Europa. Wochenschrift für Kultur und Politik. Jahrgang 1, Heft 10. Berlin-Charlottenburg, 23. März 1905.Leo Kestenberg: Richard Strauß. [Abbildung]
Richard Strauß. Von Leo Kestenberg, Charlottenburg.
Das Wesen des Genies hat nirgends eine tiefere Charakterisierung erfahren Mit besonderer Deutlichkeit ist in ihr ein Hauptmerkmal des Genies, sein Ein jeder unserer großen Künstler lebt das Leben Jesu. Je bedeutender das Das Genie ist das Vorbild des Menschen für die nächsten Epochen, das Talent Je größer nun das Talent, desto charakteristischere Züge kommen als mitteilens- Sehen wir uns nach musikalischen Kunstwerken um, welche die Charakteristika Leo Kestenberg: Richard Strauß. [Abbildung]
Richard Strauß. Von Leo Kestenberg, Charlottenburg.
Das Wesen des Genies hat nirgends eine tiefere Charakterisierung erfahren Mit besonderer Deutlichkeit ist in ihr ein Hauptmerkmal des Genies, sein Ein jeder unserer großen Künstler lebt das Leben Jesu. Je bedeutender das Das Genie ist das Vorbild des Menschen für die nächsten Epochen, das Talent Je größer nun das Talent, desto charakteristischere Züge kommen als mitteilens- Sehen wir uns nach musikalischen Kunstwerken um, welche die Charakteristika <TEI> <text> <body> <pb facs="#f0040" n="472"/> <fw type="header" place="top">Leo Kestenberg: Richard Strauß.</fw><lb/> <figure/><lb/> <div type="jArticle" n="1"> <head> <hi rendition="#fr">Richard Strauß.</hi><lb/> <bibl>Von <author><hi rendition="#g">Leo Kestenberg</hi></author>, Charlottenburg.</bibl> </head><lb/> <epigraph> <cit> <quote> <p>„ Arm an Erfahrung, glaubt ich wohl einst, ein Herz sei durch Regeln<lb/> zu leiten, ein Leben sei nach Gesetzen zu führen. — Eine einzige Stunde<lb/> hat mich erleuchtet, doch jetzt bin ich einsam, allein mit mir selbst. Meinem<lb/> Leid hilft einzig nur <hi rendition="#g">meines</hi> Herzens Drang, meine Schuld sühnt nur<lb/> die Buße <hi rendition="#g">meiner</hi> Wahl, mein Leben bestimmt <hi rendition="#g">meines</hi> Geistes Gesetz,<lb/> mein Gott spricht durch <hi rendition="#g">mich selbst</hi> nur zu mir.“</p> </quote><lb/> <bibl><author><hi rendition="#right">R. Strauß</hi></author>: „Guntram “.</bibl> </cit> </epigraph><lb/> <p>Das Wesen des Genies hat nirgends eine tiefere Charakterisierung erfahren<lb/> als in der Christus=Legende. </p><lb/> <p>Mit besonderer Deutlichkeit ist in ihr ein Hauptmerkmal des Genies, sein<lb/> Gegensatz zu seiner Zeit und seiner Umgebung — womit gleich der Kontrast des<lb/> Genies zum Talent angedeutet — hervorgehoben. </p><lb/> <p>Ein jeder unserer großen Künstler lebt das Leben Jesu. Je bedeutender das<lb/> Genie, desto intensiver das Unverständnis, desto länger der Zeitraum vom Kreuzestod<lb/> bis zur Himmelfahrt. </p><lb/> <p>Das Genie ist das Vorbild des Menschen für die nächsten Epochen, das Talent<lb/> der Brennspiegel der Jdeen seiner eigenen Zeit. Naturgemäß findet das Talent<lb/> eine weit größere Anerkennung unter seinen Zeitgenossen als das Genie, da die<lb/> Gegenwart stets eine — vielleicht unbewußte — Feindin der Zukunft ist. —</p><lb/> <p>Je größer nun das Talent, desto charakteristischere Züge kommen als mitteilens-<lb/> wert in Betracht. Je verständlicher diese charakteristischen Züge den Zeitgenossen in<lb/> einem Kunstwerke entgegentreten, desto mehr verdient dieses das Prädikat: „modern “.</p><lb/> <p>Sehen wir uns nach musikalischen Kunstwerken um, welche die Charakteristika<lb/> unseres Zeitabschnittes am deutlichsten darstellen, so fallen uns die Werke von Richard<lb/> Strauß vor allem ins Auge. Hier begegnen wir allen Problemen, die den modernen<lb/> Menschen bewegen. — — Die großen technischen Anlagen, die den Raum für uns<lb/> zu verengern trachten, die sozialen Kämpfe, welche die Geister in gewaltige, fehde-<lb/> starke Gruppen teilen, die sublime, differenzierte Art seelisch zu fühlen — wie<lb/> sie unserer Generation eigen ist — dies alles findet sich — gesehen mit den Augen<lb/> eines großen Temperamentes — wieder im „Heldenleben“, im „Zarathustra“, in<lb/> „Tod und Verklärung“. Wenige Kunstwerke werden späteren Jahrhunderten eine<lb/></p> </div> </body> </text> </TEI> [472/0040]
Leo Kestenberg: Richard Strauß.
