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Marburger Zeitung. Nr. 57, Marburg, 11.03.1915.

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Die Einzelnummer kostet 10 Heller.




Nr. 57 Donnerstag, 11. März 1915 54. Jahrgang


Die Bilanz der Champagneschlacht.
Neue Fortschritte in Westgalizien und in den Karpathen. Deutsche Erfolge in Polen,
3000 Gekangene, 3 Geschütze, 10 Maschinengewehre. Griechenland bleibt neutral.


[Spaltenumbruch]
In der Champagne.


Ein neuer Heldensang, der aus der weinge-
segneten Champagne in die Welt braust! Karg ist
das Große Deutsche Hauptquartier ansonst mit
Wort und Lob und dann nur, wenn das Ge-
schehene riesengroß, wenn der Heldenmut der Trup-
pen und die Kunst der Führer über jedes Maß des
Gewohnten gigantisch emporwuchs, dann zeichnet
der amtliche deutsche Griffel die Taten lebendiger
und uns ist dann ein Einblick gegönnt in die
höchsten Wunder des Menschentumes. So stiegen
vor uns einst die Bilder auf von der ersten Schlacht
bei Mühlhausen, wo Bayerns Kronprinz acht fran-
zösische Armeekorps schlug, von den Riesentrümmern
der Festungen von Belgien und Nordfrankreich --
und auch da noch waren die amtlichen Berichte
karg und kurz, gleichsam als ob sie nur Selbst-
verständlichkeiten wären, jene Taten, die ganz
Deutschland und Österreich-Ungarn mit Jubel und
mit dem Geläute der Glocken erfüllten. Aber
lebensvoller und trotz ihrer Sachlichkeit alles Grauen
der Phantasie erweckend und zugleich die Herzen
im gewaltigen Schwunge bis zu Himmelshöhen der
Empfindung reißend, waren die Schilderungen jener
[Spaltenumbruch] Tage, da der Befreier Ostpreußens bei Ortelsburg
und Tannenberg die Nordheere des Zaren ver-
nichtete und einen unendlichen Zug von mehr als
hunderttausend Gefangenen nach Deutschland führen
ließ. Wieder wars ein Heldensang, der sich auf den
Höhen von Soissons erhob, wo die deutschen
Truppen die Stiefel im tiefen Lehme stecken lassend,
barfuß über das Hochland von Craonne stürmten,
wo unterm Artilleriefeuer und vor den Bajonetten
der barfüssigen Truppen, wie vom Schwerte St.
Michaels getrieben, die Reste des Feindes in wahn-
sinniger Flucht zur einzigen Rettung verheißenden
Brücke über die angeschwollene und blutigrot ge-
färbte Aisne dahinstürmend, 5000 Gefangene in
deutschen Händen ließen. Und auch das furchtbare
Grauen der Kämpfe im weiten dichten Tann der
Argonnen stellte uns zusammenfassend der deutsche
Bericht vor die Seele, jenes stille Heldentum in
Wald und Schlucht, bis in den Tagen des Feber
die neue erschütternde Kunde kam von der Ver-
nichtung der russischen 10. Armee, von jenem
Hexenkessel, in den der Befreier Ostpreußens nach
neuntägiger Winterschlacht die russischen Divisionen
zusammentrieb und ihnen im Tale von Wolkusch
jenes Ende bereitete, von dem einst Kinder und
Kindeskinder singen und sagen werden, wie von
[Spaltenumbruch] jener unermeßlichen Kriegsbeute, die unerhört ist
in der Geschichte aller Zeiten. Nun aber rauscht
aus den Gefilden der Champagne, die für hundert
Jahre mit dem Blute von vielen Tausenden ge-
tränkt wurden, als ob für hundert Jahre dort
roter Wein und rote Rosen dem Boden entsprie-
ßen sollten, ein neues, gewaltiges Heldenepos über
beide Kaiserstaaten dahin, der Ruhmesgesang des
Rheinlandes und der von der Garde. Zwei schwache
rheinische Divisionen, von Gardebataillonen unter-
stützt, hielten dort, wie der gestrige Bericht des
deutschen Hauptquartieres verkündet, durch mehr
als drei Wochen dem Ansturme sechs vollausge-
füllter französischer Armeekorps stand, durch mehr
als drei Wochen sechsfacher feindlicher Übermacht
gegenüber, täglich und allnächtlich vom grauen-
haften Hagel der Granaten und von den Geschossen
schwerer Artillerie überschüttet, "oft mehr als
100.000 Schüsse in vierundzwanzig Stunden" und
dies alles in einer Front von nur acht Kilometern
Breite! Immer Sechs gegen Einen, Zwölf gegen
Zwei und dazu das vernichtende Feuer der ebenso
überlegenen Artillerie des Feindes. Deutschland
konnte ihnen keine Hilfe bringen, denn unendlich
lang ist die Front vom Meere bis zur Schweiz
und in Polen wie in den Karpathen und in unserer




