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[Rabener, Gottlieb Wilhelm]: Sammlung satyrischer Schriften. Bd. 3. Leipzig, 1752.

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Satyrische Briefe.
Madame,

Da ich nur fünf und zwanzig Jahre alt bin, und
Sie gestern in Jhr sieben und funfzigstes ge-
treten sind: so wird mich die ganze Welt für einen
Narren halten, wenn man erfährt, daß ich mich
habe überwinden können, Jhnen zu sagen, daß ich
Sie liebe, und Sie um Jhre Gegenliebe bitte.
Wäre ich einer von den jungen leichtsinnigen Men-
schen, welche auf weiter nichts sehn, als auf die
Jahre, und auf ein frisches blühendes Gesicht: so
würde ich mir selbst diesen Vorwurf der Thorheit
machen. Aber nein, Madame, meine Liebe ist
gründlicher, und ernsthafter. Außer dem daß Sie,
ungeachtet Jhrer Jahre, noch immer das muntre
und frische Wesen beybehalten, das Sie in vorigen
Zeiten schön und reizend gemacht haben mag: so
besitzen Sie gewisse Vorzüge, Madame, die Jhren
Werth unendlich erhöhn. Jedes Jahr, das Sie
zu alt sind, können Sie mit tausend Thalern ab-
kaufen; und Sie kommen mir bey dieser Rechnung
kaum als ein Mädchen von sechzehn Jahren vor.
Jch schwöre Jhnen also bey Jhrem Gelde, und
bey allem, was mir ehrwürdig ist, das ich Sie und
Jhre Vorzüge aufs heftigste liebe. Entschliessen
Sie Sich die Meinige zu seyn. Jch glaube, Sie
werden bey Jhren Umständen mehr nicht von mir
verlangen, als Ehrfurcht und Geduld. Diese ver-
spreche ich Jhnen. Da Sie so vernünftig sind,

Mada-
Satyriſche Briefe.
Madame,

Da ich nur fuͤnf und zwanzig Jahre alt bin, und
Sie geſtern in Jhr ſieben und funfzigſtes ge-
treten ſind: ſo wird mich die ganze Welt fuͤr einen
Narren halten, wenn man erfaͤhrt, daß ich mich
habe uͤberwinden koͤnnen, Jhnen zu ſagen, daß ich
Sie liebe, und Sie um Jhre Gegenliebe bitte.
Waͤre ich einer von den jungen leichtſinnigen Men-
ſchen, welche auf weiter nichts ſehn, als auf die
Jahre, und auf ein friſches bluͤhendes Geſicht: ſo
wuͤrde ich mir ſelbſt dieſen Vorwurf der Thorheit
machen. Aber nein, Madame, meine Liebe iſt
gruͤndlicher, und ernſthafter. Außer dem daß Sie,
ungeachtet Jhrer Jahre, noch immer das muntre
und friſche Weſen beybehalten, das Sie in vorigen
Zeiten ſchoͤn und reizend gemacht haben mag: ſo
beſitzen Sie gewiſſe Vorzuͤge, Madame, die Jhren
Werth unendlich erhoͤhn. Jedes Jahr, das Sie
zu alt ſind, koͤnnen Sie mit tauſend Thalern ab-
kaufen; und Sie kommen mir bey dieſer Rechnung
kaum als ein Maͤdchen von ſechzehn Jahren vor.
Jch ſchwoͤre Jhnen alſo bey Jhrem Gelde, und
bey allem, was mir ehrwuͤrdig iſt, das ich Sie und
Jhre Vorzuͤge aufs heftigſte liebe. Entſchlieſſen
Sie Sich die Meinige zu ſeyn. Jch glaube, Sie
werden bey Jhren Umſtaͤnden mehr nicht von mir
verlangen, als Ehrfurcht und Geduld. Dieſe ver-
ſpreche ich Jhnen. Da Sie ſo vernuͤnftig ſind,

Mada-
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[350/0378] Satyriſche Briefe. Madame, Da ich nur fuͤnf und zwanzig Jahre alt bin, und Sie geſtern in Jhr ſieben und funfzigſtes ge- treten ſind: ſo wird mich die ganze Welt fuͤr einen Narren halten, wenn man erfaͤhrt, daß ich mich habe uͤberwinden koͤnnen, Jhnen zu ſagen, daß ich Sie liebe, und Sie um Jhre Gegenliebe bitte. Waͤre ich einer von den jungen leichtſinnigen Men- ſchen, welche auf weiter nichts ſehn, als auf die Jahre, und auf ein friſches bluͤhendes Geſicht: ſo wuͤrde ich mir ſelbſt dieſen Vorwurf der Thorheit machen. Aber nein, Madame, meine Liebe iſt gruͤndlicher, und ernſthafter. Außer dem daß Sie, ungeachtet Jhrer Jahre, noch immer das muntre und friſche Weſen beybehalten, das Sie in vorigen Zeiten ſchoͤn und reizend gemacht haben mag: ſo beſitzen Sie gewiſſe Vorzuͤge, Madame, die Jhren Werth unendlich erhoͤhn. Jedes Jahr, das Sie zu alt ſind, koͤnnen Sie mit tauſend Thalern ab- kaufen; und Sie kommen mir bey dieſer Rechnung kaum als ein Maͤdchen von ſechzehn Jahren vor. Jch ſchwoͤre Jhnen alſo bey Jhrem Gelde, und bey allem, was mir ehrwuͤrdig iſt, das ich Sie und Jhre Vorzuͤge aufs heftigſte liebe. Entſchlieſſen Sie Sich die Meinige zu ſeyn. Jch glaube, Sie werden bey Jhren Umſtaͤnden mehr nicht von mir verlangen, als Ehrfurcht und Geduld. Dieſe ver- ſpreche ich Jhnen. Da Sie ſo vernuͤnftig ſind, Mada-

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Zitationshilfe: [Rabener, Gottlieb Wilhelm]: Sammlung satyrischer Schriften. Bd. 3. Leipzig, 1752, S. 350. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/rabener_sammlung03_1752/378>, abgerufen am 21.07.2024.