Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Rabener, Gottlieb Wilhelm]: Sammlung satyrischer Schriften. Bd. 3. Leipzig, 1752.

Bild:
<< vorherige Seite

Satyrische Briefe.
Ehcontrakt, und ich weiß selbst nicht wofür.
Steht wohl von allen diesem ein Wort darinnen?
Nicht ein Wort. Wie blind sind wir Mädchen,
wenn wir uns einmal von den albernen Schmeiche-
leyen der verführerischen Mannspersonen fangen,
und uns von einer Liebe einnehmen lassen, von
der uns unser Stand, und die Vernunft abhalten
sollte! Mein Lieutenant kam, wie er versprochen
hatte. Er sagte mir tausend läppische Sachen vor,
die mir damals sehr wichtig vorkamen. Jch muß-
te mich in seiner Gegenwart hinsetzen, und an mei-
nen Liebhaber folgenden Brief schreiben.

Hochzuehrender Herr Doctor,

"Wenn Sie Sich auf den Puls nicht besser ver-
"stehn, als auf die Herzen der Mädchen:
"so sind Sie ein ziemlicher Pfuscher. Die Sor-
"ge für die Gesundheit meines Vaters hat mir
"Jhre Gegenwart etliche Monate über erträglich
"gemacht. Nun ist er wieder gesund, Sie sind
"für Jhre Mühe bezahlt; haben Sie weiter ei-
"nen Anspruch an ihn, oder soll er seine Gesund-
"heit mit seiner Tochter erkaufen? Nein, Hocher-
"fahrner Herr Doctor, dieser Kauf wäre zu theu-
"er. Der Himmel erhalte meinen Vater bestän-
"dig gesund! Blos darum wünsche ich es, da-
"mit er Jhnen nicht vom neuen eine Wohlthat zu

"dan-

Satyriſche Briefe.
Ehcontrakt, und ich weiß ſelbſt nicht wofuͤr.
Steht wohl von allen dieſem ein Wort darinnen?
Nicht ein Wort. Wie blind ſind wir Maͤdchen,
wenn wir uns einmal von den albernen Schmeiche-
leyen der verfuͤhreriſchen Mannsperſonen fangen,
und uns von einer Liebe einnehmen laſſen, von
der uns unſer Stand, und die Vernunft abhalten
ſollte! Mein Lieutenant kam, wie er verſprochen
hatte. Er ſagte mir tauſend laͤppiſche Sachen vor,
die mir damals ſehr wichtig vorkamen. Jch muß-
te mich in ſeiner Gegenwart hinſetzen, und an mei-
nen Liebhaber folgenden Brief ſchreiben.

Hochzuehrender Herr Doctor,

Wenn Sie Sich auf den Puls nicht beſſer ver-
„ſtehn, als auf die Herzen der Maͤdchen:
„ſo ſind Sie ein ziemlicher Pfuſcher. Die Sor-
„ge fuͤr die Geſundheit meines Vaters hat mir
„Jhre Gegenwart etliche Monate uͤber ertraͤglich
„gemacht. Nun iſt er wieder geſund, Sie ſind
„fuͤr Jhre Muͤhe bezahlt; haben Sie weiter ei-
„nen Anſpruch an ihn, oder ſoll er ſeine Geſund-
„heit mit ſeiner Tochter erkaufen? Nein, Hocher-
„fahrner Herr Doctor, dieſer Kauf waͤre zu theu-
„er. Der Himmel erhalte meinen Vater beſtaͤn-
„dig geſund! Blos darum wuͤnſche ich es, da-
„mit er Jhnen nicht vom neuen eine Wohlthat zu

