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[Rabener, Gottlieb Wilhelm]: Sammlung satirischer Schriften. Bd. 4. Leipzig, 1755.

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Antons Panßa von Mancha
seufzten, wie ich, über den Himmel; keiner von
ihnen war Schuld an seiner unglücklichen Ehe:
Der Himmel blieb es allein, in dem sie geschlos-
sen waren.

Liste
einiger thörichten Ehen, die auf Rechnung
des Himmels geschlossen worden sind.

Balthasar Mennig, mein Nachbar, ein
Würzkrämer, und ehrlicher Mann, war dreymal
Wittwer geworden, und misbrauchte die Geduld
des Himmels zum vierten male, da er in seinem
neun und funfzigsten Jahre ein artiges Mädchen
von siebzehen Jahren heirathete. Sie war eine
Waise, ohne Vermögen; sie lebte sehr nothdürf-
tig von der Barmherzigkeit ihrer Muhme, welche
sie so sklavisch und eingezogen hielt, daß das gute
Kind keine Kirche versäumte, um Leute zu sehen.
Mein Alter hatte seinen Kirchenstuhl nur wenige
Schritte von dem ihrigen; Er freute sich, als ein
guter Nebenchrist, über diese fromme andächtige
Seele mit weißen Haaren, blauen Augen, und
einer blendenden Haut; er vergaß seine Brille her-
unter zu nehmen, so lange sie vor ihm saß; ja er
ward endlich so verliebt, daß er in einer elenden
Predigt aushalten konnte, ohne zu schlafen. Er
erfuhr ihre Wohnung, ihre Herkunft, und ihre
Armuth. Dieser letzte Umstand machte sein Chri-
stenthum rege; und weil er sich schämte, noch in

seinem

Antons Panßa von Mancha
ſeufzten, wie ich, uͤber den Himmel; keiner von
ihnen war Schuld an ſeiner ungluͤcklichen Ehe:
Der Himmel blieb es allein, in dem ſie geſchloſ-
ſen waren.

Liſte
einiger thoͤrichten Ehen, die auf Rechnung
des Himmels geſchloſſen worden ſind.

Balthaſar Mennig, mein Nachbar, ein
Wuͤrzkraͤmer, und ehrlicher Mann, war dreymal
Wittwer geworden, und misbrauchte die Geduld
des Himmels zum vierten male, da er in ſeinem
neun und funfzigſten Jahre ein artiges Maͤdchen
von ſiebzehen Jahren heirathete. Sie war eine
Waiſe, ohne Vermoͤgen; ſie lebte ſehr nothduͤrf-
tig von der Barmherzigkeit ihrer Muhme, welche
ſie ſo ſklaviſch und eingezogen hielt, daß das gute
Kind keine Kirche verſaͤumte, um Leute zu ſehen.
Mein Alter hatte ſeinen Kirchenſtuhl nur wenige
Schritte von dem ihrigen; Er freute ſich, als ein
guter Nebenchriſt, uͤber dieſe fromme andaͤchtige
Seele mit weißen Haaren, blauen Augen, und
einer blendenden Haut; er vergaß ſeine Brille her-
unter zu nehmen, ſo lange ſie vor ihm ſaß; ja er
ward endlich ſo verliebt, daß er in einer elenden
Predigt aushalten konnte, ohne zu ſchlafen. Er
erfuhr ihre Wohnung, ihre Herkunft, und ihre
Armuth. Dieſer letzte Umſtand machte ſein Chri-
ſtenthum rege; und weil er ſich ſchaͤmte, noch in

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[232/0254] Antons Panßa von Mancha ſeufzten, wie ich, uͤber den Himmel; keiner von ihnen war Schuld an ſeiner ungluͤcklichen Ehe: Der Himmel blieb es allein, in dem ſie geſchloſ- ſen waren. Liſte einiger thoͤrichten Ehen, die auf Rechnung des Himmels geſchloſſen worden ſind. Balthaſar Mennig, mein Nachbar, ein Wuͤrzkraͤmer, und ehrlicher Mann, war dreymal Wittwer geworden, und misbrauchte die Geduld des Himmels zum vierten male, da er in ſeinem neun und funfzigſten Jahre ein artiges Maͤdchen von ſiebzehen Jahren heirathete. Sie war eine Waiſe, ohne Vermoͤgen; ſie lebte ſehr nothduͤrf- tig von der Barmherzigkeit ihrer Muhme, welche ſie ſo ſklaviſch und eingezogen hielt, daß das gute Kind keine Kirche verſaͤumte, um Leute zu ſehen. Mein Alter hatte ſeinen Kirchenſtuhl nur wenige Schritte von dem ihrigen; Er freute ſich, als ein guter Nebenchriſt, uͤber dieſe fromme andaͤchtige Seele mit weißen Haaren, blauen Augen, und einer blendenden Haut; er vergaß ſeine Brille her- unter zu nehmen, ſo lange ſie vor ihm ſaß; ja er ward endlich ſo verliebt, daß er in einer elenden Predigt aushalten konnte, ohne zu ſchlafen. Er erfuhr ihre Wohnung, ihre Herkunft, und ihre Armuth. Dieſer letzte Umſtand machte ſein Chri- ſtenthum rege; und weil er ſich ſchaͤmte, noch in ſeinem

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Zitationshilfe: [Rabener, Gottlieb Wilhelm]: Sammlung satirischer Schriften. Bd. 4. Leipzig, 1755, S. 232. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/rabener_sammlung04_1755/254>, abgerufen am 28.02.2021.