Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Pückler-Muskau, Hermann von: Briefe eines Verstorbenen. Bd. 3. Stuttgart, 1831.

Bild:
<< vorherige Seite

bei dem kleinsten Versehen, oft furchtbar gefährlich.
So sah ich heute Einen, dessen Geschäft es ist, bei
dem Stampfen der Livreeknöpfe den Würfel zu hal-
ten, und dem bei dieser Gelegenheit schon zweimal
der Daumen zerschmettert wurde, welcher jetzt nur
noch einen kleinen unförmlichen Fleischklumpen bildete.
Wehe denen, die den Dampf- und andern Maschinen
mit ihren Röcken zu nahe kommen. Schon mehrere
faßte diese unerbittliche Macht, und zerquetschte sie,
wie die grausame Boa ihre hülflose Beute. Dabei
sind viele Arbeiten so ungesund wie in den Blei-
werken Sibiriens, und bei manchen ist ein Geruch
auszustehen, den der ungewohnte Besucher kaum
Minutenlang ertragen kann.

Es hat alles seine Schattenseite, auch diese hoch-
gesteigerte Industrie, doch ist sie deshalb nicht zu ver-
werfen. Hat doch selbst die Tugend ihre Nachtheile,
wo sie im Geringsten das Maas überschreitet, und
dagegen das Schlimmste, ja das Laster nicht ausge-
nommen, seine lichteren Stellen.

Merkwürdig ist es, daß bei diesem raffinirten
Fortschreiten in jeder Erfindung, die Engländer, nach
dem eignen Geständniß des Herrn Thomasson, noch
immer nicht im Stande sind, es den Berliner feinen
Eisengußwaaren gleich zu thun. Was ich von dieser
Art hier sah, stand jenen ungemein nach. Oft scheint
es mir überhaupt, als wäre, ohngeachtet die Eng-
länder uns noch so weit voraus sind, dennoch der
Zeitpunkt schon eingetreten, wo sie zu sinken und

bei dem kleinſten Verſehen, oft furchtbar gefährlich.
So ſah ich heute Einen, deſſen Geſchäft es iſt, bei
dem Stampfen der Livreeknöpfe den Würfel zu hal-
ten, und dem bei dieſer Gelegenheit ſchon zweimal
der Daumen zerſchmettert wurde, welcher jetzt nur
noch einen kleinen unförmlichen Fleiſchklumpen bildete.
Wehe denen, die den Dampf- und andern Maſchinen
mit ihren Röcken zu nahe kommen. Schon mehrere
faßte dieſe unerbittliche Macht, und zerquetſchte ſie,
wie die grauſame Boa ihre hülfloſe Beute. Dabei
ſind viele Arbeiten ſo ungeſund wie in den Blei-
werken Sibiriens, und bei manchen iſt ein Geruch
auszuſtehen, den der ungewohnte Beſucher kaum
Minutenlang ertragen kann.

Es hat alles ſeine Schattenſeite, auch dieſe hoch-
geſteigerte Induſtrie, doch iſt ſie deshalb nicht zu ver-
werfen. Hat doch ſelbſt die Tugend ihre Nachtheile,
wo ſie im Geringſten das Maas überſchreitet, und
dagegen das Schlimmſte, ja das Laſter nicht ausge-
nommen, ſeine lichteren Stellen.

Merkwürdig iſt es, daß bei dieſem raffinirten
Fortſchreiten in jeder Erfindung, die Engländer, nach
dem eignen Geſtändniß des Herrn Thomaſſon, noch
immer nicht im Stande ſind, es den Berliner feinen
Eiſengußwaaren gleich zu thun. Was ich von dieſer
Art hier ſah, ſtand jenen ungemein nach. Oft ſcheint
es mir überhaupt, als wäre, ohngeachtet die Eng-
länder uns noch ſo weit voraus ſind, dennoch der
Zeitpunkt ſchon eingetreten, wo ſie zu ſinken und

