Otto, Louise: Schloß und Fabrik, Bd. 1. Leipzig, 1846.kennen wir Herrn Felchner besser -- wir haben zur Antwort erhalten, daß es eine lächerliche Zumuthung wäre, wenn er für jedes Kind, das rein aus bloßer Ungeschicklichkeit einen Schaden nähme, sorgen solle -- dann würden wohl gar die Arbeiter ihre Kinder versichtlich verstümmeln, damit sie gut gepflegt würden, und faullenzen könnten -- ach, Fräulein, so schlecht denken die Reichen von den armen Leuten." Pauline warf einen flehenden Blick zum Himmel, aber sie wußte Nichts zu antworten. Franz fuhr fort: "In ihrer Verzweiflung lief die Frau zu dem Factor, um von seiner Frau nur ein wenig alte Leinwand zu erhalten, damit sie selbst das blutende Kind wenigstens reinlich verbinden könnte -- der Factor stand selbst an der Thüre, er warf sie zum Hause hinaus, und sagte, daß die Bettelei jetzt gar nicht aufhörte -- da kam ich dazu, ich sagte der Unglücklichen, ich könne ihr vielleicht Leinwand verschaffen -- da bin ich nun, und bitte um weiter Nichts, als um ein paar Stücke alte Leinwand." "Ich komme gleich wieder," sagte Pauline, und lief schnell in das Haus. Monate sind vergangen seitdem Pauline in ihres Vaters Fabrik lebt und Franz Thalheim unter den Fabrikarbeitern als den gebildetsten und intelligentesten, ja zugleich als den besten und edelsten kennen gelernt hat. Sie hatten Beide einander ihr Versprechen gehalten -- er, daß er ihr kennen wir Herrn Felchner besser — wir haben zur Antwort erhalten, daß es eine lächerliche Zumuthung wäre, wenn er für jedes Kind, das rein aus bloßer Ungeschicklichkeit einen Schaden nähme, sorgen solle — dann würden wohl gar die Arbeiter ihre Kinder versichtlich verstümmeln, damit sie gut gepflegt würden, und faullenzen könnten — ach, Fräulein, so schlecht denken die Reichen von den armen Leuten.“ Pauline warf einen flehenden Blick zum Himmel, aber sie wußte Nichts zu antworten. Franz fuhr fort: „In ihrer Verzweiflung lief die Frau zu dem Factor, um von seiner Frau nur ein wenig alte Leinwand zu erhalten, damit sie selbst das blutende Kind wenigstens reinlich verbinden könnte — der Factor stand selbst an der Thüre, er warf sie zum Hause hinaus, und sagte, daß die Bettelei jetzt gar nicht aufhörte — da kam ich dazu, ich sagte der Unglücklichen, ich könne ihr vielleicht Leinwand verschaffen — da bin ich nun, und bitte um weiter Nichts, als um ein paar Stücke alte Leinwand.“ „Ich komme gleich wieder,“ sagte Pauline, und lief schnell in das Haus. Monate sind vergangen seitdem Pauline in ihres Vaters Fabrik lebt und Franz Thalheim unter den Fabrikarbeitern als den gebildetsten und intelligentesten, ja zugleich als den besten und edelsten kennen gelernt hat. Sie hatten Beide einander ihr Versprechen gehalten — er, daß er ihr <TEI> <text> <body> <div n="1"> <p><pb facs="#f0216" n="206"/> kennen wir Herrn Felchner besser — wir haben zur Antwort erhalten, daß es eine lächerliche Zumuthung wäre, wenn er für jedes Kind, das rein aus bloßer Ungeschicklichkeit einen Schaden nähme, sorgen solle — dann würden wohl gar die Arbeiter ihre Kinder versichtlich verstümmeln, damit sie gut gepflegt würden, und faullenzen könnten — ach, Fräulein, so schlecht denken die Reichen von den armen Leuten.“</p> <p>Pauline warf einen flehenden Blick zum Himmel, aber sie wußte Nichts zu antworten. Franz fuhr fort:</p> <p>„In ihrer Verzweiflung lief die Frau zu dem Factor, um von seiner Frau nur ein wenig alte Leinwand zu erhalten, damit sie selbst das blutende Kind wenigstens reinlich verbinden könnte — der Factor stand selbst an der Thüre, er warf sie zum Hause hinaus, und sagte, daß die Bettelei jetzt gar nicht aufhörte — da kam ich dazu, ich sagte der Unglücklichen, ich könne ihr vielleicht Leinwand verschaffen — da bin ich nun, und bitte um weiter Nichts, als um ein paar Stücke alte Leinwand.“</p> <p>„Ich komme gleich wieder,“ sagte Pauline, und lief schnell in das Haus.</p> <p>Monate sind vergangen seitdem Pauline in ihres Vaters Fabrik lebt und Franz Thalheim unter den Fabrikarbeitern als den gebildetsten und intelligentesten, ja zugleich als den besten und edelsten kennen gelernt hat. Sie hatten Beide einander ihr Versprechen gehalten — er, daß er ihr </p> </div> </body> </text> </TEI> [206/0216]
kennen wir Herrn Felchner besser — wir haben zur Antwort erhalten, daß es eine lächerliche Zumuthung wäre, wenn er für jedes Kind, das rein aus bloßer Ungeschicklichkeit einen Schaden nähme, sorgen solle — dann würden wohl gar die Arbeiter ihre Kinder versichtlich verstümmeln, damit sie gut gepflegt würden, und faullenzen könnten — ach, Fräulein, so schlecht denken die Reichen von den armen Leuten.“
Pauline warf einen flehenden Blick zum Himmel, aber sie wußte Nichts zu antworten. Franz fuhr fort:
„In ihrer Verzweiflung lief die Frau zu dem Factor, um von seiner Frau nur ein wenig alte Leinwand zu erhalten, damit sie selbst das blutende Kind wenigstens reinlich verbinden könnte — der Factor stand selbst an der Thüre, er warf sie zum Hause hinaus, und sagte, daß die Bettelei jetzt gar nicht aufhörte — da kam ich dazu, ich sagte der Unglücklichen, ich könne ihr vielleicht Leinwand verschaffen — da bin ich nun, und bitte um weiter Nichts, als um ein paar Stücke alte Leinwand.“
„Ich komme gleich wieder,“ sagte Pauline, und lief schnell in das Haus.
Monate sind vergangen seitdem Pauline in ihres Vaters Fabrik lebt und Franz Thalheim unter den Fabrikarbeitern als den gebildetsten und intelligentesten, ja zugleich als den besten und edelsten kennen gelernt hat. Sie hatten Beide einander ihr Versprechen gehalten — er, daß er ihr
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| Zitationshilfe: | Otto, Louise: Schloß und Fabrik, Bd. 1. Leipzig, 1846, S. 206. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/otto_schloss01_1846/216>, abgerufen am 25.09.2024. |


