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Ramdohr, Basilius von: Venus Urania. Ueber die Natur der Liebe, über ihre Veredlung und Verschönerung. Erster Theil: Naturkunde der Liebe. Leipzig, 1798.

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Vollkommnen, Seltenen, u. s. w. ist unthätig; begnügt sich zu wissen, daß der Gegenstand die ihm eigenthümlichen Vorzüge besitze, sucht aber nicht, sich ihm weiter zu nähern, oder gar zu seiner Selbstzufriedenheit beyzutragen. Liebe hingegen setzt unmittelbare Verbindung mit dem Gegenstande, der sie erweckt, voraus, und zwar durch thätiges Bestreben, seine Selbstzufriedenheit zu vermehren.

Das Unbeseelte, längst Verstorbene, unsern persönlichen Verhältnissen weit Entrückte, kann Beschauungswonne erwecken. Liebe hegen wir nur für den Menschen, den Zeit und Raum mit uns so nahe verbinden, daß wir etwas zu seinem Wohl beytragen zu können glauben mögen.

Zehntes Kapitel.

In wie fern Achtung ein liebender Affekt sey?

Die Vielbedeutung des Worts Achtung hat schon zu vielen Mißverständnissen Anlaß gegeben; es ist wohl der Mühe werth, den Sinn näher zu entwickeln.

Nothwendig muß man verschiedene Arten von Gesinnungen, welche um ähnlicher Aeußerungen willen mit einerley Nahmen belegt werden, von einander unterscheiden. Man beträgt sich oft, als ob man aus Achtung handelte, und achtet darum doch nicht.

Unterwürfigkeit, Unterwerfung, (Soumission) ist weder Achtung noch Liebe. Sie wirkt nur Achtsamkeit, Obacht. Ich unterwerfe mich demjenigen, was durch seine Kraft mir zu schaden mich unterjocht, und die Wirksamkeit meiner innern Triebe,

Vollkommnen, Seltenen, u. s. w. ist unthätig; begnügt sich zu wissen, daß der Gegenstand die ihm eigenthümlichen Vorzüge besitze, sucht aber nicht, sich ihm weiter zu nähern, oder gar zu seiner Selbstzufriedenheit beyzutragen. Liebe hingegen setzt unmittelbare Verbindung mit dem Gegenstande, der sie erweckt, voraus, und zwar durch thätiges Bestreben, seine Selbstzufriedenheit zu vermehren.

Das Unbeseelte, längst Verstorbene, unsern persönlichen Verhältnissen weit Entrückte, kann Beschauungswonne erwecken. Liebe hegen wir nur für den Menschen, den Zeit und Raum mit uns so nahe verbinden, daß wir etwas zu seinem Wohl beytragen zu können glauben mögen.

Zehntes Kapitel.

In wie fern Achtung ein liebender Affekt sey?

Die Vielbedeutung des Worts Achtung hat schon zu vielen Mißverständnissen Anlaß gegeben; es ist wohl der Mühe werth, den Sinn näher zu entwickeln.

Nothwendig muß man verschiedene Arten von Gesinnungen, welche um ähnlicher Aeußerungen willen mit einerley Nahmen belegt werden, von einander unterscheiden. Man beträgt sich oft, als ob man aus Achtung handelte, und achtet darum doch nicht.

Unterwürfigkeit, Unterwerfung, (Soumission) ist weder Achtung noch Liebe. Sie wirkt nur Achtsamkeit, Obacht. Ich unterwerfe mich demjenigen, was durch seine Kraft mir zu schaden mich unterjocht, und die Wirksamkeit meiner innern Triebe,

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[290/0290] Vollkommnen, Seltenen, u. s. w. ist unthätig; begnügt sich zu wissen, daß der Gegenstand die ihm eigenthümlichen Vorzüge besitze, sucht aber nicht, sich ihm weiter zu nähern, oder gar zu seiner Selbstzufriedenheit beyzutragen. Liebe hingegen setzt unmittelbare Verbindung mit dem Gegenstande, der sie erweckt, voraus, und zwar durch thätiges Bestreben, seine Selbstzufriedenheit zu vermehren. Das Unbeseelte, längst Verstorbene, unsern persönlichen Verhältnissen weit Entrückte, kann Beschauungswonne erwecken. Liebe hegen wir nur für den Menschen, den Zeit und Raum mit uns so nahe verbinden, daß wir etwas zu seinem Wohl beytragen zu können glauben mögen. Zehntes Kapitel. In wie fern Achtung ein liebender Affekt sey? Die Vielbedeutung des Worts Achtung hat schon zu vielen Mißverständnissen Anlaß gegeben; es ist wohl der Mühe werth, den Sinn näher zu entwickeln. Nothwendig muß man verschiedene Arten von Gesinnungen, welche um ähnlicher Aeußerungen willen mit einerley Nahmen belegt werden, von einander unterscheiden. Man beträgt sich oft, als ob man aus Achtung handelte, und achtet darum doch nicht. Unterwürfigkeit, Unterwerfung, (Soumission) ist weder Achtung noch Liebe. Sie wirkt nur Achtsamkeit, Obacht. Ich unterwerfe mich demjenigen, was durch seine Kraft mir zu schaden mich unterjocht, und die Wirksamkeit meiner innern Triebe,

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Zitationshilfe: Ramdohr, Basilius von: Venus Urania. Ueber die Natur der Liebe, über ihre Veredlung und Verschönerung. Erster Theil: Naturkunde der Liebe. Leipzig, 1798, S. 290. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/ramdohr_venus01_1798/290>, abgerufen am 20.04.2021.