nen Gesinnung, Lorenzo Campeggi sendete derselbe an den deutschen Reichstag.
Campeggi fand Deutschland, das er vor einigen Jah- ren noch im Glanze einer unerschütterten, für heilig gehal- tenen Autorität durchzogen, in vollem Abfall begriffen. In Augsburg ward er verspottet, als er bei seinem Einzug, dem Herkommen gemäß, mit erhobener Hand den Segen ertheilte. Hierauf rieth man ihm und auch er selbst hielt für das Beste, ohne alle Cerimonie in Nürnberg einzuziehen. Er kam ohne Cardinalshut: er machte kein Zeichen des Segnens, des Kreuzes: er ritt nicht nach der Sebaldus- kirche, wo die Clerisei seiner wartete, sondern ohne sich aufzuhalten nach seiner Wohnung. 1
Auch war es als ob seine Anwesenheit den Eifer der reformirenden Prediger statt ihn zu dämpfen erst recht ent- flammt hätte. Unter den Augen des Legaten bezeichneten sie den Papst als den Antichrist. Am Palmsonntag wur- den keine Palmen gestreut: in der Charwoche ward die Cerimonie der Niederlegung und Aufrichtung des Kreuzes unterlassen: bei Tausenden nahm man das Abendmahl un- ter beiderlei Gestalt. 2 Nicht allein gemeine Leute thaten dieß: man bemerkte unter den Communicanten mehrere Mitglieder des Regimentes; ja die Schwester des Erzher-
1 Das Regiment ließ ihm sagen: "daß er seinen Segen und Kreuz zu thun vermeyd, angesehen wie es deshalb jetzund stee." Fei- litzsch an Friedrich von Sachsen 11 März.
2 Planitz (28 März) rechnet 4000. "Ist deshalb Mühe und Erbett, und sunderlich, daß es des Regiments Personen eines Theyls also genommen." Er bemerkt daß Ferdinand über das Bezeigen sei- ner Schwester sehr unwillig sey. "Nicht weiß ich wie es gehn will."
Reichstag von 1524.
nen Geſinnung, Lorenzo Campeggi ſendete derſelbe an den deutſchen Reichstag.
Campeggi fand Deutſchland, das er vor einigen Jah- ren noch im Glanze einer unerſchütterten, für heilig gehal- tenen Autorität durchzogen, in vollem Abfall begriffen. In Augsburg ward er verſpottet, als er bei ſeinem Einzug, dem Herkommen gemäß, mit erhobener Hand den Segen ertheilte. Hierauf rieth man ihm und auch er ſelbſt hielt für das Beſte, ohne alle Cerimonie in Nürnberg einzuziehen. Er kam ohne Cardinalshut: er machte kein Zeichen des Segnens, des Kreuzes: er ritt nicht nach der Sebaldus- kirche, wo die Cleriſei ſeiner wartete, ſondern ohne ſich aufzuhalten nach ſeiner Wohnung. 1
Auch war es als ob ſeine Anweſenheit den Eifer der reformirenden Prediger ſtatt ihn zu dämpfen erſt recht ent- flammt hätte. Unter den Augen des Legaten bezeichneten ſie den Papſt als den Antichriſt. Am Palmſonntag wur- den keine Palmen geſtreut: in der Charwoche ward die Cerimonie der Niederlegung und Aufrichtung des Kreuzes unterlaſſen: bei Tauſenden nahm man das Abendmahl un- ter beiderlei Geſtalt. 2 Nicht allein gemeine Leute thaten dieß: man bemerkte unter den Communicanten mehrere Mitglieder des Regimentes; ja die Schweſter des Erzher-
1 Das Regiment ließ ihm ſagen: „daß er ſeinen Segen und Kreuz zu thun vermeyd, angeſehen wie es deshalb jetzund ſtee.“ Fei- litzſch an Friedrich von Sachſen 11 Maͤrz.
2 Planitz (28 Maͤrz) rechnet 4000. „Iſt deshalb Muͤhe und Erbett, und ſunderlich, daß es des Regiments Perſonen eines Theyls alſo genommen.“ Er bemerkt daß Ferdinand uͤber das Bezeigen ſei- ner Schweſter ſehr unwillig ſey. „Nicht weiß ich wie es gehn will.“
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Reichstag von 1524.
nen Geſinnung, Lorenzo Campeggi ſendete derſelbe an den
deutſchen Reichstag.
Campeggi fand Deutſchland, das er vor einigen Jah-
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tenen Autorität durchzogen, in vollem Abfall begriffen. In
Augsburg ward er verſpottet, als er bei ſeinem Einzug,
dem Herkommen gemäß, mit erhobener Hand den Segen
ertheilte. Hierauf rieth man ihm und auch er ſelbſt hielt
für das Beſte, ohne alle Cerimonie in Nürnberg einzuziehen.
Er kam ohne Cardinalshut: er machte kein Zeichen des
Segnens, des Kreuzes: er ritt nicht nach der Sebaldus-
kirche, wo die Cleriſei ſeiner wartete, ſondern ohne ſich
aufzuhalten nach ſeiner Wohnung. 1
Auch war es als ob ſeine Anweſenheit den Eifer der
reformirenden Prediger ſtatt ihn zu dämpfen erſt recht ent-
flammt hätte. Unter den Augen des Legaten bezeichneten
ſie den Papſt als den Antichriſt. Am Palmſonntag wur-
den keine Palmen geſtreut: in der Charwoche ward die
Cerimonie der Niederlegung und Aufrichtung des Kreuzes
unterlaſſen: bei Tauſenden nahm man das Abendmahl un-
ter beiderlei Geſtalt. 2 Nicht allein gemeine Leute thaten
dieß: man bemerkte unter den Communicanten mehrere
Mitglieder des Regimentes; ja die Schweſter des Erzher-
1 Das Regiment ließ ihm ſagen: „daß er ſeinen Segen und
Kreuz zu thun vermeyd, angeſehen wie es deshalb jetzund ſtee.“ Fei-
litzſch an Friedrich von Sachſen 11 Maͤrz.
2 Planitz (28 Maͤrz) rechnet 4000. „Iſt deshalb Muͤhe und
Erbett, und ſunderlich, daß es des Regiments Perſonen eines Theyls
alſo genommen.“ Er bemerkt daß Ferdinand uͤber das Bezeigen ſei-
ner Schweſter ſehr unwillig ſey. „Nicht weiß ich wie es gehn will.“
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Ranke, Leopold von: Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation. Bd. 2. Berlin, 1839, S. 139. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/ranke_reformation02_1839/149>, abgerufen am 10.08.2024.
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