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0311" n="265"/>
bei dem klein&#x017F;ten Ver&#x017F;ehen, oft furchtbar gefährlich.<lb/>
So &#x017F;ah ich heute Einen, de&#x017F;&#x017F;en Ge&#x017F;chäft es i&#x017F;t, bei<lb/>
dem Stampfen der Livreeknöpfe den Würfel zu hal-<lb/>
ten, und dem bei die&#x017F;er Gelegenheit &#x017F;chon zweimal<lb/>
der Daumen zer&#x017F;chmettert wurde, welcher jetzt nur<lb/>
noch einen kleinen unförmlichen Flei&#x017F;chklumpen bildete.<lb/>
Wehe denen, die den Dampf- und andern Ma&#x017F;chinen<lb/>
mit ihren Röcken zu nahe kommen. Schon mehrere<lb/>
faßte die&#x017F;e unerbittliche Macht, und zerquet&#x017F;chte &#x017F;ie,<lb/>
wie die grau&#x017F;ame Boa ihre hülflo&#x017F;e Beute. Dabei<lb/>
&#x017F;ind viele Arbeiten &#x017F;o unge&#x017F;und wie in den Blei-<lb/>
werken Sibiriens, und bei manchen i&#x017F;t ein Geruch<lb/>
auszu&#x017F;tehen, den der ungewohnte Be&#x017F;ucher kaum<lb/>
Minutenlang ertragen kann.</p><lb/>
          <p>Es hat alles &#x017F;eine Schatten&#x017F;eite, auch die&#x017F;e hoch-<lb/>
ge&#x017F;teigerte Indu&#x017F;trie, doch i&#x017F;t &#x017F;ie deshalb nicht zu ver-<lb/>
werfen. Hat doch &#x017F;elb&#x017F;t die Tugend ihre Nachtheile,<lb/>
wo &#x017F;ie im Gering&#x017F;ten das Maas über&#x017F;chreitet, und<lb/>
dagegen das Schlimm&#x017F;te, ja das La&#x017F;ter nicht ausge-<lb/>
nommen, &#x017F;eine lichteren Stellen.</p><lb/>
          <p>Merkwürdig i&#x017F;t es, daß bei die&#x017F;em raffinirten<lb/>
Fort&#x017F;chreiten in jeder Erfindung, die Engländer, nach<lb/>
dem eignen Ge&#x017F;tändniß des Herrn Thoma&#x017F;&#x017F;on, noch<lb/>
immer nicht im Stande &#x017F;ind, es den Berliner feinen<lb/>
Ei&#x017F;engußwaaren gleich zu thun. Was ich von die&#x017F;er<lb/>
Art hier &#x017F;ah, &#x017F;tand jenen ungemein nach. Oft &#x017F;cheint<lb/>
es mir überhaupt, als wäre, ohngeachtet die Eng-<lb/>
länder uns noch &#x017F;o weit voraus &#x017F;ind, dennoch der<lb/>
Zeitpunkt &#x017F;chon eingetreten, wo <hi rendition="#g">&#x017F;ie</hi> zu &#x017F;inken und<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[265/0311] bei dem kleinſten Verſehen, oft furchtbar gefährlich. So ſah ich heute Einen, deſſen Geſchäft es iſt, bei dem Stampfen der Livreeknöpfe den Würfel zu hal- ten, und dem bei dieſer Gelegenheit ſchon zweimal der Daumen zerſchmettert wurde, welcher jetzt nur noch einen kleinen unförmlichen Fleiſchklumpen bildete. Wehe denen, die den Dampf- und andern Maſchinen mit ihren Röcken zu nahe kommen. Schon mehrere faßte dieſe unerbittliche Macht, und zerquetſchte ſie, wie die grauſame Boa ihre hülfloſe Beute. Dabei ſind viele Arbeiten ſo ungeſund wie in den Blei- werken Sibiriens, und bei manchen iſt ein Geruch auszuſtehen, den der ungewohnte Beſucher kaum Minutenlang ertragen kann. Es hat alles ſeine Schattenſeite, auch dieſe hoch- geſteigerte Induſtrie, doch iſt ſie deshalb nicht zu ver- werfen. Hat doch ſelbſt die Tugend ihre Nachtheile, wo ſie im Geringſten das Maas überſchreitet, und dagegen das Schlimmſte, ja das Laſter nicht ausge- nommen, ſeine lichteren Stellen. Merkwürdig iſt es, daß bei dieſem raffinirten Fortſchreiten in jeder Erfindung, die Engländer, nach dem eignen Geſtändniß des Herrn Thomaſſon, noch immer nicht im Stande ſind, es den Berliner feinen Eiſengußwaaren gleich zu thun. Was ich von dieſer Art hier ſah, ſtand jenen ungemein nach. Oft ſcheint es mir überhaupt, als wäre, ohngeachtet die Eng- länder uns noch ſo weit voraus ſind, dennoch der Zeitpunkt ſchon eingetreten, wo ſie zu ſinken und

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe03_1831
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe03_1831/311
Zitationshilfe: Pückler-Muskau, Hermann von: Briefe eines Verstorbenen. Bd. 3. Stuttgart, 1831, S. 265. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe03_1831/311>, abgerufen am 02.10.2022.