Parnas spazieren gehen durfte, und oben mit einer Muse spielen; indem er, hoft' er, ge¬ stern im juristischen Fache das Seinige gearbeitet, nämlich das Testament vernommen und erwogen. Da den Abend vorher war ausgemacht worden, daß der Held des Doppelromans einen langen Band hindurch sich nach nichts sehnen sollte, als blos nach einem Freunde, nicht nach einer Hel¬ din: so ließ er ihn es zwei Stunden, oder im Bu¬ che selber so viele Jahre lang, wirklich thun; er selber aber sehnte sich auch mit und über die Mas¬ sen. Das Schmachten nach Freundschaft, dieser Doppelflöte des Lebens, holt' er ganz aus eigner Brust; denn der geliebte Bruder konnte ihm so wenig wie der geliebte Vater, einen Freund erspa¬ ren.
Oft sprang er auf, beschauete den duftigen goldhellen Morgen, öfnete das Fenster und seg¬ nete die ganze frohe Welt, vom Mädchen am Springbrunnen an bis zur lustigen Schwalbe im blauen Himmel. So rükt die Bergluft der eig¬ nen Dichtung alle Wesen näher an das Herz des Dichters und ihm, erhoben über das Leben, nä¬
Parnas ſpazieren gehen durfte, und oben mit einer Muſe ſpielen; indem er, hoft' er, ge¬ ſtern im juriſtiſchen Fache das Seinige gearbeitet, naͤmlich das Teſtament vernommen und erwogen. Da den Abend vorher war ausgemacht worden, daß der Held des Doppelromans einen langen Band hindurch ſich nach nichts ſehnen ſollte, als blos nach einem Freunde, nicht nach einer Hel¬ din: ſo ließ er ihn es zwei Stunden, oder im Bu¬ che ſelber ſo viele Jahre lang, wirklich thun; er ſelber aber ſehnte ſich auch mit und uͤber die Maſ¬ ſen. Das Schmachten nach Freundſchaft, dieſer Doppelfloͤte des Lebens, holt' er ganz aus eigner Bruſt; denn der geliebte Bruder konnte ihm ſo wenig wie der geliebte Vater, einen Freund erſpa¬ ren.
Oft ſprang er auf, beſchauete den duftigen goldhellen Morgen, oͤfnete das Fenſter und ſeg¬ nete die ganze frohe Welt, vom Maͤdchen am Springbrunnen an bis zur luſtigen Schwalbe im blauen Himmel. So ruͤkt die Bergluft der eig¬ nen Dichtung alle Weſen naͤher an das Herz des Dichters und ihm, erhoben uͤber das Leben, naͤ¬
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Parnas ſpazieren gehen durfte, und oben mit
einer Muſe ſpielen; indem er, hoft' er, ge¬
ſtern im juriſtiſchen Fache das Seinige gearbeitet,
naͤmlich das Teſtament vernommen und erwogen.
Da den Abend vorher war ausgemacht worden,
daß der Held des Doppelromans einen langen
Band hindurch ſich nach nichts ſehnen ſollte, als
blos nach einem Freunde, nicht nach einer Hel¬
din: ſo ließ er ihn es zwei Stunden, oder im Bu¬
che ſelber ſo viele Jahre lang, wirklich thun; er
ſelber aber ſehnte ſich auch mit und uͤber die Maſ¬
ſen. Das Schmachten nach Freundſchaft, dieſer
Doppelfloͤte des Lebens, holt' er ganz aus eigner
Bruſt; denn der geliebte Bruder konnte ihm ſo
wenig wie der geliebte Vater, einen Freund erſpa¬
ren.
Oft ſprang er auf, beſchauete den duftigen
goldhellen Morgen, oͤfnete das Fenſter und ſeg¬
nete die ganze frohe Welt, vom Maͤdchen am
Springbrunnen an bis zur luſtigen Schwalbe im
blauen Himmel. So ruͤkt die Bergluft der eig¬
nen Dichtung alle Weſen naͤher an das Herz des
Dichters und ihm, erhoben uͤber das Leben, naͤ¬
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Jean Paul: Flegeljahre. Bd. 1. Tübingen, 1804, S. 207. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/paul_flegeljahre01_1804/217>, abgerufen am 23.09.2024.
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