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Neue Rheinische Zeitung. Nr. 170. Köln, 16. Dezember 1848.

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hatten mehrere Sectionen noch in dem Verhältniß von 100 gegen 30 für Raspail gestimmt: die gestrigen Vota geben das Verhältniß von 18 zu 10 für Ledru-Rollin. Morgen die amtliche Zählung.

12 Paris, 13. Decbr.

Girardin triumphirt: "Louis Napoleon springt aus allen Urnen wie die Flamme eines Lauffeuers.... Louis Napoleon, wir haben die mathematische Gewißheit, wird der Auserlesene der Demokratie:" Und Girardin? Was wird Girardin werden, der Todfeind des Nationals, der unter Louis Philipp dem National den besten Redakteur Carrel todt schoß und unter der Herrschaft des Nationals den besten General des National's Cavaignac todtschrieb?... Girardin, der jetzt seinem Hasse gegen die gestürzte Dynastie freien Lauf lassen kann, was wird Girardin unter Napoleon werden? Girardin triumphirt und aus seinem Jubel leuchtet nur ein Gedanke hervor: Frankreich hat Cavaignac gestürzt, um Girardin zu rächen!

In allen Listen, die bisheran bekannt geworden, ist Lamartine immer der Letzte: Lamartine, der während den ersten Elektionen zur Repräsentanten-Kammer, die Stimmen und Sympathien von fast ganz Frankreich für sich hatte, wird von allen Parteien gleichzeitig ausgestoßen: die einzelnen Stimmen, die sich für ihn noch aussprechen, sind die verlornen Flötenstimmen einiger verschollenen Poeten und Litteraten. Selbst die wohlmeinende philantropische Bourgeoisie hat den Soldaten Cavaignac dem Poeten Lamartine vorgezogen. Mit den Stimmen der Demokraten hat es ein anderes Bewandniß: zwischen Raspail und Ledru-Rollin getheilt, theilen alle gemeinsam den Haß gegen Cavaignac, gegen die Dynastie des Nationals und empfinden alle gleich schmerzlich die Niederlage im Juni.

Louis Napoleon vereinigte die meisten Chancen mit Hülfe der Bauern, die 2/3 der Bevölkerung ausmachen, an's Ruder zu gelangen. Ledru-Rollin als Mitglied der prov.-Regierung hatte es mit den Bauern durch die 45 Centimen Steuer und mit einem Theile der Demokraten durch seine lauen Maßregeln verdorben. Raspail war hauptsächlich nur dem Pariser und Lyoner Proletariat bekannt: Louis Napoleon, wie gesagt hatte die meisten Chancen, und jeder Wechsel, jede Bewegung war dem gekränkten Proletariat willkommen, um den arabischen Zuständen ein Ende zu machen.

Die dem Raspail zugefallenen Stimmen sind daher keineswegs maßgebend für die Stärke des Proletariats, so wenig als die dem Napoleon zugekommenen Stimmen den Maßstab abgeben können für die Stärke der königlichen oder kaiserlichen Gesinnungen in Frankreich. Ein großer Theil der Stimmen für Napoleon kommt der demokratischen Partei zu Gute. Dies geht offenbar aus der Art und Weise der Abstimmung in sehr vielen Departements hervor, die anerkannter Weise ganz für Ledru-Rollin sind, und in denen dessenungeachtet Ledrü-Rollin keine einzige Stimme erhalten hat, weil eben die Frage gestellt war zwischen Cavaignac und Louis Napoleon, d. h. zwischen dem Tode oder dem Leben Cavaignac's.

In Paris, wo Raspail bisheran eine große Anzahl von Stimmen erhalten hat, weiß man, daß die Anhänger Raspails für ihn gestimmt haben, nicht um ihn als Präsidenten zu haben, sondern um durch die ihm gegebenen Stimmen gegen jede Präsidentschaft zu protestiren. So weiß man ferner, daß die Anhänger Cabets, deren Anzahl eben nicht unbedeutend ist, halb für Raspail, halb für Louis Napoleon stimmten. Unter den verlorenen Stimmen heben wir hervor: 3 oder 4, die Abd-el-Kader zum Präsidenten erwählen. Araber für Araber, Abd-el-Kader oder Cavaignac? Eine einzige Stimme nannte Proudhon, eine andere Berenger, und wieder eine andere den Prinzen von Joinville. Das 10. Arrondissement zeichnet sich besonders durch seine Phantasieen aus.

Als der Londoner Napoleon an Frankreich anklopfte, es war, glaub' ich im Mai, sagten wir gleich: die Demokraten werden ihm die Thüre öffnen, nicht aus Liebe für Napoleon, sondern aus Trotz gegen die Bourgeois. Als der Konstabler Napoleon an die Deputirtenkammer von Marrast und Konsorten anklopfte, sagten wir gleich: dem Konstabler Napoleon werden die Demokraten ein Plätzchen eröffnen auf der Bank des Nationals, neben Marrast, neben Thiers, neben allen dynastischen und bürgerlichen Republikanern, nicht dem Napoleon zu Liebe, sondern den Bourgeois zum Trotze, um sie zu geißeln auf ächt Konstabler Weise.

Als der kaiserliche Napoleon nun noch gar die erste Stelle in der Republik des Nationals beanspruchte, als der verschmähte Sprößling des Kaisers dieselben Prätentionen machte auf die Republik als Cavaignac und Konsorten, sagten wir: Recht so! Die Demokraten müssen die bürgerliche Staatsklugheit und die republikanisch-bürgerliche Staatsweisheit auf alle Weise geißeln.

Die Republikaner wollen einen Schurken; gebt ihnen einen Ochsen. Die bürgerlichen Republikaner brauchen einen Windischgrätz, um ihre Positionen zu beschützen; die ehrlichen Banquiers wollen einen Schurken, um die Verhältnisse im Auslande durch Traktate festzusetzen, und die Verhältnisse im Innern mit Kugeln festzunageln: gebt ihnen einen Ochsen, der im Stande ist, Alles durcheinander zu werfen. Gebt ihnen einen Mann, der kaiserliches, königliches, Schweizer- und Konstablerblut in sich hat: Ihr Demokraten, sagten wir, Ihr habt Furcht vor einem Napoleon dem Zweiten; denkt doch, daß die Demokratie sogar vor einem zweiten Napoleon nichts zu fürchten braucht. Die Furcht ist die Sache des Auslandes und der Bourgeoisie. Ihr müßt die Nägel ausreißen, sowohl von außen als von innen. Und da Napoleon jedenfalls die Majorität erhalten wird, da Napoleon ferner vor allen Dingen eine negative Bedeutung hat, da Napoleon bedeutet: kein Cavaignac, kein Marrast, kein Rothschild, keine Steuern, kein Windischgrätz, da mit einem Worte Napoleon alles bedeutet, nur nicht Napoleon, so schreibt Napoleon und les't Raspail.

Und so ist es dann geschehn: Napoleon ist so gut wie gewählt; und wer zittert, das ist die Demokratie nicht!

12 Paris, 13. Dez.

Die Augen aller Franzosen sind in diesem Momente nur auf Einen Punkt geheftet: auf den Boden der ungeheuren Urne, worin die Namen der Kandidaten fallen. Die Blicke durchbohren ordentlich die Wände des Gefäßes; in der fieberhaft-aufgeregten Phantasie beleben sich die geschriebenen Bülletins; der Wahlprozeß geht mysteriöser Weise vor sich, und die Franzosen erblicken unter dem transparenten, krystallenen Gefäße das wundersamste "Krippel".

In der Mitte erheben sich zwei Figuren, mit herausfordernden Blicken sich anschauend: Cavaignac und Napoleon. Letzterer ist in kaiserlicher Tracht: der enorme Hut, unter welchem früher der ganze Louis Napoleon dargestellt wurde, hat jetzt die Proportionen eines gewöhnlichen Bonaparts-Hutes angenommen. Der Kaiser ist stiefel- und spornfertig, wie er eben hervorgegangen ist aus den immer mehr zunehmenden Bülletins. Cavaignac steht neben ihm, mit zornentbrannten Blicken: er hat die Arabermütze auf, und Napoleon scheint im Bewußtsein des treu seinem Onkel entlehnten Kostüms, dem zornigen Cavaignac zu sagen: du siehst, daß du neben mir nicht ankommen kannst.

Theilnahmlos und in sich versunken sitzt Lamartine neben ihnen auf dem Boden. Er hält die verstimmte Cyther in seiner Hand, und um das ziemlich lang gewordene Gesicht hängt der alte verwelkte Lorbeer, den er vergessen hatte wegzunehmen. Ihm fallen die wenigsten Stimmen zu, und das sind noch dazu die Stimmen einzelner verlassener Poeten, "verschmähte Blüthen". Immer noch träumte er von liebevoller "Vereinbarung". Sein hageres Gesicht drückt den tiefsten Schmerz aus. Im Hintergrunde stehen Raspail und Ledru-Rollin. Raspail ist fortwährend bemüht, alle ihm zufallenden Stimmzettel auf den Hut Louis Napoleon zu lenken, während Ledru-Rollin mit aller Gewalt seinen Nachbar davon abhalten will, damit er sie ihm zuwende. Aber sein Bemühen ist vergebens, und Raspail (das Kampfer-narcoticum in einer Bouteille schwenkend) lacht über die stolze Haltung des Kaisers.

Paris, 13. Dezbr.

Stadt und Umgebung sind vollkommen ruhig. Einige Berauschte rufen in den Straßen: Es lebe Napoleon! Bei der nächsten Revue soll das Militär: "Es lebe der neue Kaiser!" schreien und bereits in diesem Sinne bearbeitet werden.

-- Cavaignac hat es offenbar noch auf ein kleines Bombardement abgesehen; denn sein Präfekt ließ gestern Abend 7 Uhr das berüchtigte Marie'sche Attroupementsgesetz vom 7. Juni 1848 anschlagen. Der heutige "Moniteur" sagt unter Bezugnahme hierauf: "Die Ruhe und Würde, mit welcher laut aller Depeschen aus den Departements die Wahl geschlossen worden, beweisen zur Genüge, daß die Völkerschaften sehr wohl verstehen, bis zu welcher Gränze die Wahlagitation gehen darf und in wieweit sie mit der öffentlichen Ordnung verträglich. Jetzt, wo die Wahl geschehen, muß die Agitation aufhören. Der Vorwand zu Wahlversammlungen und Abhaltung von Klubs, deren Daseinsbedingung und Sprache sie ohnehin vor das Gesetz rief; ebenso wie zu Versammlungen unter freiem Himmel, deren geringster Nachtheil die Störung der Cirkulation ist, fällt jetzt weg. Der Polizeipräfekt hat darum das Gesetz gegen die Attroupements anheften lassen und die Regierung ist entschlossen, die Ausführung desselben zu sichern. Es kann dies nur der Wille aller Bürger sein."

Die Nationalversammlung, von der Nothwendigkeit geleitet, so rasch wie möglich aus dem Provisorium herauszukommen, hat ihre Wahlprüfungskommission aufgefordert, ihr sobald Bericht zu erstatten, als sämmtliche Wahlprotokolle aus den Departements eingetroffen. Sie hat beschlossen, dann den Präsidenten sofort zu proklamiren, wenn der betreffende Kandidat eine solche Stimmenzahl vereinigt, welcher selbst die algerischen und corsischen Resultate kein Gegengewicht zu halten im Stande wären.

-- Das Cavaignacsche Kabinet kann als aufgelöst betrachtet werden. Sämmtliche Minister empfangen nicht mehr. Nur der Staatsbautenminister Vivien gibt heute Abend noch einen Zirkel.

-- Die Nationalversammlung hat dem neuen Präsidenten das Elysee-National (Bourbon) zur Wohnung angewiesen. Dieses Schloß war die letzte Wohnung des alten Kaisers. Von hier aus warf er sich in die Arme der Engländer, die ihn nach St. Helena führten.

-- Marschall Bugeaud,. der unsichtbare Nachfolger Cavaignac's, ist in Paris eingetroffen und am Quai Malaquais, dem Louvre gegenüber, abgestiegen.

-- Es zirkulirt eine solche Menge neuer Ministerlisten, daß wir sie nicht alle kopiren können. Auf keiner einzigen figuriren Bugeaud, Thiers oder Mole, sondern nur deren Strohmänner.

-- L. v. Girardin ist, heißt es, zum Präfekten von Paris bestimmt. Exkönig Jerome wird Gouverneur der Invaliden und Peter Bonaparte erhält Algerien zum Paschalik.

-- Dufaure, Minister des Innern, beantragt heute die Schließung aller Klubs etc. Die Polizei machte gestern Abend schon den Anfang, indem sie den gefürchteten Kommunistenklub "La Revolution" bei Montesquieu schloß.

-- Der englische Generalpostmeister Clanricarde ist seit vorgestern hier und hält häufige Zusammenkünfte mit dem Kabinet. Er verließ London am Schlusse eines Ministerraths und man hält ihn mit einer geheimen Sendung beauftragt, über deren Charakter wir bisher noch nichts erfuhren.