[Spaltenumbruch]
Das Geheimnis der Brüder

21 (Nachdruck verboten.

"Wer weiß, ob es Ihnen gerade angenehm
sein wird, was ich Ihnen zu sagen habe. Mein
Mann wünscht dringend, daß unserer Tochter ge-
stattet sein möge, in engeren Verkehr mit Ihrem
Fräulein Schwägerin zu treten. Er verspricht sich
den günstigsten Einfluß auf die Gemütsstimmung
meiner Tochter, die gegenwärtig sehr deprimiert ist.
Es beunruhigt ihn sehr, daß sie sich jetzt so selbst
überlassen ist -- wir haben ja noch Kinder, aber
ihre Ziele gehen weit auseinander und der Druck
der jetzigen Krankheit meines Mannes liegt ja auch
auf allen sehr!" Sie schwieg erwartungsvoll.

Ich hatte Zeit genug gehabt, über die mich
überraschende Bitte nachzudenken, dennoch sand
ich nicht das rechte Wort und war unschlüssig und
verwirrt.

"Meine Schwägerin ist bedeutend älter als
Ihr Fräulein Tochter. Sollten sich wirklich ihre
Charaktere ergänzen und gegenseittg anziehen?"

"Gerade das glaubt mein Mann in dem
näheren Verkehr zu finden, er hofft einen Ausgleich
für beide. Ruhige Vernunft und unklare Jugend-
schwärmerei passen stets zusammen, meint mein
Mann, und ich möchte ihm gerade jetzt nicht wider-
sprechen!"

Mir war heiß geworden um den Kopf; ich
[Spaltenumbruch] konnte es nicht hindern, daß ich unwillkürlich mit
der Hand durch mein Haar fuhr, wie ich in ver-
zweifelten Fällen immer zu tun pflegte.

Vor meinen Augen erhob sich der glückliche
Vater mit seiner Bitte, mir den Sohn zuführen
zu dürfen, hier die unglückliche Mutter, die ihr
Kind von der Leidenschaft retten wollte und un-
bewußt gerade das Gegenteil tat.

"Es ist Ihnen nicht angenehm?" sagte sie leise.

"Doch, doch!" fuhr ich herum. "Im Gegen-
teil, es wird mir und meinen Damen ein besonderes
Vergnügen sein."

"Darf ich sie also zu Ihnen schicken? Oder
besser, würde Ihr Fräulein Schwägerin heut eine
Ausfahrt mit Erika machen?" fiel sie erfreut ein.

"Gewiß -- wenn es Ihrem Fräulein Tochter
so beliebt!" Es klang wohl steif und wenig ein-
ladend. Da fühlte ich plötzlich meine Hand ergriffen:

"Herr Doktor -- meine Tochter ist kein
fröhliches Kind mehr, ich bange um sie -- langge-
hegten Jugendträumen zu entsagen ist nicht leicht
-- wir alle wissen das ja vielfach aus eigener Er-
fahrung; ich bitte Sie, uns freundlichst Ihre Hand
auch zur Bekämpfung seelischen Leidens zu bieten."

Sie zögerte -- die sonst hellen Augen leuch-
teten dunkel vor innerer Sorge und Erregung.

