Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Jean Paul: Die unsichtbare Loge. Bd. 2. Berlin, 1793.

Bild:
<< vorherige Seite
Dreyßigster oder XXIII. Trinitatis Sektor.

Souper und Viehglocken.


Heut' arbeit' ich im Hemd wie ein Hammerschmidt,
so abscheulich lang und schwer ist der dreißigste Sek¬
tor. -- Da Gustav von Oefel erfuhr, daß ein klei¬
nes souper bei der Residentin so viel heiße wie bei
uns das gröste: so theilte er in seinem Kopf, eh' ers
zieren half, Personen und Rollen aus, und sich die
längste: -- den einzigen Fehler begieng er allemal,
daß wenn er endlich aufs Theater kam und agieren
sollte, er nicht agierte. Eh er in eine große Gesell¬
schaft gieng, wust' er Wort für Wort, was er sagen
wollte; gieng er wieder heraus, so wust' er (in der
Kulisse) auch, was er hätte sagen sollen -- aber ge¬
sagt hatt' er darin weiter nichts. Es kam nicht von
Menschenfurcht; denn es war ihm fast leichter, et¬
was Kühnes als etwas Witziges zu sagen: sondern
davon kams, daß er das Gegentheil einer Frau war.
Eine Frau lebt mehr außer als in sich, ihre fühlen¬
de Schneckenseele legt sich fast außen um ihre bunte
Körper-Konchylie an, sie zieht ihre Fühlfäden und

Dreyßigſter oder XXIII. Trinitatis Sektor.

Souper und Viehglocken.


Heut' arbeit' ich im Hemd wie ein Hammerſchmidt,
ſo abſcheulich lang und ſchwer iſt der dreißigſte Sek¬
tor. — Da Guſtav von Oefel erfuhr, daß ein klei¬
nes ſouper bei der Reſidentin ſo viel heiße wie bei
uns das groͤſte: ſo theilte er in ſeinem Kopf, eh' ers
zieren half, Perſonen und Rollen aus, und ſich die
laͤngſte: — den einzigen Fehler begieng er allemal,
daß wenn er endlich aufs Theater kam und agieren
ſollte, er nicht agierte. Eh er in eine große Geſell¬
ſchaft gieng, wuſt' er Wort fuͤr Wort, was er ſagen
wollte; gieng er wieder heraus, ſo wuſt' er (in der
Kuliſſe) auch, was er haͤtte ſagen ſollen — aber ge¬
ſagt hatt' er darin weiter nichts. Es kam nicht von
Menſchenfurcht; denn es war ihm faſt leichter, et¬
was Kuͤhnes als etwas Witziges zu ſagen: ſondern
davon kams, daß er das Gegentheil einer Frau war.
Eine Frau lebt mehr außer als in ſich, ihre fuͤhlen¬
de Schneckenſeele legt ſich faſt außen um ihre bunte
Koͤrper-Konchylie an, ſie zieht ihre Fuͤhlfaͤden und

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0065" n="55"/>
        </div>
        <div n="2">
          <head>Dreyßig&#x017F;ter oder XXIII. Trinitatis Sektor.<lb/></head>
          <argument>
            <p rendition="#c"><hi rendition="#aq">Souper</hi> und Viehglocken.</p>
          </argument><lb/>
          <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
          <p><hi rendition="#in">H</hi>eut' arbeit' ich im Hemd wie ein Hammer&#x017F;chmidt,<lb/>
&#x017F;o ab&#x017F;cheulich lang und &#x017F;chwer i&#x017F;t der dreißig&#x017F;te Sek¬<lb/>
tor. &#x2014; Da Gu&#x017F;tav von Oefel erfuhr, daß ein klei¬<lb/>
nes <hi rendition="#aq">&#x017F;ouper</hi> bei der Re&#x017F;identin &#x017F;o viel heiße wie bei<lb/>
uns das gro&#x0364;&#x017F;te: &#x017F;o theilte er in &#x017F;einem Kopf, eh' ers<lb/>
zieren half, Per&#x017F;onen und Rollen aus, und &#x017F;ich die<lb/>
la&#x0364;ng&#x017F;te: &#x2014; den einzigen Fehler begieng er allemal,<lb/>
daß wenn er endlich aufs Theater kam und agieren<lb/>
&#x017F;ollte, er nicht agierte. Eh er in eine große Ge&#x017F;ell¬<lb/>
&#x017F;chaft gieng, wu&#x017F;t' er Wort fu&#x0364;r Wort, was er &#x017F;agen<lb/>
wollte; gieng er wieder heraus, &#x017F;o wu&#x017F;t' er (in der<lb/>
Kuli&#x017F;&#x017F;e) auch, was er ha&#x0364;tte &#x017F;agen &#x017F;ollen &#x2014; aber ge¬<lb/>
&#x017F;agt hatt' er darin weiter nichts. Es kam nicht von<lb/>
Men&#x017F;chenfurcht; denn es war ihm fa&#x017F;t leichter, et¬<lb/>
was Ku&#x0364;hnes als etwas Witziges zu &#x017F;agen: &#x017F;ondern<lb/>
davon kams, daß er das Gegentheil einer Frau war.<lb/>
Eine Frau lebt mehr außer als in &#x017F;ich, ihre fu&#x0364;hlen¬<lb/>
de Schnecken&#x017F;eele legt &#x017F;ich fa&#x017F;t <hi rendition="#g">außen</hi> um ihre bunte<lb/>
Ko&#x0364;rper-Konchylie an, &#x017F;ie zieht ihre Fu&#x0364;hlfa&#x0364;den und<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[55/0065] Dreyßigſter oder XXIII. Trinitatis Sektor. Souper und Viehglocken. Heut' arbeit' ich im Hemd wie ein Hammerſchmidt, ſo abſcheulich lang und ſchwer iſt der dreißigſte Sek¬ tor. — Da Guſtav von Oefel erfuhr, daß ein klei¬ nes ſouper bei der Reſidentin ſo viel heiße wie bei uns das groͤſte: ſo theilte er in ſeinem Kopf, eh' ers zieren half, Perſonen und Rollen aus, und ſich die laͤngſte: — den einzigen Fehler begieng er allemal, daß wenn er endlich aufs Theater kam und agieren ſollte, er nicht agierte. Eh er in eine große Geſell¬ ſchaft gieng, wuſt' er Wort fuͤr Wort, was er ſagen wollte; gieng er wieder heraus, ſo wuſt' er (in der Kuliſſe) auch, was er haͤtte ſagen ſollen — aber ge¬ ſagt hatt' er darin weiter nichts. Es kam nicht von Menſchenfurcht; denn es war ihm faſt leichter, et¬ was Kuͤhnes als etwas Witziges zu ſagen: ſondern davon kams, daß er das Gegentheil einer Frau war. Eine Frau lebt mehr außer als in ſich, ihre fuͤhlen¬ de Schneckenſeele legt ſich faſt außen um ihre bunte Koͤrper-Konchylie an, ſie zieht ihre Fuͤhlfaͤden und

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/paul_loge02_1793
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/paul_loge02_1793/65
Zitationshilfe: Jean Paul: Die unsichtbare Loge. Bd. 2. Berlin, 1793, S. 55. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/paul_loge02_1793/65>, abgerufen am 19.04.2021.