-- Die beiden Cavaignacschen Moniteure "National" und "Siecle" machen heute ihr Testament. Beginnen wir mit dem National. Der Vorrang gebührt immer dem Unglück.

Gleich dem verscheidenden Herkules in der Iliade wimmert er mit dem geborgten Löwenpelze sein Sterbelied.

"Das Wahlresultat ist gegen unsere Wünsche ausgefallen -- weint es -- doch flößt uns dasselbe keinen Zorn ein und läßt uns vorzüglich nicht an der Zukunft verzweifeln."

Nach einigem Seelenschmerz ermannt sich der sterbende Held noch einmal und sagt: "Wir werden die neue Staatsgewalt beobachten, sie überwachen -- mit Mißtrauen selbst! wir haben ein Recht hiezu -- doch ohne vorgefaßten Groll etc."

Kann man elender sterben? Da schnaubte der Vater Duchesne ganz anders! O Marrast, wie elend trittst du von der Bühne.

"Siecle" gibt die Hoffnung noch nicht auf, daß die Nationalversammlung sich ttotz allem kolossalem Mehr das Recht zusprechen werde, den Präsidenten zu ernennen und zwischen Bonaparte und Cavaignac zu wählen. Sollte aber Cavaignac wirklich abtreten müssen, so zweifelt "Siecle" nicht, daß ihm alle Minister in das Grab folgen werden. Sanft ruhe ihre Asche!

-- Das "Journal des Debats" will sich es zur Pflicht machen, die Zahlen möglichst scharf zu kontrolliren, um seinen Lesern die Schreckenspost so langsam als denkbar beizubringen.

-- Aus Rom und Neapel laufen so eben, wie wir hören, sehr ernste Depeschen ein.

-- Im Operngange steigt das Entzücken immer höher. Die 3proz. Rente wollen diese Herren Spekulanten bis auf 46 und die 5proz. Rente bis auf 76 treiben.

-- (Wahrscheinliches neues bonapartisches Ministerium.) 1) Odilon Barrot, Konseilpräsident und Justiz; 2) Leon de Malleville, Inneres; 3) Oudinot oder Rulhiere, Krieg; 4) Leon Faucher, Handel; 5) Bineau, Staatsbauten; 6) A. Fould, Finanzen; 7) Admiral Dupetit Thouars, Marine; 8) Drouhyn de L'huys, Auswärtiges; 9) Falloux, Unterricht (noch?)

-- Das römische Geschwader liegt noch vor Marseille, wo es sich, wie der "Nouvelliste" vom 10. Dez. meldet, in Evolutionen und Scheingefechten, kriegerischen Landungen etc. einübt. Der Geist (welcher?) der Truppen ist vortrefflich.

-- Um sich einen Begriff von der Riesenmajorität Napoleons zu machen, setzen wir die neuerdings (bis 5 Uhr) bekannte Wahlstatistik fort:

Departementfür Napoleon Cavaignac Stimmen.
Calvados34,4476941"
Cher47,7406865"
Maine und Loire26,2137255"
Yonne22,2802195"
Indre (hier hat Ledru-Rollin 5874)23,4364514"
Aisne22,8772079"
Nievre12,8591548"
Loiret49,9076967"
Somme (bis 8 U. Abds.)45,7103540"
Ardennes (erst bekannt)4,8231865"
Haute Vienne9,000700"
Eure30,0005500"
Nord28,00047,000"

National-Versammlung. Sitzung vom 13. Dezember. Anfang 2 Uhr. Marrast läßt das Protokoll vorlesen, aber kein Mensch leiht dem Vorleser Aufmerksamkeit. Alle Deputirten disputiren in lebhaften Gruppen neben und unter einander. Man sieht viele leere Bänke und lange Gesichter. Die Versteinerung über die enormen Ziffern, welche der Hr. Alexandre stündlich aus der Telegraphenkammer meldet, ist allgemein. Man verliert sich in Betrachtungen über das neue Ministerium.

Marrast verliest einen Gesetzentwurf, der die Stadt Roanne zur Uebersteuerung Behufs Beschäftigung ihres Proletariats ermächtigt. (Genehmigt).

Marie (Justizminister) legt einen Entwurf vor, der abermals ein Dekret der provisorischen Regierung vom 29. März (über Wechselfristen) abschafft. Woher kommen doch alle diese Dekrete der provisorischen Regierung? Es sind unmöglich noch viele derselben abzuschaffen.

Die Versammlung genehmigt 80,000 Fr. für die Todesfeier des 4. März und 130,000 Fr. für den Transport der Juniräuber.

Dann will sie die bereits früher beschlossene Abschaffung des Dekrets vom 9. März über die Leibhaft durch Votirung der noch davon übrig gelassenen Artikel beginnen.

Vorher votirt sie ein Gesetz, wonach das Kreditverlangen rücksichtlich der fremden politischen Flüchtlinge ihr jährlich gestellt werden soll.

Die nachträgliche Debatte über das Schuldhaftgesetz bietet wenig Interesse.

Einige Advokaten, wie z. B. I. Favre, Briller, Bravard-Verriere etc. nehmen daran Theil und stellen Unteramendements.

Auch Bourbourron, Dahirel und Boudet ergreifen das Wort.

Favre trägt darauf an, daß die Schuldhaft kein Jahr überschreiten dürfe.

Favre's Antrag, die Haft auf ein Jahr zu beschränken, wird verworfen und die Bestimmungen im Entwurf beibehalten, wie sie das Gesetz vom 17. April feststellte.

Der ganze Entwurf zählt 6 Abschnitte und 15 Artikel, die eine förmliche Broschüre bilden.

Nur wenige Artikel geben zu erheblichem Widerspruch Veranlassung.

Marrast liest einen Artikel nach dem andern ab und bringt sie zur Abstimmung.

St. Priest nimmt einmal das Wort, um darauf anzutragen, daß man die verhaftsfähige Summe für die Departementsstädte erhöhe. Er fällt damit durch.

Marrast liest mechanisch fort und erklärt nach Artikel 15, daß er nun über das Gesammtgesetz abstimmen lasse.

Ehe man zur Abstimmung schreitet, wird beschlossen, daß sich die Wahlprüfungskommission von morgen an täglich um 11 Uhr versammle und bis 3 Uhr sitze.

Darum beginnen die öffentlichen Sitzungen erst um 3 Uhr.

Es sind bereits viele Wahlprotokolle eingetroffen.

Nun schreitet Marrast zur Abstimmung über die Schuldhaft. Wird allgemein angenommen.

Die Versammlung trennt sich um 6 Uhr.

Italien.
*

Die östreichischen Truppen bewegen sich fortwährend in der Richtung von Modena nach der römischen Gränze. Man spricht auch von einer Invasion in der Richtung von Bologna. Gewiß ist, daß der östreichische Armeelieferant zu Modena angewiesen worden ist, für zwei bis drei neue Regimenter, die täglich eintreffen können, die Verpflegung bereit zu halten. Die herzogl. Soldaten erzählen sich, daß sie nächstens mit ein paar Tausend Kroaten nach Massa und Carrara marschiren würden.

Ein neues Pröbchen von Radetzky'scher Schinderei! Der Feldmarschall hatte dem Munizipalrath von Mailand aufgetragen, alle Bäume, welche die öffentliche Promenade um das Schloß zieren, wegschaffen zu lassen. Die Behörde bat ihn, nicht auf einem Befehle bestehen zu wollen, dessen Ausführung die Stadt, die schon so viel gelitten habe, noch ärmer machen würde. Radetzky gab darauf zur Antwort: er sei nicht gewohnt, daß man seinen Befehlen sich widersetze, und er wiederhole drum aufs Bestimmteste seine Ordre. Bis zum 15. Dez. habe die Behörde Zeit. Bis dahin wolle er, daß alle bereits früher bezeichneten Bäume auf Kosten des Munizipalraths gefällt und weggeschafft seien. Für jeden Verzugstag habe der Munizipalrath eine Buße von 5000 Lire zu bezahlen.

Neapel soll sich in einem Zustande dumpfer Gährung befinden

Venedig, 22. Nov.

Die heute hier eingelaufene Nachricht von der römischen Revolution machte eine ungeahnte Wirkung, die wenigstens in das ohnedieß monotone Leben eine Abwechselung brachte. Wer Venedig jetzt besucht, würde hier wahrscheinlich nicht eine kriegführende, belagerte Stadt finden. Man lebt in der größten Sicherheit und Ruhe, und politisirt des Abends in irgendeinem der Kaffehäuser über die anglo-französische Vermittlung, über das Frankfurter Parlament gegenüber Oesterreich, über das schändliche Benehmen des Verrätherkönigs Karl Albert etc. Auch wir Deutschen können uns jetzt über den Aufenthalt in Venedig und das Benehmen der Italiener gegen uns nicht im geringsten mehr beschweren. Ich hasse bis in den Tod alles Parteiwesen, doch muß ich mit aller Ruhe offen und ehrlich gestehen, daß wir mit aller Zuvorkommenheit behandelt werden. Die Kriegsbulletins sprechen nicht mehr von Tedeschi, sondern von Austriaci oder Croati. Mit Freuden nahmen wir auch die herzliche Theilnahme an dem Schicksal der heldenmüthigen aber unglücklichen Wiener, und an dem traurigen Ende Robert Blums wahr. Nie vielleicht, nie so wahr und aufrichtig blickte man nach Frankfurt... Die hiesige Regierung gibt neuerdings um zwölf Millionen Zwanziger Papiergeld heraus, das durch die Steuern sämmtlicher Besitzer des lombardisch-venezianischen Königreichs garantirt ist. Durch diese Maßregel ist Venedig bis Ende Aprils mit Geld versorgt. Der Circolo Italiano ist neuerdings zum Leben erwacht, und seine Abendversammlungen im Nedoutensaal a San Moise werden jetzt stark besucht. Uebrigens kann ich nicht umhin über die Ihnen von Triest aus über Venedig zugesanten Berichte meinen gerechten Tadel auszusprechen, da die meisten derselben grund- und bodenloses Gerede sind. Von der verzweifelten Lage Venedigs, dem Mangel an Lebensmitteln, dem Mißtrauen gegen die Regierung und den übrigen Märchen ist keine Sylbe wahr. Lebensmittel sind jetz die Fülle vorhanden, indem nicht nur die Landseite, wo die Oesterreicher ihren Cordon mehr landeinwärts gezogen, sondern auch zur See, die stets offen ist, dieselben mehr als hinreichend eintreffen. Was die Regierung betrifft, so könnte sich jede glücklich schätzen die das Zutrauen in dem Maße genösse als die hiesige, was die wahrhaft großen Opfer die von den Venezianern auf jedes Gubernialdecret bereitwilligst gebracht werden, thatsächlich beweisen.

(A. Z.)
Portugal.
* Lissabon, 29. Nov.

Saldanha's Stellung wird mit jedem Tage schwieriger. Seine erbittertsten Gegner sind die Cabralisten, an deren Spitze Jose Cabral und die beiden Fronteira stehen. Auch die Königin wünscht Saldanha los zu sein, und er wäre schon beseitigt, fürchtete man nicht seinen Einfluß auf die Soldaten. Kürzlich entsetzte er den Herrn Pereira das Reis, Büreauchef im Justizministerium, eins der thätigsten Werkzeuge der Cabralistenpartei, seines Postens. Man sagt, es sei eine cabralistische Verschwörung zum Umsturz des jetzigen Kabinets entdeckt worden. Der Marschall, der sich zur Bestrafung der Anstifter dieses Komplotts nicht stark genug fühlte, hat zwei ihm völlig ergebene Regimenter in Lissabon einrücken lassen. Es sind dies das 7. und 12., die 1847 unter der Junta von Oporto dienten. Auch das die Hauptstadt beherrschende Schloß St Georg ist von Truppen besetzt, auf die er rechnen kann. Es wird bald zwischen ihm und den Cabralisten zu einer Entscheidung kommen müssen. Inzwischen wird die Finanznoth immer größer. Armee und Beamte sind seit Monaten nicht bezahlt worden. Die Regierung hat die Pressen des Journal Estendarte versiegeln lassen, unter dem Vorwande, daß es keine hinreichende Kaution bestellt, in der That aber, weil es unter allen cabralistischen Journalen am feindlichsten gegen das Ministerium auftrat.

Hierzu eine Beilage.

hatten mehrere Sectionen noch in dem Verhältniß von 100 gegen 30 für Raspail gestimmt: die gestrigen Vota geben das Verhältniß von 18 zu 10 für Ledru-Rollin. Morgen die amtliche Zählung.