Was konnte ich anders tun, als die mich Be-
schwörende erfassen und verständnisvoll, ja rührend
ihren Druck zu erwidern! -- Ich mußte da nun
schon sehen, wie ich andernfalls aus dem Dilemma
herauskam. Fürs erste suchte ich von dieser Schwelle
[Spaltenumbruch] fortzukommen, wo tausend unsichtbare Fäden mich
umspannen, um mich in das Netz zu ziehen, das
die dunklen Schicksalswirren zu weben begannen.

Schnell trat ich hinaus in den heiter lachen-
den Spätherbsttag.

Stürmische Fragen begrüßten mich, als ich zu
Hause ankam. Mir schien es gar, als wären Sophiens
hübsche Augen von Tränen gerötet -- Ich hielt
es für geraten, das ungewöhnliche Interesse der
beiden Schwestern nicht noch mehr anzufachen, ich
behielt also meine sämtlichen Erlebnisse für mich
und gedachte das Kommende so nach und nach dem
Zufall zu überlassen. Nur, daß Fräulein Franke
jedenfalls Sophie zu einer Ausfahrt abholen würde,
ließ ich so mir hinein fließen. Von dem gewünschten
näheren Verkehr zu sprechen, hatte ich weder Lust
noch Laune, denn ich war ebenso abgespannt wie
mißgestimmt und zog mich deshalb bald zurück,
den vielerlei Fagen ein für allemal dadurch vor-
beugend.

"Ich werde mich für alle Fälle bereit halten!"
rief mir Sophie noch nach, während sie schon zum
erstenmal durchs Fenster sah, um nach der Er-
warteten auszuspähen.

Trotz dem inneren Mißbehagen hatte ich ein
paar Stunden gut geschlasen.

Ich trat ins Eßzimmer; ein Blick durchs
Fenster belehrte mich, daß Sophie eben von ihrer
Ausfahrt zurückkehrte. Die Equipage fuhr eben
langsam vor. Die beiden Damen verabschiedeten
sich, Sophie in ihrer natürlich herzlichen Weise,


Marburger Zeitung.
Tagblatt.

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Der Preis des Blattes beträgt:
Für Marburg monatlich 1 K 50 h. Bei Zuſtellung ins Haus
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Erſcheint täglich um 5 Uhr abends.
Sprechſtunden
des Schriftleiters an allen Wochentagen von
11—12 Uhr und von 5—6 Uhr Edmund Schmidgaſſe 4.
Verwaltung: Edmund Schmidgaſſe 4. (Telephon Nr. 24.)


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Anzeigen werden im Verlage des Blattes und von
allen größeren Annoncen-Expeditionen entgegengenemmen
und koſtet die fünfmal geſpaltene Kleinzeile 12 h.
Die Einzelnummer koſtet 10 Heller.




Nr. 57 Donnerstag, 11. März 1915 54. Jahrgang


Die Bilanz der Champagneschlacht.
Neue Fortſchritte in Weſtgalizien und in den Karpathen. Deutſche Erfolge in Polen,
3000 Gekangene, 3 Geſchütze, 10 Maſchinengewehre. Griechenland bleibt neutral.


[Spaltenumbruch]
In der Champagne.


