Otto, Louise: Schloß und Fabrik, Bd. 1. Leipzig, 1846."Führen Sie mich zu der armen Mutter -- ich will selbst hingehen." Franz war im ersten Augenblick fröhlich überrascht -- nach einer kleinen Pause sagte er aber: "Sie wurden schon vorhin blaß, wie ich Ihnen nur von dem zerrissnen Arm des Kindes sagte -- es wird Ihnen widerlich sein, diesen Anblick wirklich zu haben -- wer weiß, vielleicht halten Sie ihn gar nicht einmal aus." "Halten Sie mich nicht für so schwach -- und wird mir der Anblick weh thun -- die andern Leute müssen ihn ja auch haben, und empfinden dabei gewiß dasselbe." "Aber die Wohnung der großen Lise ist sehr schmuzig und schlecht, die Frau selbst ist roh, und war durch die Verzweiflung heute zur Wuth aufgestachelt -- sie wäre im Stande --" er hielt plötzlich inne, und fügte dann bei: "ersparen Sie es sich." "Was wäre die Frau im Stande? Warum reden Sie nicht aus? Sie wissen, daß Sie vor mir Alles sagen dürfen." "Sie wäre im Stande, Sie verletzende Reden hören zu lassen, weil Sie heute Schlimmes erfahren." "Sie würde Grund dazu haben, uns zu verurtheilen -- es war in unserm Dienst, daß ihr Kind verunglückt ist -- sie hat von meinem Vater harte Worte hören müssen, der Factor hat sie noch härter behandelt -- sehen Sie, deshalb „Führen Sie mich zu der armen Mutter — ich will selbst hingehen.“ Franz war im ersten Augenblick fröhlich überrascht — nach einer kleinen Pause sagte er aber: „Sie wurden schon vorhin blaß, wie ich Ihnen nur von dem zerrissnen Arm des Kindes sagte — es wird Ihnen widerlich sein, diesen Anblick wirklich zu haben — wer weiß, vielleicht halten Sie ihn gar nicht einmal aus.“ „Halten Sie mich nicht für so schwach — und wird mir der Anblick weh thun — die andern Leute müssen ihn ja auch haben, und empfinden dabei gewiß dasselbe.“ „Aber die Wohnung der großen Lise ist sehr schmuzig und schlecht, die Frau selbst ist roh, und war durch die Verzweiflung heute zur Wuth aufgestachelt — sie wäre im Stande —“ er hielt plötzlich inne, und fügte dann bei: „ersparen Sie es sich.“ „Was wäre die Frau im Stande? Warum reden Sie nicht aus? Sie wissen, daß Sie vor mir Alles sagen dürfen.“ „Sie wäre im Stande, Sie verletzende Reden hören zu lassen, weil Sie heute Schlimmes erfahren.“ „Sie würde Grund dazu haben, uns zu verurtheilen — es war in unserm Dienst, daß ihr Kind verunglückt ist — sie hat von meinem Vater harte Worte hören müssen, der Factor hat sie noch härter behandelt — sehen Sie, deshalb <TEI> <text> <body> <div n="1"> <pb facs="#f0218" n="208"/> <p> „Führen Sie mich zu der armen Mutter — ich will selbst hingehen.“</p> <p>Franz war im ersten Augenblick fröhlich überrascht — nach einer kleinen Pause sagte er aber: „Sie wurden schon vorhin blaß, wie ich Ihnen nur von dem zerrissnen Arm des Kindes sagte — es wird Ihnen widerlich sein, diesen Anblick wirklich zu haben — wer weiß, vielleicht halten Sie ihn gar nicht einmal aus.“</p> <p>„Halten Sie mich nicht für so schwach — und wird mir der Anblick weh thun — die andern Leute müssen ihn ja auch haben, und empfinden dabei gewiß dasselbe.“</p> <p>„Aber die Wohnung der großen Lise ist sehr schmuzig und schlecht, die Frau selbst ist roh, und war durch die Verzweiflung heute zur Wuth aufgestachelt — sie wäre im Stande —“ er hielt plötzlich inne, und fügte dann bei: „ersparen Sie es sich.“</p> <p>„Was wäre die Frau im Stande? Warum reden Sie nicht aus? Sie wissen, daß Sie vor mir Alles sagen dürfen.“</p> <p>„Sie wäre im Stande, Sie verletzende Reden hören zu lassen, weil Sie heute Schlimmes erfahren.“</p> <p>„Sie würde Grund dazu haben, uns zu verurtheilen — es war in unserm Dienst, daß ihr Kind verunglückt ist — sie hat von meinem Vater harte Worte hören müssen, der Factor hat sie noch härter behandelt — sehen Sie, deshalb </p> </div> </body> </text> </TEI> [208/0218]
„Führen Sie mich zu der armen Mutter — ich will selbst hingehen.“
Franz war im ersten Augenblick fröhlich überrascht — nach einer kleinen Pause sagte er aber: „Sie wurden schon vorhin blaß, wie ich Ihnen nur von dem zerrissnen Arm des Kindes sagte — es wird Ihnen widerlich sein, diesen Anblick wirklich zu haben — wer weiß, vielleicht halten Sie ihn gar nicht einmal aus.“
„Halten Sie mich nicht für so schwach — und wird mir der Anblick weh thun — die andern Leute müssen ihn ja auch haben, und empfinden dabei gewiß dasselbe.“
„Aber die Wohnung der großen Lise ist sehr schmuzig und schlecht, die Frau selbst ist roh, und war durch die Verzweiflung heute zur Wuth aufgestachelt — sie wäre im Stande —“ er hielt plötzlich inne, und fügte dann bei: „ersparen Sie es sich.“
„Was wäre die Frau im Stande? Warum reden Sie nicht aus? Sie wissen, daß Sie vor mir Alles sagen dürfen.“
„Sie wäre im Stande, Sie verletzende Reden hören zu lassen, weil Sie heute Schlimmes erfahren.“
„Sie würde Grund dazu haben, uns zu verurtheilen — es war in unserm Dienst, daß ihr Kind verunglückt ist — sie hat von meinem Vater harte Worte hören müssen, der Factor hat sie noch härter behandelt — sehen Sie, deshalb
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| Zitationshilfe: | Otto, Louise: Schloß und Fabrik, Bd. 1. Leipzig, 1846, S. 208. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/otto_schloss01_1846/218>, abgerufen am 25.09.2024. |