12 Paris, 13. Decbr.

Girardin triumphirt: „Louis Napoleon springt aus allen Urnen wie die Flamme eines Lauffeuers‥‥ Louis Napoleon, wir haben die mathematische Gewißheit, wird der Auserlesene der Demokratie:“ Und Girardin? Was wird Girardin werden, der Todfeind des Nationals, der unter Louis Philipp dem National den besten Redakteur Carrel todt schoß und unter der Herrschaft des Nationals den besten General des National's Cavaignac todtschrieb?… Girardin, der jetzt seinem Hasse gegen die gestürzte Dynastie freien Lauf lassen kann, was wird Girardin unter Napoleon werden? Girardin triumphirt und aus seinem Jubel leuchtet nur ein Gedanke hervor: Frankreich hat Cavaignac gestürzt, um Girardin zu rächen!

In allen Listen, die bisheran bekannt geworden, ist Lamartine immer der Letzte: Lamartine, der während den ersten Elektionen zur Repräsentanten-Kammer, die Stimmen und Sympathien von fast ganz Frankreich für sich hatte, wird von allen Parteien gleichzeitig ausgestoßen: die einzelnen Stimmen, die sich für ihn noch aussprechen, sind die verlornen Flötenstimmen einiger verschollenen Poeten und Litteraten. Selbst die wohlmeinende philantropische Bourgeoisie hat den Soldaten Cavaignac dem Poeten Lamartine vorgezogen. Mit den Stimmen der Demokraten hat es ein anderes Bewandniß: zwischen Raspail und Ledru-Rollin getheilt, theilen alle gemeinsam den Haß gegen Cavaignac, gegen die Dynastie des Nationals und empfinden alle gleich schmerzlich die Niederlage im Juni.

Louis Napoleon vereinigte die meisten Chancen mit Hülfe der Bauern, die 2/3 der Bevölkerung ausmachen, an's Ruder zu gelangen. Ledru-Rollin als Mitglied der prov.-Regierung hatte es mit den Bauern durch die 45 Centimen Steuer und mit einem Theile der Demokraten durch seine lauen Maßregeln verdorben. Raspail war hauptsächlich nur dem Pariser und Lyoner Proletariat bekannt: Louis Napoleon, wie gesagt hatte die meisten Chancen, und jeder Wechsel, jede Bewegung war dem gekränkten Proletariat willkommen, um den arabischen Zuständen ein Ende zu machen.

Die dem Raspail zugefallenen Stimmen sind daher keineswegs maßgebend für die Stärke des Proletariats, so wenig als die dem Napoleon zugekommenen Stimmen den Maßstab abgeben können für die Stärke der königlichen oder kaiserlichen Gesinnungen in Frankreich. Ein großer Theil der Stimmen für Napoleon kommt der demokratischen Partei zu Gute. Dies geht offenbar aus der Art und Weise der Abstimmung in sehr vielen Departements hervor, die anerkannter Weise ganz für Ledru-Rollin sind, und in denen dessenungeachtet Ledrü-Rollin keine einzige Stimme erhalten hat, weil eben die Frage gestellt war zwischen Cavaignac und Louis Napoleon, d. h. zwischen dem Tode oder dem Leben Cavaignac's.

In Paris, wo Raspail bisheran eine große Anzahl von Stimmen erhalten hat, weiß man, daß die Anhänger Raspails für ihn gestimmt haben, nicht um ihn als Präsidenten zu haben, sondern um durch die ihm gegebenen Stimmen gegen jede Präsidentschaft zu protestiren. So weiß man ferner, daß die Anhänger Cabets, deren Anzahl eben nicht unbedeutend ist, halb für Raspail, halb für Louis Napoleon stimmten. Unter den verlorenen Stimmen heben wir hervor: 3 oder 4, die Abd-el-Kader zum Präsidenten erwählen. Araber für Araber, Abd-el-Kader oder Cavaignac? Eine einzige Stimme nannte Proudhon, eine andere Berenger, und wieder eine andere den Prinzen von Joinville. Das 10. Arrondissement zeichnet sich besonders durch seine Phantasieen aus.

Als der Londoner Napoleon an Frankreich anklopfte, es war, glaub' ich im Mai, sagten wir gleich: die Demokraten werden ihm die Thüre öffnen, nicht aus Liebe für Napoleon, sondern aus Trotz gegen die Bourgeois. Als der Konstabler Napoleon an die Deputirtenkammer von Marrast und Konsorten anklopfte, sagten wir gleich: dem Konstabler Napoleon werden die Demokraten ein Plätzchen eröffnen auf der Bank des Nationals, neben Marrast, neben Thiers, neben allen dynastischen und bürgerlichen Republikanern, nicht dem Napoleon zu Liebe, sondern den Bourgeois zum Trotze, um sie zu geißeln auf ächt Konstabler Weise.

Als der kaiserliche Napoleon nun noch gar die erste Stelle in der Republik des Nationals beanspruchte, als der verschmähte Sprößling des Kaisers dieselben Prätentionen machte auf die Republik als Cavaignac und Konsorten, sagten wir: Recht so! Die Demokraten müssen die bürgerliche Staatsklugheit und die republikanisch-bürgerliche Staatsweisheit auf alle Weise geißeln.

Die Republikaner wollen einen Schurken; gebt ihnen einen Ochsen. Die bürgerlichen Republikaner brauchen einen Windischgrätz, um ihre Positionen zu beschützen; die ehrlichen Banquiers wollen einen Schurken, um die Verhältnisse im Auslande durch Traktate festzusetzen, und die Verhältnisse im Innern mit Kugeln festzunageln: gebt ihnen einen Ochsen, der im Stande ist, Alles durcheinander zu werfen. Gebt ihnen einen Mann, der kaiserliches, königliches, Schweizer- und Konstablerblut in sich hat: Ihr Demokraten, sagten wir, Ihr habt Furcht vor einem Napoleon dem Zweiten; denkt doch, daß die Demokratie sogar vor einem zweiten Napoleon nichts zu fürchten braucht. Die Furcht ist die Sache des Auslandes und der Bourgeoisie. Ihr müßt die Nägel ausreißen, sowohl von außen als von innen. Und da Napoleon jedenfalls die Majorität erhalten wird, da Napoleon ferner vor allen Dingen eine negative Bedeutung hat, da Napoleon bedeutet: kein Cavaignac, kein Marrast, kein Rothschild, keine Steuern, kein Windischgrätz, da mit einem Worte Napoleon alles bedeutet, nur nicht Napoleon, so schreibt Napoleon und les't Raspail.

Und so ist es dann geschehn: Napoleon ist so gut wie gewählt; und wer zittert, das ist die Demokratie nicht!

12 Paris, 13. Dez.

Die Augen aller Franzosen sind in diesem Momente nur auf Einen Punkt geheftet: auf den Boden der ungeheuren Urne, worin die Namen der Kandidaten fallen. Die Blicke durchbohren ordentlich die Wände des Gefäßes; in der fieberhaft-aufgeregten Phantasie beleben sich die geschriebenen Bülletins; der Wahlprozeß geht mysteriöser Weise vor sich, und die Franzosen erblicken unter dem transparenten, krystallenen Gefäße das wundersamste „Krippel“.

In der Mitte erheben sich zwei Figuren, mit herausfordernden Blicken sich anschauend: Cavaignac und Napoleon. Letzterer ist in kaiserlicher Tracht: der enorme Hut, unter welchem früher der ganze Louis Napoleon dargestellt wurde, hat jetzt die Proportionen eines gewöhnlichen Bonaparts-Hutes angenommen. Der Kaiser ist stiefel- und spornfertig, wie er eben hervorgegangen ist aus den immer mehr zunehmenden Bülletins. Cavaignac steht neben ihm, mit zornentbrannten Blicken: er hat die Arabermütze auf, und Napoleon scheint im Bewußtsein des treu seinem Onkel entlehnten Kostüms, dem zornigen Cavaignac zu sagen: du siehst, daß du neben mir nicht ankommen kannst.

Theilnahmlos und in sich versunken sitzt Lamartine neben ihnen auf dem Boden. Er hält die verstimmte Cyther in seiner Hand, und um das ziemlich lang gewordene Gesicht hängt der alte verwelkte Lorbeer, den er vergessen hatte wegzunehmen. Ihm fallen die wenigsten Stimmen zu, und das sind noch dazu die Stimmen einzelner verlassener Poeten, „verschmähte Blüthen“. Immer noch träumte er von liebevoller „Vereinbarung“. Sein hageres Gesicht drückt den tiefsten Schmerz aus. Im Hintergrunde stehen Raspail und Ledru-Rollin. Raspail ist fortwährend bemüht, alle ihm zufallenden Stimmzettel auf den Hut Louis Napoleon zu lenken, während Ledru-Rollin mit aller Gewalt seinen Nachbar davon abhalten will, damit er sie ihm zuwende. Aber sein Bemühen ist vergebens, und Raspail (das Kampfer-narcoticum in einer Bouteille schwenkend) lacht über die stolze Haltung des Kaisers.

Paris, 13. Dezbr.

Stadt und Umgebung sind vollkommen ruhig. Einige Berauschte rufen in den Straßen: Es lebe Napoleon! Bei der nächsten Revue soll das Militär: „Es lebe der neue Kaiser!“ schreien und bereits in diesem Sinne bearbeitet werden.

— Cavaignac hat es offenbar noch auf ein kleines Bombardement abgesehen; denn sein Präfekt ließ gestern Abend 7 Uhr das berüchtigte Marie'sche Attroupementsgesetz vom 7. Juni 1848 anschlagen. Der heutige „Moniteur“ sagt unter Bezugnahme hierauf: „Die Ruhe und Würde, mit welcher laut aller Depeschen aus den Departements die Wahl geschlossen worden, beweisen zur Genüge, daß die Völkerschaften sehr wohl verstehen, bis zu welcher Gränze die Wahlagitation gehen darf und in wieweit sie mit der öffentlichen Ordnung verträglich. Jetzt, wo die Wahl geschehen, muß die Agitation aufhören. Der Vorwand zu Wahlversammlungen und Abhaltung von Klubs, deren Daseinsbedingung und Sprache sie ohnehin vor das Gesetz rief; ebenso wie zu Versammlungen unter freiem Himmel, deren geringster Nachtheil die Störung der Cirkulation ist, fällt jetzt weg. Der Polizeipräfekt hat darum das Gesetz gegen die Attroupements anheften lassen und die Regierung ist entschlossen, die Ausführung desselben zu sichern. Es kann dies nur der Wille aller Bürger sein.“

Die Nationalversammlung, von der Nothwendigkeit geleitet, so rasch wie möglich aus dem Provisorium herauszukommen, hat ihre Wahlprüfungskommission aufgefordert, ihr sobald Bericht zu erstatten, als sämmtliche Wahlprotokolle aus den Departements eingetroffen. Sie hat beschlossen, dann den Präsidenten sofort zu proklamiren, wenn der betreffende Kandidat eine solche Stimmenzahl vereinigt, welcher selbst die algerischen und corsischen Resultate kein Gegengewicht zu halten im Stande wären.

— Das Cavaignacsche Kabinet kann als aufgelöst betrachtet werden. Sämmtliche Minister empfangen nicht mehr. Nur der Staatsbautenminister Vivien gibt heute Abend noch einen Zirkel.

— Die Nationalversammlung hat dem neuen Präsidenten das Elysée-National (Bourbon) zur Wohnung angewiesen. Dieses Schloß war die letzte Wohnung des alten Kaisers. Von hier aus warf er sich in die Arme der Engländer, die ihn nach St. Helena führten.

— Marschall Bugeaud,. der unsichtbare Nachfolger Cavaignac's, ist in Paris eingetroffen und am Quai Malaquais, dem Louvre gegenüber, abgestiegen.

— Es zirkulirt eine solche Menge neuer Ministerlisten, daß wir sie nicht alle kopiren können. Auf keiner einzigen figuriren Bugeaud, Thiers oder Molé, sondern nur deren Strohmänner.

— L. v. Girardin ist, heißt es, zum Präfekten von Paris bestimmt. Exkönig Jerome wird Gouverneur der Invaliden und Peter Bonaparte erhält Algerien zum Paschalik.

— Dufaure, Minister des Innern, beantragt heute die Schließung aller Klubs etc. Die Polizei machte gestern Abend schon den Anfang, indem sie den gefürchteten Kommunistenklub „La Revolution“ bei Montesquieu schloß.

— Der englische Generalpostmeister Clanricarde ist seit vorgestern hier und hält häufige Zusammenkünfte mit dem Kabinet. Er verließ London am Schlusse eines Ministerraths und man hält ihn mit einer geheimen Sendung beauftragt, über deren Charakter wir bisher noch nichts erfuhren.

— Die beiden Cavaignacschen Moniteure „National“ und „Siecle“ machen heute ihr Testament. Beginnen wir mit dem National. Der Vorrang gebührt immer dem Unglück.

Gleich dem verscheidenden Herkules in der Iliade wimmert er mit dem geborgten Löwenpelze sein Sterbelied.

„Das Wahlresultat ist gegen unsere Wünsche ausgefallen — weint es — doch flößt uns dasselbe keinen Zorn ein und läßt uns vorzüglich nicht an der Zukunft verzweifeln.“

Nach einigem Seelenschmerz ermannt sich der sterbende Held noch einmal und sagt: „Wir werden die neue Staatsgewalt beobachten, sie überwachen — mit Mißtrauen selbst! wir haben ein Recht hiezu — doch ohne vorgefaßten Groll etc.“

Kann man elender sterben? Da schnaubte der Vater Duchesne ganz anders! O Marrast, wie elend trittst du von der Bühne.