Ein neuer Heldenſang, der aus der weinge-
ſegneten Champagne in die Welt brauſt! Karg iſt
das Große Deutſche Hauptquartier anſonſt mit
Wort und Lob und dann nur, wenn das Ge-
ſchehene rieſengroß, wenn der Heldenmut der Trup-
pen und die Kunſt der Führer über jedes Maß des
Gewohnten gigantiſch emporwuchs, dann zeichnet
der amtliche deutſche Griffel die Taten lebendiger
und uns iſt dann ein Einblick gegönnt in die
höchſten Wunder des Menſchentumes. So ſtiegen
vor uns einſt die Bilder auf von der erſten Schlacht
bei Mühlhauſen, wo Bayerns Kronprinz acht fran-
zöſiſche Armeekorps ſchlug, von den Rieſentrümmern
der Feſtungen von Belgien und Nordfrankreich —
und auch da noch waren die amtlichen Berichte
karg und kurz, gleichſam als ob ſie nur Selbſt-
verſtändlichkeiten wären, jene Taten, die ganz
Deutſchland und Öſterreich-Ungarn mit Jubel und
mit dem Geläute der Glocken erfüllten. Aber
lebensvoller und trotz ihrer Sachlichkeit alles Grauen
der Phantaſie erweckend und zugleich die Herzen
im gewaltigen Schwunge bis zu Himmelshöhen der
Empfindung reißend, waren die Schilderungen jener
[Spaltenumbruch] Tage, da der Befreier Oſtpreußens bei Ortelsburg
und Tannenberg die Nordheere des Zaren ver-
nichtete und einen unendlichen Zug von mehr als
hunderttauſend Gefangenen nach Deutſchland führen
ließ. Wieder wars ein Heldenſang, der ſich auf den
Höhen von Soiſſons erhob, wo die deutſchen
Truppen die Stiefel im tiefen Lehme ſtecken laſſend,
barfuß über das Hochland von Craonne ſtürmten,
wo unterm Artilleriefeuer und vor den Bajonetten
der barfüſſigen Truppen, wie vom Schwerte St.
Michaels getrieben, die Reſte des Feindes in wahn-
ſinniger Flucht zur einzigen Rettung verheißenden
Brücke über die angeſchwollene und blutigrot ge-
färbte Aisne dahinſtürmend, 5000 Gefangene in
deutſchen Händen ließen. Und auch das furchtbare
Grauen der Kämpfe im weiten dichten Tann der
Argonnen ſtellte uns zuſammenfaſſend der deutſche
Bericht vor die Seele, jenes ſtille Heldentum in
Wald und Schlucht, bis in den Tagen des Feber
die neue erſchütternde Kunde kam von der Ver-
nichtung der ruſſiſchen 10. Armee, von jenem
Hexenkeſſel, in den der Befreier Oſtpreußens nach
neuntägiger Winterſchlacht die ruſſiſchen Diviſionen
zuſammentrieb und ihnen im Tale von Wolkuſch
jenes Ende bereitete, von dem einſt Kinder und
Kindeskinder ſingen und ſagen werden, wie von
[Spaltenumbruch] jener unermeßlichen Kriegsbeute, die unerhört iſt
in der Geſchichte aller Zeiten. Nun aber rauſcht
aus den Gefilden der Champagne, die für hundert
Jahre mit dem Blute von vielen Tauſenden ge-
tränkt wurden, als ob für hundert Jahre dort
roter Wein und rote Roſen dem Boden entſprie-
ßen ſollten, ein neues, gewaltiges Heldenepos über
beide Kaiſerſtaaten dahin, der Ruhmesgeſang des
Rheinlandes und der von der Garde. Zwei ſchwache
rheiniſche Diviſionen, von Gardebataillonen unter-
ſtützt, hielten dort, wie der geſtrige Bericht des
deutſchen Hauptquartieres verkündet, durch mehr
als drei Wochen dem Anſturme ſechs vollausge-
füllter franzöſiſcher Armeekorps ſtand, durch mehr
als drei Wochen ſechsfacher feindlicher Übermacht
gegenüber, täglich und allnächtlich vom grauen-
haften Hagel der Granaten und von den Geſchoſſen
ſchwerer Artillerie überſchüttet, „oft mehr als
100.000 Schüſſe in vierundzwanzig Stunden“ und
dies alles in einer Front von nur acht Kilometern
Breite! Immer Sechs gegen Einen, Zwölf gegen
Zwei und dazu das vernichtende Feuer der ebenſo
überlegenen Artillerie des Feindes. Deutſchland
konnte ihnen keine Hilfe bringen, denn unendlich
lang iſt die Front vom Meere bis zur Schweiz
und in Polen wie in den Karpathen und in unſerer




[Spaltenumbruch]
Das Geheimnis der Brüder

21 (Nachdruck verboten.

