[Pahl, Johann Gottfried]: Die Philosophen aus dem Uranus. Konstantinopel, 1796.Wir wurden in ein schönes Haus, zunächst an dem grosen Tempel, geführt, und fanden den erbaulichen Prediger auf seiner Studierstube, unter einem grosen Haufen von Folianten und Quartanten begraben. Er empfieng uns nicht mit der holden, freundlichen Gefälligkeit seines Kollegen, sondern mit finsterm, in sich gekehrten Blike, und mit der zurükschrekenden Gebehrde verachtender Selbstgenügsamkeit. Sein ganzer Körper, so dick und rund wie er war, seine knochigte Stirne, seine funkelnden Augen, seine schwammigten hängenden Wangen, und die eigne Art, womit sich die Muskeln seines Mundes falteten - bildeten zusammen ein vollendetes Gemälde desjenigen Stolzes, der jedermann schnöde hinwegwirft, auser sich kein Verdienst anerkennt, und sich selbst für den Mittelpunkt hält, um den sich alles herumdreht. Als wir dem Mann mit der steinernen Stirne, die Absicht unsres Besuches eröfnet, und zugleich bemerkt hatten, daß uns manches in seiner Predigt bis izt noch dunkel geblieben Wir wurden in ein schönes Haus, zunächst an dem grosen Tempel, geführt, und fanden den erbaulichen Prediger auf seiner Studierstube, unter einem grosen Haufen von Folianten und Quartanten begraben. Er empfieng uns nicht mit der holden, freundlichen Gefälligkeit seines Kollegen, sondern mit finsterm, in sich gekehrten Blike, und mit der zurükschrekenden Gebehrde verachtender Selbstgenügsamkeit. Sein ganzer Körper, so dick und rund wie er war, seine knochigte Stirne, seine funkelnden Augen, seine schwammigten hängenden Wangen, und die eigne Art, womit sich die Muskeln seines Mundes falteten – bildeten zusammen ein vollendetes Gemälde desjenigen Stolzes, der jedermann schnöde hinwegwirft, auser sich kein Verdienst anerkennt, und sich selbst für den Mittelpunkt hält, um den sich alles herumdreht. Als wir dem Mann mit der steinernen Stirne, die Absicht unsres Besuches eröfnet, und zugleich bemerkt hatten, daß uns manches in seiner Predigt bis izt noch dunkel geblieben <TEI> <text> <body> <div n="1"> <pb facs="#f0072" n="68"/> <p>Wir wurden in ein schönes Haus, zunächst an dem grosen Tempel, geführt, und fanden den erbaulichen Prediger auf seiner Studierstube, unter einem grosen Haufen von Folianten und Quartanten begraben. Er empfieng uns nicht mit der holden, freundlichen Gefälligkeit seines Kollegen, sondern mit finsterm, in sich gekehrten Blike, und mit der zurükschrekenden Gebehrde verachtender Selbstgenügsamkeit. Sein ganzer Körper, so dick und rund wie er war, seine knochigte Stirne, seine funkelnden Augen, seine schwammigten hängenden Wangen, und die eigne Art, womit sich die Muskeln seines Mundes falteten – bildeten zusammen ein vollendetes Gemälde desjenigen Stolzes, der jedermann schnöde hinwegwirft, auser sich kein Verdienst anerkennt, und sich selbst für den Mittelpunkt hält, um den sich alles herumdreht.</p> <p>Als wir dem Mann mit der steinernen Stirne, die Absicht unsres Besuches eröfnet, und zugleich bemerkt hatten, daß uns manches in seiner Predigt bis izt noch dunkel geblieben </p> </div> </body> </text> </TEI> [68/0072]
Wir wurden in ein schönes Haus, zunächst an dem grosen Tempel, geführt, und fanden den erbaulichen Prediger auf seiner Studierstube, unter einem grosen Haufen von Folianten und Quartanten begraben. Er empfieng uns nicht mit der holden, freundlichen Gefälligkeit seines Kollegen, sondern mit finsterm, in sich gekehrten Blike, und mit der zurükschrekenden Gebehrde verachtender Selbstgenügsamkeit. Sein ganzer Körper, so dick und rund wie er war, seine knochigte Stirne, seine funkelnden Augen, seine schwammigten hängenden Wangen, und die eigne Art, womit sich die Muskeln seines Mundes falteten – bildeten zusammen ein vollendetes Gemälde desjenigen Stolzes, der jedermann schnöde hinwegwirft, auser sich kein Verdienst anerkennt, und sich selbst für den Mittelpunkt hält, um den sich alles herumdreht.
Als wir dem Mann mit der steinernen Stirne, die Absicht unsres Besuches eröfnet, und zugleich bemerkt hatten, daß uns manches in seiner Predigt bis izt noch dunkel geblieben
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| Zitationshilfe: | [Pahl, Johann Gottfried]: Die Philosophen aus dem Uranus. Konstantinopel, 1796, S. 68. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/pahl_philosophen_1796/72>, abgerufen am 15.09.2024. |