„Siecle“ gibt die Hoffnung noch nicht auf, daß die Nationalversammlung sich ttotz allem kolossalem Mehr das Recht zusprechen werde, den Präsidenten zu ernennen und zwischen Bonaparte und Cavaignac zu wählen. Sollte aber Cavaignac wirklich abtreten müssen, so zweifelt „Siecle“ nicht, daß ihm alle Minister in das Grab folgen werden. Sanft ruhe ihre Asche!

— Das „Journal des Debats“ will sich es zur Pflicht machen, die Zahlen möglichst scharf zu kontrolliren, um seinen Lesern die Schreckenspost so langsam als denkbar beizubringen.

— Aus Rom und Neapel laufen so eben, wie wir hören, sehr ernste Depeschen ein.

— Im Operngange steigt das Entzücken immer höher. Die 3proz. Rente wollen diese Herren Spekulanten bis auf 46 und die 5proz. Rente bis auf 76 treiben.

— (Wahrscheinliches neues bonapartisches Ministerium.) 1) Odilon Barrot, Konseilpräsident und Justiz; 2) Leon de Malleville, Inneres; 3) Oudinot oder Rulhiere, Krieg; 4) Leon Faucher, Handel; 5) Bineau, Staatsbauten; 6) A. Fould, Finanzen; 7) Admiral Dupetit Thouars, Marine; 8) Drouhyn de L'huys, Auswärtiges; 9) Falloux, Unterricht (noch?)

— Das römische Geschwader liegt noch vor Marseille, wo es sich, wie der „Nouvelliste“ vom 10. Dez. meldet, in Evolutionen und Scheingefechten, kriegerischen Landungen etc. einübt. Der Geist (welcher?) der Truppen ist vortrefflich.

— Um sich einen Begriff von der Riesenmajorität Napoleons zu machen, setzen wir die neuerdings (bis 5 Uhr) bekannte Wahlstatistik fort:

Departementfür Napoleon Cavaignac Stimmen.
Calvados34,4476941
Cher47,7406865
Maine und Loire26,2137255
Yonne22,2802195
Indre (hier hat Ledru-Rollin 5874)23,4364514
Aisne22,8772079
Nievre12,8591548
Loiret49,9076967
Somme (bis 8 U. Abds.)45,7103540
Ardennes (erst bekannt)4,8231865
Haute Vienne9,000700
Eure30,0005500
Nord28,00047,000

National-Versammlung. Sitzung vom 13. Dezember. Anfang 2 Uhr. Marrast läßt das Protokoll vorlesen, aber kein Mensch leiht dem Vorleser Aufmerksamkeit. Alle Deputirten disputiren in lebhaften Gruppen neben und unter einander. Man sieht viele leere Bänke und lange Gesichter. Die Versteinerung über die enormen Ziffern, welche der Hr. Alexandre stündlich aus der Telegraphenkammer meldet, ist allgemein. Man verliert sich in Betrachtungen über das neue Ministerium.

Marrast verliest einen Gesetzentwurf, der die Stadt Roanne zur Uebersteuerung Behufs Beschäftigung ihres Proletariats ermächtigt. (Genehmigt).

Marie (Justizminister) legt einen Entwurf vor, der abermals ein Dekret der provisorischen Regierung vom 29. März (über Wechselfristen) abschafft. Woher kommen doch alle diese Dekrete der provisorischen Regierung? Es sind unmöglich noch viele derselben abzuschaffen.

Die Versammlung genehmigt 80,000 Fr. für die Todesfeier des 4. März und 130,000 Fr. für den Transport der Juniräuber.

Dann will sie die bereits früher beschlossene Abschaffung des Dekrets vom 9. März über die Leibhaft durch Votirung der noch davon übrig gelassenen Artikel beginnen.

Vorher votirt sie ein Gesetz, wonach das Kreditverlangen rücksichtlich der fremden politischen Flüchtlinge ihr jährlich gestellt werden soll.

Die nachträgliche Debatte über das Schuldhaftgesetz bietet wenig Interesse.

Einige Advokaten, wie z. B. I. Favre, Briller, Bravard-Verriere etc. nehmen daran Theil und stellen Unteramendements.

Auch Bourbourron, Dahirel und Boudet ergreifen das Wort.

Favre trägt darauf an, daß die Schuldhaft kein Jahr überschreiten dürfe.

Favre's Antrag, die Haft auf ein Jahr zu beschränken, wird verworfen und die Bestimmungen im Entwurf beibehalten, wie sie das Gesetz vom 17. April feststellte.

Der ganze Entwurf zählt 6 Abschnitte und 15 Artikel, die eine förmliche Broschüre bilden.

Nur wenige Artikel geben zu erheblichem Widerspruch Veranlassung.

Marrast liest einen Artikel nach dem andern ab und bringt sie zur Abstimmung.

St. Priest nimmt einmal das Wort, um darauf anzutragen, daß man die verhaftsfähige Summe für die Departementsstädte erhöhe. Er fällt damit durch.

Marrast liest mechanisch fort und erklärt nach Artikel 15, daß er nun über das Gesammtgesetz abstimmen lasse.

Ehe man zur Abstimmung schreitet, wird beschlossen, daß sich die Wahlprüfungskommission von morgen an täglich um 11 Uhr versammle und bis 3 Uhr sitze.

Darum beginnen die öffentlichen Sitzungen erst um 3 Uhr.

Es sind bereits viele Wahlprotokolle eingetroffen.

Nun schreitet Marrast zur Abstimmung über die Schuldhaft. Wird allgemein angenommen.

Die Versammlung trennt sich um 6 Uhr.

Italien.
*

Die östreichischen Truppen bewegen sich fortwährend in der Richtung von Modena nach der römischen Gränze. Man spricht auch von einer Invasion in der Richtung von Bologna. Gewiß ist, daß der östreichische Armeelieferant zu Modena angewiesen worden ist, für zwei bis drei neue Regimenter, die täglich eintreffen können, die Verpflegung bereit zu halten. Die herzogl. Soldaten erzählen sich, daß sie nächstens mit ein paar Tausend Kroaten nach Massa und Carrara marschiren würden.

Ein neues Pröbchen von Radetzky'scher Schinderei! Der Feldmarschall hatte dem Munizipalrath von Mailand aufgetragen, alle Bäume, welche die öffentliche Promenade um das Schloß zieren, wegschaffen zu lassen. Die Behörde bat ihn, nicht auf einem Befehle bestehen zu wollen, dessen Ausführung die Stadt, die schon so viel gelitten habe, noch ärmer machen würde. Radetzky gab darauf zur Antwort: er sei nicht gewohnt, daß man seinen Befehlen sich widersetze, und er wiederhole drum aufs Bestimmteste seine Ordre. Bis zum 15. Dez. habe die Behörde Zeit. Bis dahin wolle er, daß alle bereits früher bezeichneten Bäume auf Kosten des Munizipalraths gefällt und weggeschafft seien. Für jeden Verzugstag habe der Munizipalrath eine Buße von 5000 Lire zu bezahlen.

Neapel soll sich in einem Zustande dumpfer Gährung befinden

Venedig, 22. Nov.

Die heute hier eingelaufene Nachricht von der römischen Revolution machte eine ungeahnte Wirkung, die wenigstens in das ohnedieß monotone Leben eine Abwechselung brachte. Wer Venedig jetzt besucht, würde hier wahrscheinlich nicht eine kriegführende, belagerte Stadt finden. Man lebt in der größten Sicherheit und Ruhe, und politisirt des Abends in irgendeinem der Kaffehäuser über die anglo-französische Vermittlung, über das Frankfurter Parlament gegenüber Oesterreich, über das schändliche Benehmen des Verrätherkönigs Karl Albert etc. Auch wir Deutschen können uns jetzt über den Aufenthalt in Venedig und das Benehmen der Italiener gegen uns nicht im geringsten mehr beschweren. Ich hasse bis in den Tod alles Parteiwesen, doch muß ich mit aller Ruhe offen und ehrlich gestehen, daß wir mit aller Zuvorkommenheit behandelt werden. Die Kriegsbulletins sprechen nicht mehr von Tedeschi, sondern von Austriaci oder Croati. Mit Freuden nahmen wir auch die herzliche Theilnahme an dem Schicksal der heldenmüthigen aber unglücklichen Wiener, und an dem traurigen Ende Robert Blums wahr. Nie vielleicht, nie so wahr und aufrichtig blickte man nach Frankfurt… Die hiesige Regierung gibt neuerdings um zwölf Millionen Zwanziger Papiergeld heraus, das durch die Steuern sämmtlicher Besitzer des lombardisch-venezianischen Königreichs garantirt ist. Durch diese Maßregel ist Venedig bis Ende Aprils mit Geld versorgt. Der Circolo Italiano ist neuerdings zum Leben erwacht, und seine Abendversammlungen im Nedoutensaal a San Moisé werden jetzt stark besucht. Uebrigens kann ich nicht umhin über die Ihnen von Triest aus über Venedig zugesanten Berichte meinen gerechten Tadel auszusprechen, da die meisten derselben grund- und bodenloses Gerede sind. Von der verzweifelten Lage Venedigs, dem Mangel an Lebensmitteln, dem Mißtrauen gegen die Regierung und den übrigen Märchen ist keine Sylbe wahr. Lebensmittel sind jetz die Fülle vorhanden, indem nicht nur die Landseite, wo die Oesterreicher ihren Cordon mehr landeinwärts gezogen, sondern auch zur See, die stets offen ist, dieselben mehr als hinreichend eintreffen. Was die Regierung betrifft, so könnte sich jede glücklich schätzen die das Zutrauen in dem Maße genösse als die hiesige, was die wahrhaft großen Opfer die von den Venezianern auf jedes Gubernialdecret bereitwilligst gebracht werden, thatsächlich beweisen.

(A. Z.)
Portugal.
* Lissabon, 29. Nov.

Saldanha's Stellung wird mit jedem Tage schwieriger. Seine erbittertsten Gegner sind die Cabralisten, an deren Spitze Jose Cabral und die beiden Fronteira stehen. Auch die Königin wünscht Saldanha los zu sein, und er wäre schon beseitigt, fürchtete man nicht seinen Einfluß auf die Soldaten. Kürzlich entsetzte er den Herrn Pereira das Reis, Büreauchef im Justizministerium, eins der thätigsten Werkzeuge der Cabralistenpartei, seines Postens. Man sagt, es sei eine cabralistische Verschwörung zum Umsturz des jetzigen Kabinets entdeckt worden. Der Marschall, der sich zur Bestrafung der Anstifter dieses Komplotts nicht stark genug fühlte, hat zwei ihm völlig ergebene Regimenter in Lissabon einrücken lassen. Es sind dies das 7. und 12., die 1847 unter der Junta von Oporto dienten. Auch das die Hauptstadt beherrschende Schloß St Georg ist von Truppen besetzt, auf die er rechnen kann. Es wird bald zwischen ihm und den Cabralisten zu einer Entscheidung kommen müssen. Inzwischen wird die Finanznoth immer größer. Armee und Beamte sind seit Monaten nicht bezahlt worden. Die Regierung hat die Pressen des Journal Estendarte versiegeln lassen, unter dem Vorwande, daß es keine hinreichende Kaution bestellt, in der That aber, weil es unter allen cabralistischen Journalen am feindlichsten gegen das Ministerium auftrat.

Hierzu eine Beilage.