„Wer weiß, ob es Ihnen gerade angenehm
ſein wird, was ich Ihnen zu ſagen habe. Mein
Mann wünſcht dringend, daß unſerer Tochter ge-
ſtattet ſein möge, in engeren Verkehr mit Ihrem
Fräulein Schwägerin zu treten. Er verſpricht ſich
den günſtigſten Einfluß auf die Gemütsſtimmung
meiner Tochter, die gegenwärtig ſehr deprimiert iſt.
Es beunruhigt ihn ſehr, daß ſie ſich jetzt ſo ſelbſt
überlaſſen iſt — wir haben ja noch Kinder, aber
ihre Ziele gehen weit auseinander und der Druck
der jetzigen Krankheit meines Mannes liegt ja auch
auf allen ſehr!“ Sie ſchwieg erwartungsvoll.

Ich hatte Zeit genug gehabt, über die mich
überraſchende Bitte nachzudenken, dennoch ſand
ich nicht das rechte Wort und war unſchlüſſig und
verwirrt.

„Meine Schwägerin iſt bedeutend älter als
Ihr Fräulein Tochter. Sollten ſich wirklich ihre
Charaktere ergänzen und gegenſeittg anziehen?“

„Gerade das glaubt mein Mann in dem
näheren Verkehr zu finden, er hofft einen Ausgleich
für beide. Ruhige Vernunft und unklare Jugend-
ſchwärmerei paſſen ſtets zuſammen, meint mein
Mann, und ich möchte ihm gerade jetzt nicht wider-
ſprechen!“

Mir war heiß geworden um den Kopf; ich
[Spaltenumbruch] konnte es nicht hindern, daß ich unwillkürlich mit
der Hand durch mein Haar fuhr, wie ich in ver-
zweifelten Fällen immer zu tun pflegte.

Vor meinen Augen erhob ſich der glückliche
Vater mit ſeiner Bitte, mir den Sohn zuführen
zu dürfen, hier die unglückliche Mutter, die ihr
Kind von der Leidenſchaft retten wollte und un-
bewußt gerade das Gegenteil tat.

„Es iſt Ihnen nicht angenehm?“ ſagte ſie leiſe.

„Doch, doch!“ fuhr ich herum. „Im Gegen-
teil, es wird mir und meinen Damen ein beſonderes
Vergnügen ſein.“

„Darf ich ſie alſo zu Ihnen ſchicken? Oder
beſſer, würde Ihr Fräulein Schwägerin heut eine
Ausfahrt mit Erika machen?“ fiel ſie erfreut ein.

„Gewiß — wenn es Ihrem Fräulein Tochter
ſo beliebt!“ Es klang wohl ſteif und wenig ein-
ladend. Da fühlte ich plötzlich meine Hand ergriffen:

„Herr Doktor — meine Tochter iſt kein
fröhliches Kind mehr, ich bange um ſie — langge-
hegten Jugendträumen zu entſagen iſt nicht leicht
— wir alle wiſſen das ja vielfach aus eigener Er-
fahrung; ich bitte Sie, uns freundlichſt Ihre Hand
auch zur Bekämpfung ſeeliſchen Leidens zu bieten.“

Sie zögerte — die ſonſt hellen Augen leuch-
teten dunkel vor innerer Sorge und Erregung.

Was konnte ich anders tun, als die mich Be-
ſchwörende erfaſſen und verſtändnisvoll, ja rührend
ihren Druck zu erwidern! — Ich mußte da nun
ſchon ſehen, wie ich andernfalls aus dem Dilemma
herauskam. Fürs erſte ſuchte ich von dieſer Schwelle
[Spaltenumbruch] fortzukommen, wo tauſend unſichtbare Fäden mich
umſpannen, um mich in das Netz zu ziehen, das
die dunklen Schickſalswirren zu weben begannen.

Schnell trat ich hinaus in den heiter lachen-
den Spätherbſttag.

Stürmiſche Fragen begrüßten mich, als ich zu
Hauſe ankam. Mir ſchien es gar, als wären Sophiens
hübſche Augen von Tränen gerötet — Ich hielt
es für geraten, das ungewöhnliche Intereſſe der
beiden Schweſtern nicht noch mehr anzufachen, ich
behielt alſo meine ſämtlichen Erlebniſſe für mich
und gedachte das Kommende ſo nach und nach dem
Zufall zu überlaſſen. Nur, daß Fräulein Franke
jedenfalls Sophie zu einer Ausfahrt abholen würde,
ließ ich ſo mir hinein fließen. Von dem gewünſchten
näheren Verkehr zu ſprechen, hatte ich weder Luſt
noch Laune, denn ich war ebenſo abgeſpannt wie
mißgeſtimmt und zog mich deshalb bald zurück,
den vielerlei Fagen ein für allemal dadurch vor-
beugend.

