den Ungarn,
soweit sie Selbständigkeit wollen und setzen wir ihren Versuchen, uns finanziell
und wirtschaftlich auszubeuten, offenen und starken Widerstand entgegen. Ja
selbst die Schwärmer für ein österreichisches Einheitsreich, soweit es noch solche
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