Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Pückler-Muskau, Hermann von: Briefe eines Verstorbenen. Bd. 3. Stuttgart, 1831.

Bild:
<< vorherige Seite

habe einen Menschen ins Wasser fallen sehen, und
den sie begleitenden Dandy, einen bekannten guten
Schwimmer, inständig gebeten, dem Unglücklichen doch
zu Hülfe zu kommen. Ihr Freund ergriff, mit dem
Phlegma, welches ein Haupterforderniß der heutigen
Mode ist, seine Lorgnette, schaute ernsthaft auf den
Ertrinkenden, dessen Haupt gerade zum letztenmale
auftauchte, und erwiederte dann, sich ruhig zu seiner
Gefährtin wendend: It's impossible Mad'm, I was ne-
ver introduced to this gentleman.

Einen Mann von ganz verschiedenen Sitten lernte
ich heut Abend kennen, den persischen Charge d'affai-
res,
ein Asiate von sehr gefälligen Manieren, und
dessen prächtige Kleidung und schwarzer Bart nur
durch die persische spitze Mütze aus Schaaffellen in
meinen Augen entstellt wurde.

Er spricht schon ganz gut englisch, und machte recht
seine Bemerkungen über Europa. Unter andern sagte
er, daß wir zwar in sehr vielen Dingen weiter wären
als sie, dagegen stünden bei ihnen alle Ansichten fe-
ster, und jeder begnüge sich daher mit seinem Schick-
sal, während er hier eine beständige Gährung, eine
ewige Unzufriedenheit der Massen wie der Einzelnen
bemerke, ja er müsse gestehen, er selbst fühle sich schon
davon angesteckt, und werde rechte Mühe haben, in
Persien wieder ins alte glückliche Gleis hinein zu
kommen, wo einer, dem es nicht gut gehe, sich schon
damit tröste, daß er ausrufe: Wessen Hund bin ich
denn, um glücklich seyn zu wollen!

habe einen Menſchen ins Waſſer fallen ſehen, und
den ſie begleitenden Dandy, einen bekannten guten
Schwimmer, inſtändig gebeten, dem Unglücklichen doch
zu Hülfe zu kommen. Ihr Freund ergriff, mit dem
Phlegma, welches ein Haupterforderniß der heutigen
Mode iſt, ſeine Lorgnette, ſchaute ernſthaft auf den
Ertrinkenden, deſſen Haupt gerade zum letztenmale
auftauchte, und erwiederte dann, ſich ruhig zu ſeiner
Gefährtin wendend: It’s impossible Mad’m, I was ne-
ver introduced to this gentleman.

Einen Mann von ganz verſchiedenen Sitten lernte
ich heut Abend kennen, den perſiſchen Chargé d’affai-
res,
ein Aſiate von ſehr gefälligen Manieren, und
deſſen prächtige Kleidung und ſchwarzer Bart nur
durch die perſiſche ſpitze Mütze aus Schaaffellen in
meinen Augen entſtellt wurde.

Er ſpricht ſchon ganz gut engliſch, und machte recht
ſeine Bemerkungen über Europa. Unter andern ſagte
er, daß wir zwar in ſehr vielen Dingen weiter wären
als ſie, dagegen ſtünden bei ihnen alle Anſichten fe-
ſter, und jeder begnüge ſich daher mit ſeinem Schick-
ſal, während er hier eine beſtändige Gährung, eine
ewige Unzufriedenheit der Maſſen wie der Einzelnen
bemerke, ja er müſſe geſtehen, er ſelbſt fühle ſich ſchon
davon angeſteckt, und werde rechte Mühe haben, in
Perſien wieder ins alte glückliche Gleis hinein zu
kommen, wo einer, dem es nicht gut gehe, ſich ſchon
damit tröſte, daß er ausrufe: Weſſen Hund bin ich
denn, um glücklich ſeyn zu wollen!