„Ich werde mich für alle Fälle bereit halten!“
rief mir Sophie noch nach, während ſie ſchon zum
erſtenmal durchs Fenſter ſah, um nach der Er-
warteten auszuſpähen.

Trotz dem inneren Mißbehagen hatte ich ein
paar Stunden gut geſchlaſen.

Ich trat ins Eßzimmer; ein Blick durchs
Fenſter belehrte mich, daß Sophie eben von ihrer
Ausfahrt zurückkehrte. Die Equipage fuhr eben
langſam vor. Die beiden Damen verabſchiedeten
ſich, Sophie in ihrer natürlich herzlichen Weiſe,


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[[1]/0001] Marburger Zeitung. Tagblatt. Der Preis des Blattes beträgt: Für Marburg monatlich 1 K 50 h. Bei Zuſtellung ins Haus monatlich 40 h mehr. Mit Poſtverſendung wie bisher: Ganzjährig 14 K, halbjährig 7 K, vierteljährig 3 K 50 h. Das Abonnement dauert bis zur ſchriftlichen Abbeſtellung. Erſcheint täglich um 5 Uhr abends. Sprechſtunden des Schriftleiters an allen Wochentagen von 11—12 Uhr und von 5—6 Uhr Edmund Schmidgaſſe 4. Verwaltung: Edmund Schmidgaſſe 4. (Telephon Nr. 24.) Anzeigen werden im Verlage des Blattes und von allen größeren Annoncen-Expeditionen entgegengenemmen und koſtet die fünfmal geſpaltene Kleinzeile 12 h. Die Einzelnummer koſtet 10 Heller. Nr. 57 Donnerstag, 11. März 1915 54. Jahrgang Die Bilanz der Champagneschlacht. Neue Fortſchritte in Weſtgalizien und in den Karpathen. Deutſche Erfolge in Polen, 3000 Gekangene, 3 Geſchütze, 10 Maſchinengewehre. Griechenland bleibt neutral. In der Champagne. Marburg, 11. März. Ein neuer Heldenſang, der aus der weinge- ſegneten Champagne in die Welt brauſt! Karg iſt das Große Deutſche Hauptquartier anſonſt mit Wort und Lob und dann nur, wenn das Ge- ſchehene rieſengroß, wenn der Heldenmut der Trup- pen und die Kunſt der Führer über jedes Maß des Gewohnten gigantiſch emporwuchs, dann zeichnet der amtliche deutſche Griffel die Taten lebendiger und uns iſt dann ein Einblick gegönnt in die höchſten Wunder des Menſchentumes. So ſtiegen vor uns einſt die Bilder auf von der erſten Schlacht bei Mühlhauſen, wo Bayerns Kronprinz acht fran- zöſiſche Armeekorps ſchlug, von den Rieſentrümmern der Feſtungen von Belgien und Nordfrankreich — und auch da noch waren die amtlichen Berichte karg und kurz, gleichſam als ob ſie nur Selbſt- verſtändlichkeiten wären, jene Taten, die ganz Deutſchland und Öſterreich-Ungarn mit Jubel und mit dem Geläute der Glocken erfüllten. Aber lebensvoller und trotz ihrer Sachlichkeit alles Grauen der Phantaſie erweckend und zugleich die Herzen im gewaltigen Schwunge bis zu Himmelshöhen der Empfindung reißend, waren die Schilderungen jener Tage, da der Befreier Oſtpreußens bei Ortelsburg und Tannenberg die Nordheere des Zaren ver- nichtete und einen unendlichen Zug von mehr als hunderttauſend Gefangenen nach Deutſchland führen ließ. Wieder wars ein Heldenſang, der ſich auf den Höhen von Soiſſons erhob, wo die deutſchen Truppen die Stiefel im tiefen Lehme ſtecken laſſend, barfuß über das Hochland von Craonne ſtürmten, wo unterm Artilleriefeuer und vor den Bajonetten der barfüſſigen Truppen, wie vom Schwerte St. Michaels getrieben, die Reſte des Feindes in