Otto, Louise: Schloß und Fabrik, Bd. 1. Leipzig, 1846.die Leere seines Innern in den Augenblicken auszufüllen, wo er diese Leere am drückendsten fühlte, und jeder solcher Versuch zeigte ihm doch nur, welche vergebliche Mühe es war, ihn zu machen. -- Er war noch Schriftsteller, und jetzt glücklich: er brauchte nicht mehr für Geld zu schreiben -- diesen ungeheuern Fluch hatte ja der Reichthum von ihm genommen; er konnte schreiben, was der Geist ihm eingab, und er that es. In solchen Stunden war ihm dann am wohlsten. Aber seine Anonymität behauptend, war er zu der Gesammtliteratur in eine ziemlich schiefe Stellung gekommen. Seine Ansichten und Aussprüche machten ihm viele Freunde, und erwarben seinem angenommenen Namen Anerkennung -- aber er war und blieb allein, da er sich eben nicht selbst dazu bekannte, der Träger dieses Namens zu sein. Nicht die warmen, ehrlichen Herzen, die mit ihm zugleich schlugen, und auf dem Tummelplatz der Journale kämpften für Freiheit und Recht, waren seine Gefährten, sondern jene vornehmen, blasirten Stutzer mit prunkenden Titeln und hohen Namen, deren Augen nicht weiter reichten, als bis in die goldumrahmten Spiegel geschmückter Salons, und denen die wirkliche große Welt, die über und außer ihrer sogenannten großen Welt lag, ein unbekanntes Reich war. Mit einigen von ihnen theilte Jaromir ein gemeinschaftliches Interesse: das Theater. Während jene aber zumeist die Operngucker auf die verführerischen Bewegungen die Leere seines Innern in den Augenblicken auszufüllen, wo er diese Leere am drückendsten fühlte, und jeder solcher Versuch zeigte ihm doch nur, welche vergebliche Mühe es war, ihn zu machen. — Er war noch Schriftsteller, und jetzt glücklich: er brauchte nicht mehr für Geld zu schreiben — diesen ungeheuern Fluch hatte ja der Reichthum von ihm genommen; er konnte schreiben, was der Geist ihm eingab, und er that es. In solchen Stunden war ihm dann am wohlsten. Aber seine Anonymität behauptend, war er zu der Gesammtliteratur in eine ziemlich schiefe Stellung gekommen. Seine Ansichten und Aussprüche machten ihm viele Freunde, und erwarben seinem angenommenen Namen Anerkennung — aber er war und blieb allein, da er sich eben nicht selbst dazu bekannte, der Träger dieses Namens zu sein. Nicht die warmen, ehrlichen Herzen, die mit ihm zugleich schlugen, und auf dem Tummelplatz der Journale kämpften für Freiheit und Recht, waren seine Gefährten, sondern jene vornehmen, blasirten Stutzer mit prunkenden Titeln und hohen Namen, deren Augen nicht weiter reichten, als bis in die goldumrahmten Spiegel geschmückter Salons, und denen die wirkliche große Welt, die über und außer ihrer sogenannten großen Welt lag, ein unbekanntes Reich war. Mit einigen von ihnen theilte Jaromir ein gemeinschaftliches Interesse: das Theater. Während jene aber zumeist die Operngucker auf die verführerischen Bewegungen <TEI> <text> <body> <div n="1"> <p><pb facs="#f0062" n="52"/> die Leere seines Innern in den Augenblicken auszufüllen, wo er diese Leere am drückendsten fühlte, und jeder solcher Versuch zeigte ihm doch nur, welche vergebliche Mühe es war, ihn zu machen. — Er war noch Schriftsteller, und jetzt glücklich: er brauchte nicht mehr für Geld zu schreiben — diesen ungeheuern Fluch hatte ja der Reichthum von ihm genommen; er konnte schreiben, was der Geist ihm eingab, und er that es. In solchen Stunden war ihm dann am wohlsten. Aber seine Anonymität behauptend, war er zu der Gesammtliteratur in eine ziemlich schiefe Stellung gekommen. Seine Ansichten und Aussprüche machten ihm viele Freunde, und erwarben seinem angenommenen Namen Anerkennung — aber er war und blieb allein, da er sich eben nicht selbst dazu bekannte, der Träger dieses Namens zu sein. Nicht die warmen, ehrlichen Herzen, die mit ihm zugleich schlugen, und auf dem Tummelplatz der Journale kämpften für Freiheit und Recht, waren seine Gefährten, sondern jene vornehmen, blasirten Stutzer mit prunkenden Titeln und hohen Namen, deren Augen nicht weiter reichten, als bis in die goldumrahmten Spiegel geschmückter Salons, und denen die wirkliche große Welt, die über und außer ihrer sogenannten großen Welt lag, ein unbekanntes Reich war. Mit einigen von ihnen theilte Jaromir ein gemeinschaftliches Interesse: das Theater. Während jene aber zumeist die Operngucker auf die verführerischen Bewegungen </p> </div> </body> </text> </TEI> [52/0062]
die Leere seines Innern in den Augenblicken auszufüllen, wo er diese Leere am drückendsten fühlte, und jeder solcher Versuch zeigte ihm doch nur, welche vergebliche Mühe es war, ihn zu machen. — Er war noch Schriftsteller, und jetzt glücklich: er brauchte nicht mehr für Geld zu schreiben — diesen ungeheuern Fluch hatte ja der Reichthum von ihm genommen; er konnte schreiben, was der Geist ihm eingab, und er that es. In solchen Stunden war ihm dann am wohlsten. Aber seine Anonymität behauptend, war er zu der Gesammtliteratur in eine ziemlich schiefe Stellung gekommen. Seine Ansichten und Aussprüche machten ihm viele Freunde, und erwarben seinem angenommenen Namen Anerkennung — aber er war und blieb allein, da er sich eben nicht selbst dazu bekannte, der Träger dieses Namens zu sein. Nicht die warmen, ehrlichen Herzen, die mit ihm zugleich schlugen, und auf dem Tummelplatz der Journale kämpften für Freiheit und Recht, waren seine Gefährten, sondern jene vornehmen, blasirten Stutzer mit prunkenden Titeln und hohen Namen, deren Augen nicht weiter reichten, als bis in die goldumrahmten Spiegel geschmückter Salons, und denen die wirkliche große Welt, die über und außer ihrer sogenannten großen Welt lag, ein unbekanntes Reich war. Mit einigen von ihnen theilte Jaromir ein gemeinschaftliches Interesse: das Theater. Während jene aber zumeist die Operngucker auf die verführerischen Bewegungen
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