<TEI>
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hatten mehrere Sectionen noch in dem Verhältniß von 100 gegen 30 für Raspail gestimmt: die gestrigen Vota geben das Verhältniß von 18 zu 10 für Ledru-Rollin. Morgen die amtliche Zählung.</p>
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          <head><bibl><author>12</author></bibl> Paris, 13. Decbr.</head>
          <p>Girardin triumphirt: &#x201E;Louis Napoleon springt aus allen Urnen wie die Flamme eines Lauffeuers&#x2025;&#x2025; Louis Napoleon, wir haben die mathematische Gewißheit, wird der Auserlesene der Demokratie:&#x201C; Und Girardin? Was wird Girardin werden, der Todfeind des Nationals, der unter Louis Philipp dem National den besten Redakteur Carrel todt schoß und unter der Herrschaft des Nationals den besten General des National's Cavaignac todtschrieb?&#x2026; Girardin, der jetzt seinem Hasse gegen die gestürzte Dynastie freien Lauf lassen kann, was wird Girardin unter Napoleon werden? Girardin triumphirt und aus seinem Jubel leuchtet nur ein Gedanke hervor: Frankreich hat Cavaignac gestürzt, um Girardin zu rächen!</p>
          <p>In allen Listen, die bisheran bekannt geworden, ist Lamartine immer der Letzte: Lamartine, der während den ersten Elektionen zur Repräsentanten-Kammer, die Stimmen und Sympathien von fast ganz Frankreich für sich hatte, wird von allen Parteien gleichzeitig ausgestoßen: die einzelnen Stimmen, die sich für ihn noch aussprechen, sind die verlornen Flötenstimmen einiger verschollenen Poeten und Litteraten. Selbst die wohlmeinende philantropische Bourgeoisie hat den Soldaten Cavaignac dem Poeten Lamartine vorgezogen. Mit den Stimmen der Demokraten hat es ein anderes Bewandniß: zwischen Raspail und Ledru-Rollin getheilt, theilen alle gemeinsam den Haß gegen Cavaignac, gegen die Dynastie des Nationals und empfinden alle gleich schmerzlich die Niederlage im Juni.</p>
          <p>Louis Napoleon vereinigte die meisten Chancen mit Hülfe der Bauern, die 2/3 der Bevölkerung ausmachen, an's Ruder zu gelangen. Ledru-Rollin als Mitglied der prov.-Regierung hatte es mit den Bauern durch die 45 Centimen Steuer und mit einem Theile der Demokraten durch seine lauen Maßregeln verdorben. Raspail war hauptsächlich nur dem Pariser und Lyoner Proletariat bekannt: Louis Napoleon, wie gesagt hatte die meisten Chancen, und jeder Wechsel, jede Bewegung war dem gekränkten Proletariat willkommen, um den arabischen Zuständen ein Ende zu machen.</p>
          <p>Die dem Raspail zugefallenen Stimmen sind daher keineswegs maßgebend für die Stärke des Proletariats, so wenig als die dem Napoleon zugekommenen Stimmen den Maßstab abgeben können für die Stärke der königlichen oder kaiserlichen Gesinnungen in Frankreich. Ein großer Theil der Stimmen für Napoleon kommt der demokratischen Partei zu Gute. Dies geht offenbar aus der Art und Weise der Abstimmung in sehr vielen Departements hervor, die anerkannter Weise ganz für Ledru-Rollin sind, und in denen dessenungeachtet Ledrü-Rollin keine einzige Stimme erhalten hat, weil eben die Frage gestellt war zwischen Cavaignac und Louis Napoleon, d. h. zwischen dem Tode oder dem Leben Cavaignac's.</p>
          <p>In Paris, wo Raspail bisheran eine große Anzahl von Stimmen erhalten hat, weiß man, daß die Anhänger Raspails für ihn gestimmt haben, nicht um ihn als Präsidenten zu haben, sondern um durch die ihm gegebenen Stimmen gegen jede Präsidentschaft zu protestiren. So weiß man ferner, daß die Anhänger Cabets, deren Anzahl eben nicht unbedeutend ist, halb für Raspail, halb für Louis Napoleon stimmten. Unter den verlorenen Stimmen heben wir hervor: 3 oder 4, die Abd-el-Kader zum Präsidenten erwählen. Araber für Araber, Abd-el-Kader oder Cavaignac? Eine einzige Stimme nannte <hi rendition="#g">Proudhon,</hi> eine andere <hi rendition="#g">Berenger,</hi> und wieder eine andere den <hi rendition="#g">Prinzen von Joinville</hi>. Das 10. Arrondissement zeichnet sich besonders durch seine Phantasieen aus.</p>
          <p>Als der Londoner Napoleon an Frankreich anklopfte, es war, glaub' ich im Mai, sagten wir gleich: die Demokraten werden ihm die Thüre öffnen, nicht aus Liebe für Napoleon, sondern aus Trotz gegen die Bourgeois. Als der Konstabler Napoleon an die Deputirtenkammer von Marrast und Konsorten anklopfte, sagten wir gleich: dem Konstabler Napoleon werden die Demokraten ein Plätzchen eröffnen auf der Bank des Nationals, neben Marrast, neben Thiers, neben allen dynastischen und bürgerlichen Republikanern, nicht dem Napoleon zu Liebe, sondern den Bourgeois zum Trotze, um sie zu geißeln auf ächt Konstabler Weise.</p>
          <p>Als der kaiserliche Napoleon nun noch gar die erste Stelle in der Republik des Nationals beanspruchte, als der verschmähte Sprößling des Kaisers dieselben Prätentionen machte auf die Republik als Cavaignac und Konsorten, sagten wir: Recht so! Die Demokraten müssen die bürgerliche Staatsklugheit und die republikanisch-bürgerliche Staatsweisheit auf alle Weise geißeln.</p>
          <p>Die Republikaner wollen einen Schurken; gebt ihnen einen Ochsen. Die bürgerlichen Republikaner brauchen einen Windischgrätz, um ihre Positionen zu beschützen; die ehrlichen Banquiers wollen einen Schurken, um die Verhältnisse im Auslande durch Traktate festzusetzen, und die Verhältnisse im Innern mit Kugeln festzunageln: gebt ihnen einen Ochsen, der im Stande ist, Alles durcheinander zu werfen. Gebt ihnen einen Mann, der kaiserliches, königliches, Schweizer- und Konstablerblut in sich hat: Ihr Demokraten, sagten wir, Ihr habt Furcht vor einem Napoleon dem Zweiten; denkt doch, daß die Demokratie sogar vor einem zweiten Napoleon nichts zu fürchten braucht. Die Furcht ist die Sache des Auslandes und der Bourgeoisie. Ihr müßt die Nägel ausreißen, sowohl von außen als von innen. Und da Napoleon jedenfalls die Majorität erhalten wird, da Napoleon ferner vor allen Dingen eine negative Bedeutung hat, da Napoleon bedeutet: kein Cavaignac, kein Marrast, kein Rothschild, keine Steuern, kein Windischgrätz, da mit einem Worte Napoleon alles bedeutet, nur nicht Napoleon, so schreibt Napoleon und les't Raspail.</p>
          <p>Und so ist es dann geschehn: Napoleon ist so gut wie gewählt; und wer zittert, das ist die <hi rendition="#g">Demokratie nicht</hi>!</p>
        </div>
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          <head><bibl><author>12</author></bibl> Paris, 13. Dez.</head>
          <p>Die Augen aller Franzosen sind in diesem Momente nur auf Einen Punkt geheftet: auf den Boden der ungeheuren Urne, worin die Namen der Kandidaten fallen. Die Blicke durchbohren ordentlich die Wände des Gefäßes; in der fieberhaft-aufgeregten Phantasie beleben sich die geschriebenen Bülletins; der Wahlprozeß geht mysteriöser Weise vor sich, und die Franzosen erblicken unter dem transparenten, krystallenen Gefäße das wundersamste &#x201E;Krippel&#x201C;.</p>
          <p>In der Mitte erheben sich zwei Figuren, mit herausfordernden Blicken sich anschauend: Cavaignac und Napoleon. Letzterer ist in kaiserlicher Tracht: der enorme Hut, unter welchem früher der ganze Louis Napoleon dargestellt wurde, hat jetzt die Proportionen eines gewöhnlichen Bonaparts-Hutes angenommen. Der Kaiser ist stiefel- und spornfertig, wie er eben hervorgegangen ist aus den immer mehr zunehmenden Bülletins. Cavaignac steht neben ihm, mit zornentbrannten Blicken: er hat die Arabermütze auf, und Napoleon scheint im Bewußtsein des treu seinem Onkel entlehnten Kostüms, dem zornigen Cavaignac zu sagen: du siehst, daß du neben mir nicht ankommen kannst.</p>
          <p>Theilnahmlos und in sich versunken sitzt Lamartine neben ihnen auf dem Boden. Er hält die verstimmte Cyther in seiner Hand, und um das ziemlich lang gewordene Gesicht hängt der alte verwelkte Lorbeer, den er vergessen hatte wegzunehmen. Ihm fallen die wenigsten Stimmen zu, und das sind noch dazu die Stimmen einzelner verlassener Poeten, &#x201E;verschmähte Blüthen&#x201C;. Immer noch träumte er von liebevoller &#x201E;Vereinbarung&#x201C;. Sein hageres Gesicht drückt den tiefsten Schmerz aus. Im Hintergrunde stehen Raspail und Ledru-Rollin. Raspail ist fortwährend bemüht, alle ihm zufallenden Stimmzettel auf den Hut Louis Napoleon zu lenken, während Ledru-Rollin mit aller Gewalt seinen Nachbar davon abhalten will, damit er sie ihm zuwende. Aber sein Bemühen ist vergebens, und Raspail (das Kampfer-narcoticum in einer Bouteille schwenkend) lacht über die stolze Haltung des Kaisers.</p>
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          <head>Paris, 13. Dezbr.</head>
          <p>Stadt und Umgebung sind vollkommen ruhig. Einige Berauschte rufen in den Straßen: Es lebe Napoleon! Bei der nächsten Revue soll das Militär: &#x201E;Es lebe der neue Kaiser!&#x201C; schreien und bereits in diesem Sinne bearbeitet werden.</p>
          <p>&#x2014; Cavaignac hat es offenbar noch auf ein kleines Bombardement abgesehen; denn sein Präfekt ließ gestern Abend 7 Uhr das berüchtigte Marie'sche Attroupementsgesetz vom 7. Juni 1848 anschlagen. Der heutige &#x201E;Moniteur&#x201C; sagt unter Bezugnahme hierauf: &#x201E;Die Ruhe und Würde, mit welcher laut aller Depeschen aus den Departements die Wahl geschlossen worden, beweisen zur Genüge, daß die Völkerschaften sehr wohl verstehen, bis zu welcher Gränze die Wahlagitation gehen darf und in wieweit sie mit der öffentlichen Ordnung verträglich. Jetzt, wo die Wahl geschehen, muß die Agitation aufhören. Der Vorwand zu Wahlversammlungen und Abhaltung von Klubs, deren Daseinsbedingung und Sprache sie ohnehin vor das Gesetz rief; ebenso wie zu Versammlungen unter freiem Himmel, deren geringster Nachtheil die Störung der Cirkulation ist, fällt jetzt weg. Der Polizeipräfekt hat darum das Gesetz gegen die Attroupements anheften lassen und die Regierung ist entschlossen, die Ausführung desselben zu sichern. Es kann dies nur der Wille aller Bürger sein.&#x201C;</p>
          <p>Die Nationalversammlung, von der Nothwendigkeit geleitet, so rasch wie möglich aus dem Provisorium herauszukommen, hat ihre Wahlprüfungskommission aufgefordert, ihr sobald Bericht zu erstatten, als sämmtliche Wahlprotokolle aus den Departements eingetroffen. Sie hat beschlossen, dann den Präsidenten sofort zu proklamiren, wenn der betreffende Kandidat eine solche Stimmenzahl vereinigt, welcher selbst die algerischen und corsischen Resultate kein Gegengewicht zu halten im Stande wären.</p>
          <p>&#x2014; Das Cavaignacsche Kabinet kann als aufgelöst betrachtet werden. Sämmtliche Minister <hi rendition="#g">empfangen</hi> nicht mehr. Nur der Staatsbautenminister <hi rendition="#g">Vivien</hi> gibt heute Abend noch einen Zirkel.</p>
          <p>&#x2014; Die Nationalversammlung hat dem neuen Präsidenten das Elysée-National (Bourbon) zur Wohnung angewiesen. Dieses Schloß war die letzte Wohnung des alten Kaisers. Von hier aus warf er sich in die Arme der Engländer, die ihn nach St. Helena führten.</p>
          <p>&#x2014; Marschall Bugeaud,. der <hi rendition="#g">unsichtbare</hi> Nachfolger Cavaignac's, ist in Paris eingetroffen und am Quai Malaquais, dem Louvre gegenüber, abgestiegen.</p>
          <p>&#x2014; Es zirkulirt eine solche Menge neuer Ministerlisten, daß wir sie nicht alle kopiren können. Auf keiner einzigen figuriren Bugeaud, Thiers oder Molé, sondern nur deren Strohmänner.</p>
          <p>&#x2014; L. v. Girardin ist, heißt es, zum Präfekten von Paris bestimmt. Exkönig Jerome wird Gouverneur der Invaliden und Peter Bonaparte erhält Algerien zum Paschalik.</p>
