Träume vergangen, und wie sich sonst das Herz gesehnt u. s. w., das sei die kleine Sourdine, die man in die Weite des Waldhorns stecke, des¬ sen nahes Blasen dann wie fernes Echo klinge.
"Sie pfeifen auf der Flöte?" sagte die Hof¬ agentin Neupeter. Er zog die Ansäze und Mit¬ telstücke aus der Tasche und wies alles vor. Ih¬ re beiden häslichen Töchter, und fremde schöne baten um einige Stücke und Griffe. Er steckte aber die Ansäze kalt ein und verwies bittend auf sein Konzert. "Sie geben wohl Stunden?" fragte die Agentin. "Nur schriftliche" versezt' er, da ich bald da bald dort bin. Denn längst lies ich in den Reichs-Anzeiger folgendes sezen:
"Endes Unterschriebener kündigt an, daß er in portofreien Briefen -- die ausgenommen die er selber schreibt -- allen, die sich darin an ihn wenden, Unterricht auf der herrlichen Flüte traverfiere (sie hier zu loben, ist wohl un¬ nöthig) zu geben verspricht. Wie die Finger zu sezen, die Löcher zu greifen, die Noten zu lesen, die Töne zu halten, will er brieflich posttäglich
Traͤume vergangen, und wie ſich ſonſt das Herz geſehnt u. ſ. w., das ſei die kleine Sourdine, die man in die Weite des Waldhorns ſtecke, deſ¬ ſen nahes Blaſen dann wie fernes Echo klinge.
„Sie pfeifen auf der Floͤte?“ ſagte die Hof¬ agentin Neupeter. Er zog die Anſaͤze und Mit¬ telſtuͤcke aus der Taſche und wies alles vor. Ih¬ re beiden haͤslichen Toͤchter, und fremde ſchoͤne baten um einige Stuͤcke und Griffe. Er ſteckte aber die Anſaͤze kalt ein und verwies bittend auf ſein Konzert. „Sie geben wohl Stunden?“ fragte die Agentin. „Nur ſchriftliche“ verſezt' er, da ich bald da bald dort bin. Denn laͤngſt lies ich in den Reichs-Anzeiger folgendes ſezen:
„Endes Unterſchriebener kuͤndigt an, daß er in portofreien Briefen — die ausgenommen die er ſelber ſchreibt — allen, die ſich darin an ihn wenden, Unterricht auf der herrlichen Fluͤte traverfière (ſie hier zu loben, iſt wohl un¬ noͤthig) zu geben verſpricht. Wie die Finger zu ſezen, die Loͤcher zu greifen, die Noten zu leſen, die Toͤne zu halten, will er brieflich poſttaͤglich
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Traͤume vergangen, und wie ſich ſonſt das Herz
geſehnt u. ſ. w., das ſei die kleine Sourdine,
die man in die Weite des Waldhorns ſtecke, deſ¬
ſen nahes Blaſen dann wie fernes Echo klinge.
„Sie pfeifen auf der Floͤte?“ ſagte die Hof¬
agentin Neupeter. Er zog die Anſaͤze und Mit¬
telſtuͤcke aus der Taſche und wies alles vor. Ih¬
re beiden haͤslichen Toͤchter, und fremde ſchoͤne
baten um einige Stuͤcke und Griffe. Er ſteckte
aber die Anſaͤze kalt ein und verwies bittend auf
ſein Konzert. „Sie geben wohl Stunden?“
fragte die Agentin. „Nur ſchriftliche“ verſezt'
er, da ich bald da bald dort bin. Denn laͤngſt
lies ich in den Reichs-Anzeiger folgendes
ſezen:
„Endes Unterſchriebener kuͤndigt an, daß
er in portofreien Briefen — die ausgenommen
die er ſelber ſchreibt — allen, die ſich darin an
ihn wenden, Unterricht auf der herrlichen Fluͤte
traverfière (ſie hier zu loben, iſt wohl un¬
noͤthig) zu geben verſpricht. Wie die Finger zu
ſezen, die Loͤcher zu greifen, die Noten zu leſen,
die Toͤne zu halten, will er brieflich poſttaͤglich
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Jean Paul: Flegeljahre. Bd. 1. Tübingen, 1804, S. 233. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/paul_flegeljahre01_1804/243>, abgerufen am 23.09.2024.
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