wahn- ſinniger Flucht zur einzigen Rettung verheißenden Brücke über die angeſchwollene und blutigrot ge- färbte Aisne dahinſtürmend, 5000 Gefangene in deutſchen Händen ließen. Und auch das furchtbare Grauen der Kämpfe im weiten dichten Tann der Argonnen ſtellte uns zuſammenfaſſend der deutſche Bericht vor die Seele, jenes ſtille Heldentum in Wald und Schlucht, bis in den Tagen des Feber die neue erſchütternde Kunde kam von der Ver- nichtung der ruſſiſchen 10. Armee, von jenem Hexenkeſſel, in den der Befreier Oſtpreußens nach neuntägiger Winterſchlacht die ruſſiſchen Diviſionen zuſammentrieb und ihnen im Tale von Wolkuſch jenes Ende bereitete, von dem einſt Kinder und Kindeskinder ſingen und ſagen werden, wie von jener unermeßlichen Kriegsbeute, die unerhört iſt in der Geſchichte aller Zeiten. Nun aber rauſcht aus den Gefilden der Champagne, die für hundert Jahre mit dem Blute von vielen Tauſenden ge- tränkt wurden, als ob für hundert Jahre dort roter Wein und rote Roſen dem Boden entſprie- ßen ſollten, ein neues, gewaltiges Heldenepos über beide Kaiſerſtaaten dahin, der Ruhmesgeſang des Rheinlandes und der von der Garde. Zwei ſchwache rheiniſche Diviſionen, von Gardebataillonen unter- ſtützt, hielten dort, wie der geſtrige Bericht des deutſchen Hauptquartieres verkündet, durch mehr als drei Wochen dem Anſturme ſechs vollausge- füllter franzöſiſcher Armeekorps ſtand, durch mehr als drei Wochen ſechsfacher feindlicher Übermacht gegenüber, täglich und allnächtlich vom grauen- haften Hagel der Granaten und von den Geſchoſſen ſchwerer Artillerie überſchüttet, „oft mehr als 100.000 Schüſſe in vierundzwanzig Stunden“ und dies alles in einer Front von nur acht Kilometern Breite! Immer Sechs gegen Einen, Zwölf gegen Zwei und dazu das vernichtende Feuer der ebenſo überlegenen Artillerie des Feindes. Deutſchland konnte ihnen keine Hilfe bringen, denn unendlich lang iſt die Front vom Meere bis zur Schweiz und in Polen wie in den Karpathen und in unſerer Das Geheimnis der Brüder Roman von J Fichtner. 21 (Nachdruck verboten. „Wer weiß, ob es Ihnen gerade angenehm ſein wird, was ich Ihnen zu ſagen habe. Mein Mann wünſcht dringend, daß unſerer Tochter ge- ſtattet ſein möge, in engeren Verkehr mit Ihrem Fräulein Schwägerin zu treten. Er verſpricht ſich den günſtigſten Einfluß auf die Gemütsſtimmung meiner Tochter, die gegenwärtig ſehr deprimiert iſt. Es beunruhigt ihn ſehr, daß ſie ſich jetzt ſo ſelbſt überlaſſen iſt — wir haben ja noch Kinder, aber ihre Ziele gehen weit auseinander und der Druck der jetzigen Krankheit meines Mannes liegt ja auch auf allen ſehr!“ Sie ſchwieg erwartungsvoll. Ich hatte Zeit genug gehabt, über die mich überraſchende Bitte nachzudenken, dennoch ſand ich nicht das rechte Wort und war unſchlüſſig und verwirrt. „Meine Schwägerin iſt bedeutend älter als Ihr Fräulein Tochter. Sollten ſich wirklich ihre Charaktere ergänzen und gegenſeittg anziehen?“ „Gerade das glaubt mein Mann in dem näheren Verkehr zu finden, er hofft einen Ausgleich für beide. Ruhige Vernunft und unklare Jugend- ſchwärmerei paſſen ſtets zuſammen, meint mein Mann, und ich möchte ihm gerade jetzt nicht wider- ſprechen!