          <p>&#x2014; Dufaure, Minister des Innern, beantragt heute die Schließung aller Klubs etc. Die Polizei machte gestern Abend schon den Anfang, indem sie den gefürchteten Kommunistenklub &#x201E;La Revolution&#x201C; bei Montesquieu schloß.</p>
          <p>&#x2014; Der englische Generalpostmeister Clanricarde ist seit vorgestern hier und hält häufige Zusammenkünfte mit dem Kabinet. Er verließ London am Schlusse eines Ministerraths und man hält ihn mit einer geheimen Sendung beauftragt, über deren Charakter wir bisher noch nichts erfuhren.</p>
          <p>&#x2014; Die beiden Cavaignacschen Moniteure &#x201E;National&#x201C; und &#x201E;Siecle&#x201C; machen heute ihr Testament. Beginnen wir mit dem National. Der Vorrang gebührt immer dem Unglück.</p>
          <p>Gleich dem verscheidenden Herkules in der Iliade wimmert er mit dem geborgten Löwenpelze sein Sterbelied.</p>
          <p>&#x201E;Das Wahlresultat ist gegen unsere Wünsche ausgefallen &#x2014; weint es &#x2014; doch flößt uns dasselbe keinen Zorn ein und läßt uns vorzüglich nicht an der Zukunft verzweifeln.&#x201C;</p>
          <p>Nach einigem Seelenschmerz ermannt sich der sterbende Held noch einmal und sagt: &#x201E;Wir werden die neue Staatsgewalt beobachten, sie überwachen &#x2014; mit Mißtrauen selbst! wir haben ein Recht hiezu &#x2014; doch ohne vorgefaßten Groll etc.&#x201C;</p>
          <p>Kann man elender sterben? Da schnaubte der Vater Duchesne ganz anders! O Marrast, wie elend trittst du von der Bühne.</p>
          <p>&#x201E;Siecle&#x201C; gibt die Hoffnung noch nicht auf, daß die Nationalversammlung sich ttotz allem kolossalem Mehr das Recht zusprechen werde, den Präsidenten zu ernennen und zwischen Bonaparte und Cavaignac zu wählen. Sollte aber Cavaignac wirklich abtreten müssen, so zweifelt &#x201E;Siecle&#x201C; nicht, daß ihm alle Minister in das Grab folgen werden. Sanft ruhe ihre Asche!</p>
          <p>&#x2014; Das &#x201E;Journal des Debats&#x201C; will sich es zur Pflicht machen, die Zahlen möglichst scharf zu kontrolliren, um seinen Lesern die Schreckenspost so langsam als denkbar beizubringen.</p>
          <p>&#x2014; Aus Rom und Neapel laufen so eben, wie wir hören, sehr ernste Depeschen ein.</p>
          <p>&#x2014; Im Operngange steigt das Entzücken immer höher. Die 3proz. Rente wollen diese Herren Spekulanten bis auf 46 und die 5proz. Rente bis auf 76 treiben.</p>
          <p>&#x2014; (<hi rendition="#g">Wahrscheinliches neues bonapartisches Ministerium</hi>.) 1) Odilon Barrot, Konseilpräsident und Justiz; 2) Leon de Malleville, Inneres; 3) Oudinot oder Rulhiere, Krieg; 4) Leon Faucher, Handel; 5) Bineau, Staatsbauten; 6) A. Fould, Finanzen; 7) Admiral Dupetit Thouars, Marine; 8) Drouhyn de L'huys, Auswärtiges; 9) Falloux, Unterricht (noch?)</p>
          <p>&#x2014; Das römische Geschwader liegt noch vor Marseille, wo es sich, wie der &#x201E;Nouvelliste&#x201C; vom 10. Dez. meldet, in Evolutionen und Scheingefechten, kriegerischen Landungen etc. einübt. Der Geist (welcher?) der Truppen ist vortrefflich.</p>
          <p>&#x2014; Um sich einen Begriff von der Riesenmajorität <hi rendition="#g">Napoleons</hi> zu machen, setzen wir die neuerdings (bis 5 Uhr) bekannte <hi rendition="#g">Wahlstatistik</hi> fort:</p>
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          <p><hi rendition="#g">National-Versammlung</hi>. Sitzung vom 13. Dezember. Anfang 2 Uhr. Marrast läßt das Protokoll vorlesen, aber kein Mensch leiht dem Vorleser Aufmerksamkeit. Alle Deputirten disputiren in lebhaften Gruppen neben und unter einander. Man sieht viele leere Bänke und lange Gesichter. Die Versteinerung über die enormen Ziffern, welche der Hr. Alexandre stündlich aus der Telegraphenkammer meldet, ist allgemein. Man verliert sich in Betrachtungen über das neue Ministerium.</p>
          <p><hi rendition="#g">Marrast</hi> verliest einen Gesetzentwurf, der die Stadt Roanne zur Uebersteuerung Behufs Beschäftigung ihres Proletariats ermächtigt. (Genehmigt).</p>
          <p><hi rendition="#g">Marie</hi> (Justizminister) legt einen Entwurf vor, der abermals ein Dekret der provisorischen Regierung vom 29. März (über Wechselfristen) abschafft. Woher kommen doch alle diese Dekrete der provisorischen Regierung? Es sind unmöglich noch viele derselben abzuschaffen.</p>
          <p>Die Versammlung genehmigt 80,000 Fr. für die Todesfeier des 4. März und 130,000 Fr. für den Transport der Juniräuber.</p>
          <p>Dann will sie die bereits früher beschlossene Abschaffung des Dekrets vom 9. März über die Leibhaft durch Votirung der noch davon übrig gelassenen Artikel beginnen.</p>
          <p>Vorher votirt sie ein Gesetz, wonach das Kreditverlangen rücksichtlich der fremden politischen Flüchtlinge ihr jährlich gestellt werden soll.</p>
          <p>Die nachträgliche Debatte über das Schuldhaftgesetz bietet wenig Interesse.</p>
          <p>Einige Advokaten, wie z. B. I. Favre, Briller, Bravard-Verriere etc. nehmen daran Theil und stellen Unteramendements.</p>
          <p>Auch Bourbourron, Dahirel und Boudet ergreifen das Wort.</p>
          <p><hi rendition="#g">Favre</hi> trägt darauf an, daß die Schuldhaft kein Jahr überschreiten dürfe.</p>
          <p>Favre's Antrag, die Haft auf ein Jahr zu beschränken, wird verworfen und die Bestimmungen im Entwurf beibehalten, wie sie das Gesetz vom 17. April feststellte.</p>
          <p>Der ganze Entwurf zählt 6 Abschnitte und 15 Artikel, die eine förmliche Broschüre bilden.</p>
          <p>Nur wenige Artikel geben zu erheblichem Widerspruch Veranlassung.</p>
          <p><hi rendition="#g">Marrast</hi> liest einen Artikel nach dem andern ab und bringt sie zur Abstimmung.</p>
          <p><hi rendition="#g">St. Priest</hi> nimmt einmal das Wort, um darauf anzutragen, daß man die verhaftsfähige Summe für die Departementsstädte erhöhe. Er fällt damit durch.</p>
          <p><hi rendition="#g">Marrast</hi> liest mechanisch fort und erklärt nach Artikel 15, daß er nun über das Gesammtgesetz abstimmen lasse.</p>
          <p>Ehe man zur Abstimmung schreitet, wird beschlossen, daß sich die Wahlprüfungskommission von morgen an täglich um 11 Uhr versammle und bis 3 Uhr sitze.</p>
          <p>Darum beginnen die öffentlichen Sitzungen erst um 3 Uhr.</p>
          <p>Es sind bereits viele Wahlprotokolle eingetroffen.</p>
          <p>Nun schreitet Marrast zur Abstimmung über die Schuldhaft. Wird allgemein angenommen.</p>
          <p>Die Versammlung trennt sich um 6 Uhr.</p>
        </div>
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        <head>Italien.</head>
        <div xml:id="ar170_024" type="jArticle">
          <head>
            <bibl>
              <author>*</author>
            </bibl>
          </head>
          <p>Die östreichischen Truppen bewegen sich fortwährend in der Richtung von Modena nach der römischen Gränze. Man spricht auch von einer Invasion in der Richtung von Bologna. Gewiß ist, daß der östreichische Armeelieferant zu Modena angewiesen worden ist, für zwei bis drei neue Regimenter, die täglich eintreffen können, die Verpflegung bereit zu halten. Die herzogl. Soldaten erzählen sich, daß sie nächstens mit ein paar Tausend Kroaten nach Massa und Carrara marschiren würden.</p>
          <p>Ein neues Pröbchen von Radetzky'scher Schinderei! Der Feldmarschall hatte dem Munizipalrath von Mailand aufgetragen, alle Bäume, welche die öffentliche Promenade um das Schloß zieren, wegschaffen zu lassen. Die Behörde bat ihn, nicht auf einem Befehle bestehen zu wollen, dessen Ausführung die Stadt, die schon so viel gelitten habe, noch ärmer machen würde. Radetzky gab darauf zur Antwort: er sei nicht gewohnt, daß man seinen Befehlen sich widersetze, und er wiederhole drum aufs Bestimmteste seine Ordre. Bis zum 15. Dez. habe die Behörde Zeit. Bis dahin wolle er, daß alle bereits früher bezeichneten Bäume auf Kosten des Munizipalraths gefällt und weggeschafft seien. Für jeden Verzugstag habe der Munizipalrath eine Buße von 5000 Lire zu bezahlen.</p>
          <p>Neapel soll sich in einem Zustande dumpfer Gährung befinden</p>
        </div>
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          <head>Venedig, 22. Nov.</head>
          <p>Die heute hier eingelaufene Nachricht von der römischen Revolution machte eine ungeahnte Wirkung, die wenigstens in das ohnedieß monotone Leben eine Abwechselung brachte. Wer Venedig jetzt besucht, würde hier wahrscheinlich nicht eine kriegführende, belagerte Stadt finden. Man lebt in der größten Sicherheit und Ruhe, und politisirt des Abends in irgendeinem der Kaffehäuser über die anglo-französische Vermittlung, über das Frankfurter Parlament gegenüber Oesterreich, über das schändliche Benehmen des Verrätherkönigs Karl Albert etc. Auch wir Deutschen können uns <hi rendition="#g">jetzt</hi> über den Aufenthalt in Venedig und das Benehmen der Italiener gegen uns nicht im geringsten mehr beschweren. Ich hasse bis in den Tod alles Parteiwesen, doch muß ich mit aller Ruhe offen und ehrlich gestehen, daß wir mit aller Zuvorkommenheit behandelt werden. Die Kriegsbulletins sprechen nicht mehr von Tedeschi, sondern von Austriaci oder Croati. Mit Freuden nahmen wir auch die herzliche Theilnahme an dem Schicksal der heldenmüthigen aber unglücklichen Wiener, und an dem traurigen Ende Robert Blums wahr. Nie vielleicht, nie so wahr und aufrichtig blickte man nach Frankfurt&#x2026; Die hiesige Regierung gibt neuerdings um zwölf Millionen Zwanziger Papiergeld heraus, das durch die Steuern sämmtlicher Besitzer des lombardisch-venezianischen Königreichs garantirt ist. Durch diese Maßregel ist Venedig bis Ende Aprils mit Geld versorgt. Der Circolo Italiano ist neuerdings zum Leben erwacht, und seine Abendversammlungen im Nedoutensaal a San Moisé werden jetzt stark besucht. Uebrigens kann ich nicht umhin über die Ihnen von Triest aus über Venedig zugesanten Berichte meinen gerechten Tadel auszusprechen, da die meisten derselben grund- und bodenloses Gerede sind. Von der verzweifelten Lage Venedigs, dem Mangel an Lebensmitteln, dem Mißtrauen gegen die Regierung und den übrigen Märchen ist keine Sylbe wahr. Lebensmittel sind jetz die Fülle vorhanden, indem nicht nur die Landseite, wo die Oesterreicher ihren Cordon mehr landeinwärts gezogen, sondern auch zur See, die stets offen ist, dieselben mehr als hinreichend eintreffen. Was die Regierung betrifft, so könnte sich jede glücklich schätzen die das Zutrauen in dem Maße genösse als die hiesige, was die wahrhaft großen Opfer die von den Venezianern auf jedes Gubernialdecret bereitwilligst gebracht werden, thatsächlich beweisen.</p>
          <bibl>(A. Z.)</bibl>
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        <head>Portugal.</head>
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          <head><bibl><author>*</author></bibl> Lissabon, 29. Nov.</head>