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Richard Strauß.
Von Leo Kestenberg, Charlottenburg.
„ Arm an Erfahrung, glaubt ich wohl einst, ein Herz sei durch Regeln
zu leiten, ein Leben sei nach Gesetzen zu führen. — Eine einzige Stunde
hat mich erleuchtet, doch jetzt bin ich einsam, allein mit mir selbst. Meinem
Leid hilft einzig nur meines Herzens Drang, meine Schuld sühnt nur
die Buße meiner Wahl, mein Leben bestimmt meines Geistes Gesetz,
mein Gott spricht durch mich selbst nur zu mir.“
R. Strauß: „Guntram “.
Das Wesen des Genies hat nirgends eine tiefere Charakterisierung erfahren
als in der Christus=Legende.
Mit besonderer Deutlichkeit ist in ihr ein Hauptmerkmal des Genies, sein
Gegensatz zu seiner Zeit und seiner Umgebung — womit gleich der Kontrast des
Genies zum Talent angedeutet — hervorgehoben.
Ein jeder unserer großen Künstler lebt das Leben Jesu. Je bedeutender das
Genie, desto intensiver das Unverständnis, desto länger der Zeitraum vom Kreuzestod
bis zur Himmelfahrt.
Das Genie ist das Vorbild des Menschen für die nächsten Epochen, das Talent
der Brennspiegel der Jdeen seiner eigenen Zeit. Naturgemäß findet das Talent
eine weit größere Anerkennung unter seinen Zeitgenossen als das Genie, da die
Gegenwart stets eine — vielleicht unbewußte — Feindin der Zukunft ist. —
Je größer nun das Talent, desto charakteristischere Züge kommen als mitteilens-
wert in Betracht. Je verständlicher diese charakteristischen Züge den Zeitgenossen in
einem Kunstwerke entgegentreten, desto mehr verdient dieses das Prädikat: „modern “.
Sehen wir uns nach musikalischen Kunstwerken um, welche die Charakteristika
unseres Zeitabschnittes am deutlichsten darstellen, so fallen uns die Werke von Richard
Strauß vor allem ins Auge. Hier begegnen wir allen Problemen, die den modernen
Menschen bewegen. — — Die großen technischen Anlagen, die den Raum für uns
zu verengern trachten, die sozialen Kämpfe, welche die Geister in gewaltige, fehde-
starke Gruppen teilen, die sublime, differenzierte Art seelisch zu fühlen — wie
sie unserer Generation eigen ist — dies alles findet sich — gesehen mit den Augen
eines großen Temperamentes — wieder im „Heldenleben“, im „Zarathustra“, in
„Tod und Verklärung“. Wenige Kunstwerke werden späteren Jahrhunderten eine
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| Zitationshilfe: | Europa. Wochenschrift für Kultur und Politik. Jahrgang 1, Heft 10. Berlin-Charlottenburg, 23. März 1905, S. 472. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/nn_europa0110_1905/40>, abgerufen am 23.09.2024. |