“ Mir war heiß geworden um den Kopf; ich konnte es nicht hindern, daß ich unwillkürlich mit der Hand durch mein Haar fuhr, wie ich in ver- zweifelten Fällen immer zu tun pflegte. Vor meinen Augen erhob ſich der glückliche Vater mit ſeiner Bitte, mir den Sohn zuführen zu dürfen, hier die unglückliche Mutter, die ihr Kind von der Leidenſchaft retten wollte und un- bewußt gerade das Gegenteil tat. „Es iſt Ihnen nicht angenehm?“ ſagte ſie leiſe. „Doch, doch!“ fuhr ich herum. „Im Gegen- teil, es wird mir und meinen Damen ein beſonderes Vergnügen ſein.“ „Darf ich ſie alſo zu Ihnen ſchicken? Oder beſſer, würde Ihr Fräulein Schwägerin heut eine Ausfahrt mit Erika machen?“ fiel ſie erfreut ein. „Gewiß — wenn es Ihrem Fräulein Tochter ſo beliebt!“ Es klang wohl ſteif und wenig ein- ladend. Da fühlte ich plötzlich meine Hand ergriffen: „Herr Doktor — meine Tochter iſt kein fröhliches Kind mehr, ich bange um ſie — langge- hegten Jugendträumen zu entſagen iſt nicht leicht — wir alle wiſſen das ja vielfach aus eigener Er- fahrung; ich bitte Sie, uns freundlichſt Ihre Hand auch zur Bekämpfung ſeeliſchen Leidens zu bieten.“ Sie zögerte — die ſonſt hellen Augen leuch- teten dunkel vor innerer Sorge und Erregung. Was konnte ich anders tun, als die mich Be- ſchwörende erfaſſen und verſtändnisvoll, ja rührend ihren Druck zu erwidern! — Ich mußte da nun ſchon ſehen, wie ich andernfalls aus dem Dilemma herauskam. Fürs erſte ſuchte ich von dieſer Schwelle fortzukommen, wo tauſend unſichtbare Fäden mich umſpannen, um mich in das Netz zu ziehen, das die dunklen Schickſalswirren zu weben begannen. Schnell trat ich hinaus in den heiter lachen- den Spätherbſttag. Stürmiſche Fragen begrüßten mich, als ich zu Hauſe ankam. Mir ſchien es gar, als wären Sophiens hübſche Augen von Tränen gerötet — Ich hielt es für geraten, das ungewöhnliche Intereſſe der beiden Schweſtern nicht noch mehr anzufachen, ich behielt alſo meine ſämtlichen Erlebniſſe für mich und gedachte das Kommende ſo nach und nach dem Zufall zu überlaſſen. Nur, daß Fräulein Franke jedenfalls Sophie zu einer Ausfahrt abholen würde, ließ ich ſo mir hinein fließen. Von dem gewünſchten näheren Verkehr zu ſprechen, hatte ich weder Luſt noch Laune, denn ich war ebenſo abgeſpannt wie mißgeſtimmt und zog mich deshalb bald zurück, den vielerlei Fagen ein für allemal dadurch vor- beugend. „Ich werde mich für alle Fälle bereit halten!“ rief mir Sophie noch nach, während ſie ſchon zum erſtenmal durchs Fenſter ſah, um nach der Er- warteten auszuſpähen. Trotz dem inneren Mißbehagen hatte ich ein paar Stunden gut geſchlaſen. Ich trat ins Eßzimmer; ein Blick durchs Fenſter belehrte mich, daß Sophie eben von ihrer Ausfahrt zurückkehrte. Die Equipage fuhr eben langſam vor. Die beiden Damen verabſchiedeten ſich, Sophie in ihrer natürlich herzlichen Weiſe,

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Zitationshilfe: Marburger Zeitung. Nr. 57, Marburg, 11.03.1915, S. [1]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/nn_marburger57_1915/1>, abgerufen am 02.03.2024.