„dan-
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <floatingText>
          <body>
            <div type="letter">
              <p><pb facs="#f0222" n="194"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b">Satyri&#x017F;che Briefe.</hi></fw><lb/>
Ehcontrakt, und ich weiß &#x017F;elb&#x017F;t nicht wofu&#x0364;r.<lb/>
Steht wohl von allen die&#x017F;em ein Wort darinnen?<lb/>
Nicht ein Wort. Wie blind &#x017F;ind wir Ma&#x0364;dchen,<lb/>
wenn wir uns einmal von den albernen Schmeiche-<lb/>
leyen der verfu&#x0364;hreri&#x017F;chen Mannsper&#x017F;onen fangen,<lb/>
und uns von einer Liebe einnehmen la&#x017F;&#x017F;en, von<lb/>
der uns un&#x017F;er Stand, und die Vernunft abhalten<lb/>
&#x017F;ollte! Mein Lieutenant kam, wie er ver&#x017F;prochen<lb/>
hatte. Er &#x017F;agte mir tau&#x017F;end la&#x0364;ppi&#x017F;che Sachen vor,<lb/>
die mir damals &#x017F;ehr wichtig vorkamen. Jch muß-<lb/>
te mich in &#x017F;einer Gegenwart hin&#x017F;etzen, und an mei-<lb/>
nen Liebhaber folgenden Brief &#x017F;chreiben.</p>
            </div><lb/>
            <div type="letter">
              <salute> <hi rendition="#et"> <hi rendition="#fr">Hochzuehrender Herr Doctor,</hi> </hi> </salute><lb/>
              <p>&#x201E;<hi rendition="#in">W</hi>enn Sie Sich auf den Puls nicht be&#x017F;&#x017F;er ver-<lb/>
&#x201E;&#x017F;tehn, als auf die Herzen der Ma&#x0364;dchen:<lb/>
&#x201E;&#x017F;o &#x017F;ind Sie ein ziemlicher Pfu&#x017F;cher. Die Sor-<lb/>
&#x201E;ge fu&#x0364;r die Ge&#x017F;undheit meines Vaters hat mir<lb/>
&#x201E;Jhre Gegenwart etliche Monate u&#x0364;ber ertra&#x0364;glich<lb/>
&#x201E;gemacht. Nun i&#x017F;t er wieder ge&#x017F;und, Sie &#x017F;ind<lb/>
&#x201E;fu&#x0364;r Jhre Mu&#x0364;he bezahlt; haben Sie weiter ei-<lb/>
&#x201E;nen An&#x017F;pruch an ihn, oder &#x017F;oll er &#x017F;eine Ge&#x017F;und-<lb/>
&#x201E;heit mit &#x017F;einer Tochter erkaufen? Nein, Hocher-<lb/>
&#x201E;fahrner Herr Doctor, die&#x017F;er Kauf wa&#x0364;re zu theu-<lb/>
&#x201E;er. Der Himmel erhalte meinen Vater be&#x017F;ta&#x0364;n-<lb/>
&#x201E;dig ge&#x017F;und! Blos darum wu&#x0364;n&#x017F;che ich es, da-<lb/>
&#x201E;mit er Jhnen nicht vom neuen eine Wohlthat zu<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">&#x201E;dan-</fw><lb/></p>
            </div>
          </body>
        </floatingText>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[194/0222] Satyriſche Briefe. Ehcontrakt, und ich weiß ſelbſt nicht wofuͤr. Steht wohl von allen dieſem ein Wort darinnen? Nicht ein Wort. Wie blind ſind wir Maͤdchen, wenn wir uns einmal von den albernen Schmeiche- leyen der verfuͤhreriſchen Mannsperſonen fangen, und uns von einer Liebe einnehmen laſſen, von der uns unſer Stand, und die Vernunft abhalten ſollte! Mein Lieutenant kam, wie er verſprochen hatte. Er ſagte mir tauſend laͤppiſche Sachen vor, die mir damals ſehr wichtig vorkamen. Jch muß- te mich in ſeiner Gegenwart hinſetzen, und an mei- nen Liebhaber folgenden Brief ſchreiben. Hochzuehrender Herr Doctor, „Wenn Sie Sich auf den Puls nicht beſſer ver- „ſtehn, als auf die Herzen der Maͤdchen: „ſo ſind Sie ein ziemlicher Pfuſcher. Die Sor- „ge fuͤr die Geſundheit meines Vaters hat mir „Jhre Gegenwart etliche Monate uͤber ertraͤglich „gemacht. Nun iſt er wieder geſund, Sie ſind „fuͤr Jhre Muͤhe bezahlt; haben Sie weiter ei- „nen Anſpruch an ihn, oder ſoll er ſeine Geſund- „heit mit ſeiner Tochter erkaufen? Nein, Hocher- „fahrner Herr Doctor, dieſer Kauf waͤre zu theu- „er. Der Himmel erhalte meinen Vater beſtaͤn- „dig geſund! Blos darum wuͤnſche ich es, da- „mit er Jhnen nicht vom neuen eine Wohlthat zu „dan-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/rabener_sammlung03_1752
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/rabener_sammlung03_1752/222
Zitationshilfe: [Rabener, Gottlieb Wilhelm]: Sammlung satyrischer Schriften. Bd. 3. Leipzig, 1752, S. 194. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/rabener_sammlung03_1752/222>, abgerufen am 24.07.2024.