Gehen Reisende den Nil aufwärts und liegt Chartum ihnen im Rücken, dann bewegt sich ihr Fahrzeug nur durch nackte und rohe Negerstämme an beiden Ufern. Man sollte nun erwarten, dass mit dem weiteren Vordringen nach Süden und nach Westen, also besser in's Innere, die Zustände die nämlichen bleiben würden, allein Spuren vom Gegentheil fehlen nicht gänzlich. Die Niamniam z. B., das äusserste Volk im Südwesten, welches wir kennen, ist den Stämmen am weissen Nil, den Schilluk, Dinka, Nuehr, Kitsch und wie sie sonst heissen, weit überlegen durch reichliche Bekleidung, kunstvolle Eisenarbeiten, bessere Bauwerke und strengere gesell- schaftliche Gliederung. Sind sie nur die Vorposten anderer höher entwickelter Negerstämme, so schimmert uns die Hoffnung, im Süden von Darfur noch einige grössere afrikanische Reiche anzu- treffen 1).
Vergleichen wir das transsaharische Afrika mit den beiden amerikanischen Festlanden vor Ankunft der Europäer, so entdecken wir eine Reihe grosser Verschiedenheiten zwischen ihren Gesittungen In beiden amerikanischen Welttheilen stossen wir auf eine Mehrzah, von Horden, die ausschliesslich von der Jagd oder vom Fischfang leben, dann auf Stämme, die neben der Jagd Ackerbau treiben, endlich auf reine Ackerbauvölker in Mexico, Yucatan, den Isth- musstaaten, in Peru und auf der Hochebene von Bogota. So niedrig stehenden Beispielen der Menschheit, wie einige Athabas- kahorden in den Hudsonsbaigebieten oder in Südamerika die Botocuden, Coroados, Puris oder die Feuerländer, begegnen wir in Afrika nicht. Andererseits aber hat sich weder ein Neger-, noch ein Kafir- oder noch weniger ein Hottentotten-Stamm auf eine gleiche Höhe gehoben wie die Nahuatlvölker Mexico's, die Yucateken, die Peruaner. Wir begegnen bei ihnen keinen selbst- ständigen Versuchen, das gesprochene Wort durch Bilder oder Lautzeichen zu befestigen. Im Sudan suchen wir vergebens nach Denkmalen, die sich auch nur entfernt messen könnten mit der Treppenpyramide von Cholula, den überschwenglich verzierten Bauwerken in Yucatan, den steinernen Strassen der Incas oder den Ruinen der Sonnentempel am Titicaca-See. An geistigen
1) Das Obige wurde schon gedruckt im Ausland 1870. S. 508. Seitdem hat. G. Schweinfurth uns mit dem Monbuttureiche bekannt gemacht.
Die Neger.
Gehen Reisende den Nil aufwärts und liegt Chartum ihnen im Rücken, dann bewegt sich ihr Fahrzeug nur durch nackte und rohe Negerstämme an beiden Ufern. Man sollte nun erwarten, dass mit dem weiteren Vordringen nach Süden und nach Westen, also besser in’s Innere, die Zustände die nämlichen bleiben würden, allein Spuren vom Gegentheil fehlen nicht gänzlich. Die Niamniam z. B., das äusserste Volk im Südwesten, welches wir kennen, ist den Stämmen am weissen Nil, den Schilluk, Dinka, Nuehr, Kitsch und wie sie sonst heissen, weit überlegen durch reichliche Bekleidung, kunstvolle Eisenarbeiten, bessere Bauwerke und strengere gesell- schaftliche Gliederung. Sind sie nur die Vorposten anderer höher entwickelter Negerstämme, so schimmert uns die Hoffnung, im Süden von Darfur noch einige grössere afrikanische Reiche anzu- treffen 1).
Vergleichen wir das transsaharische Afrika mit den beiden amerikanischen Festlanden vor Ankunft der Europäer, so entdecken wir eine Reihe grosser Verschiedenheiten zwischen ihren Gesittungen In beiden amerikanischen Welttheilen stossen wir auf eine Mehrzah, von Horden, die ausschliesslich von der Jagd oder vom Fischfang leben, dann auf Stämme, die neben der Jagd Ackerbau treiben, endlich auf reine Ackerbauvölker in Mexico, Yucatan, den Isth- musstaaten, in Peru und auf der Hochebene von Bogota. So niedrig stehenden Beispielen der Menschheit, wie einige Athabas- kahorden in den Hudsonsbaigebieten oder in Südamerika die Botocuden, Coroados, Puris oder die Feuerländer, begegnen wir in Afrika nicht. Andererseits aber hat sich weder ein Neger-, noch ein Kafir- oder noch weniger ein Hottentotten-Stamm auf eine gleiche Höhe gehoben wie die Nahuatlvölker Mexico’s, die Yucateken, die Peruaner. Wir begegnen bei ihnen keinen selbst- ständigen Versuchen, das gesprochene Wort durch Bilder oder Lautzeichen zu befestigen. Im Sudan suchen wir vergebens nach Denkmalen, die sich auch nur entfernt messen könnten mit der Treppenpyramide von Cholula, den überschwenglich verzierten Bauwerken in Yucatan, den steinernen Strassen der Incas oder den Ruinen der Sonnentempel am Titicaca-See. An geistigen
1) Das Obige wurde schon gedruckt im Ausland 1870. S. 508. Seitdem hat. G. Schweinfurth uns mit dem Monbuttureiche bekannt gemacht.
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Die Neger.
Gehen Reisende den Nil aufwärts und liegt Chartum ihnen im
Rücken, dann bewegt sich ihr Fahrzeug nur durch nackte und
rohe Negerstämme an beiden Ufern. Man sollte nun erwarten,
dass mit dem weiteren Vordringen nach Süden und nach Westen,
also besser in’s Innere, die Zustände die nämlichen bleiben würden,
allein Spuren vom Gegentheil fehlen nicht gänzlich. Die Niamniam
z. B., das äusserste Volk im Südwesten, welches wir kennen, ist
den Stämmen am weissen Nil, den Schilluk, Dinka, Nuehr, Kitsch
und wie sie sonst heissen, weit überlegen durch reichliche Bekleidung,
kunstvolle Eisenarbeiten, bessere Bauwerke und strengere gesell-
schaftliche Gliederung. Sind sie nur die Vorposten anderer höher
entwickelter Negerstämme, so schimmert uns die Hoffnung, im
Süden von Darfur noch einige grössere afrikanische Reiche anzu-
treffen 1).
Vergleichen wir das transsaharische Afrika mit den beiden
amerikanischen Festlanden vor Ankunft der Europäer, so entdecken
wir eine Reihe grosser Verschiedenheiten zwischen ihren Gesittungen
In beiden amerikanischen Welttheilen stossen wir auf eine Mehrzah,
von Horden, die ausschliesslich von der Jagd oder vom Fischfang
leben, dann auf Stämme, die neben der Jagd Ackerbau treiben,
endlich auf reine Ackerbauvölker in Mexico, Yucatan, den Isth-
musstaaten, in Peru und auf der Hochebene von Bogota. So
niedrig stehenden Beispielen der Menschheit, wie einige Athabas-
kahorden in den Hudsonsbaigebieten oder in Südamerika die
Botocuden, Coroados, Puris oder die Feuerländer, begegnen wir
in Afrika nicht. Andererseits aber hat sich weder ein Neger-,
noch ein Kafir- oder noch weniger ein Hottentotten-Stamm auf
eine gleiche Höhe gehoben wie die Nahuatlvölker Mexico’s, die
Yucateken, die Peruaner. Wir begegnen bei ihnen keinen selbst-
ständigen Versuchen, das gesprochene Wort durch Bilder oder
Lautzeichen zu befestigen. Im Sudan suchen wir vergebens nach
Denkmalen, die sich auch nur entfernt messen könnten mit der
Treppenpyramide von Cholula, den überschwenglich verzierten
Bauwerken in Yucatan, den steinernen Strassen der Incas oder
den Ruinen der Sonnentempel am Titicaca-See. An geistigen
1) Das Obige wurde schon gedruckt im Ausland 1870. S. 508. Seitdem
hat. G. Schweinfurth uns mit dem Monbuttureiche bekannt gemacht.
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Peschel, Oscar: Völkerkunde. Leipzig, 1874, S. 510. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/peschel_voelkerkunde_1874/528>, abgerufen am 26.09.2024.
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