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[Rabener, Gottlieb Wilhelm]: Sammlung satirischer Schriften. Bd. 4. Leipzig, 1755.

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Zweytes Buch.
ciß (36) nicht glücklicher. Narciß, nachdem er
lange genug sich in sich selbst verliebt hatte, ver-
liebt sich nun auch in ein vornehmes Frauenzim-
mer, und ist so ungerecht, zu glauben; die Auf-
merksamkeit eines Frauenzimmers zu gewinnen,
dazu gehöre weiter nichts, als ein wohl gepuder-
ter Kopf, ein kostbares Kleid, feine Wäsche, ein
Band im Degen, ein paar kostbare Dosen, eine
goldne Uhr, und ein Ring, von dessen Werthe
man sich eine Weile unterhalten kann, wenn man
sonst nichts zu reden weis. Alles dieses schafft
sich Narciß, und borgt es, da er kein Vermögen
hat, es zu bezahlen. Er hat das Glück, ein paar
Tage in dem Hause des Frauenzimmers gelitten
zu werden: Aber in Kurzem erfährt der Jubelierer,
daß er seinen Ring sehr unsichern Händen anver-
trauet habe. Er nimmt ihn zurück; die übrigen
Gläubiger folgen ihm nach, und in Kurzem ist
Narciß ganz ausgekleidet, und kriecht wieder in
seinen alten Rock.

28.

Heute ist in dem Hause des alten Marcils (37)
alles vor Freuden außer sich; denn eben heute ist
sein Sohn aus Paris zurücke gekommen. Jm

vorigen
(36) Sein wahrer Name ist C - -, und wer mir nicht glau-
ben will, der frage nur den Jubelierer.
(37) Bisher hat er E - - geheißen; aber vermuthlich wird
ihn der Sohn nöthigen, diesen Namen zu ändern, den in
ganz Paris keine Markisinn aussprechen kann, so deutsch
klingt er.
L l

Zweytes Buch.
ciß (36) nicht gluͤcklicher. Narciß, nachdem er
lange genug ſich in ſich ſelbſt verliebt hatte, ver-
liebt ſich nun auch in ein vornehmes Frauenzim-
mer, und iſt ſo ungerecht, zu glauben; die Auf-
merkſamkeit eines Frauenzimmers zu gewinnen,
dazu gehoͤre weiter nichts, als ein wohl gepuder-
ter Kopf, ein koſtbares Kleid, feine Waͤſche, ein
Band im Degen, ein paar koſtbare Doſen, eine
goldne Uhr, und ein Ring, von deſſen Werthe
man ſich eine Weile unterhalten kann, wenn man
ſonſt nichts zu reden weis. Alles dieſes ſchafft
ſich Narciß, und borgt es, da er kein Vermoͤgen
hat, es zu bezahlen. Er hat das Gluͤck, ein paar
Tage in dem Hauſe des Frauenzimmers gelitten
zu werden: Aber in Kurzem erfaͤhrt der Jubelierer,
daß er ſeinen Ring ſehr unſichern Haͤnden anver-
trauet habe. Er nimmt ihn zuruͤck; die uͤbrigen
Glaͤubiger folgen ihm nach, und in Kurzem iſt
Narciß ganz ausgekleidet, und kriecht wieder in
ſeinen alten Rock.

28.

Heute iſt in dem Hauſe des alten Marcils (37)
alles vor Freuden außer ſich; denn eben heute iſt
ſein Sohn aus Paris zuruͤcke gekommen. Jm

vorigen
(36) Sein wahrer Name iſt C ‒ ‒, und wer mir nicht glau-
ben will, der frage nur den Jubelierer.
(37) Bisher hat er E ‒ ‒ geheißen; aber vermuthlich wird
ihn der Sohn noͤthigen, dieſen Namen zu aͤndern, den in
ganz Paris keine Markiſinn ausſprechen kann, ſo deutſch
klingt er.
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[529[527]/0551] Zweytes Buch. ciß (36) nicht gluͤcklicher. Narciß, nachdem er lange genug ſich in ſich ſelbſt verliebt hatte, ver- liebt ſich nun auch in ein vornehmes Frauenzim- mer, und iſt ſo ungerecht, zu glauben; die Auf- merkſamkeit eines Frauenzimmers zu gewinnen, dazu gehoͤre weiter nichts, als ein wohl gepuder- ter Kopf, ein koſtbares Kleid, feine Waͤſche, ein Band im Degen, ein paar koſtbare Doſen, eine goldne Uhr, und ein Ring, von deſſen Werthe man ſich eine Weile unterhalten kann, wenn man ſonſt nichts zu reden weis. Alles dieſes ſchafft ſich Narciß, und borgt es, da er kein Vermoͤgen hat, es zu bezahlen. Er hat das Gluͤck, ein paar Tage in dem Hauſe des Frauenzimmers gelitten zu werden: Aber in Kurzem erfaͤhrt der Jubelierer, daß er ſeinen Ring ſehr unſichern Haͤnden anver- trauet habe. Er nimmt ihn zuruͤck; die uͤbrigen Glaͤubiger folgen ihm nach, und in Kurzem iſt Narciß ganz ausgekleidet, und kriecht wieder in ſeinen alten Rock. 28. Heute iſt in dem Hauſe des alten Marcils (37) alles vor Freuden außer ſich; denn eben heute iſt ſein Sohn aus Paris zuruͤcke gekommen. Jm vorigen (36) Sein wahrer Name iſt C ‒ ‒, und wer mir nicht glau- ben will, der frage nur den Jubelierer. (37) Bisher hat er E ‒ ‒ geheißen; aber vermuthlich wird ihn der Sohn noͤthigen, dieſen Namen zu aͤndern, den in ganz Paris keine Markiſinn ausſprechen kann, ſo deutſch klingt er. L l

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Zitationshilfe: [Rabener, Gottlieb Wilhelm]: Sammlung satirischer Schriften. Bd. 4. Leipzig, 1755, S. 529[527]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/rabener_sammlung04_1755/551>, abgerufen am 28.02.2021.