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[Rabener, Gottlieb Wilhelm]: Sammlung satirischer Schriften. Bd. 4. Leipzig, 1755.

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Zweytes Buch.
und sie antwortet ihm mit einem gelehrten: natura
paucis contenta!
Er lärmt über die witzigen Ge-
sellschaften, die seiner Ehre ziemlich zweydeutig
wären: Aber sie erklärt ihm sehr tiefsinnig, die be-
ruhigende Lehre von der harmonia praestabilita.
Er legt sich vor Verdruß zu Bette: Aber die witzige
Kalliste weckt ihn wieder auf, und liest ihm ein
Sonnet vor. Wie unglücklich wird der unwitzige
Secretär mit der witzigen Kalliste leben!

15.

Glauben sie etwan, daß dort im Erker der jun-
ge Mensch bey seiner Großmutter sitzt? Nichts
weniger. Er sagt einer alten reichen Wittwe (19)
zärtliche Schmeicheleyen vor, welche bey ihrem
fünf und funfzigsten Jahre noch wollüstig genug
ist, sie anzuhören. Die Frau besitzt ein erstau-
nendes Vermögen, ist immer ungesund, nimmt
von drey Aerzten Arzeney, und also wird sie in
fünf Jahren gewiß sterben. So rechnet Adrast,
(20) welcher geschickt, aber arm ist. Jn der Hoff-
nung, daß er sich länger nicht, als fünf Jahre, mit
ihr qvälen werde, verlangt er ihre Hand, und be-
kömmt sie, und dieser neue Ehestand gedeiht der
alten Frau so gut, daß sie noch in ihrem fünf und
siebzigsten Jahre so munter seyn wird, als heuer.
Armer Adrast!

16. Rosa-
(19) So zärtlich waren die Schmeicheleyen ihres ersten
Mannes C - - nicht.
(20) Der Herr Liecntiat E - - -.
K k 3

Zweytes Buch.
und ſie antwortet ihm mit einem gelehrten: natura
paucis contenta!
Er laͤrmt uͤber die witzigen Ge-
ſellſchaften, die ſeiner Ehre ziemlich zweydeutig
waͤren: Aber ſie erklaͤrt ihm ſehr tiefſinnig, die be-
ruhigende Lehre von der harmonia praeſtabilita.
Er legt ſich vor Verdruß zu Bette: Aber die witzige
Kalliſte weckt ihn wieder auf, und lieſt ihm ein
Sonnet vor. Wie ungluͤcklich wird der unwitzige
Secretaͤr mit der witzigen Kalliſte leben!

15.

Glauben ſie etwan, daß dort im Erker der jun-
ge Menſch bey ſeiner Großmutter ſitzt? Nichts
weniger. Er ſagt einer alten reichen Wittwe (19)
zaͤrtliche Schmeicheleyen vor, welche bey ihrem
fuͤnf und funfzigſten Jahre noch wolluͤſtig genug
iſt, ſie anzuhoͤren. Die Frau beſitzt ein erſtau-
nendes Vermoͤgen, iſt immer ungeſund, nimmt
von drey Aerzten Arzeney, und alſo wird ſie in
fuͤnf Jahren gewiß ſterben. So rechnet Adraſt,
(20) welcher geſchickt, aber arm iſt. Jn der Hoff-
nung, daß er ſich laͤnger nicht, als fuͤnf Jahre, mit
ihr qvaͤlen werde, verlangt er ihre Hand, und be-
koͤmmt ſie, und dieſer neue Eheſtand gedeiht der
alten Frau ſo gut, daß ſie noch in ihrem fuͤnf und
ſiebzigſten Jahre ſo munter ſeyn wird, als heuer.
Armer Adraſt!

16. Roſa-
(19) So zaͤrtlich waren die Schmeicheleyen ihres erſten
Mannes C ‒ ‒ nicht.
(20) Der Herr Liecntiat E ‒ ‒ ‒.
K k 3
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[517[515]/0539] Zweytes Buch. und ſie antwortet ihm mit einem gelehrten: natura paucis contenta! Er laͤrmt uͤber die witzigen Ge- ſellſchaften, die ſeiner Ehre ziemlich zweydeutig waͤren: Aber ſie erklaͤrt ihm ſehr tiefſinnig, die be- ruhigende Lehre von der harmonia praeſtabilita. Er legt ſich vor Verdruß zu Bette: Aber die witzige Kalliſte weckt ihn wieder auf, und lieſt ihm ein Sonnet vor. Wie ungluͤcklich wird der unwitzige Secretaͤr mit der witzigen Kalliſte leben! 15. Glauben ſie etwan, daß dort im Erker der jun- ge Menſch bey ſeiner Großmutter ſitzt? Nichts weniger. Er ſagt einer alten reichen Wittwe (19) zaͤrtliche Schmeicheleyen vor, welche bey ihrem fuͤnf und funfzigſten Jahre noch wolluͤſtig genug iſt, ſie anzuhoͤren. Die Frau beſitzt ein erſtau- nendes Vermoͤgen, iſt immer ungeſund, nimmt von drey Aerzten Arzeney, und alſo wird ſie in fuͤnf Jahren gewiß ſterben. So rechnet Adraſt, (20) welcher geſchickt, aber arm iſt. Jn der Hoff- nung, daß er ſich laͤnger nicht, als fuͤnf Jahre, mit ihr qvaͤlen werde, verlangt er ihre Hand, und be- koͤmmt ſie, und dieſer neue Eheſtand gedeiht der alten Frau ſo gut, daß ſie noch in ihrem fuͤnf und ſiebzigſten Jahre ſo munter ſeyn wird, als heuer. Armer Adraſt! 16. Roſa- (19) So zaͤrtlich waren die Schmeicheleyen ihres erſten Mannes C ‒ ‒ nicht. (20) Der Herr Liecntiat E ‒ ‒ ‒. K k 3

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Zitationshilfe: [Rabener, Gottlieb Wilhelm]: Sammlung satirischer Schriften. Bd. 4. Leipzig, 1755, S. 517[515]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/rabener_sammlung04_1755/539>, abgerufen am 28.02.2021.