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Jean Paul: Flegeljahre. Bd. 3. Tübingen, 1804.

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genug damit erkauft, daß man selber einen dabei
hat." Hier kramt er weitläuftig seinen alten
Traum von dem Glücke eines reisenden Mylords
aus, auf einmal durch eine ofne volle Hand ein
ganzes Dorf unter Bier und Fleischbrühe zu se¬
zen und in ein Elysium langer Erinnerung.

Mit drei Himmeln im unschuldigen Gesicht --
noch einen mehr hatt' er auf den Gesichtern hinter
sich gelassen -- glitt er leicht von Thautropfen
zu Thautropfen. -- Das Herz wird wie ein Luft¬
schif durch den Auswurf des schwersten Ballastes,
des Geldes, so leicht, so schnell, so hoch. In¬
deß traf er ziemlich spät in dem nur vier kleine
Werste entlegenen Härmlesberg ein. Denn überall
saß und schrieb, oder stand und sah er oder las
alles -- jede Inschrift einer Steinbank -- und
wollte keine Kleinigkeit übergehen, sie müßte denn
Bevölkerung, Stallfütterung, Wiesenwuchs,
Lehmboden und dergleichen betroffen haben.

"Drinnen will ich, sagt' er zu sich, da ich
doch einem grossen Herren ähnlich scheinen soll,
mein dejeauner d'inatoire einnehmen" und trat
in den Krug.


genug damit erkauft, daß man ſelber einen dabei
hat.“ Hier kramt er weitlaͤuftig ſeinen alten
Traum von dem Gluͤcke eines reiſenden Mylords
aus, auf einmal durch eine ofne volle Hand ein
ganzes Dorf unter Bier und Fleiſchbruͤhe zu ſe¬
zen und in ein Elyſium langer Erinnerung.

Mit drei Himmeln im unſchuldigen Geſicht —
noch einen mehr hatt' er auf den Geſichtern hinter
ſich gelaſſen — glitt er leicht von Thautropfen
zu Thautropfen. — Das Herz wird wie ein Luft¬
ſchif durch den Auswurf des ſchwerſten Ballaſtes,
des Geldes, ſo leicht, ſo ſchnell, ſo hoch. In¬
deß traf er ziemlich ſpaͤt in dem nur vier kleine
Werſte entlegenen Haͤrmlesberg ein. Denn uͤberall
ſaß und ſchrieb, oder ſtand und ſah er oder las
alles — jede Inſchrift einer Steinbank — und
wollte keine Kleinigkeit uͤbergehen, ſie muͤßte denn
Bevoͤlkerung, Stallfuͤtterung, Wieſenwuchs,
Lehmboden und dergleichen betroffen haben.

„Drinnen will ich, ſagt' er zu ſich, da ich
doch einem groſſen Herren aͤhnlich ſcheinen ſoll,
mein déjeûner d'inatoire einnehmen“ und trat
in den Krug.


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[78/0086] genug damit erkauft, daß man ſelber einen dabei hat.“ Hier kramt er weitlaͤuftig ſeinen alten Traum von dem Gluͤcke eines reiſenden Mylords aus, auf einmal durch eine ofne volle Hand ein ganzes Dorf unter Bier und Fleiſchbruͤhe zu ſe¬ zen und in ein Elyſium langer Erinnerung. Mit drei Himmeln im unſchuldigen Geſicht — noch einen mehr hatt' er auf den Geſichtern hinter ſich gelaſſen — glitt er leicht von Thautropfen zu Thautropfen. — Das Herz wird wie ein Luft¬ ſchif durch den Auswurf des ſchwerſten Ballaſtes, des Geldes, ſo leicht, ſo ſchnell, ſo hoch. In¬ deß traf er ziemlich ſpaͤt in dem nur vier kleine Werſte entlegenen Haͤrmlesberg ein. Denn uͤberall ſaß und ſchrieb, oder ſtand und ſah er oder las alles — jede Inſchrift einer Steinbank — und wollte keine Kleinigkeit uͤbergehen, ſie muͤßte denn Bevoͤlkerung, Stallfuͤtterung, Wieſenwuchs, Lehmboden und dergleichen betroffen haben. „Drinnen will ich, ſagt' er zu ſich, da ich doch einem groſſen Herren aͤhnlich ſcheinen ſoll, mein déjeûner d'inatoire einnehmen“ und trat in den Krug.

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Zitationshilfe: Jean Paul: Flegeljahre. Bd. 3. Tübingen, 1804, S. 78. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/paul_flegeljahre03_1804/86>, abgerufen am 19.04.2021.