Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Pestalozzi, Johann Heinrich]: Lienhard und Gertrud. Bd. 3. Frankfurt (Main) u. a., 1785.

Bild:
<< vorherige Seite

Er vergaß alle Form und Ordnung der Kin-
derlehr, und redte fast nur von der Frauen, und
den Ursachen, die sie so elend machten.

Eine Kinderlehre.

Aber er war so im Eifer, daß ihm die Sa-
chen oft durch einander kamen, und er manch-
mal nicht deutlich ausdrükte, was er meynte.

Doch läßt sich das eint und andere, was er
sagte, mit seinen Worten nachsagen.

Er verlas einmal das andere Gebott. --

Und sagte dann: hart in Kopf eingegrabene
Bilder von Gott sind im Grund um kein Haar
besser und der menschlichen Natur um kein Haar
weniger schädlich, als die steinernen und erzenen
Gözen, die sich die rohern Menschen schnizeln.

Und behauptete: alle leidenschaftliche, in die
Sinnen fallende, und den Kopf der Menschen
anfüllende Anhänglichkeit an irgend eine Vor-
stellung von Gott und göttlichen Dingen, sey
nichts anders als wahre Abgötterey, die den
Menschen darum bis in das dritte und vierte
Geschlecht verderbe, weil sie wider seine Na-
tur sey.

Er erklärte sich darüber also. Die meisten
Menschen die die Religion mit einem Feuer und
einer Stärke in ihren Kopf hineinbringen, das
nicht verhältnißmäßig ist mit der Stärke und
dem Eifer womit sie andere Sachen in ihrem

Er vergaß alle Form und Ordnung der Kin-
derlehr, und redte faſt nur von der Frauen, und
den Urſachen, die ſie ſo elend machten.

Eine Kinderlehre.

Aber er war ſo im Eifer, daß ihm die Sa-
chen oft durch einander kamen, und er manch-
mal nicht deutlich ausdruͤkte, was er meynte.

Doch laͤßt ſich das eint und andere, was er
ſagte, mit ſeinen Worten nachſagen.

Er verlas einmal das andere Gebott. —

Und ſagte dann: hart in Kopf eingegrabene
Bilder von Gott ſind im Grund um kein Haar
beſſer und der menſchlichen Natur um kein Haar
weniger ſchaͤdlich, als die ſteinernen und erzenen
Goͤzen, die ſich die rohern Menſchen ſchnizeln.

Und behauptete: alle leidenſchaftliche, in die
Sinnen fallende, und den Kopf der Menſchen
anfuͤllende Anhaͤnglichkeit an irgend eine Vor-
ſtellung von Gott und goͤttlichen Dingen, ſey
nichts anders als wahre Abgoͤtterey, die den
Menſchen darum bis in das dritte und vierte
Geſchlecht verderbe, weil ſie wider ſeine Na-
tur ſey.

Er erklaͤrte ſich daruͤber alſo. Die meiſten
Menſchen die die Religion mit einem Feuer und
einer Staͤrke in ihren Kopf hineinbringen, das
nicht verhaͤltnißmaͤßig iſt mit der Staͤrke und
dem Eifer womit ſie andere Sachen in ihrem

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0428" n="406"/>
Er vergaß alle Form und Ordnung der Kin-<lb/>
derlehr, und redte fa&#x017F;t nur von der Frauen, und<lb/>
den Ur&#x017F;achen, die &#x017F;ie &#x017F;o elend machten.</p><lb/>
        <div n="2">
          <head>Eine Kinderlehre.</head><lb/>
          <p>Aber er war &#x017F;o im Eifer, daß ihm die Sa-<lb/>
chen oft durch einander kamen, und er manch-<lb/>
mal nicht deutlich ausdru&#x0364;kte, was er meynte.</p><lb/>
          <p>Doch la&#x0364;ßt &#x017F;ich das eint und andere, was er<lb/>
&#x017F;agte, mit &#x017F;einen Worten nach&#x017F;agen.</p><lb/>
          <p>Er verlas einmal das andere Gebott. &#x2014;</p><lb/>
          <p>Und &#x017F;agte dann: hart in Kopf eingegrabene<lb/>
Bilder von Gott &#x017F;ind im Grund um kein Haar<lb/>
be&#x017F;&#x017F;er und der men&#x017F;chlichen Natur um kein Haar<lb/>
weniger &#x017F;cha&#x0364;dlich, als die &#x017F;teinernen und erzenen<lb/>
Go&#x0364;zen, die &#x017F;ich die rohern Men&#x017F;chen &#x017F;chnizeln.</p><lb/>
          <p>Und behauptete: alle leiden&#x017F;chaftliche, in die<lb/>
Sinnen fallende, und den Kopf der Men&#x017F;chen<lb/>
anfu&#x0364;llende Anha&#x0364;nglichkeit an irgend eine Vor-<lb/>
&#x017F;tellung von Gott und go&#x0364;ttlichen Dingen, &#x017F;ey<lb/>
nichts anders als wahre Abgo&#x0364;tterey, die den<lb/>
Men&#x017F;chen darum bis in das dritte und vierte<lb/>
Ge&#x017F;chlecht verderbe, weil &#x017F;ie wider &#x017F;eine Na-<lb/>
tur &#x017F;ey.</p><lb/>
          <p>Er erkla&#x0364;rte &#x017F;ich daru&#x0364;ber al&#x017F;o. Die mei&#x017F;ten<lb/>
Men&#x017F;chen die die Religion mit einem Feuer und<lb/>
einer Sta&#x0364;rke in ihren Kopf hineinbringen, das<lb/>
nicht verha&#x0364;ltnißma&#x0364;ßig i&#x017F;t mit der Sta&#x0364;rke und<lb/>
dem Eifer womit &#x017F;ie andere Sachen in ihrem<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[406/0428] Er vergaß alle Form und Ordnung der Kin- derlehr, und redte faſt nur von der Frauen, und den Urſachen, die ſie ſo elend machten. Eine Kinderlehre. Aber er war ſo im Eifer, daß ihm die Sa- chen oft durch einander kamen, und er manch- mal nicht deutlich ausdruͤkte, was er meynte. Doch laͤßt ſich das eint und andere, was er ſagte, mit ſeinen Worten nachſagen. Er verlas einmal das andere Gebott. — Und ſagte dann: hart in Kopf eingegrabene Bilder von Gott ſind im Grund um kein Haar beſſer und der menſchlichen Natur um kein Haar weniger ſchaͤdlich, als die ſteinernen und erzenen Goͤzen, die ſich die rohern Menſchen ſchnizeln. Und behauptete: alle leidenſchaftliche, in die Sinnen fallende, und den Kopf der Menſchen anfuͤllende Anhaͤnglichkeit an irgend eine Vor- ſtellung von Gott und goͤttlichen Dingen, ſey nichts anders als wahre Abgoͤtterey, die den Menſchen darum bis in das dritte und vierte Geſchlecht verderbe, weil ſie wider ſeine Na- tur ſey. Er erklaͤrte ſich daruͤber alſo. Die meiſten Menſchen die die Religion mit einem Feuer und einer Staͤrke in ihren Kopf hineinbringen, das nicht verhaͤltnißmaͤßig iſt mit der Staͤrke und dem Eifer womit ſie andere Sachen in ihrem

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/pestalozzi_lienhard03_1785
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/pestalozzi_lienhard03_1785/428
Zitationshilfe: [Pestalozzi, Johann Heinrich]: Lienhard und Gertrud. Bd. 3. Frankfurt (Main) u. a., 1785, S. 406. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/pestalozzi_lienhard03_1785/428>, abgerufen am 21.04.2021.