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0464" n="418"/>
habe einen Men&#x017F;chen ins Wa&#x017F;&#x017F;er fallen &#x017F;ehen, und<lb/>
den &#x017F;ie begleitenden Dandy, einen bekannten guten<lb/>
Schwimmer, in&#x017F;tändig gebeten, dem Unglücklichen doch<lb/>
zu Hülfe zu kommen. Ihr Freund ergriff, mit dem<lb/>
Phlegma, welches ein Haupterforderniß der heutigen<lb/>
Mode i&#x017F;t, &#x017F;eine Lorgnette, &#x017F;chaute ern&#x017F;thaft auf den<lb/>
Ertrinkenden, de&#x017F;&#x017F;en Haupt gerade zum letztenmale<lb/>
auftauchte, und erwiederte dann, &#x017F;ich ruhig zu &#x017F;einer<lb/>
Gefährtin wendend: <hi rendition="#aq">It&#x2019;s impossible Mad&#x2019;m, I was ne-<lb/>
ver introduced to this gentleman.</hi></p><lb/>
          <p>Einen Mann von ganz ver&#x017F;chiedenen Sitten lernte<lb/>
ich heut Abend kennen, den per&#x017F;i&#x017F;chen <hi rendition="#aq">Chargé d&#x2019;affai-<lb/>
res,</hi> ein A&#x017F;iate von &#x017F;ehr gefälligen Manieren, und<lb/>
de&#x017F;&#x017F;en prächtige Kleidung und &#x017F;chwarzer Bart nur<lb/>
durch die per&#x017F;i&#x017F;che &#x017F;pitze Mütze aus Schaaffellen in<lb/>
meinen Augen ent&#x017F;tellt wurde.</p><lb/>
          <p>Er &#x017F;pricht &#x017F;chon ganz gut engli&#x017F;ch, und machte recht<lb/>
&#x017F;eine Bemerkungen über Europa. Unter andern &#x017F;agte<lb/>
er, daß wir zwar in &#x017F;ehr vielen Dingen weiter wären<lb/>
als &#x017F;ie, dagegen &#x017F;tünden bei ihnen alle An&#x017F;ichten fe-<lb/>
&#x017F;ter, und jeder begnüge &#x017F;ich daher mit &#x017F;einem Schick-<lb/>
&#x017F;al, während er hier eine be&#x017F;tändige Gährung, eine<lb/>
ewige Unzufriedenheit der Ma&#x017F;&#x017F;en wie der Einzelnen<lb/>
bemerke, ja er mü&#x017F;&#x017F;e ge&#x017F;tehen, er &#x017F;elb&#x017F;t fühle &#x017F;ich &#x017F;chon<lb/>
davon ange&#x017F;teckt, und werde rechte Mühe haben, in<lb/>
Per&#x017F;ien wieder ins alte glückliche Gleis hinein zu<lb/>
kommen, wo einer, dem es nicht gut gehe, &#x017F;ich &#x017F;chon<lb/>
damit trö&#x017F;te, daß er ausrufe: We&#x017F;&#x017F;en Hund bin ich<lb/>
denn, um glücklich &#x017F;eyn zu wollen!</p><lb/>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[418/0464] habe einen Menſchen ins Waſſer fallen ſehen, und den ſie begleitenden Dandy, einen bekannten guten Schwimmer, inſtändig gebeten, dem Unglücklichen doch zu Hülfe zu kommen. Ihr Freund ergriff, mit dem Phlegma, welches ein Haupterforderniß der heutigen Mode iſt, ſeine Lorgnette, ſchaute ernſthaft auf den Ertrinkenden, deſſen Haupt gerade zum letztenmale auftauchte, und erwiederte dann, ſich ruhig zu ſeiner Gefährtin wendend: It’s impossible Mad’m, I was ne- ver introduced to this gentleman. Einen Mann von ganz verſchiedenen Sitten lernte ich heut Abend kennen, den perſiſchen Chargé d’affai- res, ein Aſiate von ſehr gefälligen Manieren, und deſſen prächtige Kleidung und ſchwarzer Bart nur durch die perſiſche ſpitze Mütze aus Schaaffellen in meinen Augen entſtellt wurde. Er ſpricht ſchon ganz gut engliſch, und machte recht ſeine Bemerkungen über Europa. Unter andern ſagte er, daß wir zwar in ſehr vielen Dingen weiter wären als ſie, dagegen ſtünden bei ihnen alle Anſichten fe- ſter, und jeder begnüge ſich daher mit ſeinem Schick- ſal, während er hier eine beſtändige Gährung, eine ewige Unzufriedenheit der Maſſen wie der Einzelnen bemerke, ja er müſſe geſtehen, er ſelbſt fühle ſich ſchon davon angeſteckt, und werde rechte Mühe haben, in Perſien wieder ins alte glückliche Gleis hinein zu kommen, wo einer, dem es nicht gut gehe, ſich ſchon damit tröſte, daß er ausrufe: Weſſen Hund bin ich denn, um glücklich ſeyn zu wollen!

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe03_1831
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe03_1831/464
Zitationshilfe: Pückler-Muskau, Hermann von: Briefe eines Verstorbenen. Bd. 3. Stuttgart, 1831, S. 418. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe03_1831/464>, abgerufen am 29.01.2023.