in Absicht auf diese Passage, mit zu den Lieb- habern einer kriechenden Poesie.
Die neuen Poeten künsteln alles zu sehr nach der Vernunft und dem scharfen Witz aus. Sie leiden keinen falschen Gedanken, weder der in sich irrig, noch, in der angebrachten Tour, un- recht gesetzet ist. Sie reden von einem poeti- schen Geschmack, dadurch sie gleich alles kosten, riechen, schmecken und fühlen können, was ih- rem sogenannten bon sens und bon goaut ent- gegen. Erräth man nun nur erst ihre Maxi- men: So halte man die zweifelhafte Passage damit zusammen. Trifft solche mit ihren Ma- ximen überein: So müssen wir es für eine poe- tische Ketzerey halten, ihnen nachzuahmen. Denn je weiter unsere Gedanken von der so be- titelten gesunden Vernunft abweichen; je nä- her kommen sie der kriechenden Poesie und Reim- schmiede-Kunst.
Man muß endlich bey den Reimen und Ein- fällen einen Unterschied unter der ernsthaften und scherzhaften oder burlesquen Poesie machen. Die neuen Poeten, wenn sie badiniren, schei- nen uns nachzuahmen; aber es ist doch ein merk- licher Unterschied zwischen uns und ihnen. Denn unsere Poesie ist schäkernd, kollernd, rasend; auch wol plump, geil und leichtfertig. Wir aber heissen es eine scherzende Poesie, da sie doch nie so weit im Scherz gehen, als wir.
4. Grund-
nach mathematiſcher Lehr-Art.
in Abſicht auf dieſe Paſſage, mit zu den Lieb- habern einer kriechenden Poeſie.
Die neuen Poeten kuͤnſteln alles zu ſehr nach der Vernunft und dem ſcharfen Witz aus. Sie leiden keinen falſchen Gedanken, weder der in ſich irrig, noch, in der angebrachten Tour, un- recht geſetzet iſt. Sie reden von einem poeti- ſchen Geſchmack, dadurch ſie gleich alles koſten, riechen, ſchmecken und fuͤhlen koͤnnen, was ih- rem ſogenannten bon ſens und bon goût ent- gegen. Erraͤth man nun nur erſt ihre Maxi- men: So halte man die zweifelhafte Paſſage damit zuſammen. Trifft ſolche mit ihren Ma- ximen uͤberein: So muͤſſen wir es fuͤr eine poe- tiſche Ketzerey halten, ihnen nachzuahmen. Denn je weiter unſere Gedanken von der ſo be- titelten geſunden Vernunft abweichen; je naͤ- her kommen ſie der kriechenden Poeſie und Reim- ſchmiede-Kunſt.
Man muß endlich bey den Reimen und Ein- faͤllen einen Unterſchied unter der ernſthaften und ſcherzhaften oder burlesquen Poeſie machen. Die neuen Poeten, wenn ſie badiniren, ſchei- nen uns nachzuahmen; aber es iſt doch ein merk- licher Unterſchied zwiſchen uns und ihnen. Denn unſere Poeſie iſt ſchaͤkernd, kollernd, raſend; auch wol plump, geil und leichtfertig. Wir aber heiſſen es eine ſcherzende Poeſie, da ſie doch nie ſo weit im Scherz gehen, als wir.
4. Grund-
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nach mathematiſcher Lehr-Art.
in Abſicht auf dieſe Paſſage, mit zu den Lieb-
habern einer kriechenden Poeſie.
Die neuen Poeten kuͤnſteln alles zu ſehr nach
der Vernunft und dem ſcharfen Witz aus. Sie
leiden keinen falſchen Gedanken, weder der in
ſich irrig, noch, in der angebrachten Tour, un-
recht geſetzet iſt. Sie reden von einem poeti-
ſchen Geſchmack, dadurch ſie gleich alles koſten,
riechen, ſchmecken und fuͤhlen koͤnnen, was ih-
rem ſogenannten bon ſens und bon goût ent-
gegen. Erraͤth man nun nur erſt ihre Maxi-
men: So halte man die zweifelhafte Paſſage
damit zuſammen. Trifft ſolche mit ihren Ma-
ximen uͤberein: So muͤſſen wir es fuͤr eine poe-
tiſche Ketzerey halten, ihnen nachzuahmen.
Denn je weiter unſere Gedanken von der ſo be-
titelten geſunden Vernunft abweichen; je naͤ-
her kommen ſie der kriechenden Poeſie und Reim-
ſchmiede-Kunſt.
Man muß endlich bey den Reimen und Ein-
faͤllen einen Unterſchied unter der ernſthaften und
ſcherzhaften oder burlesquen Poeſie machen.
Die neuen Poeten, wenn ſie badiniren, ſchei-
nen uns nachzuahmen; aber es iſt doch ein merk-
licher Unterſchied zwiſchen uns und ihnen. Denn
unſere Poeſie iſt ſchaͤkernd, kollernd, raſend;
auch wol plump, geil und leichtfertig. Wir
aber heiſſen es eine ſcherzende Poeſie, da ſie
doch nie ſo weit im Scherz gehen, als wir.
4. Grund-
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Philippi, Johann Ernst: Regeln und Maximen der edlen Reimschmiede-Kunst, auch kriechender Poesie. Altenburg, 1743, S. 27. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/philippi_reimschmiedekunst_1743/35>, abgerufen am 25.09.2024.
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