          <p>Saldanha's Stellung wird mit jedem Tage schwieriger. Seine erbittertsten Gegner sind die Cabralisten, an deren Spitze Jose Cabral und die beiden Fronteira stehen. Auch die Königin wünscht Saldanha los zu sein, und er wäre schon beseitigt, fürchtete man nicht seinen Einfluß auf die Soldaten. Kürzlich entsetzte er den Herrn Pereira das Reis, Büreauchef im Justizministerium, eins der thätigsten Werkzeuge der Cabralistenpartei, seines Postens. Man sagt, es sei eine cabralistische Verschwörung zum Umsturz des jetzigen Kabinets entdeckt worden. Der Marschall, der sich zur Bestrafung der Anstifter dieses Komplotts nicht stark genug fühlte, hat zwei ihm völlig ergebene Regimenter in Lissabon einrücken lassen. Es sind dies das 7. und 12., die 1847 unter der Junta von Oporto dienten. Auch das die Hauptstadt beherrschende Schloß St Georg ist von Truppen besetzt, auf die er rechnen kann. Es wird bald zwischen ihm und den Cabralisten zu einer Entscheidung kommen müssen. Inzwischen wird die Finanznoth immer größer. Armee und Beamte sind seit Monaten nicht bezahlt worden. Die Regierung hat die Pressen des Journal Estendarte versiegeln lassen, unter dem Vorwande, daß es keine hinreichende Kaution bestellt, in der That aber, weil es unter allen cabralistischen Journalen am feindlichsten gegen das Ministerium auftrat.</p>
          <p>
            <ref type="link">Hierzu eine Beilage.</ref>
          </p>
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</TEI>
[0916/0004] hatten mehrere Sectionen noch in dem Verhältniß von 100 gegen 30 für Raspail gestimmt: die gestrigen Vota geben das Verhältniß von 18 zu 10 für Ledru-Rollin. Morgen die amtliche Zählung. 12 Paris, 13. Decbr. Girardin triumphirt: „Louis Napoleon springt aus allen Urnen wie die Flamme eines Lauffeuers‥‥ Louis Napoleon, wir haben die mathematische Gewißheit, wird der Auserlesene der Demokratie:“ Und Girardin? Was wird Girardin werden, der Todfeind des Nationals, der unter Louis Philipp dem National den besten Redakteur Carrel todt schoß und unter der Herrschaft des Nationals den besten General des National's Cavaignac todtschrieb?… Girardin, der jetzt seinem Hasse gegen die gestürzte Dynastie freien Lauf lassen kann, was wird Girardin unter Napoleon werden? Girardin triumphirt und aus seinem Jubel leuchtet nur ein Gedanke hervor: Frankreich hat Cavaignac gestürzt, um Girardin zu rächen! In allen Listen, die bisheran bekannt geworden, ist Lamartine immer der Letzte: Lamartine, der während den ersten Elektionen zur Repräsentanten-Kammer, die Stimmen und Sympathien von fast ganz Frankreich für sich hatte, wird von allen Parteien gleichzeitig ausgestoßen: die einzelnen Stimmen, die sich für ihn noch aussprechen, sind die verlornen Flötenstimmen einiger verschollenen Poeten und Litteraten. Selbst die wohlmeinende philantropische Bourgeoisie hat den Soldaten Cavaignac dem Poeten Lamartine vorgezogen. Mit den Stimmen der Demokraten hat es ein anderes Bewandniß: zwischen Raspail und Ledru-Rollin getheilt, theilen alle gemeinsam den Haß gegen Cavaignac, gegen die Dynastie des Nationals und empfinden alle gleich schmerzlich die Niederlage im Juni. Louis Napoleon vereinigte die meisten Chancen mit Hülfe der Bauern, die 2/3 der Bevölkerung ausmachen, an's Ruder zu gelangen. Ledru-Rollin als Mitglied der prov.-Regierung hatte es mit den Bauern durch die 45 Centimen Steuer und mit einem Theile der Demokraten durch seine lauen Maßregeln verdorben. Raspail war hauptsächlich nur dem Pariser und Lyoner Proletariat bekannt: Louis Napoleon, wie gesagt hatte die meisten Chancen, und jeder Wechsel, jede Bewegung war dem gekränkten Proletariat willkommen, um den arabischen Zuständen ein Ende zu machen. Die dem Raspail zugefallenen Stimmen sind daher keineswegs maßgebend für die Stärke des Proletariats, so wenig als die dem Napoleon zugekommenen Stimmen den Maßstab abgeben können für die Stärke der königlichen oder kaiserlichen Gesinnungen in Frankreich. Ein großer Theil der Stimmen für Napoleon kommt der demokratischen Partei zu Gute. Dies geht offenbar aus der Art und Weise der Abstimmung in sehr vielen Departements hervor, die anerkannter Weise ganz für Ledru-Rollin sind, und in denen dessenungeachtet Ledrü-Rollin keine einzige Stimme erhalten hat, weil eben die Frage gestellt war zwischen Cavaignac und Louis Napoleon, d. h. zwischen dem Tode oder dem Leben Cavaignac's. In Paris, wo Raspail bisheran eine große Anzahl von Stimmen erhalten hat, weiß man, daß die Anhänger Raspails für ihn gestimmt haben, nicht um ihn als Präsidenten zu haben, sondern um durch die ihm gegebenen Stimmen gegen jede Präsidentschaft zu protestiren. So weiß man ferner, daß die Anhänger Cabets, deren Anzahl eben nicht unbedeutend ist, halb für Raspail, halb für Louis Napoleon stimmten. Unter den verlorenen Stimmen heben wir hervor: 3 oder 4, die Abd-el-Kader zum Präsidenten erwählen. Araber für Araber, Abd-el-Kader oder Cavaignac? Eine einzige Stimme nannte Proudhon, eine andere Berenger, und wieder eine andere den Prinzen von Joinville. Das 10. Arrondissement zeichnet sich besonders durch seine Phantasieen aus. Als der Londoner Napoleon an Frankreich anklopfte, es war, glaub' ich im Mai, sagten wir gleich: die Demokraten werden ihm die Thüre öffnen, nicht aus Liebe für Napoleon, sondern aus Trotz gegen die Bourgeois. Als der Konstabler Napoleon an die Deputirtenkammer von Marrast und Konsorten anklopfte, sagten wir gleich: dem Konstabler Napoleon werden die Demokraten ein Plätzchen eröffnen auf der Bank des Nationals, neben Marrast, neben Thiers, neben allen dynastischen und bürgerlichen Republikanern, nicht dem Napoleon zu Liebe, sondern den Bourgeois zum Trotze, um sie zu geißeln auf ächt Konstabler Weise. Als der kaiserliche Napoleon nun noch gar die erste Stelle in der Republik des Nationals beanspruchte, als der verschmähte Sprößling des Kaisers dieselben Prätentionen machte auf die Republik als Cavaignac und Konsorten, sagten wir: Recht so! Die Demokraten müssen die bürgerliche Staatsklugheit und die republikanisch-bürgerliche Staatsweisheit auf alle Weise geißeln. Die Republikaner wollen einen Schurken; gebt ihnen einen Ochsen. Die bürgerlichen Republikaner brauchen einen Windischgrätz, um ihre Positionen zu beschützen; die ehrlichen Banquiers wollen einen Schurken, um die Verhältnisse im Auslande durch Traktate festzusetzen, und die Verhältnisse im Innern mit Kugeln festzunageln: gebt ihnen einen Ochsen, der im Stande ist, Alles durcheinander zu werfen. Gebt ihnen einen Mann, der kaiserliches, königliches, Schweizer- und Konstablerblut in sich hat: Ihr Demokraten, sagten wir, Ihr habt Furcht vor einem Napoleon dem Zweiten; denkt doch, daß die Demokratie sogar vor einem zweiten Napoleon nichts zu fürchten braucht. Die Furcht ist die Sache des Auslandes und der Bourgeoisie. Ihr müßt die Nägel ausreißen, sowohl von außen als von innen. Und da Napoleon jedenfalls die Majorität erhalten wird, da Napoleon ferner vor allen Dingen eine negative Bedeutung hat, da Napoleon bedeutet: kein Cavaignac, kein Marrast, kein Rothschild, keine Steuern, kein Windischgrätz, da mit einem Worte Napoleon alles bedeutet, nur nicht Napoleon, so schreibt Napoleon und les't Raspail. Und so ist es dann geschehn: Napoleon ist so gut wie gewählt; und wer zittert, das ist die Demokratie nicht! 12 Paris, 13. Dez. Die Augen aller Franzosen sind in diesem Momente nur auf Einen Punkt geheftet: auf den Boden der ungeheuren Urne, worin die Namen der Kandidaten fallen. Die Blicke durchbohren ordentlich die Wände des Gefäßes; in der fieberhaft-aufgeregten Phantasie beleben sich die geschriebenen Bülletins; der Wahlprozeß geht mysteriöser Weise vor sich, und die Franzosen erblicken unter dem transparenten, krystallenen Gefäße das wundersamste „Krippel“. In der Mitte erheben sich zwei Figuren, mit herausfordernden Blicken sich anschauend: Cavaignac und Napoleon. Letzterer ist in kaiserlicher Tracht: der enorme Hut, unter welchem früher der ganze Louis Napoleon dargestellt wurde, hat jetzt die Proportionen eines gewöhnlichen Bonaparts-Hutes angenommen. Der Kaiser ist stiefel- und spornfertig, wie er eben hervorgegangen ist aus den immer mehr zunehmenden Bülletins. Cavaignac steht neben ihm, mit zornentbrannten Blicken: er hat die Arabermütze auf, und Napoleon scheint im Bewußtsein des treu seinem Onkel entlehnten Kostüms, dem zornigen Cavaignac zu sagen: du siehst, daß du neben mir nicht ankommen kannst. Theilnahmlos und in sich versunken sitzt Lamartine neben ihnen auf dem Boden. Er hält die verstimmte Cyther in seiner Hand, und um das ziemlich lang gewordene Gesicht hängt der alte verwelkte Lorbeer, den er vergessen hatte wegzunehmen. Ihm fallen die wenigsten Stimmen zu, und das sind noch dazu die Stimmen einzelner verlassener Poeten, „verschmähte Blüthen“. Immer noch träumte er von liebevoller „Vereinbarung“. Sein hageres Gesicht drückt den tiefsten Schmerz aus. Im Hintergrunde stehen Raspail und Ledru-Rollin. Raspail ist fortwährend bemüht, alle ihm zufallenden Stimmzettel auf den Hut Louis Napoleon zu lenken, während Ledru-Rollin mit aller Gewalt seinen Nachbar davon abhalten will, damit er sie ihm zuwende. Aber sein Bemühen ist vergebens, und Raspail (das Kampfer-narcoticum in einer Bouteille schwenkend) lacht über die stolze Haltung des Kaisers. Paris, 13. Dezbr. Stadt und Umgebung sind vollkommen ruhig. Einige Berauschte rufen in den Straßen: Es lebe Napoleon! Bei der nächsten Revue soll das Militär: „Es lebe der neue Kaiser!“ schreien und bereits in diesem Sinne bearbeitet werden. — Cavaignac hat es offenbar noch auf ein kleines Bombardement abgesehen; denn sein Präfekt ließ gestern Abend 7 Uhr das berüchtigte Marie'sche Attroupementsgesetz vom 7. Juni 1848 anschlagen. Der heutige „Moniteur“ sagt unter Bezugnahme hierauf: „Die Ruhe und Würde, mit welcher laut aller Depeschen aus den Departements die Wahl geschlossen worden, beweisen zur Genüge, daß die Völkerschaften sehr wohl verstehen, bis zu welcher Gränze die Wahlagitation gehen darf und in wieweit sie mit der öffentlichen Ordnung verträglich. Jetzt, wo die Wahl geschehen, muß die Agitation aufhören. Der Vorwand zu Wahlversammlungen und Abhaltung von Klubs, deren Daseinsbedingung und Sprache sie ohnehin vor das Gesetz rief; ebenso wie zu Versammlungen unter freiem Himmel, deren geringster Nachtheil die Störung der Cirkulation ist, fällt jetzt weg. Der Polizeipräfekt hat darum das Gesetz gegen die Attroupements anheften lassen und die Regierung ist entschlossen, die Ausführung desselben zu sichern. Es kann dies nur der Wille aller Bürger sein.“ Die Nationalversammlung, von der Nothwendigkeit geleitet, so rasch wie möglich aus dem Provisorium herauszukommen, hat ihre Wahlprüfungskommission aufgefordert, ihr sobald Bericht zu erstatten, als sämmtliche Wahlprotokolle aus den Departements eingetroffen. Sie hat beschlossen, dann den Präsidenten sofort zu proklamiren, wenn der betreffende Kandidat eine solche Stimmenzahl vereinigt, welcher selbst die algerischen und corsischen Resultate kein Gegengewicht zu halten im Stande wären. — Das Cavaignacsche Kabinet kann als aufgelöst betrachtet werden. Sämmtliche Minister empfangen nicht mehr. Nur der Staatsbautenminister Vivien gibt heute Abend noch einen Zirkel. — Die Nationalversammlung hat dem neuen Präsidenten das Elysée-National (Bourbon) zur Wohnung angewiesen. Dieses Schloß war die letzte Wohnung des alten Kaisers. Von hier aus warf er sich in die Arme der Engländer, die ihn nach St. Helena führten. — Marschall Bugeaud,. der unsichtbare Nachfolger Cavaignac's, ist in Paris eingetroffen und am Quai Malaquais, dem Louvre gegenüber, abgestiegen. — Es zirkulirt eine solche Menge neuer Ministerlisten, daß wir sie nicht alle kopiren können. Auf keiner einzigen figuriren Bugeaud, Thiers oder Molé, sondern nur deren Strohmänner. — L. v. Girardin ist, heißt es, zum Präfekten von Paris bestimmt. Exkönig Jerome wird Gouverneur der Invaliden und Peter Bonaparte erhält Algerien zum Paschalik. — Dufaure, Minister des Innern, beantragt heute die Schließung aller Klubs etc. Die Polizei machte gestern Abend schon den Anfang, indem sie den gefürchteten Kommunistenklub „La Revolution“ bei Montesquieu schloß. — Der englische Generalpostmeister Clanricarde ist seit vorgestern hier und hält häufige Zusammenkünfte mit dem Kabinet. Er verließ London am Schlusse eines Ministerraths und man hält ihn mit einer geheimen Sendung beauftragt, über deren Charakter wir bisher noch nichts erfuhren. — Die beiden Cavaignacschen Moniteure „National“ und „Siecle“ machen heute ihr Testament. Beginnen wir mit dem National. Der Vorrang gebührt immer dem Unglück. Gleich dem verscheidenden Herkules in der Iliade wimmert er mit dem geborgten Löwenpelze sein Sterbelied. „Das Wahlresultat ist gegen unsere Wünsche ausgefallen — weint es — doch flößt uns dasselbe keinen Zorn ein und läßt uns vorzüglich nicht an der Zukunft verzweifeln.“ Nach einigem Seelenschmerz ermannt sich der sterbende Held noch einmal und sagt: „Wir werden die neue Staatsgewalt beobachten, sie überwachen — mit Mißtrauen selbst! wir haben ein Recht hiezu — doch ohne vorgefaßten Groll etc.“ Kann man elender sterben? Da schnaubte der Vater Duchesne ganz anders! O Marrast, wie elend trittst du von der Bühne. „Siecle“ gibt die Hoffnung noch nicht auf, daß die Nationalversammlung sich ttotz allem kolossalem Mehr das Recht zusprechen werde, den Präsidenten zu ernennen und zwischen Bonaparte und Cavaignac zu wählen. Sollte aber Cavaignac wirklich abtreten müssen, so zweifelt „Siecle“ nicht, daß ihm alle Minister in das Grab folgen werden. Sanft ruhe ihre Asche! — Das „Journal des Debats“ will sich es zur Pflicht machen, die Zahlen möglichst scharf zu kontrolliren, um seinen Lesern die Schreckenspost so langsam als denkbar beizubringen. — Aus Rom und Neapel laufen so eben, wie wir hören, sehr ernste Depeschen ein. — Im Operngange steigt das Entzücken immer höher. Die 3proz. Rente wollen diese Herren Spekulanten bis auf 46 und die 5proz. Rente bis auf 76 treiben. — (Wahrscheinliches neues bonapartisches Ministerium.) 1) Odilon Barrot, Konseilpräsident und Justiz; 2) Leon de Malleville, Inneres; 3) Oudinot oder Rulhiere, Krieg; 4) Leon Faucher, Handel; 5) Bineau, Staatsbauten; 6) A. Fould, Finanzen; 7) Admiral Dupetit Thouars, Marine; 8) Drouhyn de L'huys, Auswärtiges; 9) Falloux, Unterricht (noch?) — Das römische Geschwader liegt noch vor Marseille, wo es sich, wie der „Nouvelliste“ vom 10. Dez. meldet, in Evolutionen und Scheingefechten, kriegerischen Landungen etc. einübt. Der Geist (welcher?) der Truppen ist vortrefflich. — Um sich einen Begriff von der Riesenmajorität Napoleons zu machen, setzen wir die neuerdings (bis 5 Uhr) bekannte Wahlstatistik fort: Departement für Napoleon Cavaignac Stimmen. Calvados 34,447 6941 〃 Cher 47,740 6865 〃 Maine und Loire 26,213 7255 〃 Yonne 22,280 2195 〃 Indre (hier hat Ledru-Rollin 5874) 23,436 4514 〃 Aisne 22,877 2079 〃 Nievre 12,859 1548 〃 Loiret 49,907 6967 〃 Somme (bis 8 U. Abds.) 45,710 3540 〃 Ardennes (erst bekannt) 4,823 1865 〃 Haute Vienne 9,000 700 〃 Eure 30,000 5500 〃 Nord 28,000 47,000 〃 National-Versammlung. Sitzung vom 13. Dezember. Anfang 2 Uhr. Marrast läßt das Protokoll vorlesen, aber kein Mensch leiht dem Vorleser Aufmerksamkeit. Alle Deputirten disputiren in lebhaften Gruppen neben und unter einander. Man sieht viele leere Bänke und lange Gesichter. Die Versteinerung über die enormen Ziffern, welche der Hr. Alexandre stündlich aus der Telegraphenkammer meldet, ist allgemein. Man verliert sich in Betrachtungen über das neue Ministerium. Marrast verliest einen Gesetzentwurf, der die Stadt Roanne zur Uebersteuerung Behufs Beschäftigung ihres Proletariats ermächtigt. (Genehmigt). Marie (Justizminister) legt einen Entwurf vor, der abermals ein Dekret der provisorischen Regierung vom 29. März (über Wechselfristen) abschafft. Woher kommen doch alle diese Dekrete der provisorischen Regierung? Es sind unmöglich noch viele derselben abzuschaffen. Die Versammlung genehmigt 80,000 Fr. für die Todesfeier des 4. März und 130,000 Fr. für den Transport der Juniräuber. Dann will sie die bereits früher beschlossene Abschaffung des Dekrets vom 9. März über die Leibhaft durch Votirung der noch davon übrig gelassenen Artikel beginnen. Vorher votirt sie ein Gesetz, wonach das Kreditverlangen rücksichtlich der fremden politischen Flüchtlinge ihr jährlich gestellt werden soll. Die nachträgliche Debatte über das Schuldhaftgesetz bietet wenig Interesse. Einige Advokaten, wie z. B. I. Favre, Briller, Bravard-Verriere etc. nehmen daran Theil und stellen Unteramendements. Auch Bourbourron, Dahirel und Boudet ergreifen das Wort. Favre trägt darauf an, daß die Schuldhaft kein Jahr überschreiten dürfe. Favre's Antrag, die Haft auf ein Jahr zu beschränken, wird verworfen und die Bestimmungen im Entwurf beibehalten, wie sie das Gesetz vom 17. April feststellte. Der ganze Entwurf zählt 6 Abschnitte und 15 Artikel, die eine förmliche Broschüre bilden. Nur wenige Artikel geben zu erheblichem Widerspruch Veranlassung. Marrast liest einen Artikel nach dem andern ab und bringt sie zur Abstimmung. St. Priest nimmt einmal das Wort, um darauf anzutragen, daß man die verhaftsfähige Summe für die Departementsstädte erhöhe. Er fällt damit durch. Marrast liest mechanisch fort und erklärt nach Artikel 15, daß er nun über das Gesammtgesetz abstimmen lasse. Ehe man zur Abstimmung schreitet, wird beschlossen, daß sich die Wahlprüfungskommission von morgen an täglich um 11 Uhr versammle und bis 3 Uhr sitze. Darum beginnen die öffentlichen Sitzungen erst um 3 Uhr. Es sind bereits viele Wahlprotokolle eingetroffen. Nun schreitet Marrast zur Abstimmung über die Schuldhaft. Wird allgemein angenommen. Die Versammlung trennt sich um 6 Uhr. Italien. * Die östreichischen Truppen bewegen sich fortwährend in der Richtung von Modena nach der römischen Gränze. Man spricht auch von einer Invasion in der Richtung von Bologna. Gewiß ist, daß der östreichische Armeelieferant zu Modena angewiesen worden ist, für zwei bis drei neue Regimenter, die täglich eintreffen können, die Verpflegung bereit zu halten. Die herzogl. Soldaten erzählen sich, daß sie nächstens mit ein paar Tausend Kroaten nach Massa und Carrara marschiren würden. Ein neues Pröbchen von Radetzky'scher Schinderei! Der Feldmarschall hatte dem Munizipalrath von Mailand aufgetragen, alle Bäume, welche die öffentliche Promenade um das Schloß zieren, wegschaffen zu lassen. Die Behörde bat ihn, nicht auf einem Befehle bestehen zu wollen, dessen Ausführung die Stadt, die schon so viel gelitten habe, noch ärmer machen würde. Radetzky gab darauf zur Antwort: er sei nicht gewohnt, daß man seinen Befehlen sich widersetze, und er wiederhole drum aufs Bestimmteste seine Ordre. Bis zum 15. Dez. habe die Behörde Zeit. Bis dahin wolle er, daß alle bereits früher bezeichneten Bäume auf Kosten des Munizipalraths gefällt und weggeschafft seien. Für jeden Verzugstag habe der Munizipalrath eine Buße von 5000 Lire zu bezahlen. Neapel soll sich in einem Zustande dumpfer Gährung befinden Venedig, 22. Nov. Die heute hier eingelaufene Nachricht von der römischen Revolution machte eine ungeahnte Wirkung, die wenigstens in das ohnedieß monotone Leben eine Abwechselung brachte. Wer Venedig jetzt besucht, würde hier wahrscheinlich nicht eine kriegführende, belagerte Stadt finden. Man lebt in der größten Sicherheit und Ruhe, und politisirt des Abends in irgendeinem der Kaffehäuser über die anglo-französische Vermittlung, über das Frankfurter Parlament gegenüber Oesterreich, über das schändliche Benehmen des Verrätherkönigs Karl Albert etc. Auch wir Deutschen können uns jetzt über den Aufenthalt in Venedig und das Benehmen der Italiener gegen uns nicht im geringsten mehr beschweren. Ich hasse bis in den Tod alles Parteiwesen, doch muß ich mit aller Ruhe offen und ehrlich gestehen, daß wir mit aller Zuvorkommenheit behandelt werden. Die Kriegsbulletins sprechen nicht mehr von Tedeschi, sondern von Austriaci oder Croati. Mit Freuden nahmen wir auch die herzliche Theilnahme an dem Schicksal der heldenmüthigen aber unglücklichen Wiener, und an dem traurigen Ende Robert Blums wahr. Nie vielleicht, nie so wahr und aufrichtig blickte man nach Frankfurt… Die hiesige Regierung gibt neuerdings um zwölf Millionen Zwanziger Papiergeld heraus, das durch die Steuern sämmtlicher Besitzer des lombardisch-venezianischen Königreichs garantirt ist. Durch diese Maßregel ist Venedig bis Ende Aprils mit Geld versorgt. Der Circolo Italiano ist neuerdings zum Leben erwacht, und seine Abendversammlungen im Nedoutensaal a San Moisé werden jetzt stark besucht. Uebrigens kann ich nicht umhin über die Ihnen von Triest aus über Venedig zugesanten Berichte meinen gerechten Tadel auszusprechen, da die meisten derselben grund- und bodenloses Gerede sind. Von der verzweifelten Lage Venedigs, dem Mangel an Lebensmitteln, dem Mißtrauen gegen die Regierung und den übrigen Märchen ist keine Sylbe wahr. Lebensmittel sind jetz die Fülle vorhanden, indem nicht nur die Landseite, wo die Oesterreicher ihren Cordon mehr landeinwärts gezogen, sondern auch zur See, die stets offen ist, dieselben mehr als hinreichend eintreffen. Was die Regierung betrifft, so könnte sich jede glücklich schätzen die das Zutrauen in dem Maße genösse als die hiesige, was die wahrhaft großen Opfer die von den Venezianern auf jedes Gubernialdecret bereitwilligst gebracht werden, thatsächlich beweisen. (A. Z.) Portugal. * Lissabon, 29. Nov. Saldanha's Stellung wird mit jedem Tage schwieriger. Seine erbittertsten Gegner sind die Cabralisten, an deren Spitze Jose Cabral und die beiden Fronteira stehen. Auch die Königin wünscht Saldanha los zu sein, und er wäre schon beseitigt, fürchtete man nicht seinen Einfluß auf die Soldaten. Kürzlich entsetzte er den Herrn Pereira das Reis, Büreauchef im Justizministerium, eins der thätigsten Werkzeuge der Cabralistenpartei, seines Postens. Man sagt, es sei eine cabralistische Verschwörung zum Umsturz des jetzigen Kabinets entdeckt worden. Der Marschall, der sich zur Bestrafung der Anstifter dieses Komplotts nicht stark genug fühlte, hat zwei ihm völlig ergebene Regimenter in Lissabon einrücken lassen. Es sind dies das 7. und 12., die 1847 unter der Junta von Oporto dienten. Auch das die Hauptstadt beherrschende Schloß St Georg ist von Truppen besetzt, auf die er rechnen kann. Es wird bald zwischen ihm und den Cabralisten zu einer Entscheidung kommen müssen. Inzwischen wird die Finanznoth immer größer. Armee und Beamte sind seit Monaten nicht bezahlt worden. Die Regierung hat die Pressen des Journal Estendarte versiegeln lassen, unter dem Vorwande, daß es keine hinreichende Kaution bestellt, in der That aber, weil es unter allen cabralistischen Journalen am feindlichsten gegen das Ministerium auftrat. Hierzu eine Beilage.

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Die angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Ausgabe: Neue Rheinische Zeitung. Organ der Demokratie. Bd. 1 (Nummer 1 bis Nummer 183) Köln, 1. Juni 1848 bis 31. Dezember 1848. Glashütten im Taunus, Verlag Detlev Auvermann KG 1973.




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Zitationshilfe: Neue Rheinische Zeitung. Nr. 170. Köln, 16. Dezember 1848, S. 0916. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/nn_nrhz170_1848/4>, abgerufen am 21.04.2024.