Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Rabener, Gottlieb Wilhelm]: Sammlung satirischer Schriften. Bd. 4. Leipzig, 1755.

Bild:
<< vorherige Seite

Zweytes Buch.
tes Landgut ihres Gemahls begeben soll, um da-
selbst einsam und unbemerkt, in der Gesellschaft
der Weiber ihrer Verwalter und Pachter zu le-
ben, um ihren Mann dadurch von dem schimpfli-
chen Vorwurfe einer ungleichen Heirath zu be-
freyen. Würde Leonore wohl so lustig tanzen,
wenn sie die unglücklichen Folgen dieses Balls vor-
aus wissen sollte!

14.

Was muß wohl dort der Herr Secretär (17)
mit der großen Perucke in seine Tafel schreiben?
Er lacht so laut, daß man kaum noch den Baß
von der Musik hört, und läßt sich von der witzigen
Kalliste etwas dictiren. Kalliste (18) ist ein Frau-
enzimmer, welches von allem dem nichts versteht,
was man gemeiniglich von der Sorgfalt und dem
Fleiße eines Frauenzimmers fodert: Aber sie hat
viel gelesen, sie ist witzig, und so gelehrt, daß sie
in Gesellschaft anderer Frauenzimmer gähnt, und
andere Frauenzimmer in ihrer Gesellschaft einschla-
fen. Der Secretär liest Acten und Zeitungen,
und ist gleich so witzig, als er es bey seinem Amte
nöthig hat: Aber gleichwohl macht er die Mode
unsrer Zeit mit. Er bewundert den Witz, wo er
ihn findet, und bewundert ihn allemal aus vollem
Halse. Kalliste sagt ihm ein Sinngedicht auf eine
Frau vor, die das Unglück hat, dem Herrn

Secre-
(17) Der Herr Secretair E - -, ein Mann, dessen ganze
Lunge witzig ist.
(18) Die gekrönte S - -.
K k 2

Zweytes Buch.
tes Landgut ihres Gemahls begeben ſoll, um da-
ſelbſt einſam und unbemerkt, in der Geſellſchaft
der Weiber ihrer Verwalter und Pachter zu le-
ben, um ihren Mann dadurch von dem ſchimpfli-
chen Vorwurfe einer ungleichen Heirath zu be-
freyen. Wuͤrde Leonore wohl ſo luſtig tanzen,
wenn ſie die ungluͤcklichen Folgen dieſes Balls vor-
aus wiſſen ſollte!

14.

Was muß wohl dort der Herr Secretaͤr (17)
mit der großen Perucke in ſeine Tafel ſchreiben?
Er lacht ſo laut, daß man kaum noch den Baß
von der Muſik hoͤrt, und laͤßt ſich von der witzigen
Kalliſte etwas dictiren. Kalliſte (18) iſt ein Frau-
enzimmer, welches von allem dem nichts verſteht,
was man gemeiniglich von der Sorgfalt und dem
Fleiße eines Frauenzimmers fodert: Aber ſie hat
viel geleſen, ſie iſt witzig, und ſo gelehrt, daß ſie
in Geſellſchaft anderer Frauenzimmer gaͤhnt, und
andere Frauenzimmer in ihrer Geſellſchaft einſchla-
fen. Der Secretaͤr lieſt Acten und Zeitungen,
und iſt gleich ſo witzig, als er es bey ſeinem Amte
noͤthig hat: Aber gleichwohl macht er die Mode
unſrer Zeit mit. Er bewundert den Witz, wo er
ihn findet, und bewundert ihn allemal aus vollem
Halſe. Kalliſte ſagt ihm ein Sinngedicht auf eine
Frau vor, die das Ungluͤck hat, dem Herrn

Secre-
(17) Der Herr Secretair E ‒ ‒, ein Mann, deſſen ganze
Lunge witzig iſt.
(18) Die gekroͤnte S ‒ ‒.
K k 2
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <div n="4">
              <p><pb facs="#f0537" n="515[513]"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b">Zweytes Buch.</hi></fw><lb/>
tes Landgut ihres Gemahls begeben &#x017F;oll, um da-<lb/>
&#x017F;elb&#x017F;t ein&#x017F;am und unbemerkt, in der Ge&#x017F;ell&#x017F;chaft<lb/>
der Weiber ihrer Verwalter und Pachter zu le-<lb/>
ben, um ihren Mann dadurch von dem &#x017F;chimpfli-<lb/>
chen Vorwurfe einer ungleichen Heirath zu be-<lb/>
freyen. Wu&#x0364;rde Leonore wohl &#x017F;o lu&#x017F;tig tanzen,<lb/>
wenn &#x017F;ie die unglu&#x0364;cklichen Folgen die&#x017F;es Balls vor-<lb/>
aus wi&#x017F;&#x017F;en &#x017F;ollte!</p>
            </div><lb/>
            <div n="4">
              <head>14.</head><lb/>
              <p>Was muß wohl dort der Herr Secreta&#x0364;r <note place="foot" n="(17)">Der Herr Secretair <hi rendition="#aq"><hi rendition="#i">E</hi></hi> &#x2012; &#x2012;, ein Mann, de&#x017F;&#x017F;en ganze<lb/>
Lunge witzig i&#x017F;t.</note><lb/>
mit der großen Perucke in &#x017F;eine Tafel &#x017F;chreiben?<lb/>
Er lacht &#x017F;o laut, daß man kaum noch den Baß<lb/>
von der Mu&#x017F;ik ho&#x0364;rt, und la&#x0364;ßt &#x017F;ich von der witzigen<lb/>
Kalli&#x017F;te etwas dictiren. Kalli&#x017F;te <note place="foot" n="(18)">Die gekro&#x0364;nte <hi rendition="#aq"><hi rendition="#i">S</hi></hi> &#x2012; &#x2012;.</note> i&#x017F;t ein Frau-<lb/>
enzimmer, welches von allem dem nichts ver&#x017F;teht,<lb/>
was man gemeiniglich von der Sorgfalt und dem<lb/>
Fleiße eines Frauenzimmers fodert: Aber &#x017F;ie hat<lb/>
viel gele&#x017F;en, &#x017F;ie i&#x017F;t witzig, und &#x017F;o gelehrt, daß &#x017F;ie<lb/>
in Ge&#x017F;ell&#x017F;chaft anderer Frauenzimmer ga&#x0364;hnt, und<lb/>
andere Frauenzimmer in ihrer Ge&#x017F;ell&#x017F;chaft ein&#x017F;chla-<lb/>
fen. Der Secreta&#x0364;r lie&#x017F;t Acten und Zeitungen,<lb/>
und i&#x017F;t gleich &#x017F;o witzig, als er es bey &#x017F;einem Amte<lb/>
no&#x0364;thig hat: Aber gleichwohl macht er die Mode<lb/>
un&#x017F;rer Zeit mit. Er bewundert den Witz, wo er<lb/>
ihn findet, und bewundert ihn allemal aus vollem<lb/>
Hal&#x017F;e. Kalli&#x017F;te &#x017F;agt ihm ein Sinngedicht auf eine<lb/>
Frau vor, die das Unglu&#x0364;ck hat, dem Herrn<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">K k 2</fw><fw place="bottom" type="catch">Secre-</fw><lb/></p>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[515[513]/0537] Zweytes Buch. tes Landgut ihres Gemahls begeben ſoll, um da- ſelbſt einſam und unbemerkt, in der Geſellſchaft der Weiber ihrer Verwalter und Pachter zu le- ben, um ihren Mann dadurch von dem ſchimpfli- chen Vorwurfe einer ungleichen Heirath zu be- freyen. Wuͤrde Leonore wohl ſo luſtig tanzen, wenn ſie die ungluͤcklichen Folgen dieſes Balls vor- aus wiſſen ſollte! 14. Was muß wohl dort der Herr Secretaͤr (17) mit der großen Perucke in ſeine Tafel ſchreiben? Er lacht ſo laut, daß man kaum noch den Baß von der Muſik hoͤrt, und laͤßt ſich von der witzigen Kalliſte etwas dictiren. Kalliſte (18) iſt ein Frau- enzimmer, welches von allem dem nichts verſteht, was man gemeiniglich von der Sorgfalt und dem Fleiße eines Frauenzimmers fodert: Aber ſie hat viel geleſen, ſie iſt witzig, und ſo gelehrt, daß ſie in Geſellſchaft anderer Frauenzimmer gaͤhnt, und andere Frauenzimmer in ihrer Geſellſchaft einſchla- fen. Der Secretaͤr lieſt Acten und Zeitungen, und iſt gleich ſo witzig, als er es bey ſeinem Amte noͤthig hat: Aber gleichwohl macht er die Mode unſrer Zeit mit. Er bewundert den Witz, wo er ihn findet, und bewundert ihn allemal aus vollem Halſe. Kalliſte ſagt ihm ein Sinngedicht auf eine Frau vor, die das Ungluͤck hat, dem Herrn Secre- (17) Der Herr Secretair E ‒ ‒, ein Mann, deſſen ganze Lunge witzig iſt. (18) Die gekroͤnte S ‒ ‒. K k 2

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/rabener_sammlung04_1755
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/rabener_sammlung04_1755/537
Zitationshilfe: [Rabener, Gottlieb Wilhelm]: Sammlung satirischer Schriften. Bd. 4. Leipzig, 1755, S. 515[513]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/rabener_sammlung04_1755/537>, abgerufen am